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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
seide bis seidenband (Bd. 16, Sp. 174 bis 180)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) seide, f. gespinnst des seidenwurmes und daraus gemachtes. lehnwort aus dem seinem ursprunge nach dunkeln, vielleicht auf orientalische heimat zurückführenden mittellat. sêta (du Cange 7, 459b), das auszer in den romanischen sprachen (ital. seta, span. provenz. seda, franz. soie) nur im hoch- und niederdeutschen aufnahme gefunden hat, während das angelsächsische und altnordische eine andere benennung für die sache (ags. seoloc, altnord. silki) ausschlieszlich pflegt: ahd. Seres sizzent hina verro ôstert in eben India, die stroufent aba iro boumen eina wolla, dia wir heiʒên sîdâ, dia spinnet man ze garne, daʒ karn farewet man misselîcho, unde machôt darûz fellôla. Notker 1, 97, 7 Piper; mhd. sîden, mnd. sîde: sericum sîde, seyde, sîdin, syd, sedde Dief. 529c; mnl. sijde, sije, sericum Kilian. als stoffwort ohne plural; kommt solcher vor, so sind damit entweder seidenzeuge gemeint:

(felsen) die an das zarte schiff nur rühren dürfen,
so streut es auf den strom all sein gewürz,
und hüllt die wilde flut in meine seiden. Shakesp. kaufmann von Venedig 1, 1;

oder, in älterer sprache, seidene fäden:

si sprach: mit kleinen sîdennæ ich ûf sîn gewant
ein tougenlîcheʒ criuze. Nib. 847, 1;

dâ hinc ein tûre umbehanc ...
mit sîdin wâren dar în getragen
vogele unde tiere.
Lamprecht Alexander 5952.

das wort bezeichnet:
1) das gespinnst des seidenwurms, als noch unverarbeitetes naturerzeugnis: die seyden, sericum, bombyx Maaler 371c; bombix haiʒt ain seidenwürmel. daʒ ist ain würmel .. daʒ spinnet seiden, reht in der weis, als diu spinn auʒ ir selber spinnet. Megenberg 297, 3; insgemein ist die seide ein zarter faden, so von seidenwürmern gesponnen, durch menschen-kunst von seinem kneuel abgehaspelt, bereitet und zu allerhand zeugen verarbeitet wird. öcon. lex. 2267; theils haben (die würmer) weisze, theils gelbe seiden. Hohberg 3, 2, 292b; seide, ein feines, vom seidenwurm gesponnenes oder hervorgebrachtes gewebe, welches noch viel feiner als das haar ist. Jacobsson 4, 119b; im bilde, fein, weich, lind wie seide, vgl. unten seidenweich; nd.

se (die spinne) henget ût, dat se moge vinnen (finden)
der kleinen vlegen unde wormelîn,
ein nette so kleine alse sîden fîn. sündenf. 564;

namentlich auch für das weiche goldblonde haupthaar:

sîn hâr alsam ein sîde gel.
Konr. v. Würzburg Parton. 9430;

ir hâr reit val, ze mâʒe lanc,
gevar alsam die sîden. minnes. 2, 84b Hagen;

ein hübsches mädchen fand ich dort,
die schenkte mir freundlich den punsch ein,
wie gelbe seide das lockenhaar,
die augen sanft wie mondschein.
H. Heine 17, 151;

im handel und für das gewerbe: ungesponnene seide, sericum crudum, alias rohe seide Stieler 1998; man theilt die seide in zwei haupttheile ein, in rohe und zubereitete. Jacobsson 4, 119b; seide haspeln, die kokons abhapseln, um daraus den verlangten seidenfaden zu machen. 120b; die rohe seide wird auf windebretter aufgespulet oder gewickelt. 127b; seide schlagen, heiszt, wenn bei dem abwinden die coccons in heiszem wasser liegen, und mit hülfe eines besems untergetaucht werden. 7, 328a; seide fitzen, auseinander legen, in ordnung ziehen:

wir wölff können nit ackern noch säen ..
auch nicht weben, schneiden noch schnitzen,
nicht zimmern, mawren noch seiden fitzen.
H. Sachs 5, 405c;

seide spinnen, von der thätigkeit des seidenwurmes selbst: bombix ein worm de syden spynt Dief. nov. gloss. 57a; aber auch, ebenso wie seide zwirnen, von den menschen, solches gespinnst zu gedrehten faden verarbeiten (mit übergang in die bed. 2, a):

[Bd. 16, Sp. 175]


seide spinnen, bombycinare Steinbach 2, 573; seide zwirnen .. die gehaspelte seide musz zu dem ferneren gebrauche des seidenwirkens entweder zu orgasin (kettenseide) oder zu tram (einschlagseide) gezwirnt werden. Jacobsson 4, 128a; ironisch, von einer bäuerin:

ihr huet ist haberstro, ihr kittel ist parat,
von seiden die sie selbst zuvor gesponnen hat.
Opitz 1, 156;

in der redensart seide spinnen, feine und sorgfältige arbeit verrichten: wer kan allzeit seiden spinnen. hiemit entschuldigt mann die, so underweilen irren, oder mit worten und werken also gebaren, dʒ es nit fast löblich ist. wer kan es allezeit so eben bedenken? wer kan allzeit seiden spinnen? seiden ist weych unnd zart, wer die spinnen soll, der musz hübschlich mit umbgehn, dasz ers nit verderbe unnd nichts vergesse. also spinnet seiden, wer auff all sein red weiszlich acht hat, bedenckt mit vernunfft was er reden, thun und lassen soll. her widerum, wer sich nit allweg fürsihet in reden und wircken, der spinnet nicht seiden, sondern grob sackgarn. klugreden (1560) 263a; ich finde im ganzen neuen testament kein böses wort von einiger obrigkeit, ob sie wohl zu Christi und Pauli zeiten auch nicht alle seiden gesponnen haben. Mathesius bei Frisch 2, 258c;

da ist kein feyrtag noch seide spinen,
im schweisz musz er sin brot gewinen.
Tob. Stimmer comedia 567;

in anderer und jüngerer bedeutung keine seide spinnen, keinen vortheil, annehmlichkeit bei etwas haben: er wird dabey keine seide spinnen, hac re finem equidem prosperum non consequetur. Steinbach 2, 573; keine seide bei etwas spinnen, non sine asperitate et difficultate rem invenire. Frisch 2, 258c; der könig hir hatt woll, wie man sagt, gar keine seide bey dem krieg gespunden. Elis. Charlotte 1, 120 Holland; allein wir spannen auch keine seide dabei. Pierot 1, 428; indem ich bey dem ganzen treffen wenig seide gesponnen. 3, 91; vermuthete ich .. dasz ich .. keine gar zu gute seide mit diesem menschen spinnen würde. Felsenb. 2, 123; die kriegsgefangenschaft spinnt keine sei de. Hebel 3, 130; er lasse aber jeden selber beurtheilen, ob ein arzt .. viel seide spinne bei einer solchen politischen unterschlagung. J. Paul Tit. 1, 172; man spinnt nicht allweg seide. Simrock sprichw. 511;

denn der, der in den wind so eh als eyde schlägt,
und zu Carthagens brand itzt holz und schwefel trägt,
wird selbst hierbei nicht gold und seide spinnen.
Lohenstein Sophonisbe 81, 130;

wahrlich keine seide spinnet
wer so zusieht wilder freud.
Arnim kronenw. 1, 321;

einen, etwas aus seide spinnen, fein, zart herstellen:

auch wenn du iszt, schneid grosze schnitten,
dick murcken auff der knebel sitten:
die soltu in ein schüssel schneiden
(dein mtter spann dich nit ausz seiden),
die kanstu wol hin abhin schlucken. Grobian. 3296;

in alter sprache auch bild der kleinheit, daher zur verstärkung der verneinung:

daʒ eʒ niht sîden grôʒ im moht gefrumen. Lohengrin 2239.


2) das aus jenem gespinnst (1) verfertigte.
a) der aus dem gespinnst gedrehte faden, zum nähen, sticken, stricken, weben gebraucht (vgl. dazu nähseide, steppseide, stick-, strickseide): mit seide nähen, sticken: allerley werck zu schneiten, wircken und zu sticken, mit geler seiden, scharlacken, rosinrot und weiszer seiden, und mit weben. 2 Mos. 35, 35;

ja chan si (die jungfrau) wol mit sîden
wurchen swaʒ ir gevallet. kaiserchron. 11987;

von golde und von sîden
wurken wir die besten wât
die iemen der werlte hât. Iwein 6386;

vor an dem lüne stuont ein tanz,
genât mit sîden, diu was glanz. Meier Helmbrecht 96;

einen kranz mit seide winden, mit seidenem faden:

sie machet ihm
ein krentzlein fein
mit berlein weis,
mit brauner seiden umbwunden. bergreihen 60;

wir winden dir den jungfernkranz
mit veilchenblauer seide.
Kind freischütz;

ketten von stahl oder seide — es sind ketten. Schiller 3, 94 (Fiesko 3, 5); in sprichwörtlich und redensarten: behut got fur dem bock die geisze, die yhr horner in seyden geflochten tragen. Luther krit. ausg. 7, 262, 16; der wirth mag die beste

[Bd. 16, Sp. 176]


seide anderswo vernähet haben: nun ists kein wunder, dasz ihm sein lose garn nicht halten wil. Chr. Weise kl. leute 35;

'so sey doch höflich!' höflich mit dem pack?
mit seide näht man keinen groben sack.
Göthe 56, 105.


b) gewebe aus seide; stoff, wie er als handelsartikel eingeführt und zu gewändern verbraucht wird: queme eyn wagen der da druge perlyn und syde geladen. weisth. 2, 140 (Hundsrück, v. 1420); die Syrer haben bey dir geholet deine erbeit, was du gemacht hast, und rubin, purpur, tappet, seiden und sammet, und chrystallen, auf deine merckt bracht. Hes. 27, 16;

die arâbischen sîdenwîʒ alsô der snê,
unde von Zazamancder grüenen sô der klê,
dar in si leiten steine,des wurden guotiu kleit. Nibel. 353, 1;

nu lât mir erfüllenzweinzec leitschrîn
von golde und ouch sîden. 488, 3;

narcissus und die tulipan
die ziehen sich viel schöner an
als Salomonis seide.
P. Gerhardt 239, 12;

seidenstoff zur bedeckung:

ain scef si mit flîʒe worhten ..
eʒ wart wol bevangen
mit sîden umbehangen. kaiserchron. 1543;

kleid, band, decke, vorhang, futter aus seide, etwas in seide einwickeln, einschlagen u. ähnl.: to deme ersten nemen se uthe deme schrine eyn bunt mit bruner syden bewunden unde mit starken remen vorbunden. d. städtechron. 16, 519, 7; eyn ander bunt myt gheler syden bewunden. 15; die wonung soltu machen von zehen teppichen von weiszer gezwirnter seiden, von geler seiden, von scharlacken und rosinrot. 2 Mos. 26, 1; einen furhang machen von geler seiden. 31; den engenrock machen von weiszer seiden, und einen hut von weiszer seiden machen. 28, 39; und machet ein tuch in der thür der hütten von geler seiden, scharlacken, rosinrot und gezwirnter weiszer seiden gestickt. 36, 37; dein segel war von gestickter seiden aus Egypten, das es dein panier were, und deine decken von geler seiden und purpur, aus den inseln Elisa. Hes. 27, 7; einen modisch mit blumen und seide aufgeputzten strohhut. Keller 8, 8;

von Ninivê der sîdensi den borten truoc,
mit edelem gesteine. Nib. 793, 1;

dar ûf (auf die bank) geleget âne mâʒen
gar tiuwere polster wâren,
bedecket mit tuochen clâren
geworht ûʒ edelen sîden.
H. v. Freiberg 4787;

ein hemd von seide so weisz und fein. wunderhorn 1, 297 Boxberger;

halb verhüllt
nur in ein mäntelchen von seide.
Bürger 18b;

die schönste war geschmückt
mit einem leichten kleide
von rosinfarbner seide. 21b;

bin ich, als edler junker, hier,
in rothem goldverbrämtem kleide,
das mäntelchen von starrer seide.
Göthe 12, 79;

stoff, zeug von seide und wolle, seide und baumwolle; zeug von seiden und wolle, tela serico-linea Stieler 1998, vgl. auch ganz-, halbseide; in festen fügungen: in seide gehen, gekleidet sein, seide tragen; (Pharao) that seinen ring von seiner hand, und gab jn Joseph an seine hand, und kleidet jn mit weiszer seiden. 1 Mos. 41, 42; und es ward jr gegeben, sich anzuthun mit reiner und schöner seiden (die seide aber ist die gerechtigkeit der heiligen). offenb. 19, 8; in seyden bekleidet, sericatus. Maaler 371c; sich in seide kleiden, in seidenen zeugen. Adelung; die seiden, die jene (hofleute) antragen. Zinkgref apophth. 2, 65; sie gieng in rauschender seide daher. Keller 8, 250;

der viel geplagte lein
der musz, der kan mir auch, an stat der seiden sein.
Logau 1, 51;

sie sollen schön
in seide gehn.
Hölty 196;

in seide prangst du,
die pfauenfeder trägst du stolz zur schau,
und schlägst den purpurmantel um die schultern.
Schiller 14, 308 (Tell 2, 1);

seide auch von pfühl und decke:

swer ouf weichen sîden
sich wil strecken zaller stunt,
der wirt foul als ein hunt.
H. v. Neustadt Apollonius 6198;

in formelhafter verbindung mit andern das kleid zierenden stoffen: sammet und seide, vgl. oben theil 8, 1746; des rohten sammatts und seiden für deine schwestern will ich ingedenck sein.

[Bd. 16, Sp. 177]


Paumgartner briefwechsel 53; die vernunft, welche ich meine, bietet ihren anhängern nur armuth und verachtung, sie selber geht auch nicht in sammet und seide, sondern in einem schlichten weiszen gewande. Immermann Münchh. 2, 172; sprichwörtlich: seid und sammt am leibe löschen das feuer in der küche aus. Simrock sprichw. 512;

(borten) mit golde genât
ûf samît und ûf sîde.
H. v. Veldeke Eneit 12774;

seide und gold u. ähnl.:

eʒ zimt wol bî sîden
daʒ vil rôte golt.
Marner 9, 19;

mildiclîche er in bôt
phellil unde sîde,
golt unde gesmîde.
Lamprecht Alexander 4524;

hi was van consten so uut ghelesen,
dat hi siden ende bont mocht draghen. Reinaert 5947;

der ritter lag auf pflaum.
um welchen gold und seide hing.
Hölty 17 Halm;

still, ohne pracht; doch sicher, dasz mans merke:
so schreiten prinz und dogg einher in ihrer stärke,
in seid und schellen prunkt und bellt und flucht mit zeter
der junker und sein köter.
Voss 6, 261 (verschiedener stolz).


3) seide, der seide ähnliches oder verglichenes: da er diese blumenlose gleichsam in die seide des fliegenden sommers sich einspinnende erde ansieht. J. Paul Hesp. 4, 127;

(der herbst) überspinnt, thalab bergan,
das feld mit bunter seide.
Voss 4, 197,

das ist die wilde seide, das gespinnst von phalaena atlas Nemnich; auch pflanzenname: cuscuta europaea, flachsseide, seide, grosze und kleine vogelseide, thymseide, hopfenseide, nesselseide ebenda 2, 1330 f.; die virginische seide, periploca 4, 912; seide, von der weichen wimper:

hob sich der wimper weiche seide.
Grillparzer 25, 36.


 
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seidebeflügelt, part. mit seidenem flügel versehen, von den bienen:

rein und seidebeflügelt, wie die götter. Göttinger musenalm. 1773, 16.


 
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seidegespinnst, n.:

spaltet ein lichtmeer
nicht das seidegespinnst?
Herder zur litt. 1, 195.


 
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seidel , n. masz für flüssiges und trockenes; lehnwort aus situlus, der nebenform zu lat. situla, womit im mittelalter ein kleineres gemäsz namentlich für wein bezeichnet wurde; vgl. du Cange 7, 499a; aus der kloster- und urkundensprache spät ins mhd. übergegangen, als sîdel, erweitert auch als sîdelîn, sîdlîn aufgenommen (vgl. unten seidlein), das geschlecht etwa nach masz oder glas ins neutrale gewendet. das wort ist zunächst auf das ober- und mitteldeutsche sprachgebiet eingeschränkt: nösel, .. hält ein halb maasz .. in Oberdeutschland, besonders in Oesterreich, heiszt es auch ein seidel, seidlein, und in der Schweitz etc. ein schoppen. Jacobsson 3, 143b.
1) masz für flüssigkeiten: den selben wein gab man krancken und kintpeterin und wunten und gefangen, alltag eim ein moʒ umb 6 D, aber zuletzt gab man eim neur ein seidel umb 3 D. d. städtechron. 10, 177, 4; ein seidel milch. 7; da risz und schält man (beim gelage) den wein ausz potten, ausz pinten, ausz kelchen, napfen .. kufen, nüsseln, seydeln. Garg. 83b; nimb guten weinessig, geusz bei einem seydel, welcher fast ein pfundt wigt, in die leuterung in kessel. Ercker erzt- und bergkwerck (1580) 130b; eine kannen geiszmilch daran gieszen, ein seidel lassen einsieden, und morgens und abends ein halbes seidel davon trincken. Hohberg 1, 294b; flores solsequii, sieds in einem seidel wein halb ein. 318a; allda lasse ich mir um 2 kreutzer ein hartes geselchtes fleisch geben, .. hierzu ein seidel wein. Abele künstl. unordn. (1670), vorrede s. 10; drittehalb seidel brandtwein nehme ich auffs hertze. Chr. Weise komöd. 315; seidel, für seidlein, ist an vielen orten ein halb masz oder ein halb quart tranck, wein oder bier, u. d. g., sextarius Frisch 2, 259a; ich frühstückte (in Budapest) ein schweinshaxerl mit einem seidel Erlauer. Keller 8, 246;

denn kaum trinkt man vierzehn seitel,
hat man schon kein geld im beutel.
Raimund 3, 246;

in norddeutschen gegenden ist das wort jung und nur in bezug auf bier, vom bairischen bier her (a sei'l bier Schm. 22, 224), als wort des wirtshauses, üblich geworden; für das alte neutrale geschlecht ist vielfach masculines eingetreten: einen seidel bier trinken.
2) masz für feste gegenstände: so gab man denn allen trabanten, die nach demselben raub gewesen waren, ainmal

[Bd. 16, Sp. 178]


ausz der stat kuchen zu essen: iedem ain stück flaisch von pfund und auf ain seidel gekochts hirs und 2 brot. d. städtechron. 2, 311, 8; so richten unser hern vom rate ein kuchen auf auf der Schutt pei dem wilpad und lieszen dorinn kochen hirsz, gesmalczen und gesalczen, und gaben derselben kochten hirsz ein seidel umb ein haller. 351, 13; ein seidel hirsz. 10, 174, 16. in Rothenburg an der Tauber, Herrieden und andern fränkischen orten ist seidel getreidemasz, geringer als der metzen und das viertel. Schm. 22, 225.
3) masz für erze: seidel, ein ärzt-maasz. Lori bergrecht (1764) 645b; seidel in Baiern ein erzmasz von 5 bis 6 kubikfusz, in Böhmen ein masz für eisensteine von 4 kubikfusz (etwa 4 bis 5 centner). Veith 440; in dem bergbaue einiger gegenden, z. b. in den eisenwerken zu Burg im Vogtlande, ist das seidel, oder wie man es daselbst schreibt und spricht, das seitel, ein groszes masz für die eisensteine, kohlen u. s. f., welches 4 kübel hält. Adelung; masz für erz in der Oberpfalz Schm. 22, 225.
 
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seidelbast, m. name der pflanzen daphne laureola und mezereum, kellerhals Nemnich 2, 1375; umformung von zeidelbast (s. d.), mhd. zîdelbast, wol mit anlehnung an seide (vgl. Andresen volksetym. [1889] s. 255); seidelbast oder leüszkraut, mezereon. Bock kräuterb. (1546) 3, 8a; seidelbast, chamelæa tricoccos, .. hat länglichte blätter, wie die oliven. Hohberg 1, 627a; die seidelbast-wurtzel, oder radix thimeleae. 3, 1, 545; in den gehölzen blühte schon der seidelbast. Keller 3, 209. als neutr.: seidelbast, welches auch leüszkraut genennet wird. Lonicerus (1604) 54.
 
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seideln, verb.
1) gern ein seidel trinken; erst neues, nach schöppeln (theil 9, 1564) gebildetes wort: in der kneipe liegen und seideln.
2) bair. seideln, die milch ausseideln, seihen Schm. 22, 248; vielleicht aus seihelen entstanden.
3) in der Lausitz pferde seideln, sie mit gefesselten füszen weiden lassen, nach Adelung zu slav. sidlo strick, sidlicz, mit stricken binden gehörig.
 
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seiden, adj. , von seide gemacht, ihr gleichend; ahd. sîdîn, mhd. sîdîn und sîden, mnd. sîden; das ältere nhd. bewahrt in den landschaftlichen formen seidein und seidin (belege unten) erinnerungen an die vollere mhd. form. seiden steht
1) eigentlich: seidene stoffe; der seiden damasc. Mathesius Sarepta 7b; ganz-, halbseidene gewebe, mit angabe der farbe schwarz-, grau-, weisz-, grün-, rot-, blauseidenes zeug u. ähnl.; sîdîn hemidi, holosericum Graff 6, 164; seidein gepend und seidein gewant. Megenberg 297, 6; der bischof in sime syden wambesche. d. städtechr. 9, 664, 17; serica, sericea syden kleid, sidin claid, siden cleit Dief. 529c. zusammengerückt auch seydinkleid. serica vestis Maaler 371d; ein seidenes kleid, vestis bombycina Steinbach 2, 573;

daʒ was ein hemde sîdîn.
H. v. Freiberg 735;

ein wâfenhemde sîdînleite an diu meit,
daʒ in deheime strîtewâfen nie versneit,
von pfelle ûʒer Libiâ. Nibel. 408, 1;

ouch tuon ich iu vollen rât
von guoter sîdîner wât.
Ottokar 3698;

(er) gab im harte rîchen solt.
diz was sîdîn gewête. pass. 484, 65 Köpke;

rot scharlatin und sidin gewand. teuf. netz 3195;

sie vergnügt sich mit einem zarten klaid,
so seydin und meergrün.
Weckherlin 726;

wo lieszest du dein seiden kleid,
wo gold und edelsteine?
Uhland ged. 206;

einen rothen mantel seiden,
eine goldne kron er trug. 224;

(der papst) wihete do die kirche zm jungen sant Peter und gap groszen aplos dohin und sine bebestliche sydin kappe die noch do ist. d. städtechron. 9, 558, 16; das men die alterdcher solt lynin machen und nut sydin. 509, 8; ich gab dir feine leinen kleider, und seidene schleier. Hes. 16, 10; die haben alle mit dir gehandelt, mit köstlichem gewand, mit seidenen und gestickten tüchern. 27, 24; (die nonnen) namen den brüef und drugen ihn in einem seüten duechlin mit einer loblichen procession .. herumb. Villinger chron. 69;

dô stuonden sîdîn hüttenund manic guot gezelt. Nibel. 551, 1;

einn sîdîn segel sah er roten (rot glänzen). Parz. 58, 5;

(der hund) ist auff unser betth gesprungen,
hat darauff gewelfft seine jungen,
hat die weisz seidin teck beschissen.
H. Sachs 17, 58, 11 Keller-Götze;

[Bd. 16, Sp. 179]



so, wie ein weiser arzt, der auf der bühne steht,
und seine künste rühmt, bald vor, bald rückwärts geht,
sein seidnes schnupftuch nimmt, sich räuspert, und dann spricht.
Gellert 1, 20;

die seiden fransen. Garg. 126b; seidene fanen, so gesticket, signa auro sericisque vexillis vibrantia Stieler 1999; seidene strümpfe, tibialia serica Steinbach 2, 573; den arm .. bedeckte (auf der mensur) ein aus alten seidenen strümpfen verfertigtes rüstzeug, handschuh genannt. Hauff 7, 41; seidenes band. ein seidener geldbeutel. seidene schuhe. Campe; seidene handschuhe tragen; er trug weite schlappstiefeln mit seidenen troddeln vorn. Immermann Münchh. 2, 59;

sît sach ich den valken schône fliegen:
er fuorte an sînem fuoʒe sîdîne riemen. minnes. frühl. 9, 8;

die goltvarwen zoumefuortens an der hant,
sîdîniu vürbüege. Nib. 75, 2;

daʒ zoch er ûʒem buosem sîn
an einer snüere sîdîn. Parz. 51, 16;

so bringet des lieben kindes muoter
röcke, mentel und vehe fuoter,
sidene borten mit golde beslagen,
und was ein töhterlin sol tragen. heil. namenb. 23;

do sticket mir mein pul ain seidene pinden. fastn. sp. 756, 18;

ein hanenfeder mus er han,
ein hembd mit seiden neten. bergreihen 80, 26;

seidene schnur bei den Türken zum erdrosseln: von dieser seidenen schnur, womit der groszherr seine günstlinge von oben dividiert, aber in brüche. J. Paul Hesp. 1, 193; seidener faden zum nähen, stricken, sticken:

fäden zieht sie, seidne fäden.
Immermann 12, 26 Boxberger;

in bildern:

sein lichtes haar ..
wie seidene fäden so weich und klar.
A. v. Droste-Hülshoff (1873) s. 95;

sein leben hängt an einem seidenen faden, von einem schwerkranken oder in gefahr stehenden, vgl. dazu unter faden 6, a oben theil 3, 1233; da wird seyne seele an eim seiden faden uber der hellen und ewigem verdamnis gehangen haben. Luther krit. ausgabe 19, 218, 16; als rechtsbrauch und sinnbild der begrenzung:

(Laurin hat) im erzogen zarte
einen rôsengarten.
daʒ diu mûre solde sîn,
daʒ ist ein vadem sîdin. könig Laurin 70;

mit ainem seidein faden (wird ein gefangener an einen stecken gebunden, sinnbildliche fesselung). Salzb. taid. 45, 22; ob denn ain paur umb ain frevel gestraft wird und wolt sich den zu geben sperren, mag des abts anwalt demselben pauren ain seidin faden umb sein waichi spannen, den soll er nit brechen, auch weder under oder über den faden herauszgeen, bisz er bezalt. Birlinger volksthüml. 2, 176 (16. jahrh.).
2) übertragen, in mehrfachem sinne.
a) von dingen, die der seide gleichen, sich wie seide anfühlen: seidenes haar; seidene hände, manus delicatae, molliusculae Stieler 1999; eine seidene haut Campe; mir ziehen sie unbarmherzig ihre seidne hand zurück. Klinger theater (1786) 1, 182;

wie die blume stolziert, und ihr seidenes kleid
in vergoldeten purpur taucht!
Hölty 66 Halm;

eine sehnsuchtsthräne träufelt
über die seidenen purpurblumen. 105;

sanft hingeschmiegt auf seidne frühlingsrasen. 200;

wer liesz vom nacken blond und schön
der holden seidne locken wehn?
Bürger 37b;

des nackens silber, gleich des schwans gefieder,
vom reichen, seidnen lockenhaar umweht.
Grillparzer 24, 55;

gelagerte ziegen und seidene schäfchen (schäfchen mit seidenartiger
wolle).
Voss 2, 217;

zwar stattlich von gliedern
ist sie dir, aber zu faul, und die seidenen händchen zu vornehm. 1, 66 (Luise 1, 550);

wenn den hingestreckt erbleichten mann
süsz gelinde pflege hat umfahn
einer holden frauen, seidne hände
dar ihm reichen frommer dienste spende.
Immermann 13, 154;

die erd' ist seiden, gewürzt die luft,
die flut wie rosenwasserduft.
Rückert Firdosi 3, 24;

wie seine seidnen wimpel regt
der zweig, so jüngst voll reifes hing.
A. v. Droste-Hülshoff ged. (1873) s. 77.


b) von menschen in seidenen, vornehmen kleidern, daher von äuszerlicher feinheit, mit dem spöttischen beisinne der weichlichkeit: wohl kam ich, und muszt im vorsaal stehn, lang, lang.

[Bd. 16, Sp. 180]


und die seidnen buben beguckten mich von vorn und hinten. Göthe 8, 70 (Götz 2); als ihn ein kurzer blaszgelber reichgekleideter mensch mit eingeschrumpftem gesichte erblickte und mit dem seidnen arm auf den weg zur kaskade zeigte. J. Paul Titan 4, 189;

wie kommts, o Vosz, dasz jeder seichte narr
in Deutschland deutsche dichter richten will,
und richten darf? dasz ihm, so oft ers thut,
ein seidner pöbel lächelt?
Stolberg 3, 3.


c) auf innerliches bezogen, fein, weich, lind: der einen seidenen magen hat, der lasse es lieber bleiben. Coler hausb. (1640) 345; seidene worte, verba byssina Stieler 1999; aber dasz in diesem marklosen jahrhunderte mich ja keiner miszverstehe, so wisse jedes seidene männchen, das mir vielleicht zu früh süszen beifall zulächelte, dasz fülle des herzens mehr ist als eine blos leidende reitzbarkeit. Stolberg 10, 356; anfangs gingen sie mit ihnen um, wie mit göttinnen, ganz sanft und seiden. Lenz 1, 176; sie wuszten, je seidener und zufriedener sie thäten, desto weniger nehme man sich vor ihnen in acht. J. Gotthelf Hans Joggeli (1894) s. 58; soll das ein seiden leben werden! juchhe! (sagt einer der als gast zur hochzeit geht). Ludwig 2, 481;

dann macht der mann bei seidnen schmeichelein
der gattin, ein gesicht als wolt er hülfe! schrein.
Göckingk 1, 183;

liebe, scherze, von verdrusz entladen,
weil die parze deiner tage faden
seiden spinnet und dein morgen scheint.
Gotter 1, 84;

mich quält ein sonderbar verlangen
nach sorg und müh, gefahr und streit,
es ist mir stets zu gut gegangen
in dieser seidnen friedenszeit.
Strachwitz ged. 19;

mit bezug auf den ausdruck des innern: so gibts auch seidne, baumwollne gesichter und gesichter von garn. Hippel lebensl. 1, 486.
 
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seidenarbeit, f. arbeit in seidenem zeuge oder faden; arbeit von seide verfertigt.
 
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seidenarbeiter, m. sericarius, plumarius. Stieler 48.
 
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seidenartig, adj. die art der seide habend: seidenartige baumwolle. Jacobsson 7, 321a; seidenartiges blatt, sericeum, nennt der gärtner dasjenige blatt, welches mit angedrückten, sehr weichen haaren bedeckt ist. ebenda.
 
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seidenband, n. band von seide, seidenes band (erst in neuerer sprache an stelle der freien verbindung ein seiden band, mit verändertem haupttone getreten): das seidenband Campe; indem er mit einem rosenfarbenen seidenband meinen fusz masz. Hauff 9, 86; er führte schon mit dem doppelhobel die letzten stösze über die bretter, feine späne lösten sich gleich zarten glänzenden seidenbändern. Keller 2, 80.