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Niederträchtig bis Niedlichkeit (Bd. 3, Sp. 500 bis 502)
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Artikelverweis  Niederträchtig, -er, -ste, adj. et adv. welches von niedrig und tragen abstammet. Es bedeutet,
   1. * Eigentlich, niedrig von Statur, von Größe, eigentlich sich niedrig tragend; eine in der anständigen Schreibart der Hochdeutschen veraltete Bedeutung, welche aber in den gemeinen Sprecharten, so wie im Oberdeutschen noch sehr üblich ist. So werden kleine niedrige Schafe auch in Meißen niederträchtige Schafe genannt, im Gegensatze der hochbeinigen. Ein niederträchtiger Felsen, d. i. ein niedriger, Bluntschli, ein Schweizer. Zwey niederträchtige Stühle, Stumpf, auch ein Schweizer.
   2. Figürlich. 1) * Demüthig, d. i. Fertigkeit besitzend, andrer Vorzüge mehr als die seinigen zu schätzen, und darin gegründet; eine im Hochdeutschen gleichfalls veraltete Bedeutung, in welcher es noch im Oberdeutschen häufig ist, wo oft die Niederträchtigkeit der Heiligen als eine vorzügliche Tugend gerühmet wird. Der Gegensatz ist das gleichfalls Oberdeutsche hochtragend, stolz, hochmüthig. 2) Sehr merklichen Mangel an vernünftiger Ehrliebe besitzend, und darin gegründet, tiefe Geringschätzung eigener Würde durch seine Handlungen verrathend; ingleichen, in dieser Denkungsart gegründet. Ein niederträchtiger Mensch. Ein niederträchtiges Gemüth. Niederträchtig seyn, handeln. Ein niederträchtiges Betragen. Man kann seinen geringen Werth fühlen, weil man zu träge ist, sich Verdienste zu erwerben,

[Bd. 3, Sp. 501]


dieses ist Niederträchtigkeit und nicht Demuth, Gell. Da dieses Wort in der jetzt gedachten Bedeutung, in welcher es im Hochdeutschen nur allein gangbar ist, einen sehr harten und beleidigenden Begriff gibt, so ist in der glimpflichern Schreibart dafür oft niedrig üblich.
   Bey den Schwäbischen Dichtern findet sich noch eine im Hochdeutschen veraltete Bedeutung. So singt z. B. der von Gliers:
   Sit ich so nidertrehtig bin
   Das ich ir minne enberen muos; wo es unglücklich, unterdruckt, zu bedeuten scheinet.
 
Artikelverweis Die
Niederträchtigkeit, plur. die -en. 1) Der Zustand, da eine Person oder Sache niederträchtig ist; ohne Plural. Im Hochdeutschen ist es gleichfalls nur noch allein in der zweyten figürlichen Bedeutung üblich, dagegen die beyden ersten im Oberdeutschen noch häufig vorkommen. 2) Eine niederträchtige Handlung; gleichfalls nur in der zweyten figürlichen Bedeutung. Allerley Niederträchtigkeit begehen.
 
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Niedertrêten, verb. irreg. act. S. Adelung Treten, niederwärts treten. Die Maulwurfshügel im Garten niedertreten. Die Schuhe niedertreten, die Quartiere an denselben. Ingleichen zu Boden treten. Das Gras, das Getreide niedertreten. Ich trat dein zitterndes Alter in den Staub der Dürftigkeit und Verachtung nieder, von Brawe. Daher das Niedertreten und die Niedertretung.
 
Artikelverweis 
Niedertrinken, verb. irreg. act. S. Adelung Trinken, zu Boden trinken. Jemanden niedertrinken, ihm so lange zutrinken, bis er zu Boden fällt; in der niedrigen Sprechart niedersaufen. Ingleichen figürlich, im Trinken überwinden. Daher das Niedertrinken.
 
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Die Niederung, plur. die -en, S. die Niedere.
 
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* Das Niederwand, des -es, plur. die -wande, oder -wänder, ein im Hochdeutschen ungewöhnliches Wort, die Unterkleider oder Beinkleider zu bezeichnen. Die leinen Niederwand an seinem Leib, 3 Mos. 6, 10; Kap. 16, 4; leinene Beinkleider, Michael. S. Adelung Niederkleid und Gewand.
 
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Niederwärts, ein Nebenwort des Ortes, nach der Niedere zu; im Gegensatze des aufwärts, so wie unterwärts dem oberwärts entgegen gesetzet ist. Niederwärts gehen, fallen, sich bewegen. In der Schweiz niedsich.
 
Artikelverweis 
Niederwêrfen, verb. irreg. act. S. Adelung Werfen, zu Boden werfen. Jemanden niederwerfen. In den Oberdeutschen Gerichten bedeutet es auch figürlich, in Verhaft nehmen. Einen Verbrecher gefänglich niederwerfen. Daher die Niederwerfung.
 
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Niederziehen, verb. irreg. act. S. Adelung Ziehen, niederwärts ziehen. Den Zweig an einem Baume niederziehen. Jemanden niederziehen, ihn, da er stand oder saß, auf die Erde ziehen. Daher das Niederziehen.
 
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Niedlich, -er, -ste, adj. et adv. 1) Den Sinnen, besonders aber dem Gesichte angenehm, da es dasjenige in sich begreift, was man sonst artig, zierlich, geputzt, vornehmlich aber nett nennet, eigentlich, demjenigen, was nett ist, ähnlich und gleich. Niedlich gekleidet gehen, reinlich und zierlich; nett. Das siehet niedlich aus. Ein niedlicher Hut, Weiße. Ein niedliches Haus, ein niedlicher Garten. Kleine niedliche Sachen. Ein niedliches Mädchen, von angenehmer Gestalt. Da Kleinheit und Zierlichkeit verbunden dem Auge vorzüglich angenehm ist, so hat das Wort niedlich auch in den meisten Fällen den Nebenbegriff der Kleinheit bey sich. S. Adelung Fein, welches auf ähnliche Art gebraucht wird. 2) In engerer Bedeutung wird es auch von Speisen gebraucht, für schmackhaft, delicat, lecker. Ein niedliches Gericht. Die vorhin das niedlichste aßen, Klagel 4, 5. Ich

[Bd. 3, Sp. 502]


aß keine niedliche Speise, Dan. 10, 3. Von Getränken wird es seltener, doch aber zuweilen gebraucht.
   Anm. Bey dem Willeram mit einer andern Ableitungssylbe nietsam, für angenehm, im Nieders. nike, welches aus dem ältern niedlik zusammen gezogen ist. Frischens Ableitung von dem Oberdeutschen Niedel, Milchrahm, ist seltsam und ohne alle Analogie, zumahl da man nähere und bessere Quellen hat. Schon Wachter hat es von dem bey dem Ottfried, Notker, Willeram und andern ältern Schriftstellern so häufig vorkommenden Niete, Niut, Belustigung, Annehmlichkeit, Verlangen, nioton und sih nieten, sich belustigen, angenehme Empfindungen haben, und niet, angenehm, abgeleitet, von welchem letztern, welches wiederum mit nett verwandt ist, unser niedlich vermittelst der Ableitungssylbe -lich gebildet worden. S. Adelung Neid, welches in seiner ältern allgemeinen Bedeutung gleichfalls hierher gehöret, Genießen, ehedem nießen und nieten. Die Niedersachsen haben noch ein anderes Wort für unser niedlich in der ersten Bedeutung, welches niber, nifer, niper lautet, klein und zierlich bedeutet, und mit Knabe, und Nau in Genau verwandt zu seyn scheinet.
 
Artikelverweis 
Die Niedlichkeit, plur. inus. die Eigenschaft eines Dinges, nach welcher es niedlich ist; am häufigsten in der ersten Bedeutung des Beywortes.

 

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