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Naturgabe bis Naturlicht (Bd. 3, Sp. 445 bis 448)
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Artikelverweis Die Naturgabe, plur. die -n, Gaben, d. i. vorzügliche Eigenschaften, welche jemand von der Natur, d. i. bey und mit seinem Entstehen, empfangen hat; zum Unterschiede von den Fertigkeiten, d. i. den durch Unterricht und Übung erlangten Eigenschaften.
 
Artikelverweis Die
Naturgeschichte, plur. doch nur von mehrern Lehrbüchern dieser Art, die -n, die Geschichte, d. i. das Verzeichniß und die Beschreibung der natürlichen oder zu den drey Naturreichen gehörigen Körper; Historia naturalis, die Natur-Historie. S. Adelung Geschichte.
 
Artikelverweis Das
Naturgesêtz, des -es, plur. die -e. 1) In der Naturlehre, die Gesetze, d. i. Regeln, nach welchen sich die Veränderungen in der Natur, d. i. in der Körperwelt, zutragen; die Bewegungsgesetze. In weiterer Bedeutung werden auch wohl die Vorstellungsgesetze in der Geisterwelt mit unter den Naturgesetzen begriffen. 2) In der Moral sind die Naturgesetze Regeln, Vorschriften für unsere freyen Handlungen, welche aus natürlich bekannten Wahrheiten hergeleitet werden, welche wir durch den richtigen Gebrauch der Vernunft lernen. Der ganze Umfang dieser Gesetze wird auch collective das Naturgesetz oder das Gesetz der Natur genannt; da denn der Plural ungewöhnlich ist.
 
Artikelverweis Der
Naturkênner, des -s, plur. ut nom. sing. Fämin. die Naturkennérinn, eine Person, welche die Veränderungen in der Natur, d. i. in der Körperwelt nach ihrem Daseyn, nach ihrer Entstehungsart, und nach den Gesetzen, nach welchen sie erfolgen, kennet, ihrer kundig ist, d. i. klare und deutliche Vorstellungen davon hat; der Naturkundige. Bey dem Notker Naturo sago. Daher die Naturkênntniß, plur. inus. die Kenntniß der Natur, d. i. der Inbegriff der klaren und deutlichen Vorstellungen von den allgemeinen Veränderungskräften der Körper, welche auch die Naturkunde genannt wird. S. Adelung Kenntniß.
 
Artikelverweis Die
Naturkraft, plur. die -kräfte. 1) Eine jede in der Verbindung des Mannigfaltigen eines Körpers gegründete Veränderungskraft. S. Adelung Natur 1. 2) So fern die Natur den Inbegriff aller Veränderungskräfte der Körper bezeichnet, werden auch einzelne Äußerungen dieser Kraft Naturkräfte genannt.
 
Artikelverweis Die
Naturkunde, plur. inus. S. Adelung Naturkenner und Kunde.
 
Artikelverweis Der
oder die Naturkundige, des oder der -n, plur. die -n, S. Adelung Naturkenner und Kundig.
 
Artikelverweis Die
Naturlehre, plur. doch nur von mehrern Lehrbüchern dieser Art, die -n, die Lehre, d. i. der Inbegriff aller die Veränderungskräfte der Körper betreffenden Wahrheiten, die Lehre von den Ursachen der Veränderungen in der Körperwelt; Physica. Ingleichen ein Buch, worin diese Lehre vorgetragen wird. Wird diese Lehre auf eine wissenschaftliche Art behandelt, so heißt sie die Naturwissenschaft.
 
Artikelverweis 
Natürlich, -er, -ste, welche Comparation doch nur in einigen Fällen üblich ist, adj. et adv. der Natur gemäß, in der Natur gegründet.

[Bd. 3, Sp. 446]



   1. So fern Natur die Veränderungskraft oder die Verbindung des Mannigfaltigen eines einzelnen Dinges ist.
   1) Überhaupt in dieser Veränderungskraft, in dieser Verbindung des Mannigfaltigen gegründet. (a) Einiger Maßen in derselben gegründet, derselben gemäß, in welcher Bedeutung auch die Comparation Statt findet; im Gegensatze des unnatürlich. In diesem Verstande ist die Tugend, das Christenthum, die Frömmigkeit dem Menschen natürlich. Kohlen, Spinnen u. s. f. sind keine natürlichen Speisen des Menschen. Das ist kein natürlicher Hunger. (b) Noch häufiger, ganz darin gegründet, seinen zureichenden Grund darin habend, von dem ersten Entstehen an in einem Dinge gegründet; im Gegensatze des übernatürlich und zuweilen auch unnatürlich. Das natürliche Leben, im Gegensatze des geistlichen. Der natürliche Tod, welcher aus erschöpften Bewegungskräften entstehet, im Gegensatze eines unnatürlichen oder gewaltsamen. Mit seinem geschwinden Tode ist es wohl nicht natürlich zugegangen. Eines natürlichen Todes sterben, natürlicher Weise sterben, aus einem innern zur Auflösung der wesentlichen Theile hinreichenden Grunde. In einem andern theologischen Verstande ist der natürliche, leibliche oder zeitliche Tod, der in der gegenwärtigen Verfassung unserer Veränderungskräfte gegründet ist, im Gegensatze des geistlichen und ewigen Todes. Uns alle treibt ein natürlicher Trieb zu dem Glücke, dem Ziele unsrer Wünsche. Natürliche Strafen, welche aus den Wirkungen des Verbrechens bestehen, und ganz in demselben gegründet sind; im Gegensatze der willkührlichen. Wir haben einen natürlichen Hang, an dem Guten und Übel andrer Theil zu nehmen. Deine natürliche cholerische Heftigkeit. Natürliche Ursachen. Der natürliche Trieb, S. Adelung Naturtrieb. Ohne die Herrschaft des Verstandes arten die natürlichen Triebe in verderbliche Leidenschaften aus. Das natürliche Geschick eines Menschen. Der Gebrauch des Nebenwortes natürlich für von Natur, wie Weish. 13, 1, alle Menschen sind natürlich eitel, ist im Hochdeutschen ungewöhnlich. Oft wird auch dasjenige natürlich genannt, was bey allen oder doch den meisten Individuis einer Art angetroffen wird. Die Sünde ist dem Menschen natürlich. Der Stolz ist ein natürliches Laster des Menschen. Der Eigensinn ist den Kindern natürlich. So auch, was bey einem und eben demselben Individuo gemeiniglich angetroffen wird. Die Grobheit ist ihm sehr natürlich, weil er sie schon mehrmahls bewiesen hat. Das ist ihm nicht natürlich, weil man es noch nie an oder von ihm gesehen hat. Wie ich merke, so mag ihm diese Tugend sehr natürlich seyn. (c) Im engsten Verstande ist nur dasjenige natürlich, was so sehr in der Veränderungskraft, in der anfänglichen Einrichtung eines Dinges gegründet ist, daß auch keine freye Wahl dabey Statt findet; im Gegensatze des willkührlich. So werden die Verdauung der Speisen, der Umlauf des Geblütes, die Fortschaffung unnützer Theile aus dem Körper u. s. f. natürliche Handlungen genannt.
   2) In verschiedenen Einschränkungen, wo dieses Wort mehr Unterabtheilungen leidet, als dessen Hauptwort, weil die Art und Weise, wie eine Sache in der Natur eines Dinges gegründet ist, verschiedene Stufen leidet. (a) In Ansehung des Körpers allein, was in dessen Bewegungskraft zum Theil, oder auch ganz, oder endlich auch mit Ausschließung aller Willkührlichkeit gegründet ist, in welchem letztern Falle es zu der nächst vorher gegangenen Bedeutung gehöret. (b) In der Theologie, wo natürlich dem übernatürlich und zuweilen auch dem geoffenbart entgegen gesetzt wird; ohne Comparation. Die natürliche Theologie, die Erkenntniß Gottes, so fern selbige allein durch rechtmäßigen Gebrauch der Vernunft, aus eigenen dem Menschen bey seinem Entstehen mitgetheilten Kräften, erlangt wird. Der natürliche Mensch, 1 Cor. 2, 14.

[Bd. 3, Sp. 447]


ψυχικος, so wie er ohne alle übernatürliche Veränderung betrachtet wird. Natürliche Pflichten, welche durch das Naturgesetz bestimmt werden. Die natürliche Frömmigkeit, welche sich auf natürliche Erkenntniß gründet. (c) Der ersten anfänglichen Beschaffenheit einer Sache gemäß, in derselben gegründet, mit Ausschließung aller nachmahls erfolgten oder von außen herrührenden Veränderungen, wo es wieder mancherley Unterarten gibt.
   Im Gegensatze des Unterrichtes, der Erziehung, der bürgerlichen Einrichtung und Ordnung, ist natürlich der ersten unausgebildeten Beschaffenheit gemäß. Der natürliche Mensch, oder Naturmensch, so wie er ohne alle gesittete Erziehung, ohne alle bürgerliche Gesellschaft betrachtet wird. Die natürliche Freyheit, welche ein Geschöpf in dem Stande der Natur genießt. Das Tanzen ist dem Hunde nicht natürlich. Wo es denn zuweilen auch als ein gelinderer Ausdruck für grob gebraucht wird. Das kommt sehr natürlich heraus. Dahin scheint vermuthlich auch die Bedeutung des Wortes natürlich zu gehören, wenn es in der anständigen und glimpflichen Sprechart für unehelich gebraucht wird. Ein natürlicher Sohn, eine natürliche Tochter, ein natürliches Kind, welche bloß aus einem natürlichen Bedürfnisse, bloß nach dem Stande der Natur, ohne Beobachtung der bürgerlichen Ordnung gezeuget worden. Im mittlern Lat. Filius naturalis, Franz. Fils naturel, welche aber zuweilen auch von einem rechtmäßigen Sohne gebraucht werden.
   Im Gegensatze der Kunst, oder der durch willkührliche Mittel vorgenommenen Veränderungen, des Gekünstelten. Natürlicher Wein, natürliches Wasser. Der Wein war nicht natürlich, sondern gekünstelt. Natürliches Haar, eigenes Haar, im Gegensatze des falschen. Einer Sache ihren natürlichen Geruch lassen. Diese Farbe ist der Blume nicht natürlich. Eine natürliche Gesichtsfarbe. Der natürliche Tag, der bürgerliche, der in 24 Stunden getheilet wird, zum Unterschiede des künstlichen, der vom Aufgange der Sonne bis zu ihrem Untergange dauert. Eine natürliche Cavallerie, im Tarotspiele, welche aus vier Bildern in Einer Farbe bestehet, im Gegensatze der durch den Skiis gemachten. In weiterer Bedeutung ist auch etwas natürlich, wenn es gleich durch die Kunst verändert ist, aber doch der wahren natürlichen Beschaffenheit sehr ähnlich ist, wo es aber zu einer der folgenden Bedeutungen gehöret.
   Im Gegensatze des Gesuchten, des Mühsamen. Das folgt ganz natürlich daraus. Natürliche Gedanken, welche jedem Menschen von gesunder Vernunft von selbst einfallen, und aus der Sache selbst zu entstehen scheinen.
   Oft ist natürlich auch minder künstlich, minder gesucht, im Gegensatze des mehr Künstlichen, mehr Gesuchten. Eine natürliche Tonleiter, in der Musik, deren Töne durch keine Versetzungszeichen verändert werden; im Gegensatze der versetzten.
   Im Gegensatze des Zwanges oder des Gezwungenen, für ungezwungen. Das folgt ganz natürlich. Ein Gram, der eigensinnig ist, verbreitet sich nicht so natürlich über fremde Gegenstände, Hermes. Daher wird es im Nieders. auch häufig für gelinde, sanft, gebraucht. Es regnet so natürlich, so sanft.
   3) In der weitern Bedeutung des Wortes Natur ist natürlich in Ansehung des Ursprunges, mit einer Sache zugleich entstehend, in dem gleichzeitigen Ursprunge gegründet. Die natürliche Gesellschaft, die Gesellschaft zwischen Ältern und Kindern, weil sie mit dem Entstehen eines jeden einzelnen Menschen zugleich entstehet. In diesem Verstande heißt in der Theologie das Ebenbild Gottes dem Menschen natürlich, weil es mit der Natur, mit der Verbindung des Mannigfaltigen in dem Menschen zugleich entstand. Natürliche Zeichen, wo eine Sache beständig neben der andern ist, oder beständig auf dieselbe folgt. So ist der Rauch

[Bd. 3, Sp. 448]


ein natürliches Zeichen des Feuers. Wo es denn zuweilen auch für rechtmäßig gebraucht wird. Der natürliche Oberherr, welchem man gleichsam von seinem Entstehen an unterworfen ist.
   4) In noch weiterer Bedeutung, der Beschaffenheit einer Sache, der Verbindung des Mannigfaltigen in ihr gemäß, in derselben gegründet. War es nicht natürlich, daß dieser Argwohn meine ganze Freude verderben mußte? Ists nicht natürlich auf die Gewißheit einer künftigen Einrichtung der Welt zu schließen, da in der gegenwärtigen fast alles nur Anlage ist? Da er die Hoffnung zu gefallen aufgab, so war es ganz natürlich, daß er auch die Bemühung darum aufgab. Die natürliche Schreibart.
   2. So fern Natur die wirkende Kraft aller Körper als eine Einheit betrachtet ist, ist natürlich, 1) Eigentlich, dieser wirkenden Kraft gemäß, in derselben entweder zum Theile oder ganz gegründet, aus derselben erklärbar, verständlich; im Gegensatze des unnatürlich, übernatürlich und widernatürlich. Das gehet ganz natürlich zu. Die natürliche Zauberey. Daß die Sonne auf- und untergehet, ist sehr natürlich. Das ist natürlicher Weise nicht möglich.
   2) Zur Natur, d. i. zur Körperwelt gehörig, einzelnen Theilen derselben gemäß oder ähnlich. Natürliche Körper, welche zu einem der Naturreiche gehören, so lange sie durch die Kunst noch nicht merklich verändert worden; Naturalien.
   Wo es denn in weiterer Bedeutung auch für einen wirklichen oder doch leicht möglichen Gegenstand, gebraucht wird. Das Bild siehet natürlich so aus, wie er selbst. Er stellet sich natürlich so, als wenn er betrübt wäre. Jemanden sehr natürlich nachahmen. Daher denn in den schönen Künsten natürlich auch der Natur, d. i. den wirklich vorhandenen oder doch möglichen Körpern ähnlich und gemäß bedeutet.
   Anm. So oft dieses Wort ähnlich oder gemäß bedeutet, leidet es auch die Comparation, weil die Sache selbst hier mehrerer Grade fähig ist.
 
Artikelverweis Die
Natürlichkeit, plur. inus. die Eigenschaft eines Dinges, nach welcher es natürlich ist. Die Natürlichkeit unserer Triebe. Die Natürlichkeit der Schreibart.
 
Artikelverweis Das
Naturlicht, des -es, plur. inus. eine figürliche Benennung der durch natürliche Kräfte möglichen Erkenntniß, ingleichen der Vernunft, so fern sie diese Erkenntniß gewähret.

 

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