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Niß bis Nóchmahls (Bd. 3, Sp. 511 bis 517)
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Artikelverweis  Niß, eine Ableitungssylbe, welche Hauptwörter aus Bey- und Zeitwörtern bildet, welche theils die Handlung selbst oder einen Zustand, theils aber auch eine Sache, welche etwas thut, oder auch welche gethan wird, einen Ort u. s. f. bedeuten.
   Die Wörter, aus welchen vermittelst dieser Endung Hauptwörter gebildet werden können, sind 1) Beywörter, von welcher Art Finsterniß, Wildniß, Geheimniß, und die veralteten Schwerniß und Wärniß sind. 2) Zeitwörter, deren Anzahl größer ist. Die Bildung kann hier so wohl von dem Infinitive geschehen, da denn die erhaltenen Hauptwörter zuweilen die Stelle der Verbalium auf -ung vertreten, wie Emfpängniß, Fäulniß, Verdammniß, Erlaubniß, Fahrniß, Kümmerniß, Besorgniß, Begegniß, Beschwerniß, Ärgerniß, Hinderniß, Säumniß u. s. f. Da denn, wenn die beybehaltene Stammsylbe des Zeitwortes sich schon auf ein n endiget, das t euphonicum eingeschaltet wird, wie Kenntniß, Erkenntniß, Bekenntniß. Als auch von dem Mittelworte der vergangenen Zeit, da denn, wenn sich dasselbe auf ein t oder en endiget, diese weggeworfen werden; auf welche Art Betrübniß, Bündniß, Geständniß, Begängniß u. s. f. aus betrübt, gebunden, gestanden, begangen gebildet sind. Nur der Wohllaut behält zuweilen das t bey, wie in Bewandtniß, Vermächtniß, Gedächtniß und vielleicht noch einigen andern. Gemeiniglich werden auch die Selbstlauter a, o und u in ä, ö und ü verwandelt. Nur Erlaubniß, Fahrniß, Bewandtniß, Verdammniß, Besorgniß, Befugniß und Erforderniß behalten ihre Selbstlauter. Was die Bedeutung dieser Wörter betrifft, so hängt selbige von denjenigen Wörtern ab, von welchen sie gebildet worden. 1) Sind es Beywörter, so bezeichnen sie so wohl das Abstractum, als auch das mit der Eigenschaft des Beywortes begabte Ding. 2) Die von Infinitiven gemachten Hauptwörter, bedeuten theils die Handlung, den Zustand, wie Begräbniß, Gefängniß, Verlöbniß u. s. f. bekommen aber auch verschiedene figürliche Bedeutungen, und vertreten im ersten Falle die Zeitwörter auf -ung; theils aber auch ein Ding, welches die Handlung des Zeitwortes verrichtet, welches aber keine Person seyn darf, wie Bedrängniß, Fahrniß, was fähret oder sich bewegt, welches aber auch von dem Mittelworte gemacht seyn kann, etwas welches beweget wird, Begegniß, was uns begegnet, Beschwerniß, Ärgerniß, Hinderniß, Versäumniß, Bedürfniß, was man bedarf, Behältniß, was etwas aufbehält u. s. f. 3) Diejenigen, welche von dem Mittelworte der vergangenen Zeit herkommen, bezeichnen theils, so wie die von Beywörtern, ein Abstractum, oder den Zustand, theils auch etwas das gethan wird; wie Bündniß, Geständniß, Vermächtniß, Gedächtniß, Verständniß, Bildniß u. s. f. In manchen Wörtern kommen mehrere dieser Bedeutungen zusammen, und alsdann

[Bd. 3, Sp. 512]


scheinet auch das Wort so wohl von dem Infinitive, als auch von dem Mittelworte zugleich gebildet zu seyn.
   Mit dem Geschlechte dieses Wortes haben sich die Sprachlehrer viel zu schaffen gemacht. In dem 2ten Bande der Schriften der Anhältischen Deutschen Gesellschaft wird S. 432 auf sieben Blättern davon gehandelt; Heynatz widmet demselben in seinem zehnten Briefe gleichfalls sieben Blätter, und Stosch handelt im dritten Theile seiner Bestimmung gleichbedeutender Wörter S. 418 auch davon. Daß die Wörter auf -niß so wohl im weiblichen als ungewissen Geschlechte üblich sind, gestehet ein jeder ein. Die meisten wollen mit Gottscheden das weibliche Geschlecht gebrauchen, wenn ein Wort das Abstractum oder die Handlung bedeutet, und das ungewisse, wenn es im Concreto gebraucht wird. Ich weiß nicht, warum sich bloß die Wörter auf -niß diesem Gesetze unterwerfen sollen, da wir so viele tausend andere haben, welche so wohl im Abstracto als Concreto gebraucht werden, ohne jemahls ihr Geschlecht zu ändern. Das sicherste ist also wohl, man halte sich an den Gebrauch, und lasse einem Worte dasjenige Geschlecht, welches demselben am häufigsten gegeben wird.
   Freylich ist der Gebrauch hier sehr schwankend und ungewiß. Im Oberdeutschen sind die meisten Wörter auf niß weiblichen Geschlechtes, obgleich auch viele daselbst im ungewissen üblich sind, denen wir im Hochdeutschen das weibliche beylegen. Die Hinderniß, die Bildniß, die Bündniß, die Gefängniß, das Wildniß, das Finsterniß, das Fäulniß u. s. f. sind lauter Oberdeutsche Formen, und man gebraucht sie, ohne auf die Bedeutung zu sehen, das Wort mag ein Abstractum oder ein Concretum bezeichnen. Hingegen lieben die Niedersachsen in diesen Wörtern das ungewisse Geschlecht, ohne doch das weibliche ganz auszuschließen.
   Im Hochdeutschen sind folgende am häufigsten weiblichen Geschlechtes: die Betrübniß, die Bedrängniß die Bewandniß, die Besorgniß, die Beschwerniß, die Begegniß, welche beyden letztern doch nur selten vorkommen, die Empfängniß, die Erkenntniß, die Erlaubniß, die Fahrniß, die Finsterniß, die Fäulniß, die Kenntniß, die Kümmerniß, die Verdammniß, die Wildniß, und vielleicht noch einige andere nicht so übliche. Das ungewisse hingegen bekommen: das Ärgerniß, das Bedürfniß, das Befugniß, das Begräbniß, das Bekenntniß, das Bündniß, das Bildniß, das Behältniß das Einverständniß, das Erforderniß, das Geheimniß, das Geständniß, das Gedächtniß, das Gefängniß, das Gleichniß, das Hinderniß, das Leichenbegängniß, das Mißverständniß, das Versäumniß, das Verlöbniß, das Verhältniß, das Vermächtniß, das Verzeichniß, das Verhängniß, das Zeugniß, und vielleicht noch einige andere. Wollte man diese nach der Regel formen, daß sie weiblich seyn sollten, wenn sie den Zustand oder die Handlung bedeuten, aber ungewiß, wenn sie ein Concretum bezeichnen, so müßte man den ganzen Sprachgebrauch umschaffen, ohne eben etwas gethan zu haben, welches die Mühe belohnete. Einige der jetzt angeführten Wörter sind im Hochdeutschen zweifelhaft, und bekommen in einerley Bedeutung von einigen das weibliche, von andern aber das ungewisse Geschlecht, je nachdem jeder der Ober- oder Niederdeutschen Mundart günstiger ist. Einige andere sind in verschiedenen Bedeutungen wirklich in beyden Geschlechtern üblich, und diese muß man denn freylich so lassen wie sie sind. Vermuthlich rühret solches daher, daß es in der einen Bedeutung von den Oberdeutschen, in der andern aber von den Niederdeutschen entlehnet worden.
   Die Oberdeutsche Mundart liebt diese Ableitungssylbe vorzüglich, daher sind in derselben eine Menge solcher Hauptwörter gangbar, welche die übrigen Mundarten, und folglich auch die Hochdeutsche nicht kennen. Viele derselben sind von Heynatz, und im 2ten

[Bd. 3, Sp. 513]


Bande der Schriften der Anhältischen Gesellschaft, an den angeführten Orten aufgezählet worden. Sie könnten aber gar leicht vierfach vermehret werden, wenn es die Mühe belohnete. Es scheinet sogar, daß man im Oberdeutschen täglich neue Wörter vermittelst dieser Sylbe bilde, wenn man sie bedarf. Im Hochdeutschen ist diese Freyheit nicht so uneingeschränkt, und es machte viel Schreibens, als Abt das Wort Empfindniß von dem Zustande des Empfindens gebrauchen wollte.
   Diese Sylbe ist sehr alt, und lautet bey dem Ulphilas -nassus, bey den ältesten Oberdeutschen Schriftstellern -nisse, nisso, nissa, welche Endsylben a, e, o zugleich Beweise des weiblichen Geschlechtes sind, bey den heutigen Oberdeutschen -nuß und im Plural -nüsse, im Angels. -nisse, -nysse, -nesse, im Engl. -ness. Die Alten machten gern Abstracta damit. So ist im Isidor Miltnisso die Milde, und Hartnissa die Härte. Im Nieders. wo es doch seltener vorkommt, lautet es -nis und -nisse, Drövnis, Betrübniß, Denknisse, Gefängniß, Gefangenschaft, Düsternis, Finsterniß, Erbnis, Erbe, Eigenthum. Um die Abstammung dieser Eylbe, welche doch gewiß kein leerer Schall ist, hat sich noch niemand bekümmert. So fern die concrete Bedeutung, wie sehr wahrscheinlich ist, die erste und älteste ist, scheinet es mit Noß, Nuß, so fern es noch in manchen Gegenden ein Ding überhaupt bedeutet, verwandt, oder vielmehr ein und eben dasselbe Wort zu seyn, S. Noß.
 
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Die Nisse, sing. inus. 1) Die Eyer der Läuse, besonders in den Haaren. Nisse haben. Die Nisse abkämmen. 2) Auch die Eyer der Bienen werden von einigen Nisse genannt, dagegen sie bey andern, welche die Bienen für ein lebendig gebärendes Insect halten, Maden heißen.
   Anm. Bey ältern Oberdeutschen Schriftstellern Nizze, im Nieders. Nete, im Engl. Nits, im Wallis. Nett, im Angels. mit dem vorgesetzten Hauche Hnitu, im Dän. Gnid, im Schwed. Gnet, im Böhm. Hnida, im Pohln. Gnida, im Griech. κονις, ιδος. Es bedeutet ohne Zweifel einen kleinen runden Körper, so wie Nuß einen solchen größern, S das letzte. Auf ähnliche Art heißen sie im Lat. Lentes indem Linochen, Lieschen, auch im Deutschen von einem sehr kleinen Stückchen gebraucht werden. Der Singular wird selten gebraucht; sollte er nöthig seyn, so müßte das Wort in demselben die Niß heißen.
 
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Nisten, verb. reg. neutr. mit dem Hülfsworte haben, sein Nest bauen oder bereiten, am häufigsten in Beziehung und mit Meldung des Ortes. Die Vögel nisten auf den Cedern, Ps. 104, 17. Daß des Sommers die Vögel darin nisten, Es. 18, 6. Thut wie die Tauben, so da nisten in den hohlen Löchern, Jerem. 48, 28. Die Eulen nisten auf den Kirchthürmen und in altem Gemäuer, die Schwalben an den Wänden, die Rohrdrommel im Rohre. Von solchen Thieren, welche keine Nester haben, ist es im eigentlichsten Verstande nicht gebräuchlich, ob es gleich Es. 34, 15 heißt: der Igel wird auch daselbst nisten, und auch Opitz sagt, wo grimme Leoparden nisten. Von Raubvögeln gebrauchen die Jäger das Wort horsten. Ingleichen figürlich, sich an einem Orte fest setzen, seinen dauerhaften Aufenthalt daselbst nehmen, im Scherze und verächtlichen Verstande.
   Laß
   Keine Lust zu bösen Lüsten,
   In dem innern Menschen nisten,
   Gryph. Wofür doch im Hochdeutschen sich einnisten üblicher ist. Daher das Nisten.
   Anm. Bey dem Willeram und Notker nisten und nesten, im Nieders. nesten, im Angels. nistian, im Engl. to nestle, im Franz. nicher, im Schwed. nästla, im Lat. nidificare. S. Adelung Nest.
 
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Nivelliren, S. Adelung Abwägen.

[Bd. 3, Sp. 514]



 
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Der Nix, des -es, plur. die -e, ein erdichtetes Wassergespenst, von unförmlicher Gestalt, mit welchem man noch im gemeinen Leben die Kinder zu schrecken pflegt. Man sagt, daß er in den Teichen, Flüssen und Seen wohne, und die Schwimmenden, oder auch diejenigen, welche dem Wasser zu nahe kommen, bey den Füßen unter das Wasser ziehe und sie tödte. Die Kinder der Nixen heißen Kielkröpfe, weil es in ihren Kröpfen stets kielet oder kluchzet.
   Anm. Dieses Wassergespenst heißt im Schwed. Necken, im Dän. Nicken und Nocken, im Isländ. Nikur, auch im Deutschen bey einigen Nickert, im Engl. Nick, im mittlern Latein. Nocca, Neccus; Wachter leitete dieses Wort von dem Dän. nocken, ersticken, ab, im mittlern Lat. necare und negare, wovon der Henker im Nieders. Nicker, und der Teufel im Engl. Nick, genannt wird. Allein es scheinet vielmehr ein Überrest der alten nordischen Mythologie zu seyn, nach welcher Necken bey den ältern Schweden der Gott des Meeres war, welcher bey den Griechen und Römern Neptun hieß; welches Wort mit der ersten Sylbe in Nektar, und wenn man das N, wie aus so vielen andern Wörtern erweislich ist, als einen zufälligen Buchstaben ansiehet, auch mit dem alten Aach, aqua, Wasser, verwandt ist. Im Dän. bedeutet Nisse einen jeden Kobold oder Poltergeist, und bey den heidnischen Schweden wurden die Genii Nissar genannt.
 
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Die Nixblume, plur. die -n, im gemeinen Leben einiger Gegenden, ein Nahme des Froschbisses, Hydrocharis L. welcher in den lehmigen Wassergräben Europens wächset.
 
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Der Nobel, des -s, plur. ut nom. sing. eine ehemahlige Englische Goldmünze, welche auch in andern Ländern nachgeschlagen wurde, und deren es von verschiedenem Gehalte gab. S. Heinrichs-Nobel, Rosen-Nobel und Schiffs-Nobel. Der Nahme ist aus dem mittlern Lat. Nobile, Nobulus, Noblus, welchen Nahmen diese Münze erhielt, als sie 1344 zum ersten Mahle in England geschlagen wurde.
 
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Die Nobêrge, sing. inus. ein nur in den Eislebischen Bergwerken übliches Wort, wo das Dach der Schiefer, d. i. diejenige Erd- oder Steinart, welche zunächst oben auf den Schiefern liegt, die Noberge genannt wird. Die erste Sylbe scheint hier von nahe abzustammen, weil die Noberge doch die nächste Bergart vor den Schiefern sind.
 
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Der Nobiskrug, S. Obiskrug.
 
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Nóch, eine Partikel, welche im Deutschen von einem großen Umfange ist, und bey einem gehörigen Gebrauche viel zu dem Nachdrucke und zu der Ründe der Rede beyträgt. Sie kommt in einer dreyfachen Hauptbedeutung vor, und stammet in denselben allem Ansehen nach auch aus einer dreyfachen Quelle her.
   1. Als ein Bindewort oder Nebenwort, eine Verneinung zu bezeichnen, doch nur alsdann, wenn mehrere Dinge in einzelnen Sätzen oder Gliedern verneinet werden. Noch stelt uf ere noch uf tugent, der Burggraf von Riedenburg. Noch hende noch die fueze, eben derselbe. Noch nid noch has der nie gelag, ebend.
   Verhindert, daß noch Recht noch Satzung reden kann,
   Opitz.
    Hier will noch Ceres weichen,
   Noch Bacchus,
   ebend.
   Du sollst dich selber nicht noch loben noch verachten,
   ebend. In dieser Gestalt ist es im Hochdeutschen veraltet, und wir gebrauchen es nur zur Fortsetzung einer aus mehrern Gliedern bestehenden Verneinung, da denn das erste Glied weder bekommt, alle folgende aber mit noch verneinet werden. Er hat weder Geld noch Credit. Er ist weder krank noch gesund. Verrio ist

[Bd. 3, Sp. 515]


weder zur Freundschaft fähig, noch fähig Freundschaft in andern zu erregen. Wenn mehrere Sätze auf einander folgen, welche aus solchen sich auf einander beziehenden Verneinungen bestehen, so wird das weder noch so oft wiederhohlet, als der Sinn der Rede es erfordert. Weder Freude noch Leid, weder Glück noch Stern, weder Ruhm noch Ehre. Im Oberdeutschen wird für weder noch, das weder zwey Mahl gebraucht, S. dieses Wort.
   Indessen folgt dieses noch im Hochdeutschen nicht bloß auf weder, sondern es setzt eine jede vorher gegangene Verneinung fort, wenn selbige aus einzelnen Gliedern bestehet; ein Gebrauch, welchen Gottsched tadelte, der aber das Ansehen aller Zeiten und Schriftsteller und selbst das Lat. neque vor sich hat. Ich will dich nicht verlassen, noch versäumen. Kein Mensch noch Thier. Ich habe es niemahls gesehen, noch etwas davon gehöret. Nichts Neues noch Erhebliches. Ein herrlicher Tod, nicht auf dem Rosenbette der weichlichen Muße, nicht gleichgültig dem Vaterlande, noch unberühmt bey den künftigen Enkeln.
   Es lautet in dieser verneinenden Bedeutung schon im Isidor und bey dem Kero noh, und kommt so wohl in dem Klange, als in dem Gebrauche sehr mit dem Lat. nec. und neque überein. Da es eigentlich auch nicht, und nicht bedeutet, so ist sehr wahrscheinlich, daß es hier aus der alten Verneinung ni, und oh, auch zusammen gesetzet worden, so wie bey den ältesten Deutschen Schriftstellern joh, von ja, und och, auch, als ein Gegensatz von noch vorkommt. Die Lateinischen nec und neque sind auf ähnliche Art aus ne und ac, und ne und que zusammen gesetzet.
   2. Als ein Nebenwort der Zeit oder Bindewort, die Fortdauer einer gegenwärtigen Handlung zu bezeichnen, für bis jetzt, obgleich mit einem Nebenbegriffe, welcher sich besser empfinden, als durch Worte ausdrucken lässet; im Gegensatze des nicht mehr. Der Begriff des Gegenwärtigen beziehet sich alle Mahl auf die redende Person, oder auch auf die gemeldete Handlung. Er lebt noch. Ich weiß es noch. Bist du noch böse? Ist er noch da? Er ist noch immer krank. Es ist noch früh, im Gegensatze des, es ist nicht mehr früh. Als er noch schlief. Die Witterung war noch günstig, als er ausreisete. Kann es noch bewerkstelliget werden? Wohl ihm, wenn er es noch ändern kann, wenn es jetzt zur Änderung nicht zu spät ist. Als noch das Vaterland deine Hände bewaffnete, Dusch.
   Warum er unsrer Welt vor tausend andern rief,
   Als alles in der Nacht der Möglichkeit noch schlief,
   Gieseke; besser: als noch alles u. s. f. Weißt du noch, wie schwer sein stolzes Herz mir den Sieg machte? Dusch. So oft ich ihn noch gefraget habe, hat er es alle Mahl geläugnet. Die so genannten Großen, werden oft noch bey ihrem Leben sehr klein. Sie nahmen euch doch noch mit?
   Wo es in der gewöhnlichen erzählenden Wortfügung nach einer nachdrücklichen Inversion auch voran gesetzet werden kann. Noch ist er nicht da, für er ist noch nicht da. Noch niemahls habe ich so etwas gesehen. Noch ist es Zeit. Noch zur Zeit nicht, gegenwärtig noch nicht. Aber ach! noch irr ich immer hin, wohin der Gram mich bannt.
   Umkränzt mit Rosen eure Scheitel,
   Noch stehen euch die Rosen gut,
   Haged. Es kann, ob es gleich ein Nebenwort ist, nicht allein Zeitwörtern, sondern auch andern Redetheilen zugesellet werden, wo die vorige Bedeutung im Ganzen bleibt, ob sie gleich einzelnen Fällen zuweilen manche Nebenbedeutungen an sich nimmt. Mit noch blutigen Händen. Besonders in Verbindung mit Nebenwörtern. Noch heute soll es geschehen. Ich habe ihn noch gestern gesehen, erst gestern. Da es noch kaum Tag war, vix dum.
