Wörterbuchnetz
Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
jauche bis jaufert (Bd. 10, Sp. 2268 bis 2272)
Abschnitt zurück Abschnitt vor
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) jauche, f. stinkende trübe flüssigkeit, flüssiger dünger. das wort gehört zu denen, die ihren ursprünglichen begriff verschlechtert haben; es bedeutet im 15. jahrh., wo es sich zuerst landschaftlich, mitteldeutsch und niederdeutsch, nachweisen läszt, sowie im 16., nur brühe, suppe: jus juche Dief. 312c (mittel- und niederrheinisch); brodium söd, juchthe, juche, juge 82a (niedersächs.); juche, jus, jusculum Kilian als sächsisch und clevisch; jüche, brüh, jus, schwartze jüche, jus nigrum, höner-jüche, jusculum gallinaceum Chytraeus nomencl. bei Frisch 1, 325b. der umstand, dasz das wort im mittelrheinischen wie im niederdeutschen denselben lautstand ch aufweist, läszt es als fremdes erkennen, woher ist offenbar, wenn man erwägt, dasz es über die slavischen dialekte

[Bd. 10, Sp. 2269]


gleichmäszig verbreitet ist, kslav. russ. poln. jucha, böhm. jicha, sloven. juha, fleischbrühe, wend. jucha suppe und jauche, juschka süppchen, litt. jukà, poln. juszka blutsuppe, litt. juszė schlechte suppe von sauerteig, mit dem weiteren hintergrunde des sanskr. jûsha, lat. jûs brühe; die sächsischen colonisten haben jedenfalls das wort aus dem slavischen aufgenommen und verbreitet, wofür auch spricht, dasz in jenem aus Marienburg und dem anfange des 15. jahrh. herrührenden deutsch-preuszischen vocabular, das Nesselmann aus der Elbinger handschrift 1868 veröffentlicht hat, unter den speisen (vleysch, sitevleysch, spek) das preusz. juse (suppe) durch das offenbar gleiche juche gegeben wird (s. 14b, 377); ähnlich ist ja auch kretschmar der schenkwirt (theil 5, sp. 2174) aus dem slavischen ins deutsche gedrungen. die angenommene entlehnung erklärt auch die verschlechterung des begriffs, die nach und nach eingetreten; es mochte dem worte, entsprechend der geringen beschaffenheit slavischer küche, von vorn herein etwas verächtliches ankleben. seit dem anfang des 17. jh. läszt sich die heutige bedeutung von jauche belegen, zugleich in der schreibung gauche, die jetzt wieder verschwunden ist, und nicht ohne allen nachklang der früheren bedeutung: leimgauche, aqua lutosa. Colerus hausb. bei Frisch 1, 325b; die gauche, Silesiis jauche, humor spurcus Steinbach 1, 563, seine vorlage Hederich 1013 hat nur gauche; gauche, brühe im verächtlichen verstand, jauche, humor, jus Frisch 1, 325b; arme leute pflegen auch wohl diese gauche oder mistpfütze auf ihren acker statt anderen dünger ... zu führen. öcon. lex. (1731) 1627. Jetzt heiszt uns jauche auch der dünnflüssige eiter von wunden; ferner ein sehr schlechtes bier, dies bier ist nur jauche; strigauisch bier ist trüb wie eine leimjauche. Frisch a. a. o.
 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) 
jauchenpumpe, f. pumpe für die mistjauche.
 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) 
jauchert, m. morgen ackerlandes; ahd. (in späten quellen) jûchart, mhd. jûchart, jûchert, jiuchart, wol aus lat. jugerum entlehnt, aber mit beziehung auf jiuch und joch das joch umgedeutet: jauchert ist ein stück landes, so man mit einem paar ochsen in einem tag pflügen oder ausackern kan. andere beschreiben ein jauchert ackers 240 schuh lang, 120 breit. Hohberg 3, 1, 56b;

vier jaugert weid (weit) nemb wir ein zil,
da bauen wir hie einen saal.
J. Ayrer 39a (209, 8 Keller).

vergl. juchert.
 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) 
jauchig, adj. jauche habend, aus jauche bestehend: ein jauchiges geschwür; jauchige absonderung aus geschwüren; ärztliche ausdrücke.
 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) 
jauchzen, verb. jubilare: mhd. jûchezen, auf die interjection jûch, später jauch zurückgehend, wie juchzen, mhd. juchezen auf die nebenform juch mit kurzem u (s. d.). in den mhd. quellen sind beide verben schwer zu scheiden; im nhd., nach dem übergang des alten û in au, hebt sich jauchzen nicht nur im vocal, sondern auch im gebrauche als edleres wort gewöhnlich scharf von juchzen (s. d.) ab: das gemäszigte freudengeschrei von dem bäurischen, und vom geschrei der besoffenen zu unterscheiden, hat man an vielen orten im gebrauch dieses letzte mit juchzen auszudrücken, für jauchzen. Frisch 1, 485a; obschon jauchzen auch vom bäurischen freudengeschrei gilt: das jauchzen wie die bauren, jubilum, acclamatio, exclamatio Maaler 235a. bei Spee werden dagegen noch jauchzen und juchzen gleichbedeutend in edler sprache gebraucht:

ach was hüpfen! jauchzen! juchzen! trutznacht. 240.

Das kärntn. jauzen (Lexer 151), schweiz. jûzen (Stalder 2, 77), schwäb. juzen (Fromm. 4, 113, 70) jauchzen, das auch sonst erscheint:

denn schrei gar laut und jautz darbei. grob. (Frankfurt 1568) G 3a (b. 2, cap. 3);

von tantzen, freudenspiel, und springen,
jautzen, hofiern oder singen. G 5b (ebenda);

ist nicht das gleiche wort, sondern geht auf die mhd. interjectionzurück, und entspricht mhd. jûwezen, jûwezunge das jauchzen, was übrigens die bedeutung nicht beschlägt.
jauchzen bedeutet
1) freudenlaute ausstoszen; jauchzen, sich erfröwen und von fröuden singen, ovare Maaler 235a; jauchzen, jubilare, ovare, acclamare Schottel 1340; jubilum, juchzer, das jauchzen Dief. nov. gloss. 223a.
a) der mensch, die menge, die masse, das volk jauchzt: da nu Josua höret des volkes geschrei, das sie jauchzeten. 2 Mos. 32, 17; jauchzet alle, die ir sein volk seid. 5 Mos. 32, 14; wie ein starker jauchzet, der vom wein kompt. ps. 78, 65; das man jauchzet und singet. 65, 14; die erlöseten des herrn werden

[Bd. 10, Sp. 2270]


wider komen, und gen Zion komen mit jauchzen. Jes. 35, 10; ein solch frolocken, jauchzen und rhümen unter allen pfaffen. Luther 5, 305a; all nächtlich geschrei, jauchzen .. soll gänzlich sein verbotten. Kirchhof disc. mil. 18; vom lallen und jauchzen des kindes bis zur trefflichen äuszerung des redners und sängers. Göthe 20, 217;

also rant des ersten
Bertschi in dem ringe umb.
'heya he, wie gsunt, wie jung
bin ich an dem herczen mein!'
daʒ was do das jauchczen sein. ring 8b, 13;

er war mit der trommeten schall
und der heerpauken uberall
mit jauchzen ausgekündet.
Weller lieder des 30 jähr. kriegs 266;

ein freudiges jauchzen
füllt triumfierend die himmel umher.
Wieland 16, 87 (Cyrus 3, 35);

himmelhoch jauchzend,
zum tode betrübt.
Göthe 8, 232;

freue sich und jauchze heut,
wer das lebensloos gewonnen.
Schiller das siegesfest;

aus dörfern und aus städten wimmelnd strömt
ein jauchzend volk, mit liebend emsiger
zudringlichkeit des heeres fortzug hindernd. Piccolomini 1, 4;

ihr haltet euer spiel schon für gewonnen —
jauchzt nicht zu frühe! 3, 8;

frohlocke nicht!
denn eifersüchtig sind des schicksals mächte.
voreilig jauchzen greift in ihre rechte. Wallensteins tod 1, 7.


b) auch die lippen, das herz des menschen, seine stimmung, seine zeit wird jauchzend gedacht: bis dein mund vol lachens werde, und deine lippen vol jauchzens. Hiob 8, 21;

soll ich das innre jauchzen meines herzens
dir auch als zeugen der versichrung nennen.
Göthe 9, 95;

welche allgemeine landfreude konnte jetzt von éinem gränzwappen zum andern acht tage lang jauchzen! J. Paul Tit. 3, 91;

dir schallen zur ehre,
du spielende fluth!
die singenden chöre,
der jauchzende muth.
Hagedorn 3, 115;

fern vom jauchzen, wie von der trauer,
ist der seligen stille lust.
Rückert ges. ged. 1, 322;

er setzte sich ans instrument und donnerte mit einem aufgeschlagnen prestissimo von Haydn — diesem rechten stundenrufer jauchzender stunden — in die laute gegenwart. J. Paul Tit. 3, 34;

Eloa, vom werth der heiligen stunden
hingerissen, sie waren ihm mehr, als die jauchzenden stunden
seiner frühen geburt!
Klopstock 4, 4;

der freudige ruf selbst:

das hurrah jauchzt, und die büchse knallt.
Körner 1, 57.


c) jauchzen mit etwas: sie jauchzen mit pauken und harfen, und sind frölich mit pfeifen. Hiob 21, 12; jauchzet gott mit frölichem schall. ps. 47, 2; und da die lade des bunds des herrn in das lager kam, jauchzete das ganze Israel mit einem groszen jauchzen. 1 Sam. 4, 5.
d) über einen oder etwas jauchzen: da bei merke ich, das du gefallen an mir hast, das mein feind uber mich nicht jauchzen wird. ps. 41, 12; uber die Philister wil ich jauchzen. 108, 10; ruft uber Jacob mit freuden, und jauchzet uber das heubt unter den heiden. Jer. 31, 7; jauchzet uber sie (Babel) umb und umb. 50, 15; wie sie uber deinem falle gejauchzet und uber deinem verderben sich gefrewet hat. Baruch 4, 33.
e) dafür ein ursächlicher genitiv: mich ergreift ein gedanken, und meine sinne jauchzen des herrlichen gedankens. Klinger theater 3, 368; oder ein abhängiger satz: die völker frewen sich und jauchzen, das du die leute recht richtest. ps. 67, 5.
f) zu einem jauchzen, vgl. DWB zujauchzen: Philistea jauchzet zu mir. ps. 60, 10; und da er kam bis gen Lehi, jauchzeten die Philister zu im zu. richt. 15, 14.
g) häufiger einem jauchzen: jauchzet gott alle lande. ps. 66, 2; jauchzet dem gott Jacob. 81, 2; kompt her zu, laszt uns dem herrn frolocken, und jauchzen dem hort unsers heils. lasset uns mit danken fur sein angesichte komen, und mit psalmen ihm jauchzen. 95, 1. 2; jauchzet dem herrn alle welt. 98, 4;

er ist der angebetete, ihm jauchzt das volk.
Schiller jungfrau 4, 2.


h) transitiv etwas jauchzen, jauchzend ausrufen: schon glaubte der rasende sein ziel getroffen zu haben, und fing an, ein gotteslästerliches triumphlied zu jauchzen. Lessing 1, 166; sieg jauchzen. Gotter 1, 116;

[Bd. 10, Sp. 2271]


jauchzen an dem ufer alle freunde
hoffnungslieder nach.
Göthe 2, 75;

dafür in verbindung mit directer rede:

wild jauchzte sie im hain: weh euch, ihr ehebrecher.
Gotter 2, 77;

neben einem persönlichen dativ (oben g):

unzählbar
kommen sie, sein gesetz zu empfangen, und jauchzen ihm vater.
Wieland 16, 88 (Cyrus 3, 44).


i) jauchzen, von dingen, die so personificiert werden: lasset jauchzen alle bewme im wald fur dem herrn. 1 chron. 17, 33; jauchzet ir himel .. ir berge frolocket mit jauchzen, der wald und alle bewme drinnen. Jes. 44, 23;

jauchzt, himmel, die ihr ihn erfuhrt,
den tag der heiligsten geburt.
Gellert 2, 155;

und die bäche von den bergen
jauchzen ihm und rufen: bruder!
Göthe 2, 56;

jauchzen = jauchzend emporstreben:

jünglingfrisch
tanzt er (der felsenquell) aus der wolke
auf die marmorfelsen nieder,
jauchzet wieder
nach dem himmel.
Göthe 2, 55.


2) jauchzen heiszt aber auch im schmerz laut aufschreien: er leget sich zu beth, thet tag und nacht nichts anders denn jauchzen und seufzen. history vom ritter Thedaldo (flieg. druck, um 1550); in einigen minuten jauchzte er vor schmerz, wie Homers verwundeter kriegsgott. Seume spazierg. 2, 34.
3) jauchzen, im bairischen hochlande, von dem trotzigen herausfordernden rufe, den sich die bursche zusenden, wenn sie vom liebchen oder aus dem wirtshause heim gehen, vgl. Schm. 1, 1199 Frommann.
 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) 
jauchzer, m.
1) der da jauchzt: jauchzer neben juchzer exultans, jubilans, ovans, tripudians, triumphans, plausor, clamator Stieler 901; ich habe .. solcher jauchtzer viel sehen zuletzt heulen. Luther 5, 68b.
2) der einzelne freudenlaut: zuletzt hörten wir nichts mehr als die muntere, aber ferne hochzeitsmusik aus der hohlen gasse und vereinzelte freudenrufe und jauchzer an verschiedenen punkten der landschaft. Keller gr. Heinrich 2, 405;

wie ein gast bei später zeit
lustig von dem schmause wandert und noch manchen jauchzer schreit.
Günther 838;

lasz die freien jauchzer klingen! 912.


 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) 
jaueln, jaulen, verb. heulen, vom hunde, nach niederd. jaulen heulen, wimmern, wie ein hund oder ein kleines kind (Schambach 94a. Schütze 2, 185), in die schriftsprache von Voss übertragen:

bestie, schweig! dir schiesz ich den jauelnden rachen voll kugeln! 2, 141 (Id. 8, 125).

von einem riesen:

und es stöhnt und schrie und jaulte
zeternd Schlagododro, brüllend
sank er in zerborstne klüfte.
Immermann ged. 315.


 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) 
jauf, n. scherz, namentlich grober, verächtlicher, wie er von gauklern und possenreiszern getreiben wird, neben gauf (theil 41, 1542), älter jûf. das wort ist seit dem 15. jahrh. bekannt und wol aus der gaunersprache eingedrungen, wo juffart (d. i. jûf-hart) einen freibettler bezeichnet (Phil. Ludg. 4, 169), d. h. also einen solchen, der den jûf, das freie umherschweifen auf dem bettel, das mit spruchsprechen verbunden war, als beruf treibt; vgl. auch unten jaufkind: da nu solche hohe treffliche ding mir so gar nerricht und lecherlich waren, ward der trefflich man zornig, und sprach, ich machte ein jauf draus, weil ichs mit gutem grund nicht widerlegen künde. als denn zwar auch nicht billich, viel weniger not war, das jemand solt aus solchs trefflichen mans subtilest tichten, ein jauf oder gauch machen. Luther 1, 394b, dieses gauch mag nur umdeutung von jauf sein, wie man den gauch treiben für narrenwerk treiben sagte (vgl. theil 41, 1529. 1531);

mir ist dein schnaufein jauf.was geb ich uf dein keichen? meisterges. in der Germ. 3, 311;

was nur der Luther sagt und schreibt,
sein gespött und juff darusz treibt.
Murner luth. narr 3325.


 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) 
jaufen, verb. spott treiben, vgl. DWB gaufen theil 41, 1547: da juffestu, hie stand ich, hie trutz ich. Murner künig usz Engelland 967 Scheible.
 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) 
jaufersbube, m. perditus, dissolutus. Schönsleder bei Schm. 1, 1203 Fromm. s. DWB jaufkind.

[Bd. 10, Sp. 2272]



 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) jaufert, m. bettler, der spasz machend und possen treibend überall umherzieht, aus dem rotwälschen juffart für jûfhart (vgl. oben unter jauf): zu welchem end bisz in 200 jauferten und allein zum stehlen und rauben bestelten galgenvögel mitgeloffen. Wertheimer deduct. (1617) 2, 180;

arm leut wil niemand sehn noch kennen,
man thut sie schrepler, betler nennen,
jaufert, fürhalter und dergleichen.
Eyring 1, 106;

in der form jûfar:

und die schnüdel und güdel
und die schnufar und jufar
und all abriszar und unrecht zollar. teufels netz 13381.

vgl. DWB gaufert theil 41, 1547; auch gäufler ebenda.