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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
schlängelgang bis schlangenarg (Bd. 15, Sp. 451 bis 454)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) schlängelgang, m. schlängelnder gang: in schlängelgange sich bewegen.
 
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schlängellauf, m. schlängelnder lauf:

hier führt der wind uns sacht im schlängellauf
bis zu dem dorf.
Kinkel ein schicksal.


 
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schlängeln, verb. nach art einer schlange sich fortbewegen, winden; iterativbildung zum substantiv schlange, erst seit dem 17. jh. bezeugt: schlängeln, serpere, in lubricos tractus sinuosis flexibus labi, tortu multiplicabili instar anguiculorum prolabi, it. gracilem esse, et oblongum, quasi serpentem referre vibrantem. Stieler 1856.
das wort steht
1) intransitiv, im eigentlichen sinne, von der bewegung der schlangen oder drachen:

durch das laub, o tritt es nicht,
schlängelt bunt ein schlängelein.
Rückert ged. (1841) 702;

den rückwärts schlängelnden (drachen) hemmte
jezo die eich'.
Voss Ovids verwandlungen 14, 91;

ein purpurschuppiger drache,
gräszlich zu schaun, den selber ans licht der Olympier sandte,
unten entschlüpft dem altar, fuhr schlängelnd empor an dem ahorn. Ilias 2, 310.

von dem schlangenartig gewundenen laufe eines flusses, eines baches: das wasser schlängelt durch die kieselsteine, aqua curvo flexu torquet silices leni cum murmure. Stieler 1856; kleine quellen schlängelten den lorberhain herab. Wieland 1, 291; (wenn) der sanfte flusz zwischen seinen entblätterten weiden zu mir her schlängelt. Göthe 16, 130; wir gelangten an den Rhein, den wir, von den höhen herab, weit her schlängeln gesehen. 25, 19;

auch vier quellen ergossen gereiht ihr blinkendes wasser
nachbarlich neben einander, und schlängelten hiehin und dorthin,
wo rings schwellende wiesen hinab mit violen und eppich
grüneten. Odyss. 5, 71.

gern im part. schlängelnd: dagegen die aussicht auf blumenreiche wiesen, thäler mit schlängelnden bächen, bedeckt von weidenden heerden, ... veranlassen auch eine angenehme empfindung. Kant werke (1839) 7, 380; eure thränen trockne die frische luft, die um das schlängelnde wasser spielt. Göthe 20, 254; die sonne ging ihnen in einem thale unter, das frisches grün, schlängelnde bäche, pappeln, cypressen, myrthen und blühende fruchtbäume schmückten. Klinger 5, 163;

[Bd. 15, Sp. 452]


wenn der Ilme bach bescheiden
schlängelnd still im thale flieszt,
überdeckt von zweig und weiden
halbversteckt sich weiter gieszt.
Göthe 4, 69;

mit berg und dichtem wald, so weit sie sich erstrecken,
mit höhen, die sich grün zu steter weide decken,
fischreichen klaren seen, dann bächlein ohne zahl,
wie sie sich, eilig schlängelnd, stürzen ab zu thal. 41, 294;

reich an besitzthum wohnt der vater mir daheim
im schönen lande Wallis, wo die schlängelnde
Savern' durch grüne auen rollt den silberstrom.
Schiller 13, 241;

harr' im bade, wo das bächlein
schlängelnd unter haseln schlüpft.
Stolberg 2, 45;

dorthin, wo die schmucke Düssel
schlänglend sich im Rhein ergieszet.
H. Heine 2, 54 Elster;

von wegen, pfaden und gängen gebraucht auch hier vorwiegend im part. präs.: durch schlängelnde akaziengänge des parks. Thümmel reise 8, 257; wir sahen lebendig den schlängelnden pfad bezeichnet, den auch wir zu wandern hatten. Göthe 48, 115;

so gehen wir den schlängelnden gang
an dem langen ufer schwebend hinab.
Klopstock 1, 188;

schlängelnde pfade führten uns heim durch äcker und wiesen.
Stolberg 1, 385;

hinan den hügel schlängelt' angenehm
ein fuszsteig.
Kosegarten dicht. (1824) 1, 246.

von der bewegung des blitzes: Satan antwortete mit einem leisen hohngelächter, das nur seine oberlippe berührte und gleich einem schlängelndem blitze aus seinen augen fuhr. Klinger 10, 229;

schlängelt, ihr blitze,
mit wüthendem eilen,
rastlos, die lastenden
nächte zu theilen.
Göthe 11, 195;

und, wenn des blitzes schlängelnd blau zu öffnen
des himmels busen schien, bot ich mich selbst
dem strahl des wetters recht zum ziele dar. Shakesp. Julius Cäsar 1, 3.

vom feuer:

da erhellt sich das gemäuer;
leuchtend grün im blonden haar,
glänzt ein jüngling; schlängelnd feuer
flammt vom schwertgriff wunderbar.
Fr. Kind ged. (1819) 4, 25.

von feuerwerkskörpern: raketen rauschten auf, kanonenschläge donnerten, leuchtkugeln stiegen, schwärmer schlängelten und platzten. Göthe 17, 160.
allgemeiner von dem zuge einer linie, bahn, krümmung, windung u. ä. überhaupt:

dich ergreift nicht der strom dieser harmonischen welt?
nicht der begeisternde takt, den alle wesen dir schlagen?
nicht der wirbelnde tanz, der durch den ewigen raum
leuchtende sonnen wälzt in künstlich schlängelnden bahnen?
Schiller 11, 41;

sie schleicht, indem sie behutsam nach allen seiten schielet,
in schlängelnden linien näher und immer näher heran.
Wieland 4, 217;

ein wollustgirrendes getön von flöten stört
der sinne ruh, und schleicht in schlängelnden gewinden
ins herz sich ein. 17, 261;

in einer solchen stimmung
befanden sie einst sich um die dämmerungszeit
an jenem bache, der sich mit mancher schlängelnden krümmung
durch rosen wand. 5, 140;

in schlängelnder wölbung.
Stolberg 4, 35;

wesz ist das band, das menschen an einander
mit losen schlingen unauflöslich schnürt
und freundlich seinen schlängelnden mäander
des lebens leichten schatten niederführt?
Arndt (1860) 3;

von den windungen herabhängender locken:

vorn, um hals und schulter sich windend,
schlängelten ihr zwei locken hinab auf den wallenden busen.
Voss Luise 3, 1, 196;

einer schnur:

mit dem letzten Omayaden
kam die perlenschnur nach Spanien,
und sie schlängelte am turban
des kalifen zu Corduva.
H. Heine 1, 451 Elster.

endlich von besonderen bewegungen der menschen und thiere:

die jammer-nachbarn dringen her
mit hohlem blick und athem schwer;
sie halten an und schlängeln fort.
Göthe 3, 220.

in der sprache des heeres, heranschleichen unter benutzung der verhältnisse eines geländes: zogen sich vielleicht 3000 mann aus dem Zahlbacher grunde schlängelnd über die chaussee und durch einige gründe bis wieder an die chaussee. Göthe 30, 286; denn ohne die genauste kenntnis des terrains wäre das schlängelnde heranziehen nicht denkbar gewesen. 289; —

[Bd. 15, Sp. 453]


übertragen, und mit leise tadelndem beisinn, schmeichlerisch um jemand herumgehen:

hühnerhundsnase und hühnerhundsschritt,
diese nimm auf die reise nicht mit,
hüt' dich vor allem, was schwänzelt und schlängelt.
Arndt (1860) 663.


2) in reflexivem gebrauche, der später als der intransitive auftritt, aber jetzt der gewöhnliche ist: sich schlängeln, sinuosum sive flexuosum esse. Frisch 2, 192c; von schlangen, drachen: anders schlängelt sich die schlange auf ihrem geraden gange; anders wenn sie sich hebt, anders wenn sie ringe flicht. Herder z. gesch. u. phil. 18, 46; ach, nur noch einmal schlängle und schlinge und winde dich, du holdes grünes schlänglein, in den zweigen, dasz ich dich schauen mag. E. T. A. Hoffmann 7, 211;

auf dem gehenke
schlängelte sich ein drache von stahl.
Stolberg 11, 360.

vom laufe eines flusses oder baches: nach langer mühe gelangte er in ein gekrümmtes thal, durch welches sich ein klarer bach schlängelte. Musäus 3, 15 Hempel; hier, wo der Rhein sich zwischen ebenen flächen schlängelt, blick' ich wieder nach den gebirgen zurück. G. Forster ansichten vom Niederrhein (1791) 1, 36; wind und strom zogen diese schwimmenden saaten zu langhin sich schlängelnden flüssen. Chamisso 3, 257 Koch;

statt dessen will ich oft, dem hundsstern auszuweichen,
an eine linde sitzen gehn,
und durch den wiesengrund von fern, indem ich dichte,
sich silberbäche schlängeln sehn.
J. N. Götz verm. ged. (1785) 3, 101;

hier ist der kleine sich schlängelnde flusz,
der zwischen rosen irrt.
Wieland 5, 85;

aus des Helikon harmonischem born
schlängeln sich tausend bächlein
murmelnd im schlängelnden laufe
den grünenden hügel hinab.
Kosegarten rhaps. (1801) 3, 85;

also reichliche quellen des himmlischen überflusses
strömen auf dieses gebiet; aber der irdische flusz,
der durchhin sich schlängelt, ein winziger, nennet sich Rodach.
Rückert ged. (1841) 271.

von wegen, pfaden: indessen war der ganze zug vor uns vorüber und ich erblickte nur mit widerwillen, auf dem in die höhe sich schlängelnden felsweg, die unabsehliche reihe dieser bepackten geschöpfe. Göthe 23, 49;

selbst da, wo zwischen tiefen der schmälere
fuszsteig sich schlängelt, wandelt sie, ungefolgt,
im sichern gleichgewicht gehalten,
durch den gelinderen zug der trense.
Klopstock 2, 35;

durch wiesen schlängelt sich ein pfad,
wie zwischen blumenbeeten.
Rückert ged. (1841) 236.

vom blitz:

o schlängle dich, du wetterstrahl,
herab, ein faden mir,
der aus dem labyrinth der qual
hinaus mich führt zu ihr.
Lenau 1, 47 Koch.

von den adern in der menschlichen haut: ha! und dieser busen! das heben! wallen und leben! die blauen adern, die sich so sanft durch das weisze schlänglen. Klinger theater 2, 125; und von dem schlanken, weiszen halse schlängelten sich blaue adern in reizenden windungen um die zarten wangen. Novalis schriften (1837) 1, 174; von bewegungen der menschen:

ein bauer kam berauscht von einem hochzeitsschmaus,
und schlängelte gleich dem Meanderflusse
sich mit gesenktem kopf nach haus.
Pfeffel poet. versuche 2, 91;

da schlängelt der schnelle kinderkreis
sich blühend durch blühende bäume,
sie gaukeln um den stillen greis
wie selige jugendträume.
Lenau 1, 107 Koch;

und seinem wege:

durch des waldes tiefes dunkel
schlängelt sich nun seine bahn,
und dem ritter scheint's zu grauen,
ihm, dem kriegerprobten mann.
Chamisso 1, 84 Koch.

in der heeressprache sich schlängeln, wie intransitives schlängeln, vgl. oben unter 1; — in bildern: der strom unsers wissens schlängelt sich rückwärts zu seiner mündung. Schiller 2, 352; auszerdem, dasz im schicksal des groszen rechtschaffenen, nach der reinsten moral, durchaus kein knoten, kein labyrinth stattfindet, dasz sich seine werke und schicksale nothwendiger weise zu voraus bekannten zielen lenken, welche beim ersten (dem groszen verbrecher) zu ungewissen zielen durch krumme mäander sich schlängeln. 358; und es schlängelte sich ein schmerz wie eine bleiche schlange durch die rosen des milden angesichts. J. Paul Titan 2, 237;

[Bd. 15, Sp. 454]


des flammenreichs meister
sind rastlose geister.
bald schlängelt ihr lauf
sich mondwärts hinauf,
bald flackern sie fix
hernieder zum Styx.
Matthisson ged. (1810) 1, 225.


3) transitives schlängeln, selten:

und es schlängelt seine wogen
durch die berge sanft der strom,
und der abend kommt gezogen,
schmückt mit rosen sich den dom.
Th. Körner werke (1858) 1, 122.

im particip geschlängelt: die eine buschige seite des abhangs, durch eine lebendige quelle geschmückt, rief dagegen meine alte parkspielerey zu geschlängelten wegen und geselligen räumen hervor. Göthe 31, 95; übertragen auf herabwallende haare: denn diese (die haare Jupiters) sind länger als an andern göttern, und ohne gerollete locken, in sanft geschlängelte züge geworfen. Winckelmann werke (1811) 4, 102; in andern bildern und übertragungen: indesz wollt' er mit ihr gleichsam einen recht geschlängelten blumenweg zum altare seines lauten ja's der liebe nehmen. J. Paul Titan 2, 227;

wähle zum lehrer dir nicht den autodidakten, er weist dir
stets den geschlängelten pfad, welchen er selber gewallt.
Geibel werke 5, 42;

wie doch alles in der welt durch miszverständnisse geschlängelt wird! Hippel 4, 320.
4) schlängeln, substantivisch:

's ist eine nacht, vom thaue wach geküszt,
das dunkel fühl' ich kühl wie feinen regen
an meine wange gleiten, das gerüst
des vorhangs scheint sich schaukelnd zu bewegen,
und dort das wappen an der decke gips
schwimmt sachte mit dem schlängeln des polyps.
Droste-Hülshoff 1, 346 Schücking.


 
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schlängelung, f.
1) handlung des schlängelns:

und doch erhob sich neben den liegenden
die korporazion, der Jakoberklub!
ihr kopf durchrast Paris, und ihre
schlängelung windet sich durch ganz Frankreich.
Klopstock 2, 131.


2) geschlängelte, gewundene linie: die natur hat's nicht mangeln lassen an schönen formen, feste formen aber, richtige und gerade linien machte sie überall zum wesen der sache, das sie mit schlängelungen und krümmen nur überkleidet. Herder zur rel. u. theol. 13, 222; der himmel thut sich auf, die gelbe leuchtung zucket. in langer schlängelung fahren die entzündeten dünste durch das dunkel. Kosegarten dicht. (1824) 1, 37; in einigen stenographischen systemen bezeichnet schlängelung die veränderung eines gerade absteigenden striches durch anbringen eines einknicks in form einer schlangenlinie.
 
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schlangenaal, m. die fischgattung ophidium. Leunis synopsis 1, 302, 5.
 
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schlangenadler, m. falco serpentarius Oken 7, 152.
 
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schlangenähnlichkeit, f.:

wenn auch sich wieder etwas blicken läszt
vons alten Adams schlangen-ähnlichkeit.
Gersdorf geistr. lieder (1729) 511.


 
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schlangenanbetung, f.: von allen thieren haben die schlangen am häufigsten verehrung genossen, nirgends war die schlangenanbetung oder die naga-religion so weit verbreitet als in Indien. Peschel völkerk. (1874) 263.
 
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schlangenantlitz, n. antlitz einer schlange; antlitz mit schlangen:

und voll abscheu nun
schrickst du davor zurück, entsetzt, als hätt ich
der Gorgo schlangenantlitz dir gezeigt.
Geibel 7, 69.


 
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schlangenappetit, m. in den folgenden stellen vorliebe für schlangen: eine schöne Meduse ohne schlangen wäre nicht mehr kenntlich, nicht mehr Meduse — ein blosz schönes gesicht gewesen; so und aus keinem schlangenappetit muszte also der künstler diesen charakterzug brauchen. Herder zur litt. 13, 90; dasz ... Griechen und Römer über diesen punkt (die schlangen der Meduse) ein von dem unsern ganz verschiedenes gefühl, einen ganz besondern schlangenappetit gehabt. 14, 183.
 
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schlangenarg, adj. arg wie eine schlange:

mein flehen ist erhört. ich habe gott zum freunde.
wie ist euch nun zu muth, ihr schlangenarge feinde?
Fleming 17;

kann denn der himmel auch, die götter und göttinnen,
für dir nicht bleiben frey, du schlangen-arger neid? 567.