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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
fesser bis festaufzug (Bd. 3, Sp. 1558 bis 1562)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) fesser, f. compes, catena, ahd. fëʒarâ, fëʒʒerâ, mhd. vëʒʒer. Diefenbach 379. fesser, eisenhalt, poi. voc. 1482 h 7a. das entsprechende ags. fëtor scheint n., obgleich ich nie den gen. fëtores gelesen habe, auch das altn. fiötur ist pl. n.; mhd. nur im mitteln Deutschland:

vëʒʒeren unde halsbant
lôste ime Maria zu hant. pass. H. 144, 72;

man sach in gar zuruckin,
zu brëchin und zustuckin
beide vëʒʒirn unde bant.
Jeroschin 13905.

nhd. do warin under sobin (sieben) des landes echtir, die furte man kegen Gotha uf eime wagin gebunden unde in vessir geslossen, die worden do mit kettin an den galgen gesmedit. Rothe dür. chr. c. 649; spienen on in vessir. c. 701. Alberus hat noch unter fang : fesser, compes, cippus, später erscheint es selten. Menantes gal. welt in der ausg. von 1702 1, 40: viele sclaven an silberne fesser an einander geschlossen; die von 1749 setzt dafür fessel; Hunold, der verfasser, war aus Thüringen, wo das wort wahrscheinlich hin und wieder noch unter dem volk lebt. eine urk. des 10 jh. bei Dronke no 664 besagt: Adalbraht tradidit in pago Grapfeld quicquid ei in partem cedebat in Vëʒʒerûn 'ubi ferrum conflatur', und der ort trug wol seinen namen davon, dasz man dort ketten schmiedete, es ist das spätere kloster Fesser bei Themar, Förstemann 2, 1504 vermengt es mit einem ganz andern Wëstera. auch in Pols jahrbüchern 3, 110 begegnet, ich weisz nicht woher: nahm die fesser von füszen, erhieng sich an die kette.
 
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fessern, vincire, compedire, ahd. fëʒarôn, mhd. vëʒʒern, altn. fiötra, ags. fëtorian, fëterian. nhd. vorauszusetzen da, wo sich das subst. findet.
 
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fessig, capax = fässig, oben sp. 1347: wie vil metzen fessig die gugel sei. Frank ... 50.
 
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fest , firmus, validus, durus, schon oben sp. 1348 unter dem adv. fast angeregt, ahd. fasti, festi, mhd. veste, nhd. fest, zuweilen noch feste, alts. fast, nnl. vast, ags. fäst, engl. fast, altn. fastr, schw. dän. fast. zweisilbigkeit, der ausgang auf i und umlaut des a sind also hochdeutsches kennzeichen. dies merkwürdige wort bedarf weitere erörterung.
1) vor allem fällt seine abwesenheit im goth. auf. Ulfilas verdeutscht βέβαιος, στερεός, ἑδραῖος durch tulgus. da von diesem ausdruck erst spät gehandelt wird, sei gestattet hier eine bemerkung vorweg zu nehmen. tulgus verhält sich wie hardus und die eigennamen Tulga m., Tulgilô f. sind damit gebildet, welche Förstemann 1, 355 nicht unter dulg hätte setzen sollen. dem tulgus entspricht nur das alts. adv. tulgo valde. nah verwandt aber scheinen ags. telg, telgor ramus, ahd. zuelga (Graff 5, 729), wie sich aus der vorstellung ast, ramus auch sonst die der stärke und festigkeit entfaltet. auf zelga aratura, Schm. 4, 255. Stald. 2, 468, in lat. urk. celga (RA. 353) wäre sp. 1493 unter felge zu weisen gewesen, weil auch da z und f sich vertreten könnten.
2) wir übersehen den umfang der goth. sprache bei weitem nicht und auszer tulgus wären noch andere adjectiva ähnlicher bedeutung möglich. von tulgus leitet sich tulgjan βεβαιοῦν, στηρίζειν, κυροῦν, warum sollte nicht auch þvastjan βεβαιοῦν, καρτερίζειν, deren kunde wir erst in den paulinischen briefen erhalten, entsprungen sein aus þvasts, βέβαιος, firmus? viele andere

[Bd. 3, Sp. 1559]


verba dieser art fulljan, haftjan, varmjan, abrjan gehen auf die adj. fulls, hafts, varms, abrs zurück; nach der verschiedentlich wahrgenommnen berührung zwischen þv, þ und f werden nun þvast und fast dasselbe sein und man hat anzunehmen, dasz die goth. mundart selbst veranlaszt war ihren laut zu spalten, þvastjan þvastida für firmare, stabilire, hingegen fastan fastaida (sp. 1351) für servare, observare zu verwenden. jenes war fest machen, dieses fest halten, jenes der ältere, dieses der abstractere begrif.
3) þvasts empfängt aber noch andere gewähr, es war der gothischen mit der litauischen und slavischen sprache, vielleicht ein entsprechendes wort schon der getischen mit der sarmatischen gemein. nur tritt lit. und sl. r an des goth. s stelle. lit. tvirtas firmus, sl. tvr'd'' durus, russ. tverdyi, poln. twardy, böhm. tvrdý; wie die goth. und sl. anlaute þv und tv begegnen sich auch die inlaute des goth. friaþva, saliþva und sl. molitva, selitva. die vorstellungen fest und hart, was sogleich erhellen wird, liegen sich unmittelbar nahe, daher auch das adv. valde ahd. bald durch fasto, bald durch harto, mhd. vaste und harte ausgedrückt wird, gerade wie die lit. adverbia tvirtay und drutay stimmen. noch weiter greifend liesze sich auch das lat. durus und lit. drutas zu tvirtas heranziehen, denn so gut þvasts und fasts von einander wichen, können sich auch twirtas und drutas abgesondert haben. da s dem r (wie umgekehrt r dem l) an alter voraus geht, so musz die uns verdunkelte wurzel ein goth. þvis þvas, oder auch auslautend einen andern linguallaut dargeboten haben, der sich vor dem t in s auflöste. lat. firmus kann aus fisimus hervorgehen.
4) dies alles voran gesandt und fortgesetzter prüfung anempfohlen legen wir die bedeutungen des nhd. fest dar.
a) firmus, was hält, widerhält, nicht bricht oder losgeht: die feste erde, der feste grund und boden, das feste land, im gegensatz zu dem zu und abflieszenden meer, terra continens, später firma; zu fülen ob sie sicher weren und fest land erreicht hetten. Garg. 238a; das feste eis, noch ist der flusz fest, zugefroren, so dasz er den mann trägt oder betreten werden kann; ein festes fasz, das nicht rinnt; ein fester knote, der sich nicht löst; ein festes band, vinculum firmum, festes schlosz, sera firma; feste thür, firma janua, feste brücke, feste mauer, tulgus grunduvadjus, fester kalk; festes gestein, fester fels; feste gebäude. Göthe 40, 281; eine feste hand, manus non vacillans, mit fester hand geschrieben; einen fest nehmen, gefangen nehmen, fest halten, gefangen halten, dasz er nicht entweichen kann. festen fuszes, d'un pied ferme, der feind hat festen fusz im lande gefaszt. einer hat sich fest gerennt, dasz er stecken bleibt, hat sich fest gegessen oder getrunken, musz für die zahlung in haft bleiben; er hatte sich fest gefahren und seine bemühungen wieder los zu kommen waren vergebens. Göthe 17, 139; in welchen fällen fest das adj., nicht das adv. scheint.
b) fixus, infixus, unbeweglich. Kant schreibt noch 8, 234 (im j. 1755) feste sterne oder fixsterne, Stieler 2150 schon standstern, fixstern, stella fixa (besser infixa), was uns ungeschickt klingt, da wir mit fix den sinn von hurtig verbinden; der achse fester stern, der polarstern. ein fester sitz, wohnsitz, aufenthalt, der sich nicht verändert, fr. demeure fixe; fester platz, feste stelle; fester punct, feste linie, seine feste linie nicht verlassen; feste formen. Göthe 1, 141. fester preis, prix fixe, wofür man sonst deutscher die feste hand sagte. fester gehalt. ein festes auge, ein fester blick, feste gesichtszüge, feste richtung, fester beruf. der baum sitzt fest in der erde, der nagel fest in der wand; man sagt fest kommen, fest werden für stecken bleiben, haften.
c) solidus, densus, derb, gesund: ein fester leib, feste backen, wangen, arme, waden. feste (compacte) masse, fester teig, festes brot, festgebacken, gegenüber dem leise gebacken. zibiben (rosinen) eingepackt und steif mit füeszen eindretten lassen, damits föst und frisch ob einander bleiben. Krafts reisen s. 48. festes obst, haltbares, das sich lange hält; fester kern, es zeigt sich ein fester kern, die sache gewinnt feste gestalt. mich hungerte nach etwas festem von discurs. J. P. Fibel 63, nach fester speise. auch ein fester schlaf, somnus arctus, gesunder schlaf, er liegt in festem schlaf, gegensatz in leisem. ebenso fester und leiser tritt.
d) fortis, stark: fester zwirn, ein fester faden, festes gewebe. ein handfester mann, manu fortis, beiname des Waltharius, ahd. hantstarch, armstrengi, altn. handrammr. daher die anrede fester und ehrenfester:

