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Mispelbirn bis Mißbündniß (Bd. 3, Sp. 218 bis 221)
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Artikelverweis Die Mispelbirn, plur. die -en, eine Art länglicher, kleiner, gelblich rother Birnen, mit einem gelblichen, mehligen und steinigen Fleische; die Hahnbuttenbirn, Lazarolenbirn, siehe das letztere.
 
Artikelverweis 
Míß-, eine alte Partikel, welche nur noch in der Zusammensetzung mit verschiedenen Nennwörtern, am häufigsten aber mit Zeitwörtern üblich ist, wo sie verschiedene Bedeutungen hat. Sie bezeichnet daselbst, 1. Eine Verschiedenheit, eine Mannigfaltigkeit, in welchem Verstande sie nur noch in einigen wenigen Wörtern üblich ist; mißhällig, im Gegensatze des einhällig, und mißfärbig, welches auch für bunt gefunden wird, Lat. discolor. Bey dem Ulphilas missaleiks, verschieden, und im Isländ. misslett, bunt, Misseldri, die Verschiedenheit des Alters, Missdaudi, das Absterben zu verschiedenen Zeiten, u. a. m. S. Adelung Mißlich. Es kommt darin mit der Lateinischen Partikel dis -in dissonare, dissentire, disputare, Discordia, Discrepantia u. s. f. überein, wo es auch in mehr thätigem Verstande eine Zertheilung bedeutet, wie das Deutsche zer; dissecare, dissilire, disrumpere, dispescere u. s. f. Es ist sehr wahrscheinlich, daß diese letztere thätige Bedeutung die erste eigentliche ist, ungeachtet sie im Deutschen nicht mehr vorkommt, und daß folglich in diesem Worte die Zertheilung, die Verstümmelung, Verletzung, der herrschende Begriff ist, aus welchem sich die übrigen als Figuren sehr bequem herleiten lassen. Miß würde also ein Geschlechtsverwandter von dem alten meißen, meiden, schneiden, seyn, S. Meißel, Messer, Metzger

[Bd. 3, Sp. 219]


u. s. f. 2. In engerer Bedeutung, eine fehlerhafte, unangenehme, widrige Mannigfaltigkeit. Mißlaut, mißlauten, Mißton, mißtönen, dissonare, Dissonantia, Mißfarbe, mißfärbig. 3. Eine Entfernung; doch nur noch in figürlichem Verstande in den Zeitwörtern mißrathen, abrathen, widerrathen, dissuadere, und mißarten. 4. Einen Mangel, d. i. die Abwesenheit eines Dinges, so wie Mangel selbst eigentlich eine Verstümmelung bedeutet. 1) Den Mangel, die Abwesenheit derjenigen Sache, welche durch die andere Hälfte der Zusammensetzung angedeutet wird. Mißtrauen, welches ehedem auch den Mangel des Vertrauens bedeutete, jetzt aber nur in einer der folgenden Bedeutungen üblich ist; mißkennen, nicht kennen, verkennen; mißbilligen; für unbillig erklären, der Gegensatz von billigen; mißgönnen, Mißgunst. Dahin gehören auch die Lat. dispar und dissimilis, ungleich. 2) In engerm Verstande, den Mangel eines zur Vollständigkeit gehörigen Theiles. Das Mißgeschöpf, die Mißgeburt, dem es an einem solchen Theile fehlet. 5. Einen Fehler, die Verfehlung des vorgesetzten Zieles aus einem Versehen, und in weiterer Bedeutung einen Irrthum. Der Mißgriff, Fehlgriff, mißgreifen, fehl greifen, mißgehen, irre gehen, fehl gehen, mißschlagen, fehl schlagen, mißrechnen, sich verrechnen, mißtreten, Mißtritt, und andere mehr. 6. Eine Fehlschlagung, der Erfolg wider die Erwartung und Absicht. Mißlingen, mißglücken, mißschlagen, im Oberd. für mißlingen. 7. Eine der vorgegebenen Beschaffenheit, der Wahrheit zuwider laufende Handlung, für falsch. Mißfarben waren ehedem falsche, unechte Farben. Für lügen sagte man ehedem auch mißsagen, und mißschwören kommt noch zuweilen für falsch schwören, und Mißschwur für Meineid vor. Mißdeuten, Mißverstand. 8. In noch weiterer Bedeutung, eine der Absicht, der Bestimmung, der Regel, den Gesetzen zuwider laufende Handlung und Beschaffenheit, für übel, böse, schlecht, schlimm; im Schwed. miss- und schon bey dem Ulphilas missa-. Eine Mißgestalt, eine unangenehme, widrige, häßliche Gestalt. Das Mißverhältniß, ein fehlerhaftes Verhältniß. So auch Mißbrauch, mißbrauchen, mißfallen, mißhandeln, Missethat, mißleiten, Mißjahr, Mißwachs, Mißheirath, Mißstand, Übelstand, Mißtrauen, mißleiten, Mißgeschick, mißarten, Mißmahl, im Nieders. eine schlechte Mahlzeit, Mißgeboth, ein schlechtes, geringes Geboth, Mißmuth, mißmüthig, Mißvergnügen u. s. f. 9. Im Schwedischen wird es auch gebraucht, den Verstand solcher Wörter, welche einen Fehler bedeuten, zu vermehren, Intensiva daraus zu bilden. Missdåre ist daselbst ein Erznarr, Missbrott ein großes Verbrechen. Ihre bemerket, daß die Lateiner auf ähnliche Art male parvus, male dispar, für sehr klein, sehr ungleich, gesagt haben. Aber auch dis hatte bey ihnen in der Zusammensetzung eben diese oder doch eine fast ähnliche Bedeutung; discoquere, discedere, disquirere u. s. f. Im Deutschen ist diese Bedeutung nicht mehr üblich; indessen scheinet doch das veraltete Mißlähme, der Schlag, die Apoplexie, dieselbe gehabt zu haben.
   Anm. 1. Aus dem obigen erhellet, daß dieses Wort nicht, wie einige Sprachlehrer behaupten, nur allein Zeitwörtern, Nennwörtern, aber nicht anders, als so fern sie von jenen abstammen, vorgesetzet werde; dagegen un nur allein den Nennwörtern vorbehalten sey. Es finden sich, wenn man die veralteten Wörter mit in Anschlag bringt, eben so viele von Zeitwörtern unabhängige Nennwörter, mit welchen es zusammen gesetzet worden, als Zeitwörter. Über dieß ist die Form dieses Wortes, indem es ehedem so wohl ein Vor- als Nebenwort war, für beyde Arten von Wörtern bequem.
   Anm. 2. Dieses im Hochdeutschen nur noch in der Zusammensetzung übliche Wort, hat in den meisten Fällen den Ton, obgleich das i geschärft ist. Nur in einigen Zeitwörtern wirft es den Ton

[Bd. 3, Sp. 220]


von sich weg auf das Zeitwort, wie in mißrathen, mißlingen, mißfallen; oder vielmehr, diese Zeitwörter haben einen doppelten Ton, wovon doch der stärkste auf dem Zeitworte liegt, dagegen er in mißbilligen, mißbrauchen, mißleiten, mißdeuten u. s. f. auf dem miß ruhet. Hat nun die Partikel den Hauptton, so sind die Zeitwörter entweder Activa oder Neutra. Sind es Activa, so ist miß ein untrennbares Vorwort, und das Augment ge wird der Partikel vorgesetzet. Ich mißbillige es. Du mißdeutest es. Man hat es gemißbilliget. Du hast es gemißbrauchet. Wir wurden gemißleitet. Man hat es sehr gemißdeutet. Ist das Verbum aber ein Neutrum, so ist miß eine trennbare Partikel, welche das Augment zwischen sich und dem Zeitworte nimmt. Mißgegangen. Diese Neutra sind aber im Hochdeutschen im Präsenti und Imperfecto nicht üblich. Man sagt nicht, ich greife miß, wohl aber ich habe mißgegriffen. Ruhet aber der Hauptton auf dem Zeitworte, so ist miß eine untrennbare Partikel, und das Augment fällt ganz weg, das Zeitwort sey ein Activum oder Neutrum. Es mißfällt mir, hat mir mißfallen. Es ist mir mißlungen.
   Anm. 3. Es lassen sich mit diesem Worte auch noch jetzt neue Zusammensetzungen versuchen, besonders in der 5ten und 8ten Bedeutung, welche der höhern und edlern Schreibart sehr zu Statten kommen; nur muß dabey die genaueste Analogie beobachtet werden.
   Anm. 4. Diese alte Partikel lautet in den meisten der angeführten Fälle in den Zusammensetzungen schon bey dem Ulphilas missa, bey dem Ottfried und spätern Oberdeutschen Schriftstellern missi und misse, welche Form noch in unserm Missethat üblich ist. Auch die gemeinen Oberdeutschen Mundarten sprechen missegehen, missebrauchen u. s. f. Im Niederdeutschen, Dänischen, Englischen, und Italiänischen lautet sie mis, im Schwedischen miss, im Franz. mes und me, im mittlern Lat. mes, und im Lat. dis. Es ist sehr wahrscheinlich, daß sie, wie schon gesagt worden, von meißen, schneiden, abstammet, und eigentlich verstümmelt, figürlich aber auch unvollständig, unvollkommen, unangenehm, widrig bedeutet; welche Begriffe sehr natürlich daraus folgen, und diesem Worte mit Laster, Mahl, Makel, Mangel und andern mehr gemein sind. Als ein Nebenwort ist miß im Nieders. auch noch außer der Zusammensetzung üblich, wo es vergebens, zu spät, verfehlet, und ungewiß bedeutet. Haben ist gewiß, kriegen ist miß, d. i. ungewiß, S. Adelung Mißlich. Darin seyd ihr miß, darin irret ihr euch. Auch im Engl. ist amiss übel, unrecht. S. Missen.
 
