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1. Das Maul bis Maulfromm (Bd. 3, Sp. 117 bis 120)
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Artikelverweis  1. Das Maul, des -es, plur. die Mäuler, S. Adelung Maulesel.
 
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2. Das Maul, des -es, plur. die Mäuler, Diminut. das Mäulchen. 1. Eigentlich, diejenige breite Öffnung an dem Kopfe der Menschen und Thiere, welche ihnen vornehmlich zum Essen und Trinken dienet. Am gewöhnlichsten ist es von dieser Öffnung an den thierischen Körpern, zum Unterschiede von einem Schnabel. Dem Ochsen, der da drischet, sollt du nicht das Maul verbinden, 5 Mos. 25, 4. Einem Pferde das Gebiß in das Maul legen. Ein Pferd hat ein weiches Maul, wenn es den Druck des Gebisses bald und leicht fühlet, im Gegensatze eines harten Maules.
   Im gemeinen Leben, im harten und verächtlichen Verstande, auch von den Menschen, für das anständigere Mund. Ein großes, weites, kleines Maul haben. Das Maul aufreißen, aufsperren, im Oberd. für gähnen. Jemanden auf das Maul schlagen. Ein Maul voll, ein Mund voll.
   Wohin auch eine Menge figürlicher R. A. gehören, welche insgesammt nur im gemeinen Leben üblich sind, und gemeiniglich einen verächtlichen Nebenbegriff haben. Das Maul aufsperren, etwas mit dummer Verwunderung betrachten; Maul und Nase aufsperren. Jemanden das Maul aufsperren, ihm vergebliche Hoffnung machen. Jemanden etwas vor dem Maule wegnehmen, wegfischen. Das Maul wässert ihm darnach, er ist darnach lüstern. Jemanden das Maul wässerig machen, ihn lüstern machen, sinnliche Begierde erwecken. Etwas seinem Maule abbrechen, es sich an dem Maule abbrechen, an den Nahrungsmitteln. Das Maul hängen, oder hangen lassen, sein Mißvergnügen durch Stillschweigen und niederhangende Lippen an den Tag legen. Das Maul wischen und davon gehen, ohne zu danken fortgehen. Jemanden ums Maul gehen, ihm schmeicheln. Ihm nach dem Maule reden, so wie er es gern höret. Andern Leuten in das Maul sehen müssen, ihrer Gnade leben müssen. Das Maul hinbringen, seinen nothdürftigen Unterhalt von einer Zeit zur andern erwerben.
   Besonders in Ansehung des Gebrauches des Maules zur Sprache. Ein leichtfertiges Maul haben, Fertigkeit besitzen, leichtfertig zu sprechen. Ein loses, unnützes, ungewachsenes Maul haben. Reden, wie es jemanden in das Maul kommt, ohne Wahl, ohne Überlegung reden. Er getrauet sich nicht, das Maul aufzuthun, zu reden. Einem das Maul stopfen, machen, daß er schweige. Er hat das Maul zu weit aufgethan, er hat zu frey gesprochen. Kein Blatt vor das Maul nehmen, freymüthig

[Bd. 3, Sp. 118]


reden. Sich das Maul verbrennen, zu seinem Schaden zu frey reden. Ein groß Maul haben, prahlen, groß sprechen, auch viel sprechen, oder versprechen. Überall das Maul allein haben, allein sprechen wollen. Halt das Maul! eine niedrige und grobe Art, jemanden das Reden zu verbiethen. Das Maul halten, schweigen. Sich in der Leute Mäuler bringen, machen, daß andere von uns reden. In der Leute Mäuler kommen, beredet werden; wo es im Singular nicht üblich ist, ungeachtet es Ezech. 36, 3 heißt: und seyd den Leuten ins Maul kommen. Jemanden über das Maul fahren, ihm trotzig, ohne Achtung antworten. Einem nicht das Maul in einer Sache gönnen, ihn nicht werth halten, ihn in einer Sache, oder um dieselbe anzusprechen. Sich das Maul über etwas zerreißen, viel und heftig über etwas reden, er tadeln, bereden. Einem etwas in das Maul käuen, es ihm deutlich beschreiben, umständlich vorsagen; auch, es ihm in das Maul schmieren. Ihm steht das Maul auf dem rechten Flecke, er hat eine gute Gabe zu reden, und hundert andere mehr.
   In manchen dieser figürlichen R. A. kann man Mund dafür gebrauchen, um den Ausdruck weniger niedrig und verächtlich zu machen; in allen aber gehet es nicht an. In einigen lässet sich in der vertraulichen Sprechart auch das Diminut. Mäulchen gebrauchen.
   2. Figürlich. 1) Ein Kuß; doch nur in der harten und groben Sprechart, besonders Oberdeutschlandes. Jemanden ein Maul geben. Das Diminutivum Mäulchen hingegen ist in der vertraulichen Sprechart auch im Hochdeutschen sehr gewöhnlich, wo sich zugleich der verächtliche Nebenbegriff verlieret. Auf ähnliche Art bedeutet Osculum im Latein. einen Kuß, von Os, der Mund. 2) Eine Person, in Ansehung ihrer Fähigkeit so wohl zu essen, als auch zu sprechen; gleichfalls nur im gemeinen Leben und in der harten Sprechart. Zwanzig Mäuler zu ernähren haben, zwanzig essende Personen. Alle unnütze Mäuler aus der Stadt schaffen. Falsche Mäuler decken Haß, Sprichw. 10, 18. Verstummen müssen falsche Mäuler, Ps. 31, 19. Ein Milchmaul, in der niedrigen Sprechart, eine Person, welche gern Milchspeisen isset. Ein Leckermaul, welche gern leckere Speisen isset. Ein Lügenmaul, eine lügenhafte Person. Ein Lästermaul, eine lästernde Person u. s. f. 3) Bey den Tischlern wird die Öffnung am Hobel, wodurch das Eisen gehet, und der Span fähret, das Maul genannt.
   Anm. Im Niedersächsischen, wo es so wohl ungewissen als weiblichen Geschlechtes ist, Muul, Muule, im Dän. Mule, im Schwed. Mule, im Isländ. Mul. Es kann seyn, daß es, wie Wachter will, zunächst von mahlen, Nieders. mulen, so fern es auch die Speisen zermalmen bedeutet, abstammet. Allein es scheinet überhaupt den Begriff der Öffnung zu haben, und zu dem Geschlechte der Wörter Maue, welches im Nieders. einen Ärmel bedeutet, Mahl in der Bedeutung einer Vertiefung, Mulde, Malter u. s. f. zu gehören. S. Adelung Mund. In den gemeinen Mundarten hat man noch eine Menge anderer Wörter, das Maul nebst dessen anklebendem verächtlichen Nebenbegriffe zu bezeichnen. Dergleichen sind Fresse, Kerbe, Flabbe, Schnautze, die Oberdeutschen Waffel, im Osnabrück. Wüwwelwawwel, Gosche, Schmecker, Gefräß, und die Nieders. Kiffe, Flotze, Keek, Plärre u. s. f. welche zum Theil auch noch eigene Nebenbedeutungen haben, S. diese Wörter.
 
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Der Maulaffe, des -n, plur. die -n, in der niedrigen Sprechart und verächtlichem Verstande, ein Mensch, welcher etwas mit aufgesperrtem Munde, mit dummer Verwunderung angaffet, und in weiterer Bedeutung ein dummer Mensch. Im Oberdeutschen ein Gähnaffe, Gienaffe, im Nieders. Jaanup,

[Bd. 3, Sp. 119]


Jaapup, Japsnute, Apenkroos, von Kroos, ein Krug, Flotzangel, von Flotze, das Maul. Er erhellet daraus, daß die letzte Hälfte dieses Wortes, nicht zu dem Worte Affe, simia, gehöret, sondern aus auf oder offen verderbt ist. Maulaffe bedeutet jemanden, welcher aus dummer Verwunderung das Maul auf oder offen hat, wie Gähnaffe so viel wie Gähnauf ist. Im Dänischen lautet daher dieses Wort Mundabe. Indessen hat die Zweydeutigkeit zu der figürlichen Redensart Anlaß gegeben, Maulaffen feil haben, das Maul gedankenlos aufsperren; Nieders. Gaapeyer (Gaffeyer) fangen.
 
