Wörterbuchnetz
Grammatisch-Kritisches Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart Bibliographische AngabenLogo textgrid zeno bmbf · Logo textgrid zeno bmbf · Logo textgrid zeno bmbf
 
Neiden bis Neiß (Bd. 3, Sp. 461 bis 464)
Abschnitt zurück Abschnitt vor
Artikelverweis  Neiden, verb. reg. act. welches die vierte Endung der Person erfordert; jemanden neiden, über dessen Vorzüge und Wohlstand ein anhaltendes Mißvergnügen empfinden. Die Philister neideten Isaac, 1 Mos. 26, 14. Ich will dich darum, oder deßwegen nicht neiden. Der jetzt uns neiden kann, Opitz. Wenn ihn Fürsten neiden, Haged. Im Hochdeutschen ist es, etwa die dichterische Schreibart ausgenommen, größten Theils veraltet, indem das verstärkte beneiden dafür üblicher ist. So auch das Neiden. Diu nide ein ander darum niht, heißt es schon bey der Winsbeckinn, und Ich nide niman der si hat, Reinmar der Alte.
 
Artikelverweis Der
Neider, des -s, plur. ut nom. sing. Fämin. welches doch seltener vorkommt, die Neiderinn, eine Person, welche eine andere neidet oder beneidet, d. i. ein anhaltendes Mißvergnügen über ihren Wohlstand und über ihre Vorzüge empfindet. Viele Neider haben. Besser Neider als Mitleider, im gemeinen Leben. Bey dem Ottfried Nichigo.
 
Artikelverweis Der
Neidhammel, des -s, plur. die -hämmel, ein neidischer Mensch, ohne Unterschied des Geschlechtes; doch nur im gemeinen Leben und den niedrigen Sprecharten, in welchen das Wort Hammel in mehrern zusammen gesetzten verächtlichen Ausdrücken gebraucht wird, z. B. Streithammel, Zankhammel, eine streitsüchtige, zanksüchtige Person.
 
Artikelverweis Der
Neidhart, des -es, plur. die -e, ein nur noch in einigen Gegenden übliches Wort, eine neidische Person zu bezeichnen. Es ist kein Lauren über des Neidharts Lauren, Sir. 25, 19. S. -Hard.
 
Artikelverweis 
Neidisch, -er, -te, adj. et adv. Neid empfindend, und darin gegründet, und in engerer Bedeutung, Fertigkeit besitzend, andere wegen ihres Wohlstandes und wegen ihrer Vorzüge zu beneiden. Ein neidischer Mensch. Neidisch seyn. Jemandes Glück mit neidischen Augen ansehen. Iß nicht Brot bey einem Neidischen, Sprichw. 23, 6; in weiterer Bedeutung, der es dir nicht gönnet. Bey dem Ottfried nidig, bey dem Notker nidik, noch jetzt im Oberdeutschen neidig, im Nieders. niedsk. S. Adelung Neid. Anm.
 
Artikelverweis Der
Neidnagel, S. Adelung Niednagel.
 
Artikelverweis Die
Neige, plur. die -n, von dem folgenden Zeitworte neigen. 1) Der Zustand, da ein Ding geneiget wird, oder da sich eine Sache zu ihrem Ende oder ihrem Verfalle neiget; ohne Plural, und als eine Figur von einem bald leeren und geneigten, d. i. hinten aufgehobenen Fasse. Der Wein, das Bier, das Faß gehet auf die Neige, das Faß ist bald leer, es muß bald geneiget werden. Von der Neige trinken, von einem bald leeren, geneigten Fasse, Nieders. von der Helle, von hellen, lüften, vorne neigen. Daher figürlich, doch nur im gemeinen Leben, die Neige der Verfall, die Abnahme ist. Das Leben ist wie der Wein, wenn er auf die Neige kommt, so wird er sauer, Opitz. Auf der Neige ist nicht gut sparen, wenn wenig mehr da ist. Sein Vermögen ist auf die Neige, ist bald alle. Es gehet mit ihm auf

[Bd. 3, Sp. 462]


die Neige, er nimmt ab, so wohl an Kräften und Gesundheit, als auch am Vermögen.
   Die Zeit hat abgenommen,
   Da noch was Gutes war, wir sind zur Neige kommen,
   Opitz.
   O die Welt kommt auf die Neige,
   Haged.
    Denn ihre Schönheit geht allmählich auf die Neige,
   Less. Nürnberg ist mit seinem ehemahligen großen Rufe auf der Neige. 2) Ein flüssiger Körper von einem geneigten Fasse. Von der Neige trinken. In weiterer Bedeutung ein jeder Überrest von einem flüssigen Körper. Hier ist noch eine Neige Bier. Die Neige austrinken, den Überrest in einem Trinkgeschirre. Und figürlich, ein Überrest von einer jeden Sache; doch alles nur in den gemeinen Sprecharten, wo auch die Verkleinerungen Neigelchen und Neigelein vorkommen. Eine Neige Äpfel, Zeug u. s. f.
 
Artikelverweis 
Neigen, verb. reg. act. nach einem niedrigern Gegenstande bewegen oder wenden, näher nach der Oberfläche der Erde zu beugen oder richten.
   1. Eigentlich. 1) Überhaupt. Wenn nun eine Dirne kommt, zu der ich spreche: neige deinen Krug und laß mich trinken, 1 Mos. 24, 14. Ein Faß neigen, es hinten höher stellen, damit es vorne tiefer komme; es lüften, Nieders. es hellen, S. Adelung Neige. Der Bau hat sich ein wenig geneiget, im Oberdeutschen, wofür man im Hochdeutschen das Wort senken gebraucht. Eine Fläche neiget sich, wenn sie sich dem Mittelpuncte der Erde nähert, wenn sie abhängig ist. Die Bäume neigeten ihre Wipfel. Das Haupt neigen. Den Leib neigen, oder sich mit dem Leibe neigen, im gemeinen Leben sich bücken. Die biblische R. A. sein Ohr zu etwas oder zu einer Person neigen, mit Einfluß auf den Willen hören, ist ein Hebraismus. 2) In engerer Bedeutung ist sich neigen, sich aus Höflichkeit oder Ehrfurcht mit dem Leibe beugen, oder zur Erde senken; wo es in der anständigern Sprechart von beyden Geschlechtern gebraucht wird, dagegen sich im gemeinen Leben das männliche bückt, das weibliche aber verneigt oder einen Knicks macht. Sich vor jemanden neigen. Sich bis zur Erde neigen. Sie neigte sich freymüthiger als sonst. Bey dem Ottfried schon ginigen, der es aber ohne Vorwort mit der dritten Endung der Person gebraucht, gineig er imo filu fram; in Oberschwaben gneigen.
   2. Figürlich. 1) * Sich zu jemanden neigen, dessen Bestes gern sehen und zu befördern suchen; eine veraltete Bedeutung, welche noch in der Deutschen Bibel vorkommt. Neige dich zu meinen Bitten, Canitz. S. Adelung Geneigt und Neigung. 2) Sich zu seinem Ende, zu seinem Verfalle neigen, sich demselben nähern. Wird sich der Krieg nicht bald zum Ende neigen? Meine Jahre neigen sich dem Alter. Die Welt neiget sich zum Ende. Es neiget sich mit ihm zum Verfalle. Dahin auch die absolute R. A. gehöret, der Tag neiget sich, nähmlich zu seinem Ende, welche R. A. in der Deutschen Bibel mehrmahls vorkommt.
   Und gleichwohl neigt sich schon der kurze Tag, Weiße. Nach einer noch weitern Figur gebrauchte man neigen ehedem überhaupt für vermindern. Diu liebe wellen memen kummer neigen, Graf Kraft von Toggenburg.
   Sit diu Sunne ir liehten Schin
   Gegen der kelte hat geneiget,
   Heinrich von Veldig. S. die Neige. 3) Sich zu einer Sache neigen, dieselbe beschließen, und seine Kraft anwenden, diesen Entschluß zu vollziehen; welche R. A. in der philosophischen und dichterischen Schreibart noch am öftersten vorkommt. Das Herz zu etwas neigen, in der Deutschen Bibel. Jemandes Willen neigen, einen Entschluß

[Bd. 3, Sp. 463]


und Bemühung zu dessen Ausführung in ihm hervor bringen, dessen Willen lenken. Der Wille ist das Vermögen sich nach und durch Vorstellungen zu neigen. S. Geneigt.
   So auch das Neigen.
   Anm. Schon bey dem Kero kehneigen, bey dem Ulphilas hneiwan, bey dem Ottfried neigan, im Schwed. niga, im Angels. hnigan, im Isländ. hneiga, im Dän. neye, im Krainerischen nagmen, wohin auch das Griech. νευειν, und die Latein. nuo, nuco, nico, gehören, obgleich solche nur in eingeschränkterer Bedeutung von dem Neigen des Hauptes oder Nicken vorkommen. Neigen scheint das Intensivum von nahen zu seyn, wenigstens ist es mit demselben sehr genau verwandt. Das Frequentativum davon ist nicken. S. auch Knicken, Genick, Nacken, Knie u. s. f. welche insgesammt damit verwandt sind.
 
Artikelverweis Die
Neigung, plur. die -en. 1) Die Handlung des Neigens; das Neigen. 2) Der Zustand, da eine Fläche sich nach und nach dem Mittelpuncte der Erde nähert; wo der Plural nur von mehrern Arten gebraucht wird. Die Neigung des Bodens mit der Wasserwage erforschen, dessen Abhang, Fall. Die Neigung der Magnetnadel, ihre Inclination, ihre Abweichung von der Horizontal-Linie. 3) In engerer Bedeutung, das Neigen des Körpers aus Höflichkeit; die Verbeugung, im gemeinen Leben die Verneigung, die Neige, bey dem weiblichen Geschlechte der Knicks, bey dem männlichen der Bückling. Eine Neigung machen, sich neigen. 4) Die Bestimmung des Willens zu etwas aus Erkenntniß; so wie Trieb die Bestimmung der Kraft ist. Neigung zu etwas haben, empfinden. Ich habe keine Neigung dazu. Die menschenfreundlichen Neigungen sind eine süße Nahrung edler Herzen, Gell. Es kann keine gute Neigung in einem Herzen wohnen, wo die unmäßige Begierde nach Reichthum herrscht, ebend. In engerer Bedeutung sind in der Moral die Neigungen Fertigkeiten der Begierden Einer Art, zum Unterschiede von den einzelnen Bestimmungen des Willens, oder den Begierden, da denn die Neigungen von den Leidenschaften nur in der geringern Stärke unterschieden sind. Wir kommen mit einer allgemeinen Fähigkeit zu unzähligen Neigungen und Leidenschaften auf die Welt, ohne etwas anders mitzubringen, als die Kraft, die das Wesen der Seele ausmacht, Sulz. 5) In engerer Bedeutung ist die Neigung, ohne Plural, die Fertigkeit, jemandes Bestes gern zu sehen, deren stärkerer Grad die Geneigtheit ist.
   S. auch Abneigung und Zuneigung.
 
Artikelverweis 
Nein, ein verneinendes Nebenwort, welches eigentlich alsdann gebraucht wird, wenn man eine vorher gegangene Frage oder Bitte mit Einem Worte verneinen will. Sind sie schon da? Antw. nein. Auch wenn die Ursache mit beygefüget, oder die Sache, nach welcher man fragt, verneinender Weise wiederhohlet wird. Nein, sie sind noch nicht da. Nein, denn sie können noch nicht da seyn. Nein, ich kann es nicht thun. Nein zu etwas sagen. Auf etwas nein, oder mit nein antworten. Etwas mit nein beantworten. Da es denn zuweilen auch als ein Hauptwort gebraucht wird.
   Umsonst sind alle Fragen,
   Er wiederhohlt sein mystisch Nein,
   Gell. Oft dienet es auch ohne vorher gegangene Frage oder Bitte, eine Abneigung, Verwunderung, einen Widerwillen anzukündigen. Nein, das ist unmöglich. Nein, das geschiehet nicht. Siehe Verneinen.
   Anm. Schon bey den ältesten Oberdeutschen Schriftstellern nein, in der gemeinen Sprechart der Obersachsen näh, bey den Niedersachsen und Schlesiern nee, in der Oberpfalz naa, in der Schweiz nua, im Engl. no, im Dän. nej, im Schwed. nej, bey dem

[Bd. 3, Sp. 464]


Ulphilas ne, nih, no, im Angels. na, ne, nie, im Griech. in der Zusammensetzung νε, ν, im Latein. non, im Pohln. ni, nie, im Krainerischen na, im Pers. nen. Frisch glaubt, daß es aus der alten Verneinung ne und ein zusammen gesetzet sey. Man könnte vielmehr das n für bloß zufällig halten, weil im Schwed. ej und icke, im Isländ. ecke, und im Griech. ου und ουχι, gleichfalls nein bedeuten. S. Adelung N, ingleichen Nicht.
 
Artikelverweis Der
Neiß, S. 2 Gneiß.

 

Eingabe
Wörterbuchtext:
Stichwort: