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Narbe bis Narr (Bd. 3, Sp. 427 bis 429)
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Artikelverweis 1. * Die Narbe, plur. die -n, (nach der härtern Oberdeutschen Mundart die Narb, plur. die -en,) ein nur in einigen Oberdeutschen Gegenden übliches Wort, dasjenige Schließzeug an einer Thüre zu bezeichnen, welches man in Regensburg eine Anlege, in andern Gegenden eine Klammer, und in Ober- und Niedersachsen eine Krampe nennet, d. i. dasjenige bewegliche Eisen, welches auf den Kloben passet, in welchen das Vorlegeschloß gehänget wird. In Steyermark heißt es nur die Arb, zur neuen Bestätigung des Satzes, daß das N zu Anfang vieler Wörter bloß zufällig ist, wie auch aus dem folgenden erhellet. Popowitsch leitet es von dem Altbrittischen Arf, Eisen, her, von welchem auch das Engl. Arrow, ein Pfeil, abstammen soll, welches sich aber auch zu werfen rechnen läßt.
 
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2. Die Narbe, plur. die -n, Diminut. das Närbchen, Oberd. Närblein, ein Wort, welches ehedem eine Vertiefung in die Länge bedeutet zu haben scheinet, jetzt aber nur noch am häufigsten von dem Überbleibsel einer zugeheilten Wunde gebraucht wird. Eine Narbe im Gesichte haben. Die Wunde hat eine Narbe zurück gelassen. Voller Narben seyn. Pockennarben oder Blatternarben. Ähnliche Vertiefungen auf der äußern Seite des zubereiteten Leders werden gleichfalls Narben genannt, daher die Leder- und Pergamentarbeiter auch die äußere Haut auf den Fellen, und zuweilen auch die ganze auswendige Seite einer Haut, auf welcher die Haare gesessen haben, die Narbe, und in einigen Gegenden den Närben nennen. Die Narbe wegnehmen, oder abnarben, die Oberhaut der Felle verletzen. In den Eyern der Eyer legenden Thiere ist die Narbe ein kleiner weißer Zirkel, in welchem sich das junge Thier entwickelt, so wie die Narbe an den

[Bd. 3, Sp. 428]


Samen der Gewächse eine Vertiefung der Haut an der Stelle ist, wo der Same in seinem Gehäuse angewachsen war, Hilum L.
   Anm. Im Sachsenspiegel Nare, im Niedersächs. Nare und Narve, im Dän. Narv. Andere Sprachen haben dieses Wort nur ohne Anfangs N, wie das Schwed. Arr, das Isländ. Aer, das Nord-Engl. Ar, das Esthländ. Ar, und das Finnländ. Aerpi, alle in der Bedeutung einer Narbe von einer Wunde. Daß es in dieser Gestalt auch in einigen Gegenden Deutschlandes nicht selten seyn müsse, erhellet aus einem 1482 in Augsburg gedruckten Vocabelbuche, wo Cicatrix durch Arbe, Rense oder Mase gegeben wird. Es scheinet von ähren, arare, herzustammen, so fern solches Furchen in die Erde ziehen bedeutet. In der Grafschaft Rietberg nennet man die mit einem besondern Messer, welches das Siebt oder Heidesiebt genannt wird, abgeschnittene Heide, welche der Arbeiter, so wie er sie abschneidet, mit dem Rechen seitwärts schiebet, die Narbe, welches diese Ableitung bestätiget. Dieses Abschneiden selbst wird daselbst narben oder abnarben genannt. Übrigens ist dieses Wort der Hochdeutschen Mundart am geläufigsten, die Nieders. gebraucht dafür Schramme, Lidrecken, Gliedzeichen, Liekreken, Fleischzeichen, und die gemeinen Oberdeutschen Mahlzeichen, Anmahl, Wundenmahl, Mase, bey dem Notker Wuntmale. S. auch Schmarre.
 
Artikelverweis 
Narben, verb. reg. welches in doppelter Gestalt üblich ist. 1) Als ein Neutrum, mit dem Hülfsworte haben, wo es doch nur im gemeinen Leben einiger Gegenden vorkommt, eine Narbe geben, oder setzen. Die Wunde narbet sich, setzt eine Narbe. 2) Als ein Activum, wo es nur bey den Weißgärbern und Pergamentern üblich ist, und auch närben lautet. Ein Fell narben oder närben, die Haare oder Wolle von der äußern Seite abstoßen; entweder von den Narben, welche nachmahls auf dieser Seite sichtbar werden, oder auch so fern narben ehedem überhaupt schneiden, stoßen und schaben bedeutet hat, in welchem Verstande es noch in der Grafschaft Rietberg üblich ist, S. das vorige in der Anmerkung. Im Nieders. narven. S. auch Abnarben.
 
Artikelverweis Die
Narbenseite, plur. die -n, bey den Gärbern und Lederarbeitern, diejenige Seite einer Haut, auf welcher die Haare gesessen haben, und auf welcher nach der Zubereitung die Narben sichtbar sind; im Gegensatze der Fleisch- oder Aßseite. Sie wird zuweilen auch nur die Narbe schlechthin genannt.
 
Artikelverweis Der
Nárbenstrich, des -es, plur. inus. bey den Weißgärbern, eine Art des Streichens der Felle, nachdem sie mit den Pumpkeulen gewalket worden, wo mit dem Streicheisen auf der Narbenseite nach der Länge gestrichen wird, um die Narbe nicht zu beschädigen. Einer Haut den Narbenstrich geben.
 
Artikelverweis 
Narbig, -er, -ste, adj. et adv. Narben habend. Ein narbiges Gesicht. Blatternarbig. Narbicht würde nur bedeuten, Narben ähnlich.
 
Artikelverweis Die
Narcisse, S. Adelung Narzisse.
 
Artikelverweis Die
Narde, plur. inus. eine Art des Bartgrases, dessen lange braunröthliche oder gelbbraune Wurzel den Cyperwurzeln gleicht, und einen angenehmen bittern Geschmack hat; Andropogon Nardus L. Es ist in Ostindien einheimisch. Weil es seinen Samen in einer Ähre trägt, so wird es gemeiniglich Spica Nardi, und im Deutschen Spike-Narde genannt. Die Narde, oder absolute Narden, und das Nardenwasser kommen einige Mahl in der Deutschen Bibel vor, wie Hohel. 1, 12; Kap. 4, 13, 14; Marc. 14, 3; und Joh. 12, 3. Die Kretische Narde, ist eine Art Baldrianes, welche auf den höchsten Gebirgen Europens wächset, und gleichfalls eine gewürzhafte Wurzel hat, welche an Kräften die Baldrianwurzel noch übertrifft; Valeriana Celtica L. Unsere Haselwurz wird wegen ihres gewürzhaften Geruches von einigen wilde Narde genannt. S. Adelung Haselwurz.

[Bd. 3, Sp. 429]



   Anm. Der Nahme ist morgenländisch. Im Hebr. lautet er 05e005e805d3, woraus das Griech. ναρδος und Lat. Nardus entlehnet ist. Im Pers. lautet er Nardin. Einige gebrauchen das Wort im männlichen Geschlechte, der Narden.
 
Artikelverweis Das
Nardengras, des -es, plur. inus. eine Art des Grases, welches in den unfruchtbaren Gegenden Europens in großer Menge wächset, aber ein sehr schlechtes Heu gibt; Nardus L. Wegen seiner borstigen geraden Ähre heißt es im gemeinen Leben auch Borstengras und Pfriemengras, in der Schweiz aber Nätsch.
 
Artikelverweis Das
Nardenkraut, des -es, plur. inus. ein Nahme, welchen an einigen Orten der Schwarzkümmel, Nigella L. führet, der an andern auch Nardensamen genannt wird, weil der Same einen angenehmen Geruch, fast wie die Ostindische Narde hat.
 
Artikelverweis Der
Narr, des -en, plur. die -en, Fämin. die Närrinn, Diminut. das Närrchen, Oberd. Närrlein, ein Wort, welches im gemeinen Leben sehr häufig ist, alle Mahl aber, das Diminutivum etwa ausgenommen, einen harten und niedrigen Begriff hat. Es bedeutet,
   1) Einen Menschen, welcher seltsame Possen macht, andere zu belustigen. Ein Narr seyn. Sich zum Narren gebrauchen lassen. Einen Narren abgeben. Jemanden zum Narren dienen, eines Narr seyn, ihm zur ungereimten Belustigung dienen. Jemanden zum Narren haben, im gemeinen Leben, sich an seinen Schwachheiten auf eine ungebührliche Art belustigen. Jedes Narr seyn müssen. Daher Hofnarr, Schalksnarr u. s. f. In dieser Bedeutung lautet es auch im weiblichen Geschlechte Narr. In der vertraulichen Sprechart wird das Diminutivum Närrchen sehr häufig gebraucht, ein kleines, artiges, possierliches Ding zu bezeichnen, da es denn den harten und verächtlichen Nebenbegriff verlieret. Das gute Närrchen! Gell. von einer jungen Person. Ihr Herz ist ein gutes Närrchen, es läßt sich zu allem bereden, was ihrer Einbildung einfällt, Less.
   2) Ein jeder Mensch, welcher der gesunden Vernunft auf eine grobe Art zuwider handelt, in der harten Sprechart, dagegen er in etwas gelinderm Verstande ein Thor genannt wird; im Gegensatze eines Klugen oder Weisen. Du bist ein Narr. Glauben sie, daß ich ein Narr bin? Jemanden zum Narren machen, ihn verleiten, ungereimte Dinge zu thun oder zu glauben. Jemanden zum Narren haben, ihm als einem Menschen begegnen, welcher der gesunden Vernunft zuwider zu handeln gewohnt ist. Einen Narren an etwas gefressen haben, in der niedrigen Sprechart, eine blinde unvernünftige Liebe auf etwas geworfen haben. Sich zum Narren studieren.
   Da man der gesunden Vernunft auf gar mancherley Art zuwider handeln kann, so gibt es auch mancherley Arten von Narren. Ein guter Narr, welcher die Gutherzigkeit oder Nachsicht über die Gränzen der gesunden Vernunft treibt. Ein Büchernarr, Putznarr, Kindernarr, Kleidernarr, Modenarr, Weibernarr u. s. f. welcher die Bücher, den Putz u. s. f. auf eine ungeordnete, vernunftwidrige Art liebt. In der Deutschen Bibel ist das Wort Narr sehr häufig, einen unbesonnenen unvernünftigen Menschen, ja oft einen jeden Gottlosen zu bezeichnen. Verschiedene Schriftsteller haben sich Mühe gegeben, den Unterschied zwischen einem Narren und Thoren zu bestimmen, welche beyden Wörter in diesem Verstande als gleichbedeutend angesehen werden können; aber keiner hat bemerkt, daß Narr hart und niedrig, Thor aber um einige Grade gelinder und anständiger ist. Narr setzt grobe Fehler wider die gesunde Vernunft voraus, Thor hat diesen Nebenbegriff nicht.
   Da das Geschlecht der Narren so zahlreich ist, und desto zahlreicher, je mehr jeder Mensch geneigt ist, nur sich mit Ausschließung anderer, Klugheit und Weisheit zuzuschreiben, so hat

[Bd. 3, Sp. 430]


man auch von dieser Art Menschen eine Menge Sprichwörter, Maximen, und sprichwörtlicher R. A. welche aber insgesammt nur in der Sprache des gemeinen Lebens einheimisch sind. Zur Probe dienen folgende. Narren muß man mit Kolben lausen, oder mit Keulen grüßen. Narren haben mehr Glück als Recht. Setze Narren nicht auf Eyer. So lange der Narr schweigt, hält man ihn für klug. Narren sind auch Leute. Hänge dem Narren nicht Schellen an, man kennt ihn so. Jedem Narren gefällt seine Weise, seine Kappe. Kinder und Narren reden die Wahrheit. Herren und Narren haben frey reden. Narren wirft man bald aus der Wiege. Ein Narr macht ihrer hundert. Die Narren wachsen ohne Begießen. Wenn die Narren kein Brot äßen, so würde das Korn wohlfeil seyn. Bey dem Trunke erkennt man den Narren. Ein Narr kann mehr fragen, als sieben Weise antworten, u. s. f. Worunter sich aber einige auf die vorige erste, einige aber auch auf die folgende Bedeutung beziehen.
   Das Fämininum lautet in dieser Bedeutung bald der Narr, bald die Närrinn. In der vertraulichen Sprechart ist auch das Diminutivum Närrchen auf eine minder beleidigende Art üblich.
   3) In engerer Bedeutung, ein Mensch, welcher des Gebrauches seiner Vernunft ganz unfähig ist; ein Wahnwitziger, Wahnsinniger, Alberner. Ein Narr werden. In dieser Bedeutung wird es, vermuthlich um die Zweydeutigkeit mit der vorigen Bedeutung zu vermeiden, wenig mehr gebraucht, obgleich Narrenhaus, Närrisch und noch einige andere noch in derselben üblich sind. Im weiblichen Geschlechte lautet es hier der Narr.
   Anm. Im Nieders. Nare, im Dän. Nar, im Schwed. Narr. Die Abstammung ist dunkel und ungewiß, weil die meisten Wörter dieser Art Figuren enthalten, deren Veranlassung jetzt schwer aufzuspüren ist. Bey unsern ältern Oberdeutschen Schriftstellern kommt dieses Wort nicht vor; indessen ist es doch allem Ansehen nach sehr alt, denn im Angels. ist Narra, insania, und narriin, vecors. Ja Hesychius erkläret ναρ durch αφρων και μωρα. Die Ableitungen, welche man von diesem Worte hat, sind größten Theils verunglückt. Einige lassen es von narrare abstammen, weil manche Narren sehr schwatzhaft sind, Wachter von dem Griech. μωρος, da denn auch das Alban. μαρρα, ein Narr, dahin gehören würde, Frisch auf eine überaus seltsame Art von dem Latein. Nare, nare detorta cavillari aliquem, Leibnitz von einem alten Nar, klein, da denn auch das Hebr. Naar, und Lappländ. und Finnländ. Nuori, ein Sohn, Jüngling, dahin gehören würden, anderer zu geschweigen. Im Griech. ist ναρχ träge, unachtsam.

 

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