Wörterbuchnetz
Grammatisch-Kritisches Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart Bibliographische AngabenLogo textgrid zeno bmbf · Logo textgrid zeno bmbf · Logo textgrid zeno bmbf
 
Mehr bis 1. Die Mehrung (Bd. 3, Sp. 150 bis 151)
Abschnitt zurück Abschnitt vor
Artikelverweis * Das Mehr, des -es, plur. die -e, ein im Hochdeutschen ungewöhnliches, im Oberdeutschen aber noch gebräuchliches Abstractum von dem vorigen Beyworte. 1) Die Mehrheit, d. i. die größere, überlegene Menge; wo es besonders von der Mehrheit der Stimmen und ohne Plural gebraucht wird. Durch da Mehr Bürgermeister werden, durch die meisten Stimmen. Etwas mit gemeinen Mehr thun, mit der Mehrheit der Stimmen. 2) Die Sammlung der Stimmen, das Votiren. Ein Mehr machen, die Stimmen sammeln, Umfrage halten. Ein Gegenmehr machen, über die entgegen gesetzte Sache die Stimmen sammeln. Man konnte lange zu keinem Mehr kommen, zu keinem Votiren. Daher auch die daselbst üblichen Zeitwörter übermehren, überstimmen, abmehren, durch die meisten Stimmen abschaffen, verwerfen, ermehren, durch die meisten Stimmen beschließen.
   Anm. Mit dem eigentlichen Ableitungslaute der Abstracten ist bey dem Ottfried thie Mera die Menge. Wenn die Mehr und die Mehrung in den vorigen Jahrhunderten einiger Gegenden die feyerliche Handlung bedeutete, da die Truppen die Kriegs-Artikel beschworen, wo auch das Zeitwort mehren in diesem Verstande üblich war, so ist solches nur eine Figur der vorigen Bedeutung, so fern dazu ehedem die meisten Stimmen nöthig waren. In einer Hessischen Reiter-Bestallung von 1570 heißt es Art. 106: »Es soll auch diese Bestallung und Artikel zur Zeit der ersten Musterung öffentlich den gemeinen Reutern im freyen Felde unter fliegenden Fahnen fürgelesen, darauf durch sie gemehret werden, wie von Alters gebräuchlich.« Und Art. 108: »Gleichergestalt sollen alle Reuter gleich sowohl zu Haltung obgemelter Bestallung und Articul verbunden seyn, als wenn sie zu Anfang darauf bestellet wären und gemehret hätten.« Womit aber abmehren, abtheilen, nichts als den Klang gemein hat. Siehe 1. Mehren.
 
Artikelverweis 
Der Mehrbraten, des -s, plur. ut nom. sing. in einigen Gegenden, besonders bey den Jägern, ein Nahme des Lendenbratens. Vermuthlich von dem Niedersächsischen mör, mürbe, weil diese Stücken ein sehr mürbes und zartes Fleisch haben.
 
Artikelverweis 
1. * Mehren, verb. reg. act. welches theilen bedeutet, Griech. μειρειν, aber im Hochdeutschen verlatet ist, und nur noch in einigen Gegenden vorkommt, besonders in dem zusammen gesetzten abmehren, abtheilen. Abgemehrte, abgefundene, abgetheilte, Kinder. Daher die Abmehrung, die Abfindung, Abtheilung. S. 3. Mark 1. 1).
 
Artikelverweis 
2. Mehren, verb. reg. act. 1) Von dem Bey- und Nebenworte mehr, mehr machen, der Zahl und Menge, und zuweilen auch der Intension nach größer machen; bey dem Ottfried und Notker meron. Seyd fruchtbar und mehret euch, 1 Mos. 1, 22, 28. Die Menschen begunten sich zu mehren, Kap. 6, 1. Sein Einkommen mehret sich, Nehem. 9, 37. Die Furcht des

[Bd. 3, Sp. 151]


Herren mehret die Tage, Sprichw. 10, 27. Das Wort Gottes mehrete sich, Apostelg. 12, 24.
   Du sollst dich so gemehrt an Kindern spüren,
   Opitz. Im Hochdeutschen ist dafür das zusammen gesetzte vermehren üblicher; doch kommt das einfache Zeitwort noch zuweilen bey Dichtern vor.
   So wie sich deine Jahre mehren,
   Mehrt dein Verdienst sich um die Welt,
   Gell. 2) * Von dem Hauptworte Mehr, vermittelst eines Mehr, d. i. einer Mehrheit der Stimmen, beschließen; eine im Hochdeutschen unbekannte Bedeutung, S. das Mahr.
   So auch die Mehrung.
 
Artikelverweis 
Mehrentheils, adv. welches aus des mehrern oder mehresten Theiles, d. i. dem mehresten oder meisten Theile nach, zusammen gezogen ist, und wofür auch meisten Theils und größten Theils und in der Sprache des täglichen Umganges auch meistens üblich ist; Nieders. meistlik.
   Und woraus besteht die Welt?
   Mehrentheils aus Thoren,
   Haged. Mehren stehet hier vermuthlich anstatt des alten Comparativi merren für mehrern. Der mynre Theil soll dem merren folgen, Sachsensp.
 
Artikelverweis * Der
Mehrer, des -s, plur. ut nom. sing. eine Person, welche mehret oder vermehret; ein veraltetes Wort, welches mir noch in dem Titel des Deutschen Kaisers vorkommt, allerzeit Mehrer des Reichs, wo es aber eine verunglückte Übersetzung des Latein. semper Augustus ist, welches man von augere hergeleitet, da es doch einen heiligen, unverletzlichen Kaiser bedeutet. Indessen kommt es in diesem Verstande in den Urkunden der Deutschen Kaiser und Könige doch schon seit dem 13ten Jahrhunderte vor, wo sogar in Französischen Urkunden das Wort Accroissant gebraucht wird. So schreibt sich König Wilhelm 1253 bey dem Martene Th. I. Anecd. S. 1053: Willaumes par la grasse de Dieu roi des Romains et toudis Accroissans; und Kaiser Philipp 1265 bey dem Carpentier in Glossar. v. Accroissant: Philippes par la grace de Dieu empereres de Romanie a touz temps Accroissans.
 
Artikelverweis 
Die Mehrhaberey, plur. die -en, die ungeordnete Begierde, mehr zu haben.
 
Artikelverweis 
Die Mehrheit, plur. inus. von dem Bey- und Nebenworte mehr. 1) So fern dasselbe dem Eins entgegen gesetzet ist, der Zustand, da ein Ding mehr als Eines ist, ohne doch zu bestimmen, ob dieses mehr viel oder wenig ist. In diesem Verstande pflegen einige neuere Sprachlehrer den Plural oder die mehrere Zahl auch die Mehrheit zu nennen. 2) Der Zustand, oder die Eigenschaft der größern Menge oder Anzahl. Der Mehrheit der Stimmen. Im Oberd. die Mehrheit, der Mehrtheil.
 
Artikelverweis 
Mehrmahlig, das Beywort von dem folgenden Nebenworte, was zu mehrern Mahlen ist oder geschiehet. Die mehrmahlige Wiederhohlung einer Sache.
 
Artikelverweis 
Mehrmahls, adv. zu mehrern Mahlen, mehr als Ein Mahl. Ich habe ihn schon mehrmahls gesehen. Bey einigen irrig mehrmahl oder mehrmahlen, S. 6. Mahl 2. 2).
 
Artikelverweis 
1. Die Mehrung, plur. inus. das Verbale des Zeitwortes mehren, S. dasselbe.

 

Eingabe
Wörterbuchtext:
Stichwort: