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Grammatisch-Kritisches Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart Bibliographische AngabenLogo textgrid zeno bmbf · Logo textgrid zeno bmbf · Logo textgrid zeno bmbf
 
Neu bis Neuerung (Bd. 3, Sp. 474 bis 477)
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Artikelverweis  Neu, -er, -este, adj. et adv. welches überhaupt diejenige Eigenschaft eines Dinges bezeichnet, da seit dessen Daseyn nur eine kurze Zeit verstrichen ist, im Gegensatze des alt.
   1. Eigentlich, von dem Daseyn lebloser Dinge und Eigenschaften, da von Menschen, Thieren und Pflanzen, wenn die Dauer ihres Daseyns überhaupt bestimmt werden soll, jung üblich ist. Ein neues Haus. Ein neues Kleid. Ein neues Buch. Eine neue Mode. Eine neue Liebe. Das Haus, das Kleid, das Buch ist ganz neu; in den gemeinen Sprecharten nagelneu, funkelneu, funkelnagelneu, spannnagelneu, Nieders. spelderneu, spolderneu, für ganz neu, völlig neu. Diese Art zu denken ist nicht neu. Das neue Jahr, im Gegensatze des alten, vergangenen, S. Adelung Neujahr. Eine ganz neue Lüge. Eine neue Lehre. Von Speisen und Eßwaaren gebraucht man am häufigsten das Wort frisch, zuweilen auch jung, ob man gleich auch im

[Bd. 3, Sp. 475]


Oberdeutschen sagt, neues Brot, neuer Käse, neues Bier, für frisches Brot, frischer oder junger Käse, junges Bier. Nur in Ansehung des Jahrwuchses, wenn eine Speise in diesem Jahre noch nicht da gewesen, wird sie auch im Hochdeutschen neu genannt. Neuer Wein, dießjähriger, im Gegensatze des alten oder firnen. Eine neue Speise. Neues Brot, von neuem oder dießjährigem Getreide. Neue Häringe.
   Dahin gehören auch die adverbischen R. A. aufs neue und von neuen, (bey einigen irrig von neuem oder vom neuen, S. Adelung Von, die Anm.) Aufs neue krank werden, wiederum, nochmahls.
   O Sonne, die mein Angesicht
   Aufs neu jetzund erhellet,
   Weiße. Auf das neue, für aufs neue, kommt hin und wieder vor. So auch von neuen. Von neuen sündigen, krank werden. Tausend kleine Umstände, die immer von neuen vorkommen. Schon im Isidor ith niuues, bey dem Notker iteniuuues, im Lat. denuo. Im Oberd. ist für beyde neuer Dingen und wiederhohlter Dingen üblich.
   2. In weiterer Bedeutung. 1) In Beziehung auf gewisse Eigenschaften oder Umstände. Der neue König, welcher erst seit kurzen zu dieser Würde erhoben worden. Neue Soldaten, neue Beamte. Ein neuer Freund, der erst seit kurzen unser Freund ist. Das neue Testament, im Gegensatze des alten. Die neue Welt, im Gegensatze der alten, weil sie den Europäern am spätesten bekannt geworden. Der neue Mond, welcher im gemeinen Leben auch das neue Licht, oder das Neue genannt wird, siehe Neumond. Dagegen ist bey den Jägern das Neue, oder ein Neues, frisch gefallener Schnee, S. die Neue. Neue Einwohner in eine Colonie schicken, welche vorher noch nicht da gewesen. Die Besatzung mit neuen Leuten abwechseln lassen, mit frischen. Die neue oder neuere Geschichte, im Gegensatze der alten oder ältern. Neuere Briefe (spätere, jüngere) melden nichts davon. Das neue Logis, worein man seit kurzen gezogen ist, oder erst darein zu ziehen Willens ist. Ein neuer Bedienter, welchen man noch nicht lange hat. Neue Fürsten, welche die fürstliche Würde nach der Mitte des 16ten Jahrhundertes erhalten haben, im Gegensatze der alten Fürsten. S. Neufürstlich. 2) In Beziehung auf unsere Erkenntniß, was man vorher noch nicht erfahren, empfunden oder erkannt hatte. Das ist mir nichts Neues, das habe ich schon mehrmahls erfahren, oder empfunden. Diese Sache ist mir nicht neu, nicht unbekannt. Eine neue Lehre. Ein neuer Gedanke, welchen man noch nicht gedacht, oder noch nicht gelesen hat. Neue Gewächse, neue Thiere, welche bisher noch nicht bekannt gewesen. Diese Forderung wäre ganz neu, ganz unerhört. Dieß Gefühl, welches mir so neu in jeder Nerve bebt. Der Gegenwart des Geistes ist nichts neu. Ein neuer Gegenstand, in den bildenden Künsten, der noch von niemanden oder doch nicht auf diese Art, behandelt worden. Etwas Neues erzählen, was man noch nicht gewußt hat, besonders wenn es sich vor kurzen zugetragen hat, oder zugetragen haben soll. Was gibts Neues? Immer etwas Neues wissen. Das ist nichts Neues, das ist schon etwas Altes, Bekanntes. S. Neuigkeit.
   3. Figürlich, in Beziehung auf solche Eigenschaften, welche gemeiniglich an neuen Dingen angetroffen werden. 1) Seinem ersten Zustande, der ersten Gestalt, welche ein Ding nach seinem Entstehen hatte, gleich, in welchem Verstande man im gemeinen Leben Werke der Kunst, wenn sie so aussehen, als wie sie aus der Hand des Künstlers oder Urhebers kamen, neu zu nennen pflegt; wo es doch in Gestalt eines Nebenwortes am üblichsten ist. Etwas wieder neu machen. 2) Ungebraucht, unabgenutzt. Ein neues Kleid, welches noch nicht getragen ist, wenn es gleich in Ansehung der Zeitdauer nicht neu ist. Neues Geld, welches noch ganz glänzend

