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Schmarótzen bis Schmauch (Bd. 3, Sp. 1557 bis 1559)
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Artikelverweis  Schmarótzen, verb. reg. neutr. mit dem Hülfsworte haben, sich ungebethen einfinden, wo es etwas zu schmausen gibt, und in weiterer Bedeutung, wo man etwas umsonst erhalten kann, mit einem schwachen Nebenbegriffe des in diesem Betragen liegenden Verächtlichen. Schmarotzen gehen. Bey jemanden schmarotzen, sich ungebethen bey ihm zur Mahlzeit einfinden. So auch das Schmarotzen. S. das folgende.
 
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Der Schmarotzer, des -s, plur. ut nom. sing. derjenige, welcher sich ungebethen da einfindet, wo er umsonst essen oder schmausen kann, und in engerer Bedeutung, welcher eine Fertigkeit in dieser Art des Zudringens besitzet.
   Schmarotzer liefen schneller,
   Und folgeten entzückt der Harmonie der Teller,
   Zach. Man gebraucht es oft von beyden Geschlechtern, obgleich im weiblichen auch Schmarotzerinn nicht ungewöhnlich ist. Schmarotzerisch und Schmarotzerey kommen nur in den niedrigen Sprecharten vor.

[Bd. 3, Sp. 1558]



   Anm. In einigen Mundarten schmarutzen und Schmarutzer, im Schwed. småråtsa. Das Wort ist, so wie es da ist, dunkel, daher auch alle Ableitungen, welche man davon hat, seltsam und gezwungen sind, z. B. von dem Schwed. små, klein, und råtta, Ratze, eine Hausmaus, die gemeiniglich auf anderer Kosten lebt, Frischens Ableitung von schmürzen, dem Geschmacke und Geruche einer gebratenen Speise, u. a. m. Im Niederdeutschen ist dieses Wort, so viel ich weiß, nicht bekannt. Die gleichbedeutenden Wörter sind oft nicht deutlicher, wie z. B. das Niedersächsische auf der Garbe herum reiten, wo Garbe vermuthlich das alte Gahre, die Betteley, ist; im Hochdeutschen sagt man dafür, auf der Wurst herum reiten, auf dem Lande von einem zum andern schmarotzen gehen. Oft sind sie von einem besondern, gemeiniglich komischen oder verächtlichen Umstande hergeleitet, wie das Osnabrück. supsölnken, schmarotzen, das Nieders. Sökedrunk, Pannlicker, Pottlicker, das Hochdeutsche Tellerlecker, Kaisersbergs Pfefferlecker, das Oberdeutsche Lichtputzer, das mittlere Lat. Buccellarius, Buccio, das Griech. und Lat. Parasitus, u. s. f. Da die Schmarotzer vom Handwerke gemeiniglich eine Art von Schmeichler sind, welche sich durch Schmeicheley an fremden Tafeln forthelfen, so könnte man von dem Osnabrück. Schmeertasche, wenigstens in Ansehung der ersten Hälfte des Wortes, einige Aufklärung erwarten, welches wohl nicht von Schmer, schmieren, sondern von dem alten bey dem Kero noch befindlichen smeron, lachen, lächeln, abstammet. Doch man kann sie näher haben, diese Aufklärung. Bey den Schwäbischen Dichtern kommt Snarrenzere von einem Schmarotzer vor.
   In brechte ein meister bas ze mere
   Danne tusend Snarrenzere,
   Walther von der Vogelweide. Das Wort kann nicht wohl falsch gelesen oder geschrieben seyn, weil es in der Manessischen Sammlung mehrmahls vorkommt. Daß nun Schmarotzer aus diesem Schnarrenzere, durch den langen und häufigen Gebrauch in dem Munde des großen Haufens, verderbt worden, zumahl da m und n leicht in einander übergehen, ist sehr wahrscheinlich. Allein die Verständlichkeit unsers Schmarotzer gewinnet dadurch nur Einen Grad der Deutlichkeit mehr, nähmlich in Ansehung der letzten Hälfte, welche unstreitig von zehren ist, ein Schnarrenzehrer. Die erste Hälfte bleibt so dunkel wie zuvor, ob sich gleich hier und da ein Schimmer zeiget, der mit der Zeit einiges Licht verspricht. Man sagt im gemeinen Leben, etwas schnurren, so wohl, es mausen, listig stehlen, als auch, es auf eine vertrauliche Art erbetteln; im Nieders. ist snoren faulenzen, und vielleicht stammet von dem letztern unsere Hochdeutsche R. A. von der Schnur zehren her, von dem ersparten Gelde müßig leben. Noch eine andere Ableitung biethet das bey dem Willeram befindliche Snare, eine Saite, ein Saiten-Instrument an, welches unser Schnur ist, und da würde ein Schnarrenzehrer eigentlich ein solcher seyn, der mit seiner Geige im Lande herum reiset, um sich vermittelst derselben den freyen Zutritt an den Tafeln anderer zu verschaffen; eine Gewohnheit, welche zu den Zeiten der Schwäbischen Dichter sehr häufig war, und nicht wenig dazu beytrug, daß sie und die Dichtkunst nach und nach verächtlich wurden.
 
Artikelverweis Die
Schmarotzerpflanze, plur. die -n, Pflanzen, welche sich von dem Safte anderer nähren, dergleichen die Mistel, das Baummoos, der Baumschwamm u. a. sind.
 