   Der frühe Hahn hat kaum noch den Morgen gegrüßt,
   Geßn.
   Kaum hatte noch des Schneiders Hand
   Dem Affen ein erflickt Gewand
   Von bunten Flecken umgehangen,
   Gell.
   In dem Schooße des Glückes ist noch selten ein Mann erzogen worden,
   Dusch. Zuweilen bedeutet es sehr bestimmt bis jetzt. Der niederträchtigste Mensch, den ich noch gesehen habe. Oft aber druckt es auch eine von jetzt an noch künftige Zeit aus, wo es auch zu der folgenden steigenden Bedeutung gehören kann. Er wird noch kommen. Er kommt noch. Er wird schon noch kommen. Es findet sich wohl noch jemand, der es thut. Was wirds noch werden? Wie lange sollte deine Blüthe und deine Schönheit diese Blumen wohl noch überleben? Dusch. Wo es denn oft in der vertraulichen Sprechart zugleich andeutet, daß eine Sache noch nicht geschehen ist. Er soll noch wieder kommen. Ich soll es noch wieder haben.
   In Gesellschaft mit den verneinenden Wörtern nicht, nichts, nie, niemahls u. s. f. hat es die einfache Bedeutung des bis jetzt. Er ist noch nicht da, im Gegensatze des schon. Es ist noch nicht Zeit. Das habe ich noch nie gesehen. Das ist noch niemahls geschehen. Sagst du mir es noch nicht, wo er ist? Noch ist die Sonne nicht hinter dem Berge hervor, Geßn.
   Auch in dieser ganzen Bedeutung lautet es schon bey den ältesten Oberdeutschen Schriftstellern noh, im Nieders. nog, nah. Von dem vorigen ist es ganz verschieden, vielleicht auch von dem folgenden. Es scheinet in der Bedeutung der gegenwärtigen Zeit mit nahe, nun, und neu verwandt zu seyn, zumahl da Kero in dieser Bedeutung nunoh für noch gebraucht. Die Lateiner drucken es durch adhuc, etiam nunc, etaimnum, etiam dum u. s. f. aus. Im Oberdeutschen und zuweilen auch im Hochdeutschen wird dafür auch das verstärkte annoch gebraucht. S. dasselbe.
   3. Als ein Nebenwort, welches eine steigernde, vermehrende Bedeutung hat.
   Eine Zahl oder Menge zu steigern. Er sagte noch, u. s. f. Dazu kommt noch, es kommt noch dazu, noch kommt dazu, welche Inversionen doch nicht in allen Fällen angehen. Außer dem habe ich noch dieses. Es sind ihrer noch mehr. Ich habe dir noch viel zu sagen. Ich habe dir noch etwas zu sagen. Ich will sehen, ob ich nur noch einige Tage Aufschub erhalten kann. Einige Tage sollten nur noch unsere Glückseligkeit verschieben. Noch ist hier eine Bittschrift einer Emilie Bruneschi, Less. Eines müssen sie mir noch versprechen. Ich habe noch für ein größer Geschenk gesorgt, Gell. Für ein noch größeres Geschenk, würde den Comparativ steigern. Und wenn ich auch noch zehn Jahre auf seine Hand warten sollte, Gell. Ich muß dich doch noch etwas fragen, ebend.
   Besonders mit Zahlwörtern. Sage mir es noch Ein Mahl. Thue es nur noch ein Paar Mahl. Wenn du noch Ein Mahl wieder kommst. Ich sage es noch Ein Mahl. Noch zwey Mahl so viel. Noch Ein Mahl so lange. Ich bin des Todes, wenn das noch Eine Stunde währet. Ingleichen mit Comparativen. Noch größer, noch länger, noch weiter. Das wird meinen Schmerz noch vergrößern, noch größer machen. Das macht ihn mir nur noch lieber. Sie ist noch tugendhafter als Doris.
   Im gemeinen Leben pflegt man das einfache noch zuweilen für noch Ein Mahl so zu setzen, welches aber die gute Schreibart gern vermeidet. Vorhin sang sie noch so artig, noch Ein Mahl so artig. Es muß noch so viel seyn, noch Ein Mahl so viel.

[Bd. 3, Sp. 517]



   Sehr oft steigert es auch die Intension, besonders anderer Nebenwörter. Das ist noch weit gefehlt. Es ist noch lange nicht Tag. Kommen sie noch so spät? Mancher der sich für noch so weise hält, ist dennoch ein Thor. Kaum hört man noch ein Vögelchen im Gebüsche zwitschern, Weiße. Machen sie mir noch so viele Vorwürfe, Gell. Wenn er mich auch noch so sehr bitten sollte. Was ist der beste Mensch, der auf der Bahn des Lebens noch so vorsichtig wandelt? Gell. Wenn es mir auch noch so sauer werden sollte, ebend. Und wenn es auch noch so sehr mit meinen Wünschen stritte, ebend. Sie habe ihrem Bräutigam noch so viel zu danken, so bin ich ihnen doch eben so viel schuldig, ebend. Ich mag ihm noch so sehr zureden, er thut doch was er will. Ich konnte kaum den Thurm und also noch viel weniger die Kirche sehen.
   Oft bedeutet es, dessen ungeachtet, nach allem was vorher geschehen, oder im vorigen gesagt worden. Du kannst noch lachen? Du unterstehest dich noch, mich darum zu bitten? Dieß könnt ihr noch von mir begehren? Gell. Du unterstehest dich noch, ihn zu vertreten und zu entschuldigen? ebend. Und er konnte noch die Wahrheit für Schmeicheley halten. Ich hatte es deutlich gesehen, und er wollte es noch läugnen.
   Welche derbe grobe Speise!
   Und ihr zankt euch noch um sie?
   Michäl. Es kommt in dieser Bedeutung dem davon gebildeten weit bestimmtern dennoch nahe, und wurde ehedem gemeiniglich dafür gebraucht. Schon im 8ten Jahrhunderte kommt das noh für dennoch vor, und Ottfried und seine Nachfolger gebrauchen es beständig so, dagegen bey den Schwäbischen Dichtern ie noh dafür gefunden wird. Noch ließ er mit nichte darvan, Theuerd. Kap. 63.
   Wiewohl mein arbeit ist verlorn
   Bißher gewesen an dem held gehewr,
   Noch so wil ich mein abentheuer
   Versuchen u. s. f.
   Theuerd. Kap. 57. Wo man auch häufig noch dannoht für dennoch findet. Siehe Dennoch.
   Oft dienet dieses noch bloß zur Intension der ganzen Rede, und bekommt alsdann allerley kleine Nebenbedeutungen, welche sich schwerlich mit andern Ausdrücken erschöpfen lassen. Er befahl es mir noch auf seinem Todbette. Wenn er mir es noch gesagt hätte, so sollte es mich nicht verdrießen. Das ginge schon noch an. Das läßt sich noch essen. Auch sein Vergehen ist noch ein Verdienst, Gell. Auch selbst der Zorn läßt ihr noch schön, ebend. Sie sollen auch nach meinem Tode noch glücklich seyn.
   Anm. Auch in dieser Bedeutung bey den ältesten Schriftstellern noh, im Nieders. nog und noch. In einigen Fällen der 3ten Bedeutung kann es wohl eine Figur der zweyten seyn; allein in den meisten ist es doch wohl ein eigenes Wort, welches entweder zu nug in genug gehöret, oder auch von auch, vermittelst des n als eines müßigen Vorschlages, welcher sich vor so vielen andern Wörtern befindet, gebildet worden, zumahl da man es im Lat. in den meisten Fällen durch etiam, etiam si u. s. f. ausdrucken muß.
 
Artikelverweis 
Nóchmahls, ein Nebenwort, für noch Ein Mahl. Er kam nochmahls zu mir. Ich sage es dir nochmahls. Von dem unentbehrlichen s am Ende, S. 6 Mahl.

 

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