[Bd. 3, Sp. 476]


ist. Das Kleid, das Haus ist noch ganz neu. 3) Den Grad der lebhaften innern Stärke habend, welchen ein Ding bey seinem Entstehen gemeiniglich zu haben pflegt. Neuen Muth, neue Kräfte haben, bekommen. Die Barmherzigkeit des Herrn ist alle Morgen neu, Klagl. 3, 23. Mein Schmerz wird wieder neu. 4) Mit dem Nebenbegriffe des bessern; im Gegensatze des alt. Der neue Mensch, das neue Leben, ein neues Herz, der neue Sinn, in der Deutschen Bibel und der biblischen Schreibart, die durch den Geist Gottes gewirkte bessere sittliche Beschaffenheit, im Gegensatze der ungeänderten. 5) Unerfahren; am häufigsten als ein Nebenwort. In einer Sache neu seyn. Er war in dieser Art von Erfahrungen noch ganz neu. Bist du so neu in der schönen Welt, daß du nicht weißt, daß das Freye jetzt der gute Ton ist? S. Adelung Neuling.
   Anm. Bey dem Kero niuu, bey dem Ottfried niu, nouo, im Nieders. nij, nige, im Dän. ny, im Angels. niwe, neowe, im Engl. new, im Franz. neuf, im Ital. nuovo, bey dem Ulphilas niwi, im Irländ. nua, im Pers. nau, im Russ. und Pohln. nowy, im Krain. nov, welche insgesammt mit dem Lat. novus und Griech. νεος aus einer gemeinschaftlichen ältern Quelle entsprungen sind. Das Stammwort scheinet nahe zu seyn, siehe Nun; indessen da neu im Dän. auch nyt lautet, und unser neu in einigen Fällen selbst so viel wie glänzend bedeutet, so stehet es noch dahin, ob es mit nett nicht vielmehr zu Nitor, nitere, nitidus gehöret.
   Man macht mit diesem Worte verschiedene Zusammensetzungen, Dinge zu bezeichnen, welche entweder erst seit kurzen da sind, oder seit kurzen bekannt geworden, oder auch, welche später entstanden oder bekannt geworden, als ein anderes von eben derselben Art. Die bekanntesten derselben kommen im folgenden vor. Nur wenn es das bloße Nebenwort neu ist, und weder eine Ellipse noch eine Figur Statt findet, so enthält man sich der Zusammenziehung mit mehrerm Rechte, als man sich derselben bedienet. Neu geboren, neu gebackenes Brot, neu geworbene Soldaten, neu gekleidet, für neugeboren u. s. f.
 
Artikelverweis 
Neubacken, adj. et adv. im gemeinen Leben für neu gebacken, oder frisch gebacken, im Gegensatze des altbacken oder alt gebacken. Neubackenes Brot, neu gebackenes, frisches. Ingleichen figürlich im verächtlichen Verstande. Ein neubackener oder neu gebackener Edelmann, welcher erst vor kurzen zu dieser Würde erhoben worden. Dän. nybaget.
 
Artikelverweis Die
Neubegierde, zuweilen, obgleich seltener, auch die Neubegier, plur. inus. die Begierde, der merkliche Grad des Verlangens, etwas Neues, d. i. Unbekanntes zu erfahren. 1. In weiterer Bedeutung, ohne Bestimmung der Rechtmäßigkeit oder Unrechtmäßigkeit dieses Verlangens, das Französische Curiosität auszudrucken. Ich frage bloß aus Neubegierde. Befriedigen sie meine Neubegierde. Indessen ist doch nicht zu läugnen, daß diesem Worte allemahl ein härterer Nebenbegriff anklebet, als das ausländische Curiosität hat, welcher von dem Nebenbegriffe des Wortes neu herrühret, S. den zweyten Fall der folgenden Bedeutung. Daher man in diesem unschuldigen Verstande auch lieber Wißbegierde und mißbegierig gebraucht. 2. In engerer Bedeutung. 1) Das Verlangen, eine nützliche unbekannte Wahrheit zu wissen; welches doch am häufigsten die Wißbegierde, die edle Wißbegierde genannt wird. 2) Am häufigsten, die Neigung, unbekannte Dinge bloß um ihrer Neuigkeit willen, bloß um des sinnlichen Vergnügens an Veränderungen willen, zu wissen, da sie denn mit der Neugier oder Neugier einerley ist, obgleich diese eigentlich einen stärkern Grad des Verlangens ausdruckt, als Neubegierde. S. Neugier.
 
Artikelverweis 
Neubegierig, -er, -ste, adj. et adv. Neubegierde habend und darin gegründet, so wie dieses Hauptwort.

[Bd. 3, Sp. 477]



 
Artikelverweis Der
Neubekehrte, des -n, plur. die -n, Fämin. die Neubekehrte, eine Person, welche erst vor kurzen bekehret worden, und in weiterer Bedeutung, welche sich erst vor kurzen zu einer bessern Religion gewandt hat; ein Proselyt, bey einigen auch ein Neugläubiger.
 
Artikelverweis Der
Nēubrúch, des -es, plur. die -brche, ein altes Wort, ein neu ausgebrochenes Holz, d. i. ein vor kurzen, oder doch später als eine andere Gegend, ausgerottetes und zu Feld oder Wiesen gemachtes Gehölz; das Neuland, Neugereut, Neureut, Rodeland, Reutfeld, Rode, der Stockraum, das Geräumte, Noval-Acker, von dem mittlern Lat. Novale. »Neubruch und Neugereuth werden genennet diejenige Grunndt, allda zuvor we »der Furch, Strang noch Geäffter gesehen, auch nie war angebauet »worden. Die Aufbrüch aber eine Grunndt, welche vorhero zwar »angebauet gewesen, aber kurz oder lang hernach in einem und »andern Bau verkehret worden.« Leopoldi Satz und Ordnung im Erzherz. Österreich. Daher der Neubruchszehent, oder Noval-Zehent, der von solchen Neubrüchen entrichtet wird.
 
Artikelverweis 
1. Das Neue, ein Neues, S. das folgende.
 
Artikelverweis 
2. Die Neue, plur. inus. oder ein Neues, plur. inus. ein nur bey den Jägern übliches Wort, welches theils den Thau und neblige Witterung, besonders des Morgens, theils aber und am häufigsten auch den Schnee bedeutet. Ein gemachtes Neues, ein frisch gefallener Schnee, dagegen ein aufgehender oder aufthauender Schnee eine Halbneue genannt wird. Es scheinet, daß dieses Wort von neu, novus, gänzlich verschieden ist, und noch das Stammwort des Wortes Schnee aufbehalten hat, welches vermittelst des Zischlautes daraus gebildet worden; zumahl da andere Sprachen diesen Zischlaut auch nicht haben, wie das Lat. Nix, das alte Franz. Noif, Nois, das neuere Franz. Neige, das Lotharingische Nadge, Noge. Im mittlern Lat. ist Nibata, bey dem Petronius Niuata, ein jedes aus der Luft fallendes Wasser. Es müßte denn seyn, daß beyde Wörter in der Bedeutung des Hellen, Glänzenden, mit einander überein kämen. Im mittlern Lat. ist nibulatus (eigentlich nivulatus) glänzend. S. Adelung Schnee.
 
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Neuen, verb. reg. act. welches, so wie das Intensivum oder Frequentativum neuern, nur in den Zusammensetzungen erneuen, erneuern, verneuen, verneuern üblich ist, für wieder neu machen. Doch gebraucht man das Zeitwort neuen in der Bienenzucht, wo die Bienen neuen, wenn sie anfangen an dem Werke zu arbeiten.
 
Artikelverweis 
Neuerlich, adj. et adv. neulich, vor kurzen, ingleichen neu, so wohl als ein Bey- als auch als ein Nebenwort; doch nur am häufigsten im Oberdeutschen. Ich habe ihn erst neuerlich gesehen, erst neulich. Seine neuerlich angenommenen Lehren. Als ein Beywort, in neuerlichen Zeiten, ist es im Hochdeutschen noch seltener. Nieders. nuur, im Hannöv. nuus; nuur Dages, vor wenig Tagen, nuur Abends, neulich des Abends. S. Adelung Nur.
 
Artikelverweis Die
Neuerung, plur. die -en, die Veränderung in dem bisherigen Herkommen, eine neue Gewohnheit, ein neuer Gebrauch, doch am häufigsten in engerer Bedeutung, eine vorher nicht da gewesene Sache zu bezeichnen, welche jemand, bloß weil sie etwas Neues ist, einführen will. So nennt man neue Auflagen, neue Anstalten, neue Verordnungen im gehässigen Verstande Neuerungen. Allerley Neuerungen aufbringen. Neuerungen in der Lehre, in der Rechtschreibung u. s. f. Neuerungen anfangen. Daher die Neuerungsbegierde, die Neuerungssucht, d. i. ungeordnete Begierde nach Neuerungen, d. i. nach neuen Gewohnheiten, Lehren, Gebräuchen u. s. f. bloß um ihrer Neuigkeit willen. Es scheinet nicht, daß dieses Wort den nachtheiligen Nebenbegriff von je her bey sich gehabt hat, denn Frisch hat es irgendwo auch von der Erneuerung einer Obligation gefunden. Das mittlere Lat. Novitas und Franz. Nouveauré sind mit eben diesem Nebenbegriffe üblich.

[Bd. 3, Sp. 478]


 

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