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Die Schmarre, plur. die -n, Diminut. das Schmärrchen, ein Hieb, eine lange Wunde, und am häufigsten die Narbe einer langen Wunde, wo es zwar im Hochdeutschen nicht ganz fremd ist, aber doch in manchen Mundarten häufiger gebraucht wird, und das Niedrige eben nicht hat, was Frisch darin findet, der es seltsam genug, durch »eine Wunde erkläret, aus welcher eine Kuh saufen

[Bd. 3, Sp. 1559]


könnte.« Niedersächsisch Smarre, und im Diminut. Smarl. Daß es gemeiniglich von den Merkmahlen größerer Wunden gebraucht wird, als Narbe, scheinet von dem verdoppelten r herzukommen, welches das Zeichen einer Intension ist. Übrigens ist es vermittelst des vorgesetzten Zischlautes von dem Ulphilanischen maurgan, abschneiden, dem schon zu Carls des Großen Zeiten gangbaren marrire, verletzen, gebildet, wozu auch unser Mark und Märzen gehören, S. diese Wörter.
 
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1. Die Schmāsche, plur. die -n, eine Masche im Stricken, oder diejenige Schlinge, welche vermittelst zweyer Stricknadeln gemacht wird, aus welchen Schlingen das ganze Gestrick bestehet. Es ist aus Masche vermittelst des vorgesetzten Zischlautes gebildet, hat aber ein gedehntes a, dagegen Masche ein geschärftes hat.
 
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2. Die Schmāsche, oder Schmase, plur. die -n, bey den Kürschnern und im Fellhandel, fein zugerichtete Lämmerfelle. Ein Pelz von Schmaschen. Es ist mit dem Fellhandel ohne Zweifel aus dem Pohln. Smusik, ein Lammsfell, zu uns gekommen. Nieders. Smaaske.
 
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Der Schmatz, des -es, plur. die Schmätze, Diminut. das Schmätzchen, Oberd. Schmätzlein, ein Wort, welches eine unmittelbare Nachahmung des dadurch bezeichneten Schalles ist, und besonders in doppelter Bedeutung gebraucht wird. 1) Ein mit einem solchen Laute begleiteter derber Kuß heißt im gemeinen Leben ein Schmatz. Und gab mir einen derben Schmatz, Weiße. Das Diminut. Schmätzchen ist wie Mäulchen auch in der vertraulichen Sprechart gangbar.
   So gab dem Wein ein Schmätzchen das Geleite, Haged. Im gemeinen Leben auch Schmatzer, bey dem Pictorius Schmutz, im Englischen mit einem andern Endlaute Smack. 2) Eine Art Rothkehlchen, welche sich an steinigen Orten aufhält, wird wegen des schmatzenden Lautes, welchen es von sich gibt, daher Steinschmatz, Schmätzel genannt.
 
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Die Schmatze, plur. die -n, in dem Forstwesen einiger Gegenden, der in der Erde stehende Stock eines abgehauenen Baumes, besonders, wenn er von einer beträchtlichen Länge über der Erde ist. Die Schmatzen ausrotten. Daher die Schmatzklafter, eine Klafter aus solchen Schmatzen geschlagenen Holzes. S. das folgende.
 
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1. Schmatzen, verb. reg. act. im Forstwesen, die Schmatzen ab- und zu Klafterholz hauen. Die Stöcke schmatzen. Die Endsylbe -zen deutet ein Intensivum an. Das Stammwort schmatzen scheinet zu schmieden, schmeißen, Nieders. schmiten, zu gehören, so fern es ehedem auch hauen bedeutete, so daß Schmatze den Rest eines abgehauenen Baumes bedeutet.
 
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2. Schmatzen, verb. reg. neutr. mit dem Hülfsworte haben, denjenigen hellen Schall mit dem Munde hervor bringen, welchen dieses Zeitwort ausdruckt, und welcher gemeiniglich eine ungesittete Art des Essens begleitet. Die Schweine schmatzen, wenn sie essen. S. Adelung Schmausen. Eben dieser Laut entstehet auch durch eine derbe ungesittete Art des Küssens: jemanden küssen, daß es schmatzt; daher dieses Wort auch im gemeinen Leben für küssen gebraucht wird. S. Schmatz. Daher das Schmatzen.
   Anm. Im Ital. schiamazzare, im Nieders. in beyden Fällen mit einem andern Endlaute schmacken, Engl. to smack. Siehe Schmecken. Nach einer ähnlichen Onomatopöie ist im Pohln. smazze rösten, kreischen.
 
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Der Schmauch, des -es, plur. car. ein dicker Rauch, dergleichen oft der Rauch ohne Feuer ist. Einen Schmauch machen. Im Schmauche ersticken.
   Anm. Im Nieders. Smook, im Angels. Smec, Smic, Smoec, im Engl. Smoke. Es ist mit schmecken, dem Intensivo eines veralteten schmachen, genau verwandt, von welchen das erstere im Oberdeutschen noch riechen bedeutet. Ohne Zischlaut ist

[Bd. 3, Sp. 1560]


im Wallisischen Mwg der Rauch. Das Sch in unserm Schmauch ist ein Zeichen der Intension, einen dicken Rauch zu bezeichnen.

 

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