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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
kiesen bis kiesgrau (Bd. 11, Sp. 692 bis 698)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) kiesen , tentare, explorare, cernere, eligere, ein im nhd. seltner werdendes und jetzt veraltetes wort, das doch im leben lange eine wichtige rolle spielte und auch blosz sprachwissenschaftlich genommen eine bedeutsame geschichte hat.
1) Vorgeschichte und verwandtschaft.
a) die ursprüngliche reine form zeigt goth. kiusan, praet. sg. kaus, pl. kusum, part. praet. kusans, der stamm also kus. gleich starkformig ahd. chiosan (praet. chôs, churumês, part. kichoran), alts. kiosan, keosan, ags. ceósan, altfries. kiasa sziasa, altn. kiósa; mhd. kiesen, mnd. kêsen, mnl. kiesen, altengl. chesen, chese; nnl. kiezen, engl. choose, norw. kjosa, schwed. kesa, dän. keise (diese beiden aber veraltet, wie bei uns), das nnd. s. sp. 696. es ist auch in die rom. sprachen gedrungen und da frisch erhalten in frz. choisir, s. Diez 594.
b) von der auswärtigen verwandtschaft zeigt das lat. den stamm, dem goth. kus nach der lautverschiebung entsprechend, als gus in gustus geschmack, nach Pott et. forsch. 1, 270. 2, 545 vielleicht auch in augur, eig. augus (vgl. augustus), aus av-gus, d. i. vogelkieser. aus dem gr. wird γεύομαι dazu gestellt, dessen stamm geu als aus geus gekürzt gilt (Benfey 2, 115. Kuhn zeitschrift 2, 136); doch stimmt diesz gr. wort genauer zu dem verwandten kauen (s. d.), slav. žvati wiederkauen (stamm žu) Miklosich 192a. aus dem sanskrit stimmt zu kiesen ǵu kosten, sich munden lassen, genieszen, prüfen, billigen, sich entschlieszen zu .., erwählen, überraschender weise bereits mit derselben entwickelung der bed. wie unser wort. merkwürdig stimmt auch ehstn. kius prüfung, kiusama prüfen (aber finn. kiusata ist reizen), das nebst andern Diefenbach goth. wb. 2, 459 völlig als verwandt in anspruch nimmt.
c) das kosten, γεύεσθαι, ist die nachdrücklichste sinnliche darstellung des prüfens, wol auch das älteste mittel der prüfung, wie es noch die kinder anwenden, und noch nhd. kiesen hat diese bed. (2, a), während sie ahd. doch nicht bezeugt ist, das schon wie goth. kiusan die abgeleitete bed. prüfen zeigt. für γεύεσθαι besteht goth. eine abgeleitete form kausjan, wie ahd. von chiosan gebildet chorôn kosten (s. DWB koren). unser kosten selbst, das die wahrsch. urspr. bed. bewahrt hat, geht gleichfalls auf kiusan zurück, und auch da zeigt sich die merkw. erscheinung, dasz nhd. in alem. kost (kust) die alte bed. geschmack erhalten ist (s. 2, a), während goth. kustus schon prüfung bedeutet, ein wertvoller beweis wie ungleich in den verschiedenen sprachzweigen die bewahrung des alten vor sich geht, und besonders welche alterthümlichkeit worten aus der gegenwart beiwohnen kann.
d) zu diesem kosten gehört aber unfehlbar ein 'kauen', wo es sich nicht um trank handelt; so erklärt sich wol die übereinstimmung von γεύομαι und kauen. die lücke aber zwischen kauen und kiesen kosten scheint ausgefüllt durch ein niederd. wort für backzahn, kuse, nl. kuis, kies, fries. kêse, keis; der backzahn ist ja recht eigentlich der kauende, und wenn da im nd. nl. für kiesen samt gustus, γεύομαι die bed. in ältester darstellung erhalten wäre, würde das wol noch wunderbarer sein, als vorhin bei kost geschmack, aber möglich nicht weniger.