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Maulaffen, verb. reg. neutr. mit dem Hülfsworte haben, das Maul müßig oder gedankenlos aufsperren, Maulaffen feil haben; in der niedrigen Sprechart. Nieders. jaapsnuten.
 
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Die Maulbêêre, plur. die -n, die beerartige saftige Frucht des Maulbeerbaumes, welcher aus dem Oriente nach Italien und von da nach dem übrigen Europa gekommen ist; Morus L. Der weiße Maulbeerbaum, welcher Früchte bringet, ist in China einheimisch.
   Anm. Bey dem Notker heißt der Baum Murbouma, in den Monseeischen Glossen Mautpaum, aber schon im 11ten Jahrhunderte mit der gewöhnlichen Verwechselung des l und r Mulbom. Die Frucht heißt im Nieders. Muulbere, im Engl. Mulberry, im Holländ. Moerbesie, im Schwed. Mulbaer, im Ital. Mora; alle aus dem Lat. Morus, Griech. μογος, welcher Nahme mit dem Baume selbst zu uns gekommen ist.
 
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Die Maulbêêrfeige, plur. die -n, S. Adamsfeige.
 
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Der Maulchrist, des -en, plur. die -en, in der harten Sprechart der Kirche, der nur seinen Worten, seinem mündlichen Vorgehen nach, nicht aber seinen Handlungen und Gesinnungen nach, ein Christ ist.
 
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Maulén, verb. reg. neutr. mit dem Hülfsworte haben. 1) In den niedrigen Sprecharten sagt man, eine Speise maule gut, wenn sie gut zu Maule geht, begierig gegessen wird. Gemeine Kost maulet ihm nicht, will ihm nicht maulen. 2) Durch ein mürrisches Stillschweigen seinen Zorn oder Widerwillen gegen jemanden blicken lassen; gleichfalls nur in der niedrigen Sprechart, wofür man auch sagt, das Maul hängen. Ungezogene Kinder, denen das abgeschlagen wird, was gesittete bekommen, und die jetze maulen und ihre glücklichern Brüder lächerlich machen, Hermes. Minder niedrig ist das vertraulichere schmollen, welches vermittelst des vorgesetzten Zischlautes daraus gebildet ist. Übrigens ist statt dieses Zeitwortes auch mucken, protzen, trotzen, im Oberdeutschen mutzen, bey dem Pictorius mudern, in Baiern zitten und pfnotten, in Niedersachsen schulen und muffen üblich. Doch haben die Niedersachsen auch mulen, nebst dem Beyworte mulsk; mülen aber ist bey ihnen ein schiefes Maul machen.
 
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Der Maulêsel, des -s, plur. ut nom. sing. Fämin. die Mauleselinn. 1) Eigentlich, eine von einem Esel und einer Stute, oder von einem Hengste und einer Eselinn erzeugte Mittelgattung zwischen einem Pferde und Esel, welche größer, muthiger und stärker als ein Esel ist, aber ihr Geschlecht nicht fortpflanzet. Er hat den Nahmen nicht von dem Maulkorbe, welchen man ihm seines tückischen Wesens wegen gemeiniglich anzulegen pflegt, sondern aus dem Lat. Mulus, welchen Nahmen dieses Thier, dem Isidor zu Folge, daher hatte, weil man es in den Mühlen zum Mahlen gebrauchte, daher auch die zu gleichem Endzwecke angewandten Pferde Muli genannt wurden. Ehedem war auch das kürzere das Maul, Plur. Mäuler, üblich, bey dem Notker und Stryker Mul, welches in der Deutschen Bibel mehrmahls vorkommt, aber im Hochdeutschen veraltet ist, so wie das gleichbedeutende Maulpferd, 1 Mos. 36, 24. Maulthier, welches

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gleichfalls in der Deutschen Bibel gefunden wird, kommt noch hin und wieder, obgleich auch selten, vor. Daher der Mauleseltreiber, der Maauleselstall u. s. f. 2) Figürlich pflegt man auch diejenigen Wespen, welche weder Männchen noch Weibchen sind, die härteste Arbeit verrichten müssