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Nothweiser bis Nüchtern (Bd. 3, Sp. 533 bis 535)
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Artikelverweis Der Nothweiser, des -s, plur. ut nom. sing. in der Bienenzucht, ein Weiser, welchen die Bienen nach Verlust ihres ordentlichen Weisers sich selbst im Stocke zu machen wissen.
 
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Nothwêndig, -er, -ste, adj. et adv. was dergestalt ist, oder geschiehet, daß es nicht anders seyn oder geschehen kann, da denn dieses Wort so viele Stufen leidet, als das Zeitwort können Bedeutungen verstattet.
   1. In dem schärfsten, aber freylich nur in der Philosophie üblichen Verstande ist nothwendig, und bestimmter schlechterdings nothwendig, absolute necessarium, was den Grund seines Daseyns in sich selbst hat, oder dessen Gegentheil einen Widerspruch enthält; im Gegensatze des zufällig. Auf diese Art ist Gott nothwendig oder ein nothwendiges Wesen. Zwey Mahl zwey ist nothwendig vier, weil der Gegensatz einen Widerspruch enthalten würde. In dieser Bedeutung fällt die Comparation von sich selbst weg.
   2. In weiterer und gewöhnlicherer Bedeutung, was in Ansehung der Umstände nicht anders seyn oder geschehen kann, welches vollständig bedingungsweise nothwendig genannt wird, hypothetice necessarium; wo es wieder mehrere Stufen gibt. 1) Physisch nothwendig, oder auch nur schlechthin nothwendig, in dem Wesen eines Dinges gegründet; natürlich. Das Feuer muß nothwendig brennen, weil es sonst nicht das seyn würde, was

[Bd. 3, Sp. 534]


wir unter dem Worte Feuer verstehen. Das Ganze setzt die Vielheit der Theile nothwendig voraus. Unser Herz hat einen nothwendigen Hang sich von jeder Art der Schönheit rühren zu lassen. Wer tugendhaft leben will, muß nothwendig seine Neigungen bezähmen lernen. 2) Moralisch nothwendig, oder auch nur nothwendig schlechthin, was unter gewissen Umständen nicht anders seyn kann, was nur auf eine Art gethan werden kann, dessen Gegensatz einen Widerspruch wider eine Pflicht, wider eine Absicht, oder auch nur wider einen Umstand enthalten würde, was man nicht vermeiden, nicht unterlassen kann. Auf diese Art ist alles nothwendig, was in einem Gesetze befohlen ist, was man unbeschadet seiner Wohlfahrt nicht entbehren kann, und in der weitesten Bedeutung auch, was man nicht entbehren zu können glaubt; daher einer oft ein Ding für nothwendig hält, welches bey dem andern nur nöthig und dem dritten gar unnöthig und überflüssig ist. Der heutige Tag ist ja nicht nothwendig ihr Brauttag, Gell. Müssen sie mich denn nothwendig stören? ebend. Wenn man mir mit dem Nachruhme kommt, so muß ich nothwendig lachen, ebend. Ich muß heute nothwendig schreiben. Nothwendige Arbeit haben, welche ohne Übertretung einer Pflicht nicht unterbleiben kann. Ein nothwendiger Mensch, welchen man nicht entbehren, ohne welchen man nicht leben kann. Er weiß sich sehr nothwendig zu machen. Mangel an dem Nothwendigen leiden, an dem was zur Erhaltung des natürlichen Lebens unentbehrlich ist.
   Anm. Im Schwed. gleichfalls nödvändig. Dieses Wort sagt in seinen schärfern Bedeutungen weit mehr als das bloße nöthig, und diese erhöhete Bedeutung rühret von der letzten Hälfte wendig her, deren eigentlicher Sinn aber so ausgemacht noch nicht, indem dieses Wort bey keinen unserer ältesten Schriftsteller angetroffen wird, ob es gleich alles Ansehen eines alten Wortes hat. Wachter lässet die letzte Hälfte auf eine sehr gezwungene Art von wenden, stehen, abstammen. Schilter mit mehrerer Wahrscheinlichkeit von wenden, abwenden, und erkläret es durch dasjenige, was die Noth abwendet. Da aber auch diese Ableitung den Begriff des Wortes nur halb erschöpfet, so fällt Ihre auf das alte Wahn, Mangel, und wahnen, Engl. to want, mangeln, fehlen; und da ist denn nothwendig, was man nicht ohne Noth entbehren kann, was höchst nöthig ist.
 