[Bd. 11, Sp. 693]



e) das prüfen durch kosten, kauen ward im verlauf natürlich ersetzt durch andere arten des prüfens, durch fühlen, sehen, wägen, bei dem allen aber ist auch denken: ahd. chiosan ist 'cernere, tueri, contueri, intueri, videre, inspicere' Graff 4, 507, dazwischen 'librare, pendere' und 'deliberare, considerare, aestimare', auch 'cogitare' (Haupt 5, 344); als erfolg des prüfens 'perspicere, comprehendere, agnoscere', wie in sentire, sapere, mhd. entseben das merken, verstehen entnommen ward vom riechen und vom schmecken.
f) die prüfung schlieszt mit entscheiden, urtheilen, billigen u. ä. ('decernere, judicare, approbare' bei Graff, zu letzterm vgl. DWB keusch sp. 654), in vielen fällen aber mit einem wählen. und in letzterm begriffe hat sich denn die entwickelung festgesetzt, er ist der ausgedehnteste und dauerndste geworden; er gilt schon goth., ahd., ags., alts., altn., zum theil schon vorherschend, wie er das noch mehr nhd. ist, allein giltig nnl. engl. nord. franz.
g) das mhd. kiesen heiszt auszer wählen auch noch prüfen, prüfend betrachten, billigen, ansehen, erblicken, erkennen, zu sehen bekommen, so und so finden, für seinen theil bekommen, erfahren, erleben; und das ganze netz von begriffen erscheint dem 15. jh. noch ziemlich wolvertraut, in bruchstücken noch dem 16. und länger. es wird noch viel zu finden sein durch nähere beobachtung, die so gewöhnlichen wörtern am leichtesten entgeht.
2) Nhd. kiesen im anschlusz an das mhd.
a) kiesen als kostend, schmeckend prüfen, dauerte fort in der pflicht der wein- und bierkieser, die von amts wegen den wein, das bier zu kiesen hatten (vgl. kieser): wan ein man .. gebraut, sol er die kurer dorüber füren und laszen kisen. weisth. 3, 387 fg., hessisch; dieweil aber der wein allermeist dem geschmack nach gekiest wird. Ryff spieg. d. ges. 86b;

so kan ich med, pier und wein
gar meisterlichen woll kiesen.
Rosenblüt, fastn. sp. 1135.

ja schweiz. ist kiesen heute noch kosten, z. b. wein Stalder 2, 98 (nichts davon bei Maaler, Denzler!). dazu kust geschmack, abkust abgeschmack 2, 147. daher auch für schmecken kiesen: der geschmack ist ein vorwurf des kiesens. Muralt eidgen. lustg. 16. 158; ich mache aber keinen unterschied zwischen dem geschmack und dem dinge das sich kiesen lasset. 17.
b) sehend und denkend prüfen, so von der diagnose des arztes:

der arzt sol in (den badegast) auch schätzen ab,
von welchem element er hab
mer oder minder (s. unter kalt 3), und darbei
feist oder megrin (magerkeit) kisen frei,
swech, sterk, zeit und sein wor complex.
H. Folz in
Kellers fastn. sp. 1250.

daher der name Kiesewetter, d. i. wetterspäher, wetterprophet (gramm. 4, 848. myth. 1068), s. weterchiese Haupt 6, 3 von einem ort, eigentlich zur wetterprüfung tauglich. ein prüfen ist auch die thätigkeit des kiesemanns (s. d.), vgl. e.
c) sehen, erblicken, ersehen, gewöhnlich erkiesen, das überhaupt mit seinem gröszeren nachdruck über kiesen die oberhand gewann:

er verparg sich, das ich sein nit erkoes. fastn. sp. 415, 5,

'dasz ich von ihm nichts ersah', und so merkwürdig genug oft noch bei den Schlesiern im 17. jh., s. 3, 873, z. b.:

es spielt der selbstbetrug uns stetig um das herze,
er setzt uns brillen auf, dadurch man nichts erkiest.
Hoffmannswaldau heldenbriefe s. 120.

bemerkenswert refl. sich erkiesen, sich umsehen:

Abra geh, es ist vonnöthen dasz man heimlich sich erkiest,
ob die königliche wache vor der thür vorhanden ist.
Opitz 3, 81 (Judith 2, 6),

das musz alt sein. Aber auch einfaches kiesen noch im 16. jh.: da nun Hannibal sahe, das in das küne und frisch gemacht hett, gedacht er auch mit im zu streiten und seinen vortheil zu kiesen. Schöfferlins Livius 112, wie jetzt seinen vortheil 'ersehen' oder 'wahrnehmen', gut ins auge fassen, die ganze redensart war wol wie vorteil (vorsprung, günstiger, beherschender punkt im terrain) kriegskunstausdruck von früher her. auch altfranzösisch coisir, choisir, altengl. chese hiesz sehen.
d) erkennen, herausfinden, unterscheiden:

Lanet, du thust mir grosz uneer
das du mir schentest (schmähst) mein frauen her,
an der ich doch nie kunt kiesen
(etwas) damit sie ir eer künt verliesen. fastn. sp. 662, 17.

noch schweiz. chiese comprehendere, mente attingere, i cha das nit chiese, non possum id mente consequi. Schmidt id. bern. bei Frommann 2, 372b, vgl. u. e. auch diesz bei Opitz noch:

[Bd. 11, Sp. 694]


drumb sagte Plato wol: es wird nichts mehr erkiest (erkannt)
von solchen sachen zwar, als was eröffnet ist
durch göttlichen bericht. 4, 350.

ist von zwei dingen die rede, so legt sich der begriff des unterscheidens hinein, wie bei kennen (sp. 539):

die wîʒen und den môr
vürbaʒ an dem gebein kein sehen kiuset. Lohengr. 6066.


e) billigen, als der eine erfolg des prüfens, im gegensatz zu dem andern, verkiesen (mhd.), nach der prüfung verwerfen, aufgeben; beides noch schweiz.: 'ich kann das nicht kiesen, kann mich nicht darein finden, es nicht fassen oder auch nach angestellter prüfung nicht billigen'. Stalder 2, 98. 99. auch erkiesen:

was eur majestat für gut erkiesen,
dem will ich gern kommen nach.
Ayrer 238b.

so ist nd. kören billigen, gôd kören gut heiszen.
f) den tod, das ende kiesen, mortem subire:

sol ich dann mein ende kiesen,
wie künd ich immer basz verliesen
meinen leib, dann so ich erwirb,
das ich mit groszen eren stirb? Hätzl. 118b;

begreift er mich, so leid ich not,
vil lieber kies ich hie den todt. lied vom h. Ernst,
Haupt 8, 480;

er mst darumb kiesen den todt. das. 501;

so wolten wir lieber éinmal alle den tod kiesen, denn also unser lebelang in schnöder dienstbarkeit .. bedruckt .. werden. Schütze Preuszen 199 (Eisl. 1599), wo doch auch wählen, vorziehen mit herein spielt. mhd. hiesz es den tôt kiesen, auch sîn ende, den sige, schaden kiesen u. ä. (s. wb. 1, 824b. gramm. 4, 608. Haupt 6, 4), in dem sinne zu sehen bekommen, zu theil bekommen, erfahren, erleben, wie frz. voir, engl. see, auch unser sehen für erfahren, erleben gilt; doch spielen andere, ältere vorstellungen zum theil mit darin, s. myth. 389, auch kann man an 'den tod schmecken' denken, wie schon goth. kausjan dauþaus Marc. 9, 1 (γεύεσθαι), ahd. chorôn, mhd. bekorn des tôdes, den tôt korn Reinh. 1290, Wig. 132, 12, kosten, schmecken.
g) eigenthümlich ist kiesen zu, auf .. im 15. 16. jh.:

alzo nu das welfchen dese wort
von allen getyren hatte gehort,
und vornam das ir gar wenig worn,
dy zu des lewen lebin korn,
und merkte das das ir vil mancher do
rette zu des lewen tode nu u. s. w. fabel vom kranken löwen, Reinh. fuchs s. 434,

korn mit mitteld., niederd. vocal für kurn;

dein leben must so jung verliesen,
soltst lieber zu der arbeit kiesen
und zu eim mühseligen leben,
denn das dich jung in todt must geben.
Waldis Es. 2, 17, 38.

in der ersten stelle heiszt es: die dem löwen das leben zusprachen, längeres leben zutrauten, in der zweiten: dich der arbeit widmen, zuwenden; dort wol ein ausspruch, hier ein entschlusz als ergebnis einer prüfung, überlegung. kiesen hiesz aber auch zielen, visieren, mit dem geschosz, erkiesen einen ûf die brust, gegen dem herzen, aufs korn nehmen Rol. 163, 2. wb. 1, 825a (vgl. unter erkiesen 1), und das könnte in dem 'kiesen zu' nachwirken.
h) bergm. kiesen auf ..: wenn einer auf ein gang kiset, und schweret darauf und wird ihm vermessen und verlochsteint, der (gang) leit in seiner gewer (gehört dann ihm). Mathesius Sar. 21a, sich nach prüfung dafür, als ihm angehörig, entscheidet; doch ist 'wählen' eingeschlossen, und 21b beruft sich ein bergmann darauf so: herr bergmeister herr, ich bin der eltest im felde und hab mein zech auf meinen erkorenen gang .. erhalten. s. über diesz bergm. kiesen Scheuchenstuel 138.
3) Die vorherschende bed., wählen, erwählen, auswählen, und zwar nach genauer prüfung, während wählen (mhd. wellen, goth. valjan) vermöge seines zusammenhangs mit wollen (wëllen, viljan) eigentlich ein herausnehmen nach wunsch und willen ausdrückt (wie optare, αἱρεῖσθαι), vgl. Wackernagel bei Haupt 2, 547, und besonders im Sachsensp. 3, 57 a. e. die unterscheidung zwischen dem förmlichen kiesen bei der königswahl und dem vorausgehenden erwelen der fürsten, einer art vorwahl.
a) kiesen, subst. kur, kür, waren und blieben länger in geltung namentlich von den amtlichen wahlen im öffentlichen leben; doch treten welen, erwelen, wal auch davon früh auf, im 16. jh. oft mit kiesen, kür verbunden, um es dann ganz zu verdrängen: alse man einen künic kiesen wil, daʒ sol man tuon ze Frankenfurt .. den künic suln drî pfaffenfürsten und vier leienfürsten kiesen. Schwabensp. 108. 109, die vollbrachte wahl ist das.

[Bd. 11, Sp. 695]


durch erkiesen ausgedrückt (einzeln auch da schon welen); sô man kiuset bischove oder äpte oder äptissinne. 110, 3; da kohren die cardinäl .. einen andern bapst. Limb. chr. 69 (79), vorher choren; daʒ der graf von Supplenburg von menglichem churfürsten z romischem künig gekoren ward. Eulensp. c. 63; diser nüw gekoren künig. das. s. 90; (beisitzer des reichskammergerichts) daraus das regiment ainen zu assassor (so) an des abgegangen stat kiesen soll. reichstagsabschied Augsb. 1500 B 6a; das man die burgermeister von den geschlechten und nit von der gemeind kiesen solt. Schöfferlins Livius 49b; so saget der alde gebietsherre (der müllerzunft) 'lieben fründe, ir siet hieher geheischet nach alder gewonheit ein nüwe ampt zu kiesen' .. und lest sie sich darnach underrede, unde kiesen vier andere nüwe wassermeister. Michelsen rechtsd. aus Thür. 110; darnach keuset man deme ein cumpan .. dar zu keust man zwene mollere. 111; und wen die kor also geschehen ist, so gibet man die namen der nuwen gekornen deme knechte verzeichent. das.; zum ersten ist unser demüetig bitt und beger, auch unser aller will und meinung, das wir (bauern) nun fürohin gwalt und macht wöllen haben, ein ganze gemein soll ein pfarher selbs erwelen und kiesen. bauernartikel v. j. 1525 bei Öchsle 248; auch mogen sie wol einen olterman kiesen, der ihr wort führe. Schütz beschr. der lande Preuszen 117. noch bei Stieler 945 einen richter, einen zum priester kiesen, auch durchs loos kiesen, sortiri.
b) in allgemeinem sinne: swâr sô twêne man ên erve nemen solen, die eldere sal dêlen und die jüngere sal kiesen. Sachsensp. 3, 29, 2; des lehnherrn hausfrau soll mitgehen und ein fasz wein auskiesen, als darnach soll das gericht auch ein fasz auskiesen, kiesen sie ihn gut so haben sie ihn gut. weisth. 3, 783, da ist kiesen zugleich noch kostend prüfen; aus solchen stiften kann man leut nemmen und kiesen, die geschickt sind. Luther tischr. 265a; weib, dir kiese ich einen mann, der heiszt wittwenrichter. H. Müller erquickst. 97.
c) es liegt in der sache, dasz wie mit wählen, auch das prüfende schwanken vor der entscheidenden wahl damit bezeichnet sein kann: wenn nun ein beruf so kommet, so wehle und kiese er nicht lang. Mathesius hist. Christi 1579 2, 83a;

so habt ihr freie wahl ...
'was brauchts hier erst zu kiesen'.
Wieland 22, 100.


d) vom 17. jh. an erscheint es immer mehr als blosz dichterisches wort, dem leben entfremdet:

am wehlen fehlt es nur, sie (fürsten) pflegen die zu kiesen (zu freunden),
die mit gemahlter zung und krummem knie sich wiesen.
Logau 2, 6, 15;

er (Michael) liesz den purpur fahren
und kiest' (prät.) ein härin kleid.
A. Gryphius 1, 9;

wo ist ein andrer stern an seine statt zu kiesen?
Chr. Gryphius poet. w. 1, 425;

unter millionen
kieszt gott sich éinen aus zu kronen.
Haller (1777) 234;

frei ist der flug der ode, sie kieset, wonach sie
lüstet, und singts.
Klopstock 2, 82, 'der grenzstein';

wollt ihr der Griechin folgen, so kieset von dem, was sie lehret,
stimmendes zu des gesangs erfindung. 2, 200, 'die rathgeberin';

kiesen soll ich daraus, singen mit trunknem ton
eine der sonnen, die einst mir schien. 2, 219, 'das verläng. leben';

beide kohren mit scharfem blick.
wer blind wählet, dem schlägt opferdampf
in die augen. 2, 96, 'die grazien';

das auszudrücken, was er empfindet, denkt,
wenn sich in seinem reiz ihm das schöne zeigt,
kohr unter uns der geist, doch welchen?
ach ich erröthe, den sinn der schwelger. 2, 183, 'der geschmack';

der Grieche, der dir das gekohrene urbild
zauberte, war nicht ohne genusz. 2, 217, nachahmer u. erfinder;

da nach undenkbarer ewigkeit gott zu dir (mensch) sich herabliesz,
dann zu der stätte dich der herrlichkeit kohr und des anschauns?
(früher: und dich zum heiligen wohnplatz von seiner herrlichkeit
weihte). Mess. 1, 266;

ach in jener gestalt der erbarmung,
die du kohrest, in ihr mein gefallnes geschlecht zu versöhnen.
(ausg. v. 1751. 1760: in der du mein gefallnes geschlecht zu versöhnen beschlossest). 1, 498;

meinem altare gebrachs hier ...
nie an wein und fett, den gaben, die wir uns koren.
Bürger 213a (Il.);

[Bd. 11, Sp. 696]



und kor aus dem geraumen Lycien
der tapfersten zwölf mann. 171b;

ihm zu kiesen ein holdes weib aus den töchtern der edlen.
Kosegarten (1798) 2, 10;

forellen,
die vor allem gewimmel der wasserwelt die najaden
sich zu lieblingen kohren.
Neubeck gesundbr. 77 (63);

kiese für deinen tisch vor allen wasserbewohnern
auch den salm und den hecht. das.;

zur braut mir zu kiesen die holdeste magd.
Platen 154;

nun thut den eid, statthalter von Paris,
ihr wollet keinen andern könig kiesen. Shaksp. Heinrich VI. th. 1., act 4 sc. 1.

es erscheint namentlich von Klopstock gepflegt (s. 4, g), in den oden und schriften späterer zeit (auch in prosa in der gelehrtenrepublik 12, 106. 107. 148 u. ö.) mit vorliebe angebracht, in den Messias hineingebessert. gebrauchter blieb erkiesen, auch auserkiesen (auskiesen), hauptsächlich aber davon das prät. erkor, auserkor, am meisten das part. pr. erkoren, auserkoren (während gekoren mit am meisten verschollen ist), die sich im gedächtnis an das nicht zu vergessende kur f. anlehnten; sie sind heute noch allbekannt, während kiesen, kor den meisten ohne gelehrte vermittelung fremd ist.
e) auch in den hd. mundarten, die es etwa noch haben, ist es im vergehen begriffen, z. b. bair. Schm. 2, 337 (vgl. aber 2, a. d. e). dagegen scheint es nd. noch ziemlich verbreitet, Dähnert gibt pomm. kesen, das brem. wb. kösen, dazu verkösen verwerfen (s. sp. 694), westf. kaisen Kuhns zeitschr. 2, 198, part. praet. kuren 4, 176; im fernen Siebenbürgen käsen (wie verläsen verlieren) Fromm. 5, 366. auch fries. tjiese, kêse, kiôes (s. Diefenbach goth. wb. 2, 455). wolerhalten durch alle mundarten sind nur adjectiva davon, eigner weise bes. aufs essen bezogen, s. DWB kiesig.
f) die seemannssprache sagt noch (nd. und nl.) einen hafen kiesen, einlaufen, die räumte kiesen, in see stechen. Röding 1, 839.
4) Schuld am untergange des wortes trug wahrscheinlich mit die schwierigkeit der formen.
a) mhd. lautete es: praes. ich kiuse u. s. w., wir kiesen u. s. w., conj. ich kiese, imp. kius; praet. ich kôs, du küre, er kôs, wir kurn u. s. w., conj. ich küre; part. pr. gekorn: dieser wechsel von s und r (das r aus s jedesmal nach kurzem vocal) wurde in der nhd. zeit unverständlich und hat das wort zersprengt. in andern worten gleicher bildung, wie mhd. verliesen, vriesen, niesen half man sich so, dasz man einen von beiden lauten im ganzen worte durchsetzte, das r in verlieren, frieren, das s in niesen; bei kiesen ist das nicht geglückt (s. unter c).
b) das 15. jh. mag noch im ganzen richtig conjugiert haben, auch das anfangende 16., z. b. 1. p. praet. erkôs fastn. sp. 415, 5. 8, kois (oi gleich ô) Stolle thür. chron. 4 (part. pr. gekorn 5), im plur. erkuren (: swûren) Behaim Wiener 113, 26, verkurn (: swurn) 114, 9; md. korn s. 2, g. selbst die 2. pers. praet. noch kur, doch verlängert, wie vorhin erkuren:

macht es und euer huor,
die du dir selber auserkuor. fastn. sp. 429, 29.

auch die 3. pers. sing. praes. (mhd. kiuset) findet sich richtig umgesetzt in keuset, keust, in der Erfurter wasserordnung um 1511 bei Michelsen u. 3, a, wie in einem klopfen des 15. jh. reimen verleüst (verliert) : auserkeüst (gedr. auserkyst) weim. jahrb. 2, 108. 107; also gewiss auch imp. keus.
c) man hat versucht das r durchzusetzen:

das heiszt, sprach er, sein witz verlieren,
ein herren haszn, den andern kieren.
Rollenhagen froschm. Jjb (2, 4, 4),

die wälder schmaragdene trachten erkieren,
die spitzen der hügel mit grase sich zieren.
W. Scherfer ged. (1652) 1, 139 (
Gödeke eilf b. 1, 287, 65).


d) auch mit dem s ward es lange versucht, das sich zudem einzeln vielleicht aus der vorzeit her erhalten hatte, bes. alem. (vgl. Weinhold alem. gr. 157), obwol ahd. nicht bezeugt: mhd. kosen, kusen sahen, s. Scherz 783; die huber sond ouch die swin .. antworten .. die darzue erkossen werdent. weisth. 4, 426 (13. jh., doch nach später abschrift); sond ouch die hüber kiesen ain swin nach dem andern, unz daʒ si alle kosen werden .. wenn ouch die swin also gekosen werden .. 1, 105 (gleich dabei doch verloren), beides schweiz.; die zwen bannwarten, die da gekosen werdent. 1, 721, elsäss.; erkosen, userkosen Merswin felsen 136. 78, 14. jh., kosen wählten Pfeiff. Germ. 3, 313 15. jh., erkosen erwählt Keisersberg oben 3, 872;

[Bd. 11, Sp. 697]


vil adlich herren milt,
aus teutschem blut erkosen (: verstoszen).
Stöbers Alsatia 1858 s. 110, 16. jh.;

dasz sie zum papst erkosen worden. flugschr. v. 1623,
Scheible fl. bl. 33;

der wein (schmeckt) wie nägelein und rosen:
drumb wan mir eins wird zugebracht
von Ham und Hambach auserkosen,
mein herz in mir vor frewden lacht.
Philander ges. (1650) 2, 217;

er hat sich die güldene kron,
ich den blumenkranz mir erkosen (: rosen).
Uhland ged. (1847) 262, 'der rosengarten'.

nu woll, wat kan't den sin, dat dörch metempsychose
alsbald na minem doet to werden ik erkose?
Lauremberg 1, 140,

conj. praet. für nd. erkore (mhd. erküre) wählen könnte. das nl. hat praet. koos, part. gekozen festgehalten (wieder einmal mit dem Oberrhein stimmend), doch daneben gekoren, conj. praet. core hor. belg. 11, 17, 5. im engl. ist s früh durchgesetzt worden, r ganz beseitigt, ähnlich friesisch. das hd. aber schwankte in allerlei versuchen.
e) man bildete den nhd. praesensstamm kies schwachformig aus: so werde ein obrester priester userkiest. Zwingli 1, 620; vgl. gekiest Ryff u. 2, a. auch Maaler gibt erkieszt, erwelt 112c und nur so, auszerkieszt (neben auszerkoren) 40a, wie Frisius 467b. so öfter im 16. jh: (s. 3, 873), bes. im 17. 18. jh., einzeln bis jetzt: was du dir hast erkiest. Opitz 1, 53. 3, 77. 4, 350 u. ö. (aber erkohren 2, 427); (lehrer) erkiest aus manchem volk. Haller 1777 s. 240 (s. mehr u. erkiesen, auserkiesen); dasz ich sie zu meiner hausfrau erkoren, will sagen erkiest .. habe. Benedix dienstboten 18. auftr., zu komischer wirkung;

heil Constantin, du groszer, gotterkiester!
J. Mosen werke 2, 228.

freilich findet sich schon ahd. eine schwache nebenform, die dazu der anlasz sein könnte, merkwürdig genug chisôn (nicht chusôn wie man erwarten sollte) Graff 4, 509, wie cuôn (sp. 311), cnitôn 4, 580.
f) das part. bildete man auch stark mit wunderlicher beibehaltung des praesensvocals (nach geblieben u. ä., vgl. zu Soltau 2, 407):

du, o jungfrau, sei gepriesen,
wie die sonn schön auserkiesen (wie mhd. ûʒ erkorn). Marienlied bei
Ditfurth fränk. volksl. 1, 421b;

und Hecubens ihr sohn, den selbst auf Idas wiesen
du, Juno, Pallas, euch zum richter habt erkiesen.
Lohenstein in Hoffmannswaldaus u. and. ged. 1, 256;

der von dem himmel absonderlich erkiesene kaiser Rudolph. Abr. a. S. Clara auf auf ihr chr. (Wackern. leseb. 3, 1, 906), er hat es öfter; maszen ihme (ihn) schon gott habe auserkisen. Conlin narrnwelt 2, 184 (1707); sie schienen sich den baum zur wohnung erkiesen zu haben. Bronner fischerged. (1787) 148. vgl. umgekehrt gekoren für gekehrt sp. 410.
g) wenn Klopstock die rechten formen wieder kennt, wie sie dem nhd. gebrauche gemäsz sind (zu obigen beispielen auskor Mess. 16, 203, koren aus 15, 1027, auserkor 17, 688, conj. erköre oden 1771 s. 274), so hat er sie auf gelehrtem wege wiedergefunden. denn noch Schottel zwar lehrte haubtspr. 588 ich kiese, kohr, conj. köhre, gekohren; aber Stieler 945 gibt neben einander 'küren, kören et kiesen', Steinbach 1, 856 kiese, gekieset, erkiese, erkieset und s. 915 kiehre, kohr, gekohren; auch Frisch 1, 169 nimmt zwei verba kiesen und koren an, letzteres für das part. auserkoren, Adelung kiesen und köhren, nur zu letzterem stellt er kohr, gekohren; Voss macht sich gar drei verba zurecht, kühren kor, küsen kos, kiesen kiesete (lyr. ged. 1802 3, 3, 13). kören, bes. küren ist förmlich in gang gekommen als praes. zu kor, gekoren; s. übrigens dort. Es wäre aber wiederherzustellen: praes. kiese, imp. kies, praet. kor, conj. köre (wie fror fröre, verlor verlöre), part. gekoren.
 
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kieser, m.
1) wähler. Wurstisen bei Frisch 1, 169c, Stieler 945.
2) bes. von kiesen 2, a, amtlich bestellter prüfer, koster von wein, bier, der den wert und preis davon festzusetzen hat, hauptsächlich vom wein. Baders Nürnb. polizeiordn. 250 (15. jh.), noch in Amberg, Nürnberg Schmeller 2, 337: bierkoster, weinkieser zungen, weinvisierer augen. Fischart groszm. 78. sie heiszen auch kurer (weisth. 3, 387 fg.), koster, schmecker (Merck br. 3, 246), versucher, visierer (Nürnb. pol. 244. 246); vgl. DWB kosten. es gab aber auch brotkieser Birlinger Augsb. wb. 277a, vgl.kusbrot, brot zur probe für die brotschauer Schmid schwäb. wb. 335, fundgr. 1, 380b. s. auch kiesemann.

[Bd. 11, Sp. 698]



 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) kieserin, f. fem. zu kieser. Stieler 945. mhd. kiesærinne Frauenlob spr. 28, 3. 110, 1.
 
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kieserlein, m. s. kieseling.
 
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kiesettig, s. kiesig 2.
 
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kiesfrucht, s. kiesapfel.
 
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kiesgang, m.
1) gang mit kies beschüttet, in gärten. Campe: unten die weiszen kiesgänge und dunkeln vollaubigen bäume. J. Paul flegelj. (1804) 1, 191. s. kiesweg.
2) bergmännisch, gang worin kies (3) bricht: so sollen kupferwasser zu Goslar auch von kisgengen hertriefen. Mathesius Sar. 111a.
 
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kiesgestäub, kiesiger staub, kies in staubform: disz wasser führt in sich einen blawen kiszgesteub, nicht anderst dann als wann einer ein gestoszen bolum ansehe. Thurneisser von wassern 110; zu kies 3. vgl. kieselstaub.
 
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kiesgewässer, n. kiesiges wasser, vgl. DWB kieselbach:

sag an, wohin hast du in grauser nacht
durch kiesgewässer mich ans land gebracht?
Göthe 41, 133.


 
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kiesgitter, n. gitter in einem rahmen zum durchwerfen, sieben des kiessandes, durchwurf.
 
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kiesgrau, grau wie kies, steinalt? doch vgl. DWB kitzgrau. von einem geisterhaften greise im bergwerke:

da sitzet an der reih
ein alt kiesgrauer mann. wunderh. (1845) 1, 239 aus
Brückmanns beschr. aller gebirge.