darum ich vester junker bitt,
wöllend meins gelts verschonen nit.
Wickram pilger R, 2.

[Bd. 3, Sp. 1560]



e) durus, hart, wie das lit. tvirtas fest, das sl. tverdy hart ausdrückt und felsenfest, felsenhart gleichviel sind. man sagt fest oder hart wie stein und bein, festgefroren oder hartgefroren. einen festen oder harten kopf, ein festes oder hartes herz, festen oder harten sinn haben. daher fest, wie hart oder zähe, für geizig: ach mein herr Palladi, wie ist er so freigebig mit dienstanerbietungen und so fest (zurückhaltend, sparsam) mit der lieferung. Gryphius 1, 777; es ist auch ein arbeiter seines lohnes werth, und also musz sich der herr nicht so feste finden lassen, wenn noch auf die beiden rechtschaffene kerle 20 bis 30 rth. müssen gewendet werden. causenmacher 69; ein frauenzimmer, welche sonst mit ihrer waare nicht feste hielt. Virgil, Nürnb. 1738 s. 46.
f) zumal auch fest gemacht, hart geworden, unverwundbar, wie den Siegfried seine hornhaut gefestigt oder gefeit hatte. Gryphius 2, 477 verfaszte ein epigramm 'auf die kunst sich feste zu machen':

kunst, du wunder aller künste, die für stahl und blei kan stehn,
und für schnödem menschenmiste musz in dampf und nichts vergehn.

Logau 2, 192, 88 'auf jungfrauen':

Venus war gefährlich krank, schickte hin den kleinen schützen,
dasz er solle jungfernfleisch mit dem göldnen pfeile ritzen,
weil sie jungfernblut bedurfte. zwar der knabe schosz gewis,
gleichwol merkt er, wo er trafe, dasz kein blut sich sehen liesz,
flog betrübt zur mutter zu, wolte drüber sich beschweren,
bis er hörte, dasz durch krieg auch die jungfern feste weren.
denn das weisz ja die ganze welt,
dasz der Friedländer einen teufel
aus der hölle im solde hält.
'ja, dasz er fest ist, das ist kein zweifel'.
Schiller 323a;

was hilft uns wehr und waffe wider dén?
er ist nicht zu verwunden, er ist fest.
gegen schusz und hieb! er ist
gefroren, mit der teufelskunst behaftet,
sein leib ist undurchdringlich, sag ich dir. 398a,

wo wieder 'gefroren' dem harten und festen begegnet, sonst auch 'eisern' und 'kugelfest', schon in der edda Sœmundar 'harðgiörr'. fest oder gefroren. Chemnitz I, 213a.
g) noch gewöhnlicher ist fest gleichviel mit befestigt, munitus von burgen, städten, lagern: feste burgen, castra munita, feste städte, festungen, feste lager; eine feste brückenschanze, pons fortis, munitus.
h) zahllose abstracte anwendungen, meistens im sinne von firmus: fester mut, entschlossenheit, er ist festen sinnes, entschieden, standhaft; ich bin fest, wanke nicht, gebe nicht nach;

