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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
glimpf bis glimpflichkeit (Bd. 8, Sp. 103 bis 120)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) glimpf, m. , verbalsubstantiv zu dem starken verbum 1glimpfen. auf deutsch-englischem boden von anfang an bezeugt; ahd. gelimpfe (dat. sing.) Notker 1, 773, 14 Piper; mhd. gelimpf, glimpf; mnd. mnl. ae. gelimp. im ae. ist nur das neutr. beweisend belegt (pronomen hæfð syx accidentia, þæt synd syx gelimp Ælfric gramm. 92, 8 Zupitza), im deutschen neben gewöhnlichem masc. gelegentlich auch das neutr., s. unter DWB gelimpf, teil 4, 1, 2, 3026 f., und ungelimpf, teil 11, 3, 985. auszer als verbalabstractum auf glimpfen läszt sich glimpf noch als substantiviertes adjectivabstractum auf glimpf, adj., beziehen, wie sicher das ahd. ungelimpfi, n., in: nu ... skinet manigiu ungelimphe dannanuz uuerden (inconvenientia contingere manifestum est) Notker 1, 554, 9 Piper; vgl. auch mnd. gelimpe, n., Schiller-Lübben 2, 44b und mnl. ongelimpe, n., Verwijs-Verdam 5, 594. ein weiteres adjectivabstractum, das fem. glimpfe, das mnl. als gelimpe Verwijs-Verdam 2, 1266 f., ohne präfix als limpe mnd. und nd. Schambach Götting.-Grubenh. id. 124b begegnet, ist im hd. sicher nur für Guarinonius bezeugt: mit politischer glimpffe greuel der verwüstung (1610) 392; der glimpfe nach ebda 407; wahrscheinlich auch für Albertinus narrenhatz 351, s. unter gelimpf. fraglich bleibt, ob in mhd. gelimpfe Benecke-Müller-Zarncke 1, 999b, 9—14 der plural masc. oder das fem. vorliegt. zu frühnhd. ungelimpfe, f., s. teil 11, 3, 985. eine aufteilung der belege nach der bedeutung auf verbal- und adjectivabstractum ist nicht möglich. auch die schon mhd. bezeugten schwachen formen lassen sich morphologisch auf beide typen beziehen: ane argen gelimpfen Ulrich von Eschenbach Wilhelm v. Wenden 4020 Toischer. häufiger werden diese seit dem 15. jahrh.: acc. sing. glimpfen (1456) Wiener copeybuch 35. 47 Zeibig; städtechron. (15. jahrh.) 5, 86, 3; (16. jahrh.) 32, 303, 10; Knebel chron. v. Kaisheim 367 lit. ver.; (um 1550) österr. weist. 11, 157; Joh. Nas antip. eins u. hundert (1567) 1, 228a; (1599) Fortunatus 58 ndr.; dat. sing. glimpfen (16. jahrh.) städtechron. 32, 301; Knebel chron. v. Kaisheim 243 lit. ver.; (17. jahrh.) österr. weist. 1, 305, 33; gen. sing. gelimphen (15. jahrh.) städtechron. 2, 135, 1. nach diesen formen dann auch der gen. sing. glimpfens bayr. landtagshandl. v. 1429—1513 3, 54 v. Kremer, wenn es sich nicht um substantivierten infinitiv handelt; vgl. unglimpfens Wilwolt von Schaumburg 68 lit. ver. als schwach flectiert haben auch die teil 11, 3, 985 als von einem nicht bezeugten nom. sg. ungelimpfen hergeleiteten formen auf -en zu gelten. obd. z. teil mit k anlautend: klimpff Moscherosch ges. 363 Kürschner; mundartl. els. klempf Martin-Lienhart 1, 259; in Handschuhsheim klempf Lenz 28b. über die bis ins 17. jahrh. bezeugte bewahrung des e im präfix s. gelimpf teil 4, 1, 2, 3026 f. und ungelimpf teil 11, 3, 968. — seit der 2. hälfte des 19. jahrh. ist das wort in der schriftsprache zurückgetreten. mundartl. hat es sich wie die ganze sippe im obd. lebendig erhalten; vgl. Martin-Lienhart und Lenz a. a. o.; Staub-Tobler schweiz. 2, 625 ff.; Fischer schwäb. 3, 694 f.; Hunziker Aargau 173. vereinzelt im nd. glimp, limp Dähnert 154, limpe brem.-nds. wb. 3, 73, limpe, f., s. o. in der adverbiellen wendung mit glimpf findet es sich aber mundartl. noch: rhein. wb. 2, 1273; Christa

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Trier 96b; Berghaus Sassen 1, 576. zur frage der etymologie s. unter 1glimpfen. nicht mehr zu belegen ist der im ags. erhaltene sinn 'event, accident, chance'; auf die letzte bedeutung weist nur das ablautende ahd. gilumphida (opportunitas) Tatian 154, 2 Sievers.
1. 'angemessenheit'.
im ahd. noch deutlich in zusammenhang mit dem starken verbum, s. 1glimpfen bedeutung und gebrauch: to suohta si ze erist ..., ube iro der gehileich kefiele unde ube iro ... dero snello uuine ze gemachero miteuuiste gespirre uuerden solti after gehileihlichemo gelimfe (ex nuptiali congruentia) Notker 1, 773, 9 ff. Piper;

ich bin ein freudelôser man ...
sô hat leider mîn schimph
deheiner slahte gelimph,
wan er mir niht von herzen gât
Hartmann erstes büchlein 342 H.;

Iwein 4412 L.; schimpff sol haben glimpff und on schaden abgehn Seb. Franck sprüchw. (1545) 1, 84b;

beide in ernst und auch in schimpff
braucht es überall masz und glimpf
Hans Sachs werke 19, 305 lit. ver.;

ich (bin) von schmertzen und trauren so ongedultig ..., das ich inn dem kein masz, mittel noch glimpff halten kan C. Hedio Tertullian (1546) d 4; neben vuoge, fug:

er leit ouch spot vil mannicvalt
durch die vuoge und den gelimpf
daz von uns aller tiuvel schimpf
müg übersiget werden
Konrad von Würzburg Silvester 4453 G.;

weiteres s. unter mit glimpf.
häufig in der adverbiellen fügung mit glimpf, die mit allen tönungen des wortes auftritt; hier soviel wie 'in angemessener, schicklicher, gebührender weise':

daz ich verborgenlichen dol,
daz wirt nû mit gelimphe wol
beweinet offenlîche
Konrad von Würzburg Engelhard 1784 H.;

als aber Xantus kain ursach fand, wie er in mit gelimpf schlahen möcht, liesz er ab von seinem zorn Stainhöwel Esopus 10 lit. ver.; der Lieffländer schäumete zwar, wolte doch die sache mit glimpff anfangen Happel akad. roman (1690) 358; öfter in verbindung mit fug: (sie) trachteten imer nach wegen, wie sie mit glimpfen und fug wider zu ihrem vorigen regiment komen möchten städtechron. 34, 107;

man jn widdrumb zu recht
mit gutem glimpff und fugen brecht
F. Dedekind pap. conv. (1596) H 7 a;


a) vor allem von menschlicher verhaltungsweise, im sinne von 'benehmen', zunächst indifferent:

daz was unfrouwenlîch gelimpf
Wolfram Parzival 392, 16 L.;

deshalb mit wertenden attributen, in negativer wertung:

daz was gein friunde ein swach gelimpf
Wolfram Parzival 675, 16 L.;

dô sprach der eine (der schächer),
der begundz uble meine
mit sînem schimfe,
bôse was sîn glimfe
Hartmann vom glauben 1861;

alszdan soll sich ihr spott und schimpf und falscher glimpf
mit ihrem pracht verkürtzen
Weckherlin ged. 1, 307 lit. ver.

mit positiv wertenden attributen:

er was rösch unde wacker
ûf allen hövelichen schimpf,
schœn unde guot was sîn gelimpf
und alliu diu gebærde sîn
Konrad v. Würzburg Trojanerkrieg 610 lit. ver.;

(er) kan, was gehört zu ernst und schimpf
und alls höflich mit feinem glimpf
Hans Sachs werke 21, 103 lit. ver.;

auch soviel wie 'sitte': so mage sie (die stadt Heidelberg) jedoch leichtigklichen die andern all ubertreffen in dem, das sie als ein stetige wonung aller gutten glimpffe furstendigklich menner in allen kunsten uffgebracht hoit Matth. v. Kemnat chron. Friedr. I. 2, 7 Hofmann. dann auch ohne derartige attribute im sinne von 'gutes benehmen, höflichkeit': der ritter der hertzogin manchen lieblichen

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blick gab, gern mit ir und sie mit im geredt hette, aber beide das durch glimpffs willen underlieszen Wickram werke 1, 43 lit. ver.;

auch glimpff und fug zart junkfraw klug
ist dir gantz angeboren
Forster fr. teutsche liedlein 50 ndr.;

dasz des glimpfs so viel und das höfelieren so gemein worden, dasz man es schier niht mehr achten und wider recht zu reden anfangen will bei Opel-Cohn dreiszigjähr. krieg 373;

den männern sey es grosser schimpff,
wenn sie mit so viel zarten glimpff
das liebe frauenzimmer ehren
Ch. Fr. Henrici ernst-scherzh. u. sat. ged. (1727) 2, 276.


b) in objektiver entsprechung 'ehre, ansehen, guter ruf': auch mnl. und mnd. v. d. Schueren Teuthonista 100b Verdam; Schiller-Lübben 2, 44 f.: item die abkundigunge dem konige und dem konigreiche zu Polan szal er thun alszo, das esz seiner verschreibunge, die er mit dem kunig und mit der cron zu Polen hott, und seines gelympfs halben nicht zu nohe sei (1478) lehnsurk. u. besitzurk. Schlesiens 2, 90 Grünhagen-Markgraf; wann auch ein fraw die ander übel handlt und reth auf iren glimpfen und pit ir dasz nit ab und kumbt clag über si, so ist schultig den pockstain ze tragen (um 1550) österr. weist. 11, 157;

dann was ein from mann schenckt ohn schimpff,
das bringt mit sich zweyfachen glimpff
W. Spangenberg ausgew. dicht. 142 Martin;

die andern ihren klimpff abschneiden
und sie mit ihren lügensachen
angeben und verdächtig machen
Moscherosch gesichte 363 Kürschner;

allzeit finden die schützen ein auszred (wenn sie nicht treffen), dann disz, dann jenes, damit sie sich auszreden und jhren glimpff erretten mögen Aeg. Albertinus hirnschleiffer (1664) 411 (so st. 311); (ich habe) bereits in einem andern abschnitt beygebracht, was zum glimpfe des poeten dienet Bodmer abh. v. d. wunderbaren (1740) 277;

allein du bist an glimpf und durch ein weites reich
in allen dem August der alten Römer gleich
B. Neukirch ged. (1744) 186;

glaube aug und glimpf
leiden keinen schimpf
Kirchhofer schweiz. sprüchwörter (1824) 155.

in der wendung mit glimpf: die von Schwitz wusstend in irer gewüssne nit ze finden, dasz si dise urteil mit glimpff und one ... nachteil iro und ires vordern ... köntind annemen Aeg. Tschudi chron. helv. (1734) 1, 70 Iselin.
sehr häufig in verbindung mit ehre: die do nicht alle werleth nemen anders zu tun, denne das en zu eren und glimpfen gancz wol tawgk (1451) lehnsurk. u. besitzurk. Schlesiens 1, 421 Grünhagen-Markgraf; wan zwen edel rittermessigen mit einander kempffen wöllen umb eer und glimpff Seb. Münster cosmography (1550) 696; wegen ihres fräwlins ehre unnd glimpffs Bastel v. d. Sohle don Kichotte (1648) 269; in festeren dem wort ehre eigenen verbalen fügungen wie: wer auch hinfüro dem anndern in der muntal an sein ere und glimpf redet Nürnberger polizeiordn. 50 lit. ver.; sie würde ehr und glimpff verlieren Luther tischreden (1576) 315a Aurifaber;

hüet dich, das du nimant thust ubelreden,
darmit du im abschneidst er oder glimpf
Hans Sachs fabeln u. schw. 4, 44 ndr.;

wo es an ewre ehr und glimpff gehet, da werd auch ich zu beyden seiten angerennet buch d. liebe (1587) 80b; wer schmäheschriften tichtet, schreibet oder anschläget, darinnen jemand an ehre oder glimpf getastet wird, der sol den gerichten fürgestellet werden (1598) Danziger willkür mscr.; jhr habt den Antonium mit ewern rathschlägen gar untüchtig gemacht, umb alle seine ehre und glimpff, gut und blut gebracht A. Corvinius fons lat. (1646) 126.
neben anderen ähnlichen ausdrücken:

wenn böse zungen stechen,
mir glimpf und namen brechen,
so wil ich zähmen mich
P. Gerhardt bei
Fischer-Tümpel ev. kirchenl. 3, 309;

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glaubte kein wort von der lästerchronik, die jhren glimpf und namen brach Musäus phys. reisen (1778) 3, 13; so würden sie nicht allein der ding, deren sie nottürftig weren, sondern auch ihrer würde und glimpffs beraubt werden Ringmann Caesar (1530) 76b; (es ist) mir und meinen ehren, auch meinem glimpff und leinmunde on schaden, das ich euch will für meinen ritter und ehlichen gemahel halten Schumann nachtbüchlein 114 Bolte; darumb wil gott des nehisten leumund, glimpff und gerechtigkeit so wenig als gelt und gut genomen oder verkürtzt haben Luther werke 30, 1, 169 W.
c) mit besonderer bedeutungsnüance 'vorwand', 'schickliche begründung':

si dunket iuwer rede ein spot
und machent alle drûz ir schimpf.
daz wirt iu denne ein guot gelimpf
dar zuo, daz man in widersage
und man niht langer in vertrage
den schaden und die schande
Konrad v. Würzburg Trojanerkrieg 17946 lit. ver.;

damit er dest mehr glimpf und gelegenheit hett, jhn z bekriegen Hedio Comines (1551) 65; nimpt jm deswegen für, den geist zu fragen, unter einem glimpff, als ob es zu der astronomia den physicis dienstlich seye volksb. v. dr. Faust 44 ndr.; besonder hat sie papst Johannes hierzu bewegt, damit er seiner handlung gegen könig Ludwigs von Germanien seligen söhnen desto mehr scheyn und glimpffs machen köndte Stumpf Schwytzer chron. (1606) 239a; deshalb Heinricus seines kriegs desto mehr glimpffs unnd fürschubs erholet ebda 72a; öfter neben ursach(e): so sye noch täglich solich ursach und glimpff z irer vervolgung geben Hutten op. omn. 4, 220 Böcking; da fand er leut, riethen im, er solt ursach suchen und ain glimpfen schepfen Knebel chron. v. Kaisheim 367 lit. ver.; und ein zenckische stetigs hadert und gern ein ursach oder glimpffen des wiederredens haben wolt Chr. Bruno de off. (1566) 10b; mit glimpf: und künnen sie (die botschaft) ie mit glimpf die leng mit nichte aufhalten, wir müessen unser antwort tuen Aventin bayer. chron. 5, 586 L.; mit glimpff unnd gutem grund Mathesius Sarepta (1571) vorr. 3a; der könig ausz Hispanien hat ... für, ... Franckreich unter seine herrschafften zu bringen: welches er vermeint zu dieser zeit mit mehrerm glimpff zu thun Fischart discours (1589) E 3a.
d) in rechtssprachlicher verwendung 'rechtsanspruch, rechtsgrund', auch 'rechtfertigung' und allgemeiner 'recht' überhaupt.
α) rechtsanspruch, rechtsgrund: (die herrn von Bayern schlossen ein bündnis) also dasz sie ainander helfen solten zu dem rechten wider meniglich, was iedermann glimpf und recht hett, darbei solt man in beheben (15. jahrh.) chr. d. dt. städte 5, 46; her Wilwolt der haubtman lihe dar ein ketten, die het achthundert gulden an guetm nobel golt, damit die schelk gar bezalt würden und kein vorderung oder schein ainiches glimpfs mer haben mochten Wilwolt von Schaumburg 192 lit. ver.; diser schriben geschachend vil hin und wider, darinn allweg jetwedrer sin glimpff dartätt Aeg. Tschudi chron. helv. (1734) 1, 46 Iselin. rechtfertigung: da santen sie ir ratzboten zu denselben fürsten und verantwortten sich und sagten iren gelimpf und waz die sache were (15. jahrh.) chr. d. dt. städte 2, 126; wir seyen frembd und das wir unser gelimpffen (wegen eines versehentlich geschehenen totschlags) schon sagen, so wirt uns nit gelaubt Fortunatus (1509) 58 ndr.; da er z seinem glimpfen meldet und so oft widerholet, sein abraisen sei mit wissen und willen der 13 gehaimen räte geschechen (16. jahrh.) chr. d. dt. städte 32, 301;

jetzt wiltu nun ausz frechem mut
dein sach mit worten machen gut
und wilt nur reden deinen glimpff
Wolfhart Spangenberg griech. dr. 1, 256 lit. ver.


β) allgemeiner 'recht überhaupt': damit menglich erkennen mög, ich glychförmiger rechten und glimpfs begeren sey H. Geszler formulare (1511) 61a; bes. in verbindung mit unglimpf (s. auch dort): wie nun der apt das vernam,

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schrieb er auch von stund an die eydgenossen, tät sin glimpff und der Appenzeller unglimpff dar Aeg. Tschudi chron. helv. (1734) 1, 615 Iselin; marggraff Albrecht ... verunglimpft (bei einer gerichtsverhandlung) die von Nürnberg mit einer groszen langen red und zohe den von Nürmberg so vil übels zu mit worten ... daz konten die von Nürmberg nit bessern, denn daz sie ir antwort redlich und fölliclich darauf tetten, dabei man wol verstund, wer gelimpf oder ungelimpf hett (15. jahrh.) chr. d. dt. städte 2, 199. archaisch: sie fanden ... keinen dem groszen wagnisz gewachsenen anführer, der mit ihnen ihre sache zu glimpf und recht hätte durchführen können E. M. Arndt schriften f. u. an s. l. Deutschen (1845) 3, 591.
2. 'milde'.
a) prägnanter 'nachsicht' vgl. 2glimpfen A 2:

er (der teufel) ist ein steter hirte
und hütet sin mit schimpfe.
er ist ane gelimpfe
gein sinen schafen
H. v. Langenstein Martina 308, 42 Keller;

darumb will er es nit für ain ubeltat halten, sunder im selben etwas glimpff schöpffen H. Neidhart Terenz Euchnuchus 103 lit. ver.; er ... gleichwol hiebei den glimpf nützlicher fande als gewalt zu brauchen A. U. v. Braunschweig Octavia (1677) 2, 1125;

erweicht ein bebend weib nun weder glimpf noch pein?
Gryphius teutsche ged. (1698) 1, 127;

sind selbst vermutlich fro, dasz ietzund durch verstandt
und glimpff erworben wird, was jhre strenge hand
zu schaffen nie vermocht
Opitz opera (1640) 1, 1;

wie wenig, liebster gott, bedürft ich, mich zu retten ...
... (wenn) glimpf und billigkeit bey einem richter wär!
Chr. Günther ged. 69 lit. ver.

meister sprich, und dann verzeihe,
dasz ich also heut mit schimpf
traf des hohen hauptes weihe:
zeige deines herzens glimpf!
Cl. Brentano ges. schr. (1852) 3, 291.