Artikelverweis 
Mßachten, verb. reg. act. welches im Hochdeutschen wenig vorkommt, nicht achten, verachten, doch im gelindern oder glimpflichern Verstande. Mittelw. gemißachtet. Daher die Mißachtung. S. Adelung Miß 4. 1).
 
Artikelverweis 
Mßarten, verb. reg. neutr. mit dem Hülfsworte seyn, welches nur zuweilen in der edlern Schreibart der Hochdeutschen für ausarten vorkommt. Daher die Mißartung. S. Adelung Miß 3. und 6.
 
Artikelverweis 
Das Míßbehagen, des -s, plur. inus. ein vorzüglich im Oberdeutschen für Mißfallen, Mißvergnügen übliches Wort. Bey den Schwäbischen Dichtern und bey dem Opitz kommt auch das kürzere Zeitwort mißhagen vor.
   Diß was noch nirgend war, wie kunnt es wohl mißhagen,
   Opitz. Wo aber der Ton um des Sylbenmaßes willen versetzt ist.
 
Artikelverweis 
Míßbeliebig, -er, -ste, adj. et adv. kein Belieben, keine Neigung zu etwas habend, und darin gegründet; am häufigsten in den Kanzelleyen, daher es etwas weniger sagt, als mißfällig. So auch das Mißbelieben. S. auch Mißliebig.
 
Artikelverweis 
Mßbiethen, verb. irreg. neutr. (S. Adelung Biethen,) mit haben, welches vorzüglich im Oberd. üblich ist, ein Mißgeboth thun, ein zu geringes, niedriges Geboth thun. Mittelw. mißgebothen. S. Miß 8.

[Bd. 3, Sp. 221]



 
Artikelverweis 
Mßbilligen, verb. reg. act. für unbillig, unrecht erklären. Jemandes Handlungen mißbilligen. Mittelw. gemißbilliget. Daher die Mißbilligung.
 
Artikelverweis 
Der Mißbrauch, des -es, plur. die -bräuche. 1) Der Gebrauch, d. i. die Anwendung einer Sache auf eine ihrem Zwecke und ihrer Bestimmung zuwider laufende Art, im Gegensatze des rechtmäßigen Gebrauches; ohne Plural. Einen Mißbrauch von seinem Vermögen, von seinem Ansehen machen. Der Mißbrauch der Geschöpfe Gottes. 2) Ein tadelhafter oder schädlicher Gebrauch, oder durch mehrmahlige Wiederhohlung zu einer Gewohnheit gewordene willkührliche Handlung. Alle Mißbräuche abschaffen, abstellen. S. Adelung Miß 8.
 
Artikelverweis 
Mßbrauchen, verb. reg. act. Mittelw. gemißbraucht, auf eine der Absicht, dem Endzwecke zuwider laufende Art gebrauchen oder anwenden. 1) Eigentlich und überhaupt; wo es im Hochdeutschen gemeiniglich die vierte Endung bekommt. Sein Ansehen zu Gewaltthätigkeiten, sein Vermögen zur Üppigkeit mißbrauchen. Den Nahmen Gottes mißbrauchen. Im Oberdeutschen und zuweilen auch in der höhern Schreibart der Hochdeutschen pflegt man es, so wie das einfache brauchen, wohl mit der zweyten Endung zu verbinden. Und die dieser Welt brauchen, daß sie derselbigen nicht mißbrauchen, 1 Cor. 7, 31. Auf daß ich nicht meiner Freyheit mißbrauche am Evangelio, Kap. 9, 18. 2) In einigen engern Bedeutungen. Jemanden mißbrauchen, sich seine Leichtgläubigkeit, Gutwilligkeit, seine Schwäche zu dessen Nachtheil zu Nutze machen. Eine Person weiblichen Geschlechtes mißbrauchen, sich fleischlich mit ihr vermischen, besonders, wenn solches mit einiger Gewaltthätigkeit verbunden ist. S. Adelung Miß 8.
   Anstatt des ungewöhnlichen Mißbrauchung ist Mißbrauch üblich.
 
Artikelverweis 
Das Mißbündniß, des -sses, plur. die -e, siehe Mißheirath.

 

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