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Die Nothwêndigkeit, plur. die -en. 1) Die Eigenschaft eines Dinges, da es nothwendig ist, in allen Bedeutungen des vorigen Wortes, und ohne Plural. Die Nothwendigkeit Gottes, nach welcher er unmöglich nicht da seyn, oder unmöglich anders beschaffen seyn kann, als er ist. Die moralische Nothwendigkeit, die Gegenwart hinlänglicher Bewegungsgründe. Setze mich nicht in die Nothwendigkeit, auf meine eigene Sicherheit zu denken, 2) Nothwendige Dinge, d. i. solche Dinge, ohne welche eine Absicht nicht erreicht, eine Veränderung nicht hervor gebracht werden kann, und in engerm Verstande, Dinge, welche zur Erhaltung des natürlichen Lebens nothwendig sind.
 
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Das Nothwêrk, des -es, plur. die -e, ein Werk, eine Verrichtung, welche zur Erhaltung unsrer und andrer Wohlfahrt unentbehrlich ist.
 
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Der Nothwurf, des -es, plur. die -würfe, S. Adelung Nothauswurf.
 
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Die Nothzucht, plur. inus. von Noth und ziehen. 1) * Eine jede Gewalt, welche man einem andern anthut und zufüget, auch der Zwang wider dessen Willen; eine veraltete Bedeutung, welche ehedem sehr häufig war, wo nothziehen und nothzögen auch zwingen war. Gott wird uns keine Gewalt anlegen, benöthigen, nothziehen, heißt es in den Deutschen Sprichwörtern bey dem Frisch. Im Niedersächsischen ist nothtagen, nothziehen, noch in

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figürlichem Verstande für nöthigen, durch höfliches Bitten, üblich. 2) In der engsten und gewöhnlichsten Bedeutung, die mit angewandter Gewalt ohne Willen der andern Person mit ihr begangene Unzucht, gewaltthätiger Beyschlaf; ehedem die Noth, die Nothnunft, von nehmen, der Nothzug, die Nothzoge, die Nothzögung, der Nothzwang, im Nieders. Verkräfting, Wiefnood. Nothzucht begehen.
 
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Nothzüchtigen, verb. reg. act. welches auch nur noch in der engern Bedeutung üblich ist, mit Gewalt zum Beyschlafe zwingen. Eine Person nothzüchtigen. Ehedem nothzogen, nothzögen, notzeren, im Schwabensp. notzogen, im Nieders. verkräftigen. Daher die Nothzüchtigung, die Nothzucht. Ehedem bedeutete es überhaupt, Gewalt anthun. Si notegoton mih, Notker. Das Hauptwort der Nothzüchtiger, ehedem der Nothzüchter, Nothzoger, kommt noch zuweilen in den Gerichten vor.
 
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Der Novāl-Acker, Novāl-Zehnte, S. Adelung Neubruch.
 
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Der Novêmber, des -s, plur. ut nom. sing. der eilfte Monath im Jahre, nach dem Lat. November, weil er bey den Römern, welche das Jahr mit dem Märze anfingen, der neunte war. Carl der Große nannte ihn den Windmonath, weil sich in demselben gemeiniglich starke Winde einzustellen pflegen, oder nach dem Raban Maurus Heriuistmanoth, da bey uns jetzt der September der Herbstmonath ist. Er wird im Deutschen auch der Wintermonath genannt, weil sich dieser, der Witterung nach, gemeiniglich in demselben einzustellen pflegt. Im Holländ. heißt er Schlachtmaend, und auch wohl bey einigen Deutschen Schlachtmonath, weil man das zur Haushaltung nöthige zahme Vieh in demselben einzuschlachten pflegt, daher er auch bey den alten Cimbern Blotmonat genannt wurde.
 
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Nu, die Partikel nun im gemeinen Leben, S. Adelung Nun.
 
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Nüchtern, -er, -ste, adj. et adv. 1. Der denselben Tag noch nicht gegessen und getrunken, und in engerer Bedeutung noch nicht gegessen hat. 1) Eigentlich. Noch nüchtern seyn. Nüchtern trinken, ehe man etwas gegessen hat. Etwas in den nüchternen Magen hinein trinken. Nüchterner Speichel, welchen man des Morgens, ehe man noch etwas zu sich genommen hat, auswirft. 2) Figürlich ist nüchtern oft im gemeinen Leben so viel wie abgeschmackt, unschmackhaft. Das Fleisch schmeckt so nüchtern. Ein nüchterner Einfall. Ein nüchternes Gedicht. Das klingt so nüchtern. 2. In engerer Bedeutung ist nüchtern dem betrunken entgegen gesetzt. 1) Eigentlich, sich seiner und andrer Dinge außer sich nach vorher gegangener Trunkenheit wieder völlig bewußt; wo es in Gestalt eines Nebenwortes am üblichsten ist. Wieder nüchtern werden, wofür man auch sagt ausnüchtern. Nie nüchtern werden, beständig betrunken seyn. 2) Figürlich, sich seines gegenwärtigen Zustandes recht bewußt, im Gegensatze des Taumels der Leidenschaften, Gegenwart des Gemühtes besitzend, in Absicht auf die Unterdrückung der Leidenschaften. Werdet doch einmahl recht nüchtern und sündigt nicht, 1 Cor. 15, 34. Lasset uns wachen und nüchtern seyn, 1 Thess. 5, 6. Von einer Leidenschaften, oder nach derselben wieder nüchtern werden, zu sich selbst kommen. So lange seine Sinne noch nüchtern und gleichgültig sind. 3. In weiterer und figürlicher Bedeutung ist nüchtern Mäßigkeit in Essen und Trinken beobachtend, und darin gegründet. Ein nüchternes Leben führen. Am häufigsten als ein Nebenwort. Nüchtern leben.
   Anm. Schon bey dem Notker in der ersten Bedeutung nuchtarnin, im Schwabenspiegel ohne n am Ende nuhter, in einem alten Vocabulario aus dem 15ten Jahrhunderte nucther, im Nieders. nogtern, im Schwed. nyckter. Frisch leitet es von dem Latein. nocturnus her; aber warum nicht lieber von dem Deutschen Nacht, oder vielmehr von dem noch jetzt Holländ. und Nieders.

[Bd. 3, Sp. 536]


Nucht, Ucht, die frühe Morgenzeit? Die Sylbe -er ist eine sehr gewöhnliche Ableitungssylbe, welche in vielen Fällen ein n nachschleichen lässet, wie in albern, eisern, ehern, ströhern u. s. f. Nüchtern hat also eigentlich morgendlich bedeutet, und figürlich, des Morgens noch ungegessen. Bey dem Notker kommt nohturna wirklich noch für nächtlich vor. Die Angelsachsen umschrieben diesen Begriff, und nannten einen noch nüchternen Menschen onnihtnestig, von on, nicht, niht, frühe, und nest, Speise, Nahrung, und Ihre zu Folge, ist das Schwed. nyckter und unser nüchtern eine bloße Zusammenziehung dieses Ausdruckes. Opitzens nüchterlich für nüchtern ist im Hochdeutschen veraltet.

 

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