ihre reden achtet nicht der bruder,
fest, Imoskis Cadi sie zu trauen.
Göthe 2, 53;

fester glaube, feste hofnung, feste freundschaft; ich habe davon eine feste meinung, darüber noch keine feste ansicht; er kann zu keinem festen entschlusz gelangen; es besteht als feste regel, ein fester brauch; er gab sein festes versprechen; kein festes glück war ihm beschieden; fester friede ist uns verkündet; das glück hatte keine feste dauer; was helfen die festesten gelübde?
5) viel zusammensetzungen mit fest, die nicht auf dieselbe weise, sondern verschieden zu deuten sind: erdfest sp. 768 fest in der erde; wurzelfest, kernfest, fest in der wurzel, im kern; wandfest, fest in der wand; bodenfest, fest im boden; grundfest, fest im grund; mauerfest, fest in der mauer oder auch wie die mauer; faustfest, handfest, fest in der faust und hand; tactfest, fest im tact; bibelfest, fest in der bibel; nagelfest, sattelfest, fest im nagel. sattel; bandfest, fest wie im band; nietfest, fest genietet; nothfest, nicht fest in der noth, sondern gleich einer fessel, goth. naudibandi; eisenfest, felsenfest, fest wie eisen und fels; bickelfest, fest wie bickelstein; baumfest, fest wie ein baum: kugelfest, fest gegen die kugel. der alten sprache waren solche composita weit geläufiger, z. b. alts. lëgarfast, ans lager, ans bett gefesselt; ags. vîffäst, verheiratet, an ein weib gefesselt; sigefäst, an den sieg gefesselt, siegreich u. s. w. wenig lob verdient die anfügung des fest an part. praes. wie festsetzend, feststellend.
 
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fest, adv. firme, firmiter, wofür goth. tulguba (wie harduba, manvuba) und þvastiba (wie augiba, stiuriba) zu gewarten wäre; ahd. fasto, mhd. vaste, woraus allmälich die schwächere bedeutung ferme hervorgieng, so dasz sich fast und fest absonderten (sp. 1348. 49). hier bleibt also nur von diesem letzteren adv. fest zu handeln, in vielen fällen ist aber schwer zwischen adj. und adv. zu scheiden. solche unsicherheit der rede bringen abgestumpfte formen. neben sein, werden, bleiben ist vorzugsweise ein adj. anzunehmen, zweifeln kann man, ob neben stehen, sitzen, stecken, haften, wurzeln, setzen, stellen, halten, wo im lat. der nom.

[Bd. 3, Sp. 1561]


oder acc. des adj. zu folgen pflegt, doch auch eine adverbiale vorstellung denkbar ist, z. b. es steht fest, ist unumstöszlich, ausgemacht, wird allgemein angenommen; der stuhl steht nicht fest, wackelt; so muste der hut vom kopf und hätte er noch so fest gestanden. Weise erzn. 57; das gewitter steht fest über der stadt, entfernt sich nicht; der vogel sitzt fest auf der stange; der regen sitzt in den wolken fest, ergieszt sich nicht, fällt nicht nieder; der nagel steckt fest in der mauer;

Mars träget stiefeln, die als schuh was fester stecken.
Logau 1, 114, 84;

der baum wurzelt fest im boden; es ist fest gemacht, man sollte es fest machen, genau verabreden, auch sichern, sancire; es wurde fest gestellt; der friede wurde fest gemacht mit handgebung, als damals gewönlich war. Waissels chronik s. 87; macht fenster und thür fest zu!; haltet euch fest, tapfer! halt dich fest an die mauer!;

halt dich, Annele, feste! Garg. 88a;

bleibet nur auch so fest und beständig auf dieser meinung. Schoch stud. leben B 3b; du must das glas fest halten. zieht man hier fest auf das glas, so erscheint es adjectivisch, zieht man es auf halten, adverbial.
in folgenden stellen liegt das adverb mehr offenbar: wenn einer im fest furnimpt (vulg. dennoch statuit in corde suo firmus). 1 Cor. 7, 37; haltet fest an der demut. 1 Petr. 5, 5; dem teufel widerstehet feste im glauben. 5, 9, d. i. fortiter, obschon vulg. cui resistite fortes fide, auf fide, nicht auf resistite bezogen; der mensch, als er die kälte übel empfindet, verhüllet sich fest in seinen rock. Lokmans fab. 33;

so fest geschnürt sie immer gieng.
Gellert 1, 134;

ich glaube fest, dasz deine sinne trügen. 1, 181;

und ihr behauptet steif und fest.
Göthe 1, 222;

haltet am glauben fest und fest an dieser gesinnung. 40, 242;

wir wollen halten und dauern,
fest uns halten und fest der schönen güter besitzthum. 40, 337;

fest gemauert in der erden
steht die form aus lehm gebrannt.
Schiller 77a.

man sagte ehmals 'fest' essen (sp. 1164. 1166), schreien, lachen für 'stark', wie noch heute fest schlafen, fest schlummern: asz nur desto fester. Wickram rollw. 76b; je mehr und fester sie (die ente) schreien ward. 58b; der papagei hub noch fester an zu schreien. buch der liebe 238, 2; ein theil lachte noch fester. Simpl. K. 1016; fest schlummernd. Fr. Müller 1, 22; vermutlich wird Luise so fest schlafen, dasz sie ihre ankunft nicht vernimmt. Kotzebue dram. sp. 3, 144. fest marschieren, fest aufschreiten, fest arbeiten.
man hat sich heute gewöhnt, das adverb an das verbum, zumal an die participia dicht zu reihen, woraus dann, wie bei anschlieszenden partikeln, lauter unechte zusammensetzungen hervorgegangen sind: festbringen, festsetzen, festhalten; festgebracht, festbestimmt, festgehalten, festgesetzt, deren die geläufigsten aufgeführt werden sollen. es wäre eben so unnütz als unthunlich alle denkbaren zu verzeichnen. immer bleibt auch noch die lose stellung, wodurch das adverb fühlbarer vortritt, statthaft, durch die anreihung wird gröszere abstraction herbeigeführt.
 
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fest, n. festum, dies festus, solemnis, fëst, nicht fest (also wie in nest, nicht wie in best) auszusprechen, den beiden vorausgehenden unverwandt, und erst aus der lat. kirchensprache aufgenommen, goth. und ahd. galten dafür dulþs, tuld (sp. 1434), mhd. hôchzît, hôchgezît. die frühsten stellen sind bisher bei Konrad aufgefunden:

swëlch frouwe sî noch hiute
diu schœnste ûf disem vëste (: brëste). tr. kr. 1455;

nû man begienc die hôchgezît
und daʒ fëst ein ende nam. 15149;

swaʒ man von vröuden ie gelas,
dës alles wart begangen vil
ze dirre hôchgezîte spil
und ûf des tages vëste (: gebrëste). 16387;

sô daʒ si (die canonisierten) nû diu kirche hât
vor heilig und ir vëst begât.
Jeroschin 9286;

dër virde pâbist Urbân
satzte daʒ vëst zu begân. 15538;

dô hër daʒ fëst vollebrâcht hate. myst. 254, 6.
nhd. sagt man ein fest machen, halten, feiern, begehen, anstellen, wie hochzeit machen, halten, feiern, begehen, anstellen: lasz mein volk ziehen, das mirs ein fest halte in der wüsten. 2 Mos. 5, 1; denn wir haben ein fest des herrn. 10, 9; dreimal solt ir mir fest halten im jar. 23, 14; das fest der ungesewrten brot soltu halten. 34, 18; so solt ir nu das fest des herrn halten sieben tage nu. 3 Mos. 23, 39; ich musz

[Bd. 3, Sp. 1562]


allerding das künftig fest zu Jerusalem halten. apostelg. 18, 21; ir haltet tage und monden und feste und jarzeit (goth. dagam vitaiþ jah mênôþum jah mêlam jah aþnam). Gal. 4, 10; und Salomo machte zu der zeit ein fest. 1 kön. 8, 65; und er macht ein fest am funfzehnten tag. 12, 32; ir haltet jarzeite und feiret feste. Es. 29, 1; das ir auch mit uns dasselb fest begehet. 2 Macc. 1, 18; dieweil wir nu solchs fest begehen wollen. 2, 16; denn sie waren auch zum fest komen. Joh. 4, 45;

und jeder tag ein fest des glückes und der fülle.
Gellert 1, 260;

leben ist ein groszes fest,
wenn sichs nicht berechnen läszt.
Göthe 1, 125;

wir haben uns feste hier oben erlaubt. 1, 196;

saure wochen! frohe feste! 1, 199;

aber so wende nach innen, so wende nach auszen die kräfte
jeder; da wärs ein fest Deutscher mit Deutschen zu sein. 1, 357;

und das glückliche fest in allen den landen begangen. 40, 243;

so war der freiersmann immer
in dem hause der erste bei jedem häuslichen feste. 40, 302;

in das wilde fest der freuden
mischten sie den wehgesang.
Schiller 53a;

und der tempel heitre wände
glänzen schon in festes pracht. 56b;

wol glänzet das fest, wol pranget das mahl. 69a;

doch sagt was ist des kaisers werth
an seinem herlichsten feste? 69b;

wenn die hellen kirchenglocken
laden zu des festes glanz. 78a;

o möchte siebenfaches erz
vor euren festen, vor mir selbst mich schützen! 475a;

zu leichtsinnig glaubte man am hofe zu Paris das andenken an die vertilgten Hugenotten doch noch durch ein jährliches fest über ihren untergang verewigen zu müssen. 1076b.
das fest ist eine zeit der freude und des jubels, wie auch zu eingang des Nibelungenlieds fröude und hôchgezîte zusammengestellt sind. schon mhd.

heid in wunneclîcher wât
lît bekleidet, dës nû fëste hât
frîgiu lërk in lüften hô. MS. 2, 92b,

die lerche jubiliert, tireliert. fest und freude machen. Steinhöwel dec. 94, 23. freude und feste. 98, 1. 540, 1. Fischart im 45 ps. (geistl. lieder s. 52):

wan du hertritst in deinem pracht
aus helfbainen pallästen,
da ider auf dich hat grosz acht,
haben mit dir ir feste;

sein fest wormit haben, re aliqua laetari. Stieler 473; er macht ein groszes fest daraus, rem magni aestimat; du hast zwar von jeher mit den sternen dein fest (daran deine freude) gehabt, und pflegtest es als eine göttliche wolthat anzusehen, wenn der himmel so recht voll sternen war. Claudius 3, 43; ich erwarte ihn in einigen tagen. du kannst denken, was das für ein fest (jubel, freude) sein wird. Göthe 29, 119. indessen bedeutet bei Luther und andern mehr die redensart 'viel fests' weniger jubel als wesen, lärm, aufheben: da hebet sich viel fests mit dem weibe Isaacs. 4, 138; da hastu wol angezeigt, wie Moses ein unnützer wescher ist, das er von unnützen sachen so viel fests machet. 4, 143a; oder was ists für ein grosz ding, das er davon predigt und so viel fests drüber machet, wer weisz das vorhin nicht? 6, 203b; daraus sicht man die ursach, warumb die heilige kirch so grosz fest von diesen decretalbriefen machet. bienenk. 77b; item sie hat auch wol den rechten natürlichen schwanz vom esel, da er auf ritt, und die rechte kripp, darin er lag, da sie vil fests von macht. 176a; sie (die evangelischen) machen kein grosz fest drausz in ein feiszte mönchskutte (sp. 1470, 7) oder in ein schlechts hembd begraben zu werden. 199a.
s. erntefest, friedensfest, frühlingfest, herbstfest, hochzeitsfest, jahrfest, kirchenfest, maifest, osterfest, pfingstfest, rosenfest, sommerfest, volksfest, wiegenfest u. a. m. in den folgenden zusammensetzungen vermengen sich fëst und fest und die aussprache hat gar nicht verstanden sie zu unterscheiden.
 
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festabend, m. dies ante diem festum.
 
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festabschnitt, m. sectio diei festi.
 
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festaltar, m.

nimm den reichen kranz und schling ihn
um des tages festaltar.
Rückert ges. ged. 1, 470.


 
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festangelegenheit, f. vgl. DWB festhändel.
 
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festaufzug, m. festa pompa.