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Nährahm bis Nahrung (Bd. 3, Sp. 422 bis 424)
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Artikelverweis Der Nährahm, des -es, plur. die -e, oder der Nährahmen, des -s, plur. ut nom. sing. ein Rahm aus vier glatt gehobelten Latten, ein Stück Zeuges, welches ausgenähet oder gesticket werden soll, darin auszuspannen.
 
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Nähren, verb. reg. welches in doppelter Gestalt gebraucht wird.
   1. Als ein Neutrum, mit dem Hülfsworte haben. 1) Absolute, nahrhafte Theile enthalten, solche Theile enthalten, welche durch ihren Übergang in den thierischen Körper dessen Theilen Zusatz geben und die auf mancherley Art abgehenden Theile ersetzen. Mehlspeisen nähren gut. Der Kohl nähret schlecht. 2) Mit der vierten Endung des Nennwortes, solche Nahrung geben. Diese Speise hat mich gut genähret. In welcher Bedeutung es doch seltener vorkommt.
   2. Als ein Activum. 1) In engerm Verstande, Speise geben, darreichen. (a) Eigentlich, in welcher jetzt veralteten Bedeutung neran bey dem Ottfried für speisen vorkommt. Man findet es nur noch zuweilen in weiterm Verstande, als gewöhnliche Speise geben oder darreichen. Du nährtest dein Volk mit Engelspeise, Weish. 16, 20. Auch als ein Reciprocum. Sie nähren sich vom gottlosen Brot, Sprichw. 4, 17. (b) Figürlich, die innere Stärke befördern. Geduld durch Grundsätze genährt und durch Schicksale gehärtet. Wir müssen unsere Seele mit Grundsätzen der Tugend genährt haben.
   2) In weiterer und gewöhnlicherer Bedeutung, die nöthigen Nahrungs- und Unterhaltungsmittel des thierischen Lebens gewähren, darreichen. (a) Eigentlich. Sehet die Vögel unter dem Himmel und euer himmlischer Vater nähret sie doch, Matth. 6, 26. Er nährete ihn mit den Früchten des Feldes, 5 Mos. 32, 13. In häuslicher Stille von unserer Arbeit genährt, Geßn. Eine Schlange im Busen nähren. In dieser Bedeutung, wofür jetzt ernähren üblicher ist, kommt es noch zuweilen in der höhern Schreibart vor. Gewöhnlicher ist es in Gestalt eines Reciproci, sich nähren, sich die nöthigen Nahrungsmittel, sich den Unterhalt verschaffen; obgleich auch hier das zusammen gesetzte ernähren gebraucht wird. Sich kümmerlich, reichlich nähren. Die Sache, welche zum Erwerbungsmittel der Nahrung dienet,

[Bd. 3, Sp. 423]


bekommt die Vorwörter von und mit. Sich mit Spinnen, mit Stehlen nähren. Sich vom Raube nähren. Ein einziger alter Eichbaum ist eine Welt für ganze Heere verschiedener Thiere, die sich von ihm nähren, Gell. Im Oberdeutschen gebraucht man es häufig mit der zweyten Endung. Sich Bettelns nähren, Opitz, vom Betteln. Der sich der wurtzlen neren thut, Hans Sachs; welche Wortfügung auch in der Deutschen Bibel nicht selten ist. Sich seines Schwertes nähren, 1 Mos. 27, 40. Sich seiner Hände Arbeit nähren, Ps. 128, 2. (b) Figürlich, den Grund der Fortdauer einer Sache enthalten. Der Traurige liebt alle die Bilder, die seine Leidenschaft nähren. In welcher Bedeutung ernähren nicht üblich ist.
   Anm. In der heutigen Bedeutung schon bey dem Ottfried neran und gineren, im Nieders. nären, im Schwed. nära, im Dän. nähren, im Engl. to nurse und nourrish, im Norweg. nörrie, und sogar im Grönländ. nerrick. Es scheinet zu naschen und nießen in genießen zu gehören, und eigentlich essen und zu essen geben, bedeutet zu haben, zumahl da auch ehedem nesen dafür üblich war, wie sogleich erhellen wird. Das Lat. nutrire ist sichtbar damit verwandt, entweder vermittelst des schon gedachten nesen, nießen, weil s und t beständig in einander übergehen, oder auch so, daß das t in dem Deutschen nähren ausgestoßen, oder in dem Lat. nutrire eingeschaltet worden. Die Italiäner sagen mit einem weichen d nodrire, und die Franzosen stoßen auch dieses d nach Art der Niedersachsen ganz aus, nourrir. S. Adelung Naschen und Nahrung. Für Nährung ist zuweilen das Nähren, oft aber auch Ernährung üblich. Einige Mundarten sprechen es mit einem scharfen e aus, daher man es auch oft nehren geschrieben findet. Ehedem wurde dieses Wort sehr häufig auch in weiterer Bedeutung theils für erretten, befreyen, theils aber auch für heilen, von einer Krankheit befreyen, gebraucht, da es denn auch nesan, genesan lautete, weil r und s sehr oft mit einander abwechseln. So kommt nerren schon im Isidor für salvare vor. In dieser Bedeutung ist es längst veraltet, außer daß genesen noch in der mittlern Gattung davon übrig ist, S. dasselbe.
 
Artikelverweis 
Nahrhaft, -er, -este, adj. et adv. von dem alten Nahr für Nahrung, S. das letztere. 1) Nahrung gebend, im eigentlichsten Verstande, nährend, in der ersten Bedeutung des Neutrius nähren, d. i. viele solche Theile enthaltend, welche die auf mancherley Art abgehenden Theile der thierischen Körper wieder ersetzen. Nahrhafte Speisen. Die Milch ist sehr nahrhaft. In weiterer Bedeutung, für fett, gedüngt, natürliche Erde mit Mist nahrhaft gemacht, ist es nur in einigen Gegenden üblich. 2) In einigen Gegenden bedeutet es auch, begierig seine Nahrung zu suchen, sich zu nähren, ein nahrhafter Mensch; in welcher es aber im Hochdeutschen gleichfalls unbekannt ist.
 
Artikelverweis Die
Nahrhaftigkeit, plur. inus. die Eigenschaft eines Dinges, da es nahrhaft ist, besonders einer Speise, in der ersten Bedeutung des vorigen Wortes.
 
Artikelverweis Der
Näh-Riemen, (von nähen,) des -s, plur. ut nom. sing. bey den Sattlern, dünne lederne Riemen, damit zu nähen.
 
Artikelverweis Der
Näh-Ring, des -es, plur. die -e, ein Fingerring, im Nähen die Nähnadel damit fortzudrücken, dergleichen z. B. die Schneider und Schuster gebrauchen, und statt dessen sich die Nähterinnen des Fingerhutes bedienen.
 
Artikelverweis *
Nährlich, -er, -ste, adj. et adv. welches nur noch im gemeinen Leben einiger Gegenden üblich ist, wo es für genau, kaum, kümmerlich gebraucht wird. Sich nährlich behelfen, kümmerlich, sparsam. Ein nährlicher Mann, ein genauer, der alles zu Rathe hält. Nährliche Zeiten, kümmerliche. Es gehet nährlich zu, knapp, sparsam, genau. Es wird dazu nährlich zureichen,

[Bd. 3, Sp. 424]


kaum. Nährlich haushalten, sparsam. Nährlich genug haben, kaum.
   Anm. Es scheint nicht von nähren und Nahrung herzukommen, sondern von nahe, genau, welches in vielen verwandten Sprachen statt des Hauches ein r hat, wie das Englische near. S. Adelung Nahe. Von nähren ist im Nieders. närig sparsam, haushältig, und Närigkeit Sparsamkeit, gute Wirthschaft.
 
Artikelverweis 
Nahrlos, -er, -este, adj. et adv. von dem alten Nahr, S. Adelung Nahrung. 1) Keine Nahrung gebend, gewährend, in der ersten Bedeutung dieses Wortes; im Gegensatze des nahrhaft. Nahrlose Speisen. Noch häufiger, 2) der Nahrung, d. i. der Gewährung des Unterhaltes und der Gelegenheit selbigen zu erwerben beraubt. Nahrlose Zeiten. Ein nahrloses Land.
 
Artikelverweis Die
Nahrlosigkeit, plur. inus. die Eigenschaft eines Dinges, da es nahrlos ist, besonders in der letzten Bedeutung des vorigen Wortes.
 
Artikelverweis Der
Nährstand, des -es, plur. inus. in der Moral, derjenige Stand unter den Menschen, welcher sich zunächst mit der Erwerbung seiner Nahrung, d. i. seines Unterhaltes, beschäftiget; zum Unterschiede von dem Lehrstande und Wehrstande. S. Adelung Stand.
 
Artikelverweis Die
Nahrung, plur. die -en. 1. Dasjenige, was nähret. 1) Eigentlich. Diejenigen Theile eines genießbaren Körpers, welche durch ihren Übergang in den thierischen Körper denselben erhalten und stärken, d. i. die auf mancherley Art abgehenden Theile ersetzen; wo der Plural nur von mehrern Arten gebraucht wird. Kohl gibt eine schlechte Nahrung. Milch gibt viele Nahrung. Die abgehenden Theile der thierischen Körper müssen durch neuen Zugang der Nahrung ersetzt werden. S. Adelung Nahrhaft und Nähren. 2) In weiterer Bedeutung, derjenige genießbare Körper, welcher solche Theile enthält. (a) Eigentlich. Speise und Trank, so wohl von Menschen als Vieh; als ein Collectivum und ohne Plural. Ich will dir Kleider und deine Nahrung geben, Richt. 17, 10. Die Äcker bringen keine Nahrung, Habac. 4, 17. Wachteln zur Nahrung, Weish. 16, 2. In großer Dürre findet das Vieh keine Nahrung auf dem Felde. Der täglichen Nahrung mangeln, Jac. 2, 15. (b) Figürlich, was die Fortdauer des Feuers, und in noch weiterer Bedeutung eines andern Dinges befördert und vermehrt; ohne Plural, außer allenfalls von mehrern Arten. Dem Feuer frische Nahrung geben. Fett ist des Feuers Nahrung. Der Flamme die Nahrung entziehen. Nahrung für seine Wißbegierde finden. Menschenfreundliche Neigungen sind eine süße Nahrung edler Herzen, Gell. Immer neue Nahrung zum Vertrauen auf die Vorsehung einsammeln, ebend. Das Herz wird in der Wohlfahrt der andern die Nahrung seiner Freude finden, ebend. Fliehe alles, was deiner Flamme Nahrung gibt. Thörigte Wünsche, die aus einer abgöttischen Meinung von sich selbst ihre Nahrung ziehen. 3) In noch weiterm Verstande, der Unterhalt, d. i. alles was zur Erhaltung des natürlichen Lebens dienet; ohne Plural. Der zeitlichen Nahrung warten, Sir. 38, 38. Kein Kriegsmann flicht sich in die Händel der Nahrung, 2 Tim. 2, 4. Sorgen der Nahrung, Nahrungssorgen. Seine Nahrung in einem Lande suchen. Seiner Nahrung nachgehen. Jemanden seine Nahrung entziehen.
   2. Der Inbegriff aller derjenigen Mittel, womit man sich die Nahrung der vorigen Bedeutung verschaffet, das Gewerbe; auch ohne Plural, außer allenfalls von mehrern Arten. Die Nahrung gehet schlecht. Was treibst du für Nahrung? Was ist eure Nahrung? 1 Mos. 46, 33. Auf die Nahrung erpicht seyn. Die Braunahrung, der Bierbrau als ein Gewerbe, als ein Mittel des Unterhaltes betrachtet. So auch die Schenknahrung u. s. f. Da denn in manchen Gegenden dieses Wort auch zuweilen im Concreto

[Bd. 3, Sp. 425]


gebraucht wird; z. B. zwey Schenknahrungen, drey Braunahrungen, d. i. so viele mit der Schenk- oder Braugerechtigkeit versehene Häuser. Auch in Absicht der äußern Umstände, der Gelegenheit und Mittel von außen, sich den nöthigen Unterhalt zu verschaffen; ohne Plural. Die Nahrung ist schlecht, geht nicht. Gute Nahrung, schlechte Nahrung haben. Es ist keine Nahrung unter den Leuten, es fehlt unter ihnen an Gelegenheit, sein Brot zu verdienen. Eine Stadt hat gute Nahrung, wenn mehrere Menschen leichtlich ihren Unterhalt in derselben finden.
   Anm. Im Nieders. gleichfalls Narung, im Dänischen und Schwed. Näring, im Pohln. Nerzeia. Es scheinet von dem veralteten Nar, Nara, welches im Tatian und andern ältern Schriftstellern, für Speise, Nahrung, noch häufig vorkommt und der Ableitungssylbe -ing oder -ung zusammen gesetzet, und also nicht zunächst von nähren gebildet zu seyn; da es denn eigentlich ein nährendes Ding bedeuten würde.

 

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