... ich möchte
nicht mehr so glimpflich mit dem meineid handeln,
denn dieser glimpf ist alles unheils quell
Raupach dram. w. e. gatt. (1835) 6, 99.


in der beim ganzen wort überaus häufigen, zum teil adverbiell erstarrten wendung mit glimpf: die ein sanfften und vertreglichen mut haben und alle sach mit glimpf handeln Mathesius Luther 142 Lösche; aber wan man jnen mit beschaidenheit zukommet, sie senftiglich mit glimpf hinterschlaichet, jnen mit linden worten jre unweis ausredet Fischart phil. ehzuchtbüchl. 139 Kürschner; gleichwol hätte er ... alles mit glimpf, nichts mit gewalt ausgerichtet Lohenstein Arminius (1689) 2, 948a; (wer sich selbst kennt) wird von allem, was er siehet oder höret, mit glimpffe urtheilen Bodmer-Breitinger disc. der mahlern (1721) 1, 5;

er forderte mit glimpf, und da ward mehr versprochen,
als sonst tyrannen aufgebracht
Gottsched ged. (1751) 31;

aber es (das tadeln) geschah doch mit möglichstem glimpf,
ohne alle obige drohung und schimpf
Kortum Jobsiade (1799) 3, 68;

mit glimpf gesprochen heiszt es kindisch geurtheilt Cl. Harms aufs. u. kl. schr. (1853) 22; ganz formelhaft in concretem bezuge:

so reizend tönt und rauscht kein schnell entstandner süd,
kein rascher uferschlag mit glimpf gewälzter wellen neuer büchersaal (1745) 2, 516;

wie glimpflich davonkommen auch mit glimpf davonkommen: in schweren verworrenen geschäfften musz mans offt machen wie die seyler, für sich drehen und hinder sich gehen, dasz man mit glimpff davonkompt Lehman floril. pol. (1662) 1, 302; ähnlich Zinkgref-Weidner teutscher nat. weish. 3 (1653) 55; ebenso: und gedachte nach ... mit glimpff herumbzukommen volksb. v. dr. Faust 44 ndr. noch heute mundartl. Crista Trier 96b; rhein. wb. 2, 1273; ostfries. he is d'r nog net äfen mitn glimp ofkamen Doornkaat - Koolman 1, 638. mit jüngerer abwandlung in glimpf: den vorwurf krasser und wesentlicher unwahrheit muss ich freilich abwehren,

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thue es aber ... in allem glimpf J. Grimm in briefw. zw. J. u. W. Grimm, Dahlmann, Gervinus 1, 517 Ippel; Johannes (war) nicht der, welcher solche abweisung in glimpf hinnahm Alexis Roland v. Berlin (1840) 2, 68.
neben ähnlichen ausdrücken: also gehandelt werden von eynem freunde, ... der meinen glimpff und gtwilligkeit offt erfaren Hutten opera omn. 2, 182 Böcking; sol jemands mit glimpff und güte sie (die bauern) zu was bringen Luther werke 28, 643 W.;

(wir wollen) ihnen erstlich im glimpff und güt
eröffnen unser herz und gmüth
J. Ayrer dramen 274 lit. ver.;

sollen sie (die bergwerksbeamten) die ihnen untergebene bergleute mit allem glimpff und liebe regieren Chr. Herttwig bergbuch (1734) 47a; (der mann musz) dem weibe mit glimpff und sanfftmuth, was ihr zu thun und zu lassen anstehet, andeuten v. Hohberg georgica cur. (1682) 1, 94; die richter ... suchten zwar durch glimpf und besänftigung ... dem drohenden unheil entgegen zu arbeiten Bürger werke 1, 409a Bohtz; ew. durchlaucht geben ein muster von glimpf und nachsicht fürst Pückler briefw. u. tageb. (1873) 3, 136. öfter auch neben bescheidenheit (verstand): vil vernünfftige herrn stilleten mit gelimpff und bescheidenheit jre jrrige unterthanen Mathesius Luther 421 Lösche; (herzog Heinrich zu Freystadt) stillete durch seine bescheidenheit und glimpff manche unruh H. Rätel J. Curäi chron. (1607) 140; im fall ... glimpff und bescheidenheit nichts richtete, ... müste er ihme wieder mit der schärfe begegnen Butschky Pathmos (1677) 622.
gerne auch mit gegenüberstellung des gegenteils: ernst schaft oft viel grössern nutzen als zu viel glimpf Lehman florileg. pol. (1662) 1, 364; weder glimpf noch ernst mäszigten den trotz der beiden fürsten H. Zschokke ausgew. schr. 31, 46. weiter in redensweisen wie: ernsthafftigkeit und glimpff müssen beysammen seyn Olearius pers. rosenthal (1696) 98; ernst und glimpff regieret wol Treuer deutscher Dädalus (1675) 1, 54; ein glimpfflicher ernst und ernstlicher glimpff ists best Petri d. Teutschen weissh. (1604) 2 V 3a.
in verbindung mit mischen:

geh und versäume nichts, nur mische glimpf mit pflicht
Gottsched deutsche schaub. 4, 229;

gar zu scharff macht schärtig. darumb musz auch bey einem regenten die gerechtigkeit mit freundlichkeit und die schärffe mit glimpff vermischet seyn P. F. Sperling Nicodemus 2 (1718) 1010; sie sollen die ernsthafftigkeit jhres gebiets und gewalts mit gelimpff und gelindigkeit vermischen J. Barth weiberspiegel (1565) e 4a; ähnlich wir haben das vertrauen zu ihrer einsicht, dasz sie am gehörigen orte glimpf mit nachdruck zu verbinden wissen werden Gotter ged. nachl. (1802) 15.
mit adj. wie gut, edel u. ä.:

du wisse, dasz ein sinn, dem guter glimpff gebricht,
am allerhöchsten fällt
Opitz opera (1646) 1, 185;

meint ihr, wird der kleine brave
lassen sich mit gutem glimpf
gnügen die geringre strafe?
Rückert werke (1867) 1, 84;

nu aber mein gütiger glimpff umbsonst ist Luther werke 30, 2, 27 W.; wer würde die menschenliebe und groszmuth nicht an dem getadelten ehren, der die schwäche seines gegners mit edlem glimpfe zurecht gewiesen hätte? Gerstenberg Hamb. n. ztg. 289 lit.-denkm.; (kaiser Julianus) bezeigte mehrmals in religionssachen einen rühmlichen glimpf gegen die christen J. M. Schröckh christl. kirchengesch. (1779) 6, 352.
in verbalen wendungen:

die fraw sprach: Gredlein hab gelimpff! ...
du solt mich nicht melden altdt. erz. 226, 37 Keller;

denn, wer dem herrn befilcht sein sach,
... braucht glimpf, thut gemach
Mathesius Luther 153 Lösche;

wofern sie ... sich nicht ... des glimpfs unwürdig machen, den ich jetzo ... gegen sie gebrauche Liscow

[Bd. 8, Sp. 109]


samml. sat. u. ernsth. s. (1739) 101; ein überwinder musz auch bey seinem siege barmhertzigkeit und glimpf gegen die überwundenen bezeugen v. Fleming d. vollk. t. soldat (1726) 191; in der verbindung mit ziehen 'nachsicht haben' vgl. 2glimpfen A 2 a:

die kurzweil die ist nu volpracht,
herr wirt, das sei zu guter nacht,
und nemt vergut unsern schimpf,
zieht unser torheit in einen gelimpf fastnachtspiele 96 Keller;

ähnlich auch: der richter ... sich mit im selbes bedacht, peyden partey z liebe die verloffen sache in fride und gelimpffe z ziehen Arigo decamerone 344 lit. ver.
in anlehnung an 1 a im sinne von 'schonung, rücksicht' (vgl. auch glimpflich unter A 2 a):

so well wir zu unser küngin
aufs fürderlichst uns fügen hin
und ir mit gelimpf zeigen an
die sach (den tod des königs)
Maximilian Teuerdank 9 Goedecke;

ich sag dirs grad aus ohne glimpf bei
Hartmann volkschausp. 388;

ich wil von glimpf der lesenden meiner geschrift schweigen städtechron. 25, 14. dann auch 'vorsicht': ich thue die sache mit so viel glimpf, dasz ich glaube, nicht viel dabei zu riskieren Nestroy ges. w. (1890) 7, 135.
in gegenseitigen beziehungen soviel wie 'einvernehmen' (vgl. glimpflich unter A 2 a im sinne von 'versöhnlich, verträglich'): umb beszres gelimphen willen hat sich diese unsere ratsbotschaft desselben herrn von Haideck noch mere gemechtigt und erboten (15. jahrh.) chr. d. dt. städte 2, 135; die wendung um guten glimpfs willen im gleichen sinne auch mnd.: umme gudes gelimpes willen ebda 36, 285; 30, 324. neben gleichbedeutenden ausdrücken: Melo ... ermahnet sie zum glimpf und eintracht Lohenstein Arminius (1689) 2, 230; (es ist) erwünscht gewesen, unsz alles deszen an unszerem orth zu befleiszen, was zu gutem vertraulichen, deutschen und aufrichtigen vernehmen, glimpff und gemach mit den genannten herren fürsten und ständen dienlich seyn möge (1619) acta publ. 2, 306 Palm.
b) allgemeiner 'wohlwollen, gunst': er war feigherzig genug, dem kardinal ... wie für einen unverdienten glimpf ... zu danken K. Fr. Becker weltgesch. (1801) 8, 325; neben ähnlichen ausdrücken:

erlangt so gross gnadt, gunst und glimpff
dem gantzen volck von Israel
Hans Sachs werke 10, 508 lit. ver.;

jhme (hat) solches ... bey vilen sondern gunst und glimpfen gemacht J. Nas antipap. eins u. hundert (1567) 1, 228a;

wenn er auch gunst und glimpf mag königen erzeigen
J. Rachel sat. ged. 75 ndr.;

glimpf und gunst sind starke stützen
Fr. W. Weber Dreizehnlinden (1907) 336;

durch glimpf und huld bezwing ich ihn gar bald!
Gottsched schaub. 1 (1741) 207.

im schweizer. auch 'erlaubnis', vgl. 2glimpfen im sinne von 'gestatten' (s. d. unter A 2 a): sie wär mit im hinweg zogen, wo er ir het glimpf geben (1521) bei Staub-Tobler schweiz. 2, 626; (kein ort darf den seinigen) glimpf geben, dasz sie etwa heimliche dienste suchen (1636) ebda.
 
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glimpfbruch, m., ehrabschneiderei; zu 3glimpf, m., 1 b: beym herrn v. W — blieb es bey der trauer, allein seine gemahlin war so betrübt, dasz die schmähsucht zum glimpf- und namenbruch ... gelegenheit genommen hätte Hippel lebensläufe (1778) 2, 272.
 
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glimpfeisen, n., stolleisen, eine auf einem kurzen pfahle befestigte runde eiserne platte, auf der die weiszgerber und handschuhmacher die gar gemachten häute hin und her ziehen und dadurch ihre geschmeidigkeit vermehren, vgl. Jacobsson 4, 303 ff.; zu 2glimpfen B 1: glimpfeisen der handschuhmacher hard Schrader deutsch-franz. wb. (1781) 1, 556.
 
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glimpfen, vb. herkunft und form.
man hat zwischen einem starken verbum und einem denominativum zu glimpf, adj. oder m., zu unterscheiden, s. 2glimpfen. das starke verbum ist innerhalb des hd. reichlicher

[Bd. 8, Sp. 110]


nur im ahd. bezeugt, in späterer zeit einzig in unpersönlichem gebrauch. dem ahd. galimpfan, galimfan entspricht ags. gelimpan. daneben steht in gleicher bedeutung ahd. limpfan, limpan; ags. limpan; ags. auszerdem ālimpan und belimpan. die herkunft der wortfamilie ist unbekannt. die übliche, von Fick III4 363, Torp 373, Hellquist 438, Falk-Torp 634, Holthausen 203, Weigand-Hirt I 740 f., Kluge-Götze 210, Walde-Pokorny 2, 433 vertretene verbindung mit mhd. limpfen, ne. limp, nd. limpen, ädän. lumpe 'hinken', ai. lambate 'hängt herab, senkt sich, hängt sich an, zögert' scheitert daran, dasz sich die bedeutungen nicht befriedigend vermitteln lassen; die von Falk-Torp, Hellquist u. a. angenommene grundbedeutung 'gehen, fallen, gleiten' ist weder bezeugt noch paszt sie zu dem behaupteten zusammenhang mit ai. lambate, und dasz die bedeutung 'das passende' im präfix ga- liege, wird durch ags. limpan und ahd. limpfan widerlegt. bedeutung und gebrauch.
das ahd. galimpfan erscheint in glossierungen öfter synonym mit garisan gll. 2, 97, 51; 101, 6; 106, 19; 113, 66 St.-S.; Benedictinerregel (s. u.). es übersetzt
1) lat. competere, convenire (s. u.) und pertinere ad Tatian 138, 3 Sievers, vgl. ags. limpan to 'pertinere ad' Bosworth-Toller suppl. 618b: nihil amplius gerant quam illa sola singuli, quae parrochiae propriae competunt kalimfant gll. 2, 97, 31; 106, 19 St.-S.; de honore monachis competente kalimphanteru ebda 2, 101, 6; 113, 66; unsaremu inhucti kalimfanti (nostro sensui conpetens) Murbacher hymnen 8, 7 Sievers; so er ... chiusit, uuaz iogelichemo gelimpfe, danne gibet er imo, daz er imo bechennet limfen (qui, cum ... respexit, quid unicuique conveniat, agnoscit et, quod conuenire nouit, accomodat) Notker 1, 283 Piper; dien anderen ahon umbe sih rinnenten, geteta si mit iro giezon under sie gemisten dia metemscaft tiu darazu gelamf (quibusdam riuulis intermixtis quantum pensabat moderatio temperabatur) ebda 1, 707.
2) in unpersönlichem gebrauch übersetzt (ge)limphit lat. decet, condecet mit dem infinitiv oder abhängigem satz, mit und ohne dativ der person: uzzan so discoom kerisit hoorreen demu meistre so ioh imu forakesehantlihho indi rehto kelimfit alliu kesezzan (sed sicut discipulis conuenit oboedire magistro, ita et ipsum prouide et iuste concedet [l. condecet] cuncta disponere) Benediktinerregel 3 Steinmeyer kl. ahd. sprachdkm. 203, 9;

uns limphit, wir mit willen guatalih irfullen
(decet nos implere omnem iustitiam)
Otfrid 1, 25, 12 Erdmann;

Tatian 14, 2 Sievers; im Tatian sehr häufig für lat. oportet: gilimphit simbolun zi betonne, nalles zi bilinnenne (oportet semper orare et non deficere) 122, 1; ni gilamf thir zi miltenne thines ebenscalkes (non ergo oportuit et te misereri conservi tui), soso ih thir milti uuas? 99, 4; auch einmal für licet: bithiu gilimphit in sambaztag uuola zi tuonne (licet sabbato bene facere) 69, 6.
jüngeres unpersönliches es glimpft weicht in der syntaktischen verwendung von dem ahd. ab; es ist auch nicht in eindeutig starken formen bezeugt. da es aber nicht an das allgemein factitive denominativum anzuschlieszen ist, wird man es doch mit dem ahd. starken verb zu verbinden haben: kalimfan ... hodie non amplius auditur. utimur tamen impersonali es glimpfet nicht non congruit, non decet Wachter gloss. germ. (1737) 596; vgl. auch gelympen licere, decere v. d. Schueren Teuth. 116b Verdam;

swelch kint schimpht, der schimphe also,
daz man dervon nien werde unvro.
bœs ernst kumt von bœsem schimphe:
man sol schimphen daz ez glimphe (hs. gelimphe)
Thomasin v. Zirclaria wälscher gast 662 Rückert;

und habend aber alle alten, die ich gesehen hab, also daruon (von der textstelle) geredt, wiewol uns dasselb nit zwingt, aber es glimpfet H. Zwingli über M. Luthers bch bekentnusz genant (1528) 65a; auch reflexiv: wir mainten, dasz sich das nicht gelimpfen wurd, dasz wir unerfordert also z im reiten (1425) herzog Wilhelm bei Schmeller-Fr. bair. 2, 468.

[Bd. 8, Sp. 111]



 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) glimpfen, vb. , denominativum zu glimpf, adj. oder m., ist gegenüber dem starken verbum auszerhalb des mhd. und nhd. nur bezeugt in mnd. gelimpen. daneben steht wieder das simplex mhd. limpfen, mnd. limpen, das im part. prät. nicht immer scharf abzutrennen ist. isl. lempa sig eftir e-u 'sich in jmd. schicken', norw. lempa 'einrichten, fügen, vorsichtig bewegen', aschw., schw. lämpa 'anordnen, einrichten, fügen', dän. lempe 'einrichten, ordnen, frieden stiften, mildern, etwas behende, vorsichtig oder behutsam bewegen oder anbringen' sind aus dem mnd. entlehnt, und zwar entweder nach Falk-Torp 634, Brøndum-Nielsen gammeldansk gr. 1, 267, dansk ordbog 12, 625, Torp 373 aus (ge)limpen 'glimpflich behandeln' oder nach Hellquist 438, Seip lneordstudier 2, 106 aus einem zu erschlieszenden *gelempen < lampjan. aus dem dän. stammt dann wieder nordfries. lempe 'glimpflich behandeln, sich nach jmd. fügen' (Outzen 184), 'mit behutsamkeit zu etwas gelangen' (Jensen 320), wie auch die dazu gehörigen substantiva nordfries. lemp, m., 'gelindigkeit, behutsamkeit' (Outzen, Jensen), 'vorsicht' (Jabben fries. sprache d. Karrharde 34) und schlesw. lemp, f., 'glimpf, angemessenheit' (Mensing 3, 451) aus dän. lempe 'behendes, vorsichtiges, behutsames oder listiges verfahren, guter leumund, ehre' entlehnt sind.der nhd. schriftsprache ist das verbum seit dem 19. jahrh. fremd. lebendig ist nur noch das entgegengesetzte verunglimpfen (s. d. u. vgl. unglimpfen). mundartlich hat sich dagegen auch glimpfen oberdeutsch gehalten; schweiz. glimpfen Staub-Tobler 2, 627; glimpfa Bühler Davos 1, 50; 2, 93; kärnt. glimpfn Lexer 116; els. glimpfen Martin-Lienhart 1, 259. ob schweiz. glümpfen Tschudi chron. helv. (1734) 1, 626 Iselin gerundet ist oder altes u besitzt, steht dahin (vgl. unter glümpfen).
das denominativum lehnt sich in seinen bedeutungsstufungen an das adjectiv und substantiv an; da das adj. glimpf nur schwach belegt ist, ist im folgenden auch glimpfig und glimpflich zu vergleichen. bis auf vereinzelten mundartlichen gebrauch und gelegenheitsbildungen (s. DWB B 2 bezw. am schlusz von A 2) erscheint glimpfen als factitive ableitung.
A. abstract.
1) 'angemessen, schicklich machen' entsprechend glimpf, adj., 1 (vgl. glimpflich A 1 a); vgl.lympen 'aptare' (1425) bei Diefenbach gl. 43b.
a) allgemeiner nur mhd. bezeugt:

der boc ensolte do niht me
des tempels opher meren ...
got duhte ein niuwez leben guot ...
die mirren und den wirouh
begonde er für daz dimphen
der kelber sit gelimphen
Konrad v. Würzburg goldene schniede 1406 E. Schröder;

kuchenknecht und dy pfaffen,
dy kunnen des nachtz wol schimpfen,
doch schol man es gelimpfen,
das es nit schad den frawen Münchener hs. bei
Schmeller-Frommann bair. wb. 1, 1476;

getriuwer sun Achille,
kein übel du gelimpfe!
unhovelicher schimpfe
nicht lache, noch ensmiere!
Konrad v. Würzburg Trojanerkrieg 15015 lit. ver.


b) rechtssprachlich bis ins 16. jahrh. gebräuchlich, entsprechend 3 glimpf, m., 1 a und glimpflich A 1 b.
α) 'eine sache rechtlich begründen, verteidigen, rechtfertigen': ir meinet, eur unrecht zu gelimpfen und uns zu beschulden (15. jahrh.) mon. Habsburgica 2, 91 Chmel; mnd.: (wenn ein reicher nicht recht getan hat, sind viele) de ydt gelimpen (iustificaverunt) Sirach 13, 26 Magdeb. bei Schiller-Lübben 2, 45a; mit dativ der person 'für jemanden in einer sache eintreten': ich sihe wol, du pist sein fürsprech und advocat, ich het dich wol dahaimen gelassen, so du jm sein sach glimpffen wilt A. v. Eyb spiegel d. sitten (1511) J 7a; schirmet und glimpffet jm sein sach, bei mencklichem, so hoflich er immer mocht Joh. Stumpff keiser Heinrichs des vierten historia (1556) 14b;

[Bd. 8, Sp. 112]


du magst wol des preutigams freunt sein,
das du im sein sach hilfst glimpfen fastnachtspiele 188 Keller;

ohne sachliches object 'für jemanden eintreten, stellung nehmen': darin unser eidgenossen den puren glimpfend und gestand gebend (1529) bei Staub-Tobler 2, 627; da der ein dem andern glimpfet und recht gibt (1585) R. Gualth ebda; umb hilf dem kung sollen unser botten glimpfen vor den eitgenossen (1417) ebda; reflixiv dementsprechend 'sich ins recht setzen': und darum lieber bruder, so mögen wir ew. lieb in ganzen treuen wohl rathen, dasz ihr solches jägergeld von stund an gänzlich abschaffen und das auch hinfür nimmer nehmen wollet, wann sicher dadurch herzog Ludwig sich so fast glimpfen und uns unglimpfen würde (1432) baier. landtagshandl. 1, 65 v. Krenner. an diese verwendung anschlieszend heiszt es noch heute elsäss.: (die eltern) glimpfen eme kind 'nehmen es gegen bestrafung oder tadel anderer in schutz' Martin-Lienhart 1, 259.
β) 'als recht befinden, billigen': und sey her Jorgen vorsprechen nit gelimpfft worden, das di Ridlerin zwayer oder dreyer tod sterben sollte (1455) mon. Boica 20, 470.
2) entsprechend 2glimpf, adj., 2 (vgl. auch glimpf, m., 2 und glimpflich A 2)
a) mit dativ der person und accusativ der sache im sinne von 'jemandem etwas nachsehen':

darumbe soltû mir vergeben
daz ich dir niht gelimpfe nû,
vil herzelieber sun, daz dû
vor gotes ougen schuldic stâst
und sêre missetreten hâst
ûz keiserlichem prîse
Konrad v. Würzburg Silvester 2471 Gereke;

schon wachter schon den hal, ...
ich kan dirs nit gelimpffen,
das du mir schreckest den werden gast
Hätzlerin liederb. 1, 23, 13 Haltaus;

der mir umb mancherlai sachen unpillich veintschaft tregt umb sein aigen ungetat, die ich im nit gelimpfen wolt, als er geren gehept hett (15. jahrh.) städtechron. 5, 300, 17; die Ulmer ... glimpfften jn (dem abt und seinem hof) jr schlemmen vnd hoffhalten Seb. Frank chron. Germ. (1538) 63a; den predicanten jre freyen und hizigen reden, so sie an der cantzel mit dem, das sie dem gemainen mann der schulden unnd anders halben glimpfen und die oberkait zu heftig antasten, üeben, zu verweisen (1544) bei v. Schmid schwäb. wb. 234;

so sündlich ir kind wölltend schimpfen,
sönd sy in keinswegs darin glimpfen,
nit lachen und nit schmollen dran
Joh. Aal Johannes (1549) 7 b;

wem man ain ding glimpffen wil, dem glimpffet man es, wem man aber übel will, der hat sich verprennt bei Schmeller-Fr. bair. wb. 1, 1476; (die allegorie lenkt unsern sinn auf uns selbst und unsere fehler) wodurch unsrer eigenliebe, die sich nicht leicht zur verbesserung der sitten verstehen kan, ... trefflich geglimpfet wird J. Breitinger crit. dichtkunst (1740) 1, 179; mundartlich: 'die eltern glimpfen eme kind, wenn sie es wegen eines fehlers nicht bestrafen' Martin-Lienhart els. wb. 1, 259; schweiz. glimpfn 'einem etwas hingehen lassen, nachsehen, fast zur übertreibung gütig sein, besonders wegen einer sache, die getadelt werden sollte'; du muszt ihm nicht glimpfen 'du muszt nicht so nachsichtig gegen ihn sein' Stalder 1, 454; Staub-Tobler 2, 627; Bühler Davos 1, 50.
entsprechend 3glimpf, m., 'erlaubnis' (s. d. unter 2 b) soviel wie 'gestatten': Justinianus nötet den patriarchen, daz er jms solt glimpffen, das ehr unser frawen kirchen neben dem palatz oder schlosz niderrisz Seb. Franck chron. Germ. (1538) 63a; und ob mir nicht billich zugeben werde unnd geglimpfft, auff solchen grundt nicht auffzuhören, sonder für und für zu schreiben Paracelsus opera (1616) 1, 198 H. als poetische gelegenheitsbildung erscheint nichtfactitives glimpfen im sinne von 'nachsichtig sein' mit der praep. mit:

... ja er glimpft
jetzt nicht mit euch
Immermann w. 13, 61 Hempel.

[Bd. 8, Sp. 113]



b) mit accusativ der sache im sinne von 'lindern':

wer mac die nôt gelimphen,
diu von strîte dâ geschach?
Konrad v. Würzburg Trojanerkrieg 33882 lit. ver.;

dasz sie allesampt wollten hellfen die sach stillen, glimpfen und zum besten foddern Luther briefe 5, 55 de Wette;

seine (Noahs) botschaft durchdrang die nieren der söhne mit schmerzen,
ob er gleich glimpfenden trost in seinen ausdruck gemenget
Bodmer Noachide (1765) 175.


c) reflexiv 'sich freundlich zeigen', vgl. glimpfig 2:

ward heimlich auf mein fusz getreten
und mit verdeckten worten peten,
das ich mich gen ir solt gelimpfen
und solt ein wenig mit ir schimpfen fastnachtspiele 262 Keller;

und will ein wenig mit ir schimpfen,
si wart sich auch zuo mir gelimpfen ebda 339, 27;

hierher wohl auch: dasz wir uns selber mit dem herlichen titel des christlichen namens liebkosend und gelimpfend (1555) R. Gualth bei Staub-Tobler a. a. o.
B. in concretem bezuge findet sich vereinzelt wie limpfig (s. unter glimpfig 3) limpfen von der speise im sinne von 'bekömmlich sein': man sol täglichs den brüdern das warmosium (eine speise) geben ... und das darumb, ob ainicher brder von den dryen trachten, die im teglichs gegeben werden, von krankhait sines magens nit gespist möcht werden, das doch er von dem warmosium, von limpfende des essens gefürt werde (pro lenitate cibi reficiatur) G. Oheim chronik von Reichenau 56 Brandi; fraglich bleibt hier, ob es nicht zu 1glimpfen gehört.
entsprechend 2glimpf, adj., 3 (vgl. glimpfig 3 b und glimpflich B)
1) factitiv 'weich, geschmeidig machen': schweiz. glimpfen 'biegsam machen' Staub-Tobler 2, 627; übertragen 'nachgiebig machen' ebda; vgl. nd. limpen 'behende maken' (15. jahrh.) bei Diefenbach gl. 272a unter habilitare sowie DWB glimpfeisen.
2) intransitiv 'weich biegsam sein': kärnt. glimpfn 'flink schnell biegsam sein' Lexer 116; vgl. nd. limpen 'behende wesen' (15. jahrh.) bei Diefenbach gl. 272a unter habilitare.
 
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glimpferig, adj., seltener neben glimpfig, glimpflich; abgeleitet von mhd. glimpfer, einem nomen agentis zu 2glimpfen im sinne von A 1 b α, wie es vorliegt in:

nû ist der glimpfer âne zil,
sô vil die nû die bôsheit
minnert für die rehtekeit ...
... wan in die glimpfer bî
gestant ir mordes, dâ von sî
ze triuwen hânt kein minne
Konrad v. Würzburg Trojanerkrieg 49670 ff. lit. ver.

die theologen haben ... eben die lehr ... bestetiget und für gut gegeben, doch mit andern und glimpferigen, das ist mit falschen worten S. Huber gründtl. antwort (1592) 253.
 
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glimpfform, f., von A. Stöber bei Frommann dtsch. ma. 2, 501 für die abmilderungen der flüche gebraucht, zu 3glimpf, m., 2 a: glimpfformen und verkleidungen von verwunderungsausrufen, betheurungen, verwünschungen und flüchen.
 
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glimpfig, adj. adv. , zu 3glimpf, m., oder zum verbum glimpfen. auf deutschem boden seit dem mhd. belegt; mhd. gelimpfec, im älteren ndl. glimpig. daneben stehen seltener präfixlose formen: limpfig Frisius (1556) 1300b neben glimpfig 1422a; limpig brem.-nds. wb. 3, 73. ne. mdartl. begegnet limpey, limpy, dessen ae. entsprechung aber hinsichtlich des präfixes unsicher ist. in der heutigen sprache ist das wort durch glimpflich verdrängt; nur die oberdeutschen maa. haben es daneben bewahrt; Lexer kärnt. wb. 116; Martin-Lienhart els. wb. 1, 259; Staub-Tobler schweiz. 2, 628; Tobler Appenzell 300; Fischer schwäb. 2, 696. schweiz. daneben auch glumpfig von ablautendem glumpf. glimpfig ist nicht immer scharf zu unterscheiden von dem auf glumpf zurückgehenden glümpfig. mit i > e: glempffige ablagerung bei Fischer schwäb. a. a. o. vereinzelt

[Bd. 8, Sp. 114]


die nebenform glimpfing Reuchlin erste olynthische rede 18 Poland.
1) zu 3glimpf, m., 1 oder 2glimpfen A 1 'angemessen'; vgl. idoneus gelimphig, gelimpick (md. voc. 15. jahrh.) Diefenbach gl. 284b.
a) vorwiegend im sinne von 3glimpf, m., 1 a 'schicklich, anständig':

in eren und in tugent glimpffig,
hübsch, kurtzweilig und schimpffig
Hätzerlin liederb. 1, 40 Haltaus;

sihe wie schimpfig, glimpfig ist jr gebert, wie wolgezogen sind jr weibes wort und wandel Hartlieb das buch Ovidii v. d. liebe (1482) 3b; weyl in einem so geringen tractetlein, das gantz glimpffig anzusehen ist, so viel unwarheit stecken, was wirt dann in den groszen lästerbüchern des Schmidlein verborgen liegen? Joh. Nas antipap. eins u. hundert (1568) 16b; mit solchen worten (würdest du) die schmach und ubelnachredung also glimpfig von dir leihnen und sie auf deine widersächer trechen Höniger narrenschiff (1574) 151b; mit bevelch, sollichs herzog Sigmunden zum füglichsten und glimpfigisten, sie könten, fürzubringen Zimmerische chron.2 1, 517, 15 Barack; als nun derselbig sahe, das er nit vil uszrichten, nam er ein glimpfigen abschidt und zoge wider darvon ebda 4, 167, 15; vgl.:

eyn nüwer heylig heisszt Grobian ...
herr Glymflus ist leyder dot
Seb. Brant narrenschiff 72, 7 Zarncke.

häufiger vom sprachlichen ausdruck vgl. unter gelimpf und ungelimpf, adj.: mit senften, glimpfigen worten Brenz bei Fischer schwäb. 3, 696; sie hueb im das mit glimpfigen worten mehrmals uf (dasz er über ein halbes jahr nicht zu seiner gemahlin gekommen war) Zimmerische chron.2 2, 379 Barack; neben entgegengesetzten ausdrücken: darumb (reden sie nicht mehr mit der groben päpstlichen sprache, sondern) schen sie die allerglimpffigste wort, so sie jmmer erdencken mögen Osiander v. d. falschen lehr d. Jesuiter (1568) 3; das du nit rauhe oder harte, sonder glimpfige und liebliche wort reden sollt J. Lorichius v. d. weltl. eitelkeit verachtung (1586) 361; in abfälligem sinne: wenn aber die person gros ist, ... mus besorgen ein unglimpff odder schaden ... da schnitze ich die wort dünne, machs glimpffig, kan wol feder lesen und mit der warheit unter die bank Luther werke 19, 326 W.; ihr solt ... nicht hören und anhören die glimpffige, verborgene, verzuckerte, guldene, süsze wort eines oder des andern Amasii Abraham a s. Clara Abrah. bescheidessen (1754) 3.
b) zu 3glimpf, m., 1 d oder 2glimpfen A 1 b 'rechtlich begründet, billig, rechtfertigend': gelympig equus Diefenbach gl. 207a; und umb denselben todslag Fulvius für gericht ervordert ward: mocht sin redner die gedat zereinigen oder glimpfig ze machen Fr. Riederer spiegel d. waren rhet. (1493) a 7a; unnd wie wol meyns glympfigen vordrens unnd z recht erbietens vormaln geng were H. Geszler formulare (1511) 61a; alle glimpfige fürwendung, bitt und erbieten Christoph v. Württemberg briefw. 3, 12 Ernst; (wenn du) kanst glympffig verantworten Luther werke 34, 1, 342 W.
2) 3glimpf, m., 2 a oder 2glimpfen A 2 a entsprechend 'milde, nachsichtig': (Paulus) ghet glimpfig mit in (den Korinthern) umb Luther werke 20, 433 W.; (dasz man) all jhr fäl auffs aller glimpffigest dartht Seb. Franck chron., zeitbuch (1550) 1, 141a; Peter Eterlein beschreibt die histori der Abaceller ein wenig glimpfiger ders. chron. Germ. (1538) 227a; häufig verbunden mit nahestehenden ausdrücken: dan wen man jnen (den römischen priestern) disse narung ... entzogen hat, so werden sie ... ingemein glimpffiger und gütiger werden A. v. Hutten opera 1, 395 Böcking; und darumb das markgraf Fridrich so glimpfig und gutwillig gegen uns auf dem tag was zu Anspach städtechron. 11, 585 Nürnberg; Luther ... sey gantz fridlich, senfftmütig unnd glimpfig gewesst Joh. Nas antipap. eins u. hundert (1567) 1, 209b; vgl. glimpfigsein: es ist die ... höchste tugend an einem richter freundligkeit,

[Bd. 8, Sp. 115]


sanfftmut und glimpffigsein Mathesius Syrach (1586) 18a. in heutiger ma.: glimpfig mit eim verfare Staub-Tobler a. a. o. sich an 3glimpf, m., 2 b anschlieszend 'geneigt': gedachte er (Hannibal), wo er das, so jm angebotten war, annem, wurde er sie vielleicht desto sorgfeltiger und auch glimpffiger machen W. Xylander Polybius (1574) 153; damit ich aber ine wider glimpfig gemacht ... hab ich ime 100 berlen ... abkaufft Krafft bei Fischer schwäb. 3, 696; von der frau fast soviel wie 'willfährig':

und scharper pfeifer und glimpfig preut ...
die dink fügen alle wol zusammen fastnachtspiele 708 Keller;

verbal sich glimpfig machen, vgl. sich glimpfen in gleicher bedeutung bei 2glimpfen A 2 c:

welche frau sich zu glimpfig macht fastnachtspiele 692 Keller;

in heutiger ma. 'nachgiebig': ma hat ihn glimpfig gemacht Fischer schwäb. a. a. o.
3) in concreten bezügen tritt zufrühest das simplex limpfig auf, ausgehend von der bedeutung 'angemessen' in besonderer anwendung auf die speise, entsprechend limpfen (s. unter 2glimpfen B) im sinne von 'bekömmlich': die spise, dü im nit linpfig waz, bot er ze tunken gen dem minnewunden herzen mit gtem globen, daz si im denne nit möhti geschaden H. Seuse 25 Bihlmeyer.
a) in einer übertragung wie bei dem worte mild (s. teil 6, 2207 unter 10c) vom wetter, anschlieszend an glimpfig 2: so bald aber das wetter eyn wenig glimpffig ward, understnd er, über das gebirg, montes Apenneni genant, in Hetruria z ziehen Carbach Livius (1551) 114b; hat sich der eingang dieses jahrs gantz glimpfig und warm erzeiget Schwelin württ. chron. (1660) 429; ob wol der wintter ... sollt herbey ruckhen, so ward noch immerzu fein glimpfig wetter Krafft bei Fischer schwäb. 3, 696; auch mdartl. ebda; vgl. aurae tenerae der heiter, zart und limpffig luft Frisius (1556) 1300b.
b) ohne ein näheres verhältnis zu den bedeutungen von glimpfig 1 und 2 im sinne von: flexibilis das glimpffig oder widweich, das sich leychtlich bügt oder wendt Frisius (1556) 53b; cereus flecti weich und glimpffig gebügen ebda 210b; habilis ghelimpich (15. jahrh. nd.) Diefenbach gl. 272a; vgl. 2glimpfen B 'habilitare'. dann auch 'weich, zart, fein, glatt beim anfühlen' Staub-Tobler a. a. o. von der haut: meisterwurzöl macht eine glatte, glimpfige und lidtweiche haut Thurneiszer erdgewechse (1583) 7; Staub-Tobler a. a. o.; Martin-Lienhart elsäss. 1, 259; vgl. 2glimpf, adj., 3, und limpfig hend 'weiche hände' Tobler Appenzell 300. eine geschwulst ist glimpfig, wenn sie weich ist und bald aufbrechen wird Fischer schwäb. 3, 696. von wunden: agere humorem in vulnus ein wunden glimpffig machen, etwas feuchts oder glimpffigs darayn tröuffen Frisius (1556) 1422a; das fürnemste zeichen ist, wann kein schmerz mehr vorhanden und die wunden lind und glimpfig wird (1634) Felix Würtz bei Staub-Tobler a. a. o.; öl, wohin es kommt, macht glimpfig, sänftiget, milteret (1650) F. Wyss ebda. von körperlicher gelenkigkeit: der starret hals, mit disem (kranichschmalz) beriben, wird von stund an erweicken und glimpffig machen Heuslin Gesners vogelbuch (1557) 167b; modern mundartlich: gstarri, gstabeti, ruchi gliden werdid wider glimpfig Staub-Tobler a. a. o.; glimpfige finger Fischer schwäb. a. a. o. allgemein von körperlicher gewandtheit kärnt. glimpfig 'regsam, rührig, gewandt, schnell, behend' Überfelder 113; schwäb. glimpfig 'gelenkig, geschmeidig, vom animalischen körper' Fischer a. a. o.; ein glimpfiger bube, er hat kein glied ebda; els. glimpfig 'gelenkig, geschmeidig, gewandt' Martin-Lienhart 1, 259; e glimpfiger bueb ebda. von tuchen, stoffen u. ä.: die tücher nicht spiszig ... sondern fein glümpffig und im schmaltz wol gearbeitet (1601) bei Fischer schwäb. 3, 696 f.; ein jede wunden ... erfordert und will haben, dasz die binden, welche umb sie geschlagen wird, glimpffig seye und sich auszeinandern gebe, damit sie sich desto besser näher und satt anlege Felix Würtz practica d. wundartzney

[Bd. 8, Sp. 116]


(1612) 82; e limpfiges tuech 'ein zartes, feines tuch' Tobler Appenzell 300; side ist glimpfig (läszt sich leicht falten), zwilche ist unglimpfig Staub-Tobler a. a. o.; auch vom leder ebda; speciell im sinne von 'biegsam, geschmeidig' auch noch in der heutigen schweizer. ma. 'leicht anzuziehen, wie z. b. gummischuhe, dehnbar, z. b. von strümpfen, tuch, handschuhen usw.' Staub-Tobler a. a. o. sonst: glimpfige bänder von weiden (1638) bei Staub-Tobler a. a. o.; ein stock, geiszelstecken ist glimpfig Fischer schwäb. 3, 696 f.; von metall: aes temperare dem ertz ein zsatz gäben, das es geleitiger und glimpffiger oder handsamer werde Frisius dict. (1556) 1293a.
 
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glimpfige, f., zartheit, weichheit; substantivbildung zu glimpfig 3 b: glimpffige, zarte, weiche teneritas Frisius dict. (1556) 1301a; heute noch mundartlich die glimpfige 'die zartheit im anfühlen' Tobler Appenzell 300; die glimpfigi 'weiche, zarte beschaffenheit des körpers, zunächst von etwas, was sich ziehen läszt, z. b. von tuch, strümpfen' Stalder schweizer. id. 1, 454. auch ohne vorsilbe limpfige bei Tobler u. Stalder a. a. o.
 
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glimpflich, adj. adv. , zu 2glimpf, adj. adv., bzw. 3glimpf, m., oder zum verbum 1glimpfen, s. Wilmanns 2, 485. von anfang an auf deutsch-englischem sprachgebiet bezeugt; ahd. galimpflich; mhd. gelimpflich; mnd. glimplich; ae. gelimplic. noch überall lebendig: ne. limply, ndl. glimpelijk, nd. glimplich, limplik. in den hd. maa. allgemein, gelegentlich mit verdumpfung des i: glömflich Christa Trier 96; klempfli neben glimpflich Martin-Lienhart els. 1, 259. frühnhd. im obd. auch glimpfleich österr. weist. 6, 317, 32. 41. auch in der nhd. schriftsprache ist glimpflich bewahrt, vor allem in wendungen wie glimpflich verfahren, glimpflich davonkommen. neben ahd. galimpflīh steht ablautendes galumpflīh. über berührungen mit diesem wort s. glümpflich. in der bedeutung entspricht glimpflich dem adj. u. subst. glimpf.
A. abstract.
1) 'angemessen, gebührend'. in dieser allgemeinen bedeutung erscheint das wort am frühesten bezeugt. es entspricht darin auch am stärksten dem ahd. starken verbum gilimpfan 'competere, convenire' und ae. gelimplīc 'competens', (ge)limplīce 'conveniently', das aber daneben wie beim substantivum (ge)limp und beim verbum (ge)limpan bedeutungen aufweist, die auf deutschem boden nicht begegnen. es erscheint hier für: competens kalimflih (8. jahrh.) gll. 1, 9, 11 St.-S.; (hs. 9. jahrh.) 4, 221, 23; competenter gilimfliho (hs. 9/10. jahrh.) 2, 138, 35; (hs. 11. jahrh.) 2, 448, 14; consequenter (hs. 9. jahrh.) 1, 274, 16; congruenter (hs. 9. jahrh.) 4, 5, 32; decentissime (hs. 9. jahrh.) 2, 340, 17; diligentius (hs. 11. jahrh.) 2, 130, 45; taz mag uuola fone diu gelimflih sin, uuanda daz necessarium ist, taz ist ouh tarmite possibile Notker 1, 571, 23 Piper; ze demo iz kelimflicho gesprochen werde (ad quod conuenienter assignetur) ebda 1, 429; uuaz mag kelimflichor bezeichenen diabolum danne daz chalbis, dar man in anabeteta ebda 2, 297; ze puazzu kelimflihera (ad emendationem congruam) Benediktinerregel 43 Steinmeyer kl. ahd. sprachdenkm. 251; also ez danne gelimpflich, zimelich und reht wære (1278) bei Schöpflin Alsatia dipl. nr. 714; sie sun (sollen) die dienste tuon, die von alter zimlich, zitlich und gelimplich gewesen sint (1313) mon. Zollerana 1, 259; es soll aber ein jegklich mensch ... sinem rechten herren ... glimpfflicher und zimlicher diensten gehorsam sin Aeg. Tschudi chron. helv. (1734) 1, 276.
a) hauptsächlich vom benehmen 'schicklich, höflich', vgl.gelymplyck, themelyck, voychlyck decenter, honorifice v. d. Schueren Teuthonista 116a Verdam; er ist ... glimpflich und freundtlich (blandus et comis) Comenius janua aurea (1643) 831; sehr glimpfliche sitten modestissimi mores Stieler (1691) 673;

so senfte was die zarte,
daz nieman si bewarte,
und als gelimpflicher sitte,
daz nieman wart betrüebet da mitte
Walther v. Rheinau Marienleben 18 lit. ver.;

davon ist glimpflicher geschwigen wenn geredt Geiler v. Keisersberg seelenparadies (1510) 14a; es würde nicht

[Bd. 8, Sp. 117]


so glimpflich lauten, wan fluchs von anfange stünde: ich, der bürgermeister, und mein vater Schottel hauptspr. (1663) 756; die pristaffen ... meinen, sie würden ihrem herrn ... ein groszes versehen, wenn sie gegen frembde gäste ... etwa mit angenehmer höffligkeit und ehrerbietung sich herauslieszen und glimpfflich erzeigeten Olearius pers. reisebeschr. (1696) 96; der fischer verneinte ihre frage, empfing aber die vornehmen gäste glimpflicher als einst den armen pilger deutsche volksb. 2, 40 Simrock.
besonders von mündlichen oder schriftlichen äuszerungen: die redt höflicher und glimpflicher von sachen Terenz (1499) 39a;

dann er hett mich gewiss behend
mit schmachred geschmächt und geschend,
drumb trat ich auff ein andre ban
und redet jhn fein glimpfflich an
W. Spangenberg ausg. dicht. (1887) 135;

in dem hat der grosz cantzler ... gantz glimpflich mit vil verheiszungen an Sinan Bassa geschriben Stumpf Schwytzerchron. (1606) 36a; als dein alter freund hab ich das recht zu dieser frage und hätte eine glimpflichere antwort verdient Nestroy ges. w. (1890) 5, 48; du wärest sehr grob gewesen, er hätte dagegen sehr glimpflich geantwortet Hoffmann v. Fallersleben ges. schr. (1890) 7, 165.
mit stärkerer betonung des sittsamen, anständigen: mit schimpflichen schwencken gespicket (doch glimpflich ohn alle unzucht), die schwermütigen hertzen zu freuden ermundern Hans Sachs werke 10, 7 lit. ver.; es wäre disz ein tempel der keuschen und glimpflichen Diane Lohenstein Arminius (1689) 1, 481b; weilen der mensch zur liebe und erhaltung seines geschlechtes geneigt, dasz sie vor der ehe klüglich wehlen und in derselben sich glimpflich betragen v. Besser schriften (1732) 1, 114.
b) rechtssprachlich.
α) dem rechte gemäsz, soviel wie 'rechtlich, billig': also ob ez in mit rechten zugesucht wird oder sust gericht wird, so sol ein richter glimphleich die pss vordern ... wirdet si im dann mit recht erkannt, so sol der richter glimphleich darnach reiten (15./16. jahrh.) österr. weist. 6, 317; (sie) gaben dem herrn hochmeister einen andern eyd in schriften, der sie dünckte müglich und glimpfflich sein Schütz hist. rer. pruss. (1592) 4 Dd 1a.
β) vom subject aus im sinne von 'rechtfertig, rechtlich begründend', öfter in der wendung glimpflich verantworten: auch wan sein gnade begert hatte, im ein mercklich summe gelts zu leihen, dez sie sich auch von notturft wegen nach dem gelimftlichsten verantwort hatten (15. jahrh.) städtechron. 3, 374, 25; kan ers glimplich verantwortten, so thu ers Luther werke 34, 1, 342 W.; doch hett er gern die sach glimpflich verantwurt und sprach: es wäre also der schützen gewonheit Tschudi rhron. helv. (1734) 1, 238b Iselin; glimpfflich machen sc. cem pravam, justificare quod injustum est voc. Melber bei Schmeller-Fr. bair. 1, 1475. wiewol sie nit laugnen kunden, doch machten sie ihr sach auf das glimpflichest, so sie kunden (16. jahrh.) städtechron. 32, 430.
2)
a) 'gelinde, mild', prägnanter 'nachsichtig' vgl. 3glimpf, m., 2 a; früh in einer glosse: parcis fonna gilimflichan (hs. 11. jahrh.) gll. 2, 416, 6 St.-S. vom rechtsverfahren: so werden die anklag und urtheil auff glimpfflichere weise beschlossen Kirchhof milit. discipl. (1602) 257; das interesse des gläubigers ..., der seinen vortheil bey der äuszersten härte weniger als bey glimpflicherem verfahren fand Niebuhr röm. gesch. (1811) 2, 314; in gegenüberstellung zu ernst(lich), vgl. 3glimpf, m., 2 a: soll die beschickte person mit freundlichen worten in glimpfflichem ernst befragt werden Widman Fausts leben 374 lit. ver.; ein glimpfflicher ernst und ernstlicher glimpff ists best Petri d. Teutschen weissheit (1604) 2, V 3a; auch allgemeiner: ich meinte, sie (die politischen grundsätze) müszten glimpflicher zur anwendung kommen H. Laube ges. schr. (1875) 16, 130; von der strafe, der haft u. ä.: der ... führete ihm mit ... glimpflicher strafe zu gemüht, dasz er keinen guten hausshalter abgeben

[Bd. 8, Sp. 118]


werde Grimmelshausen Simplicissimus 502 ndr.; die glimpflichste haft ist eine probe auf den halt, den jemandes geist und charakter hat E. A. Roszmäszler mein leben (1874) 389; gegenüber einem gegner u. ä.: glimpfliches verfahren mit seinen feinden machet uns andere zu freunden Chr. Wolff gedanken v. d. menschen thun u. lassen (1720) 569; sie sollen glimpflich vorgehen gegen die farbigen H. Grimm volk ohne raum (1926) 2, 428; in sonderheit bei friedensschlüssen: also ward der krieg, darinn man sich gar eines grossens streytes versach, mit glimpfflichen sachen gelegt Andr. v. Regensburg 608 Leidinger; ein glimpflicher friede ohne territoriale opfer konnte Österreich mit dem Verluste seines deutschen einflusses versöhnen Meinecke v. Boyen 2, 19. von beurteilungen: es werde solches mild und günstigklich gedeut, glimpflich aufgenommen d. fruchtbr. ges. erzschrein (1639) 39 Krause; die Parther aber ... nahmen es nicht so glimpfflich auf A. U. v. Braunschweig Octavia (1677) 5, 273; folgende übersetzung, welche ich dir ... zu deiner glimpflichen beurtheilung übergebe Triller poet. betrachtg. (1750) 1, 397; glimpflicher sagt hr. Hermann, die änderung sei nicht elegant J. H. Vosz krit. blätter (1828) 1, 284; frauen (pflegen) solche verirrungen des herzens überhaupt glimpflicher aufzufassen M. Meyr erz. a. d. Ries (1868) 1, 33.
von mündlichen oder schriftlichen äuszerungen: sein zorn und seine drohungen schreckten mich so sehr, dasz ich allen meinen witz anstrengte, ihn durch glimpfliche worte wieder zu besänftigen Wieland werke (1794) 12, 117; meinte aber doch mer zu richten mit glimpflichen undt wol gewählten als mit ernsten worten Abraham a s. Clara pred. 80 lit. ver.; hat der sultan Bājazet sie mit glimpfflichen und guten worten gemildert und gestillet Kirchhof wendunmuth 2, 103 lit. ver.; wenn man sich genothdrungen findet, odiosa zu berühren, halt ich der sache sehr zuträglich, sich nach einer glimpflichen einkleidung umzusehen Musäus physiogn. reisen (1778) 4, 142; in besonderer anwendungsweise von mitteilungen, die man dem betroffenen 'schonend' beibringt: indessen war es mir doch auch lieb, dasz ich der mutter, durch glimpffliche vorstellung der gefahr, die sie durch diese angewehnte unart sich auf den halsz ziehen würde, den kopf ... zurechtgesetzet hatte Chr. Thomasius ged. u. erinner. (1720) 1, 19; ich habe mich nicht entbrechen können, durch diese ehrerbietige und glimpfliche vorstellung dem hn. M. Sievers zu zeigen, wie sehr er sich vergangen hat C. L. Liscow samml. sat. u. ernsth. s. (1739) 119; er war es, der ... mit glimpfflichen worten vor der ... gefahr warnte bei Eschenburg beispielsammlung (1788) 5, 434; bringe dies deinem vater möglichst glimpflich bei Gaudy s. w. (1841) 9, 161. auch von der gesinnung: die demagogen ... bequemten ... sich ... allmälig zu glimpflichern gesinnungen H. Zschokke s. ausgew. schr. (1828) 1, 342.
in gegenseitigen beziehungen soviel wie 'versöhnlich, verträglich, freundschaftlich':

ey man kan sich gar wol vergleichen,
wenn man sich sonst nachbarlich helt,
sich bescheiden und glimpflich stelt
J. Ayrer dramen 105 lit. ver.;

sprichwörtlich ein glimpfflich und bescheiden mann kan einem weib viel fehle abziehen Petri d. Teutschen weissheit (1604) 2, V 3a; man musz es nicht machen wie die schlangen in Syria, die gegen die einwohner gar glimflich sollen seyn, aber gegen ausländer gar gifftig Reinicke Fuchs (1650) 291; nicht weniger glimpfliche nachbarschafft erzeigten sie gegen den weltlichen fürsten v. Brandis ehrenkräntzel (1678) 213; es herrscht ein zutraulicher glimpflicher ton Hegel werke (1887) 19, 1, 223; wo der streit sich glimpflich entschied, durch vergleich und gleichgewicht Niebuhr röm. gesch. 1, 449.
am häufigsten und heute noch am geläufigsten in bestimmten verbalen verbindungen wie glimpflich handeln: und mich dunkt, das ich dennoch hiemit meinen Adam gantz hab ym zaum gehalten und glimpfflich gnug widder

[Bd. 8, Sp. 119]


hertzog Georgen, meinen feind, gehandelt Luther werke 30, 2, 35 W.;

dasz ich den ganzen tag
den pfad der tugend wandeln,
mit andern glimpflich handeln,
mir nichts verzeihen mag
J. A. Schlegel verm. ged. (1787) 2, 24;

ich möchte
nicht mehr so glimpflich mit dem meineid handeln,
denn dieser glimpf ist alles unheils quell
Raupach dram. w. e. gatt. (1835) 6, 99.

glimpflich behandeln: ich habe darin die geheimnisse und wunder nicht glimpflicher als in den briefen behandelt H. P. Sturz schriften (1779) 1, 160; nie wurde ein feind glimpflicher und schonender behandelt als damals die Franzosen von den Deutschen Moltke ges. schr. u. denkw. (1892) 2, 221. glimpflich verfahren: der feldmarschalck ... resolvirte vielmehr: das er ... mit den chursächsischen aufs glimpffligste als immer muglich ... verfahren wolte B. Ph. v. Chemnitz schwed. krieg 2 (1653) 405; aber so viel sieht man, dasz sie selbst mit Struensen etwas glimpflicher zu verfahren anfangen Lessing werke 18, 25 L.-M.; die welt ist glimpflicher mit meinen sachen verfahren, als sie es verdienen Winckelmann s. w. (1825) 11, 33; verfahren sie ja glimpflich und nachgiebig gegen einen solchen (gast) Göthe IV 40, 78 W. glimpflich umgehen: man musz glimpfflich und scharpff, wie es die sach erfordert, mit den beichtkindern umgehen Abraham a s. Clara etwas f. alle (1699) 1, 122; warum wäre man sonst glimpflicher mit ihm umgegangen als mit den drey vorhergehenden betriegern Lessing werke 8, 153 L.-M.; hei wüszte vel tau vertellen dorvon, dat de gerichten vel tau glimplich mit den gemeinen mann ümgüngen Fr. Reuter werke 2, 383 Seelmann. glimpflich hergehen: denn wenn ich ihn fortschicken musz, so dürfte es dabei lange nicht so glimpflich hergehen Pfeffel pros. vers. (1810) 5, 192; nicht so gemäszigt und glimpflich ging es 1176 bei einem ... streite zwischen den erzbischöfen von York und Kanterbury her Raumer gesch. d. Hohenstaufen (1823) 6, 100.
in verbalen fügungen wie glimpflich abgehen, ausgehen, ablaufen u. ä. bezeichnet glimpflich soviel wie 'gerade noch glücklich', 'ohne sonderlichen nachteil': wären es landratten gewesen, es wäre nicht so glimpflich abgegangen H. Schmidt mittheil. a. d. tageb. (1830) 147; wenn ich länger in seiner gesellschaft bleibe, könnte die sache nicht aufs glimpflichste ausgehen Nestroy ges. w. (1890) 2, 234; doch lief es damals noch glimpflich ab Schubart briefe 1, 151 Strausz; heute besonders von einer gefahr, von einem unfall: es scheint wieder einmal glimpflich abgegangen zu sein Ernst Jünger das wäldchen 125 (1928) 12. im gleichen sinn von der seite des betroffenen aus glimpflich davonkommen, heute noch allgemein, auch mundartl.: glimpflich dervon kumme Martin-Lienhart els. 1, 259; (sie) sann darauf, wie sie ... möglichst glimpflich davonkommen könne H. Schmidt alte u. neue gesch. a. Bayern (1861) 231; die bairischen bischöfe kamen glimpfli h davon H. v. Schubert gesch. d. christl. kirche (1921) 522; ihr verdankt es nur der fürsprache der vortrefflichen schwägerin, dasz ihr so glimpflich davonkommt P. Dörfler Apollonias sommer (1932) 96.
b) allgemeiner 'freundlich, gütig, wohlwollend' näherkommend: wenn die jungfrau daheim fein gelinde, glimpflich und freundlich mit den megden, mit den schwestern, mit den armen alten weibern und groszmüttern umgehet Mathesius Syrach (1586) 2, 99b; glimpfflich mit den kindern und hübsch umbgehen clementer tractare liberos Corvinus fons lat. (1646) 205; warumb gebraucht ihr euch nicht auch seiner glimpfflichen sitten, barmherzigkeit und güte? Opitz opera 1 (1646) 286; (die bergwerksgewerkschaften sollen) durch freyheiten und glimpfliche bezeigung zu freudigem und beständigem bergbau animiret werden Herttwig bergb. (1734) 183a; so auch von personen: selig sind die sanfftmütigen und glimpflichen, denn sie werden das erdreich besitzen Mathesius werke 2, 141 Lösche;

[Bd. 8, Sp. 120]


der weis aber ist glimpflich und senftmüetig,
der narr gar pald im harnisch ist
Hans Sachs fabeln u. schwänke 5, 105;

er ist glimpflich unnd sünlich gewesen Mathesius hochzeitpred. 101 Lösche.
in concreten bezügen soviel wie 'behutsam': ob er wol ... wissen wird, wie ein iedwedes wild ... glimpflich anzulocken ... sey Chr. Weise pol. redner (1677) 816; wann man solche (brennessel) glimpflich tractirt, so brennen sie, da mans aber stark und hart reibet, so schaden sie nicht Abraham a s. Clara werke (1835) 1, 275; mundartlich im schweiz. glimpfli(ch) umga mit etwas, z. b. mit eiern Staub-Tobler 2, 628.
B. concret, entsprechend glimpfig 3 b 'weich, biegsam, geschmeidig': kärnt. glimpfle 'regsam, rührig, gewandt, schnell, behende' Überfelder 113. körperlich 'weich, zart': els. glimpflich 'zart, von fingern: zu feiner arbeit geeignet' Martin-Lienhart 1, 259.
 
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glimpflichkeit, f., substantivbildung zu glimpflich, seit der zweiten hälfte des 16. jahrh. belegt; entsprechend glimpflich A 2 als 'milde, güte': er wird seiner rechtmessigkeit, gottfürchtigkeit und glimpffligkeit halben sehr gelobt E. Menius chron. Carionis (1562) 2, 221b; diese freundlichkeit, glimpffligkeit unnd gute feine sitten lasset uns lernen und merken Mathesius erkl. d. epistel a. d. Corinther (1591) 1, 373b;

und sucht des reiches zwist nicht etwan durch den degen,
nein blosz durch glimpflichkeit und güte beyzulegen
v. König ged. (1745) 14;

des kurfürsten erster staatsdiener, freiherr von Prielmaier, ... strebte mit kluger glimpflichkeit nach vertrauen und ergebenheit Zschokke ausgew. schr. (1824) 34, 241; so vel vernunft, as Fritz äwerall in den stann was, in sich tau beharbargen, würd em nu von den ollen paster in alle rauh un glimplichkeit rinne nödigt Fr. Reuter werke 2, 226 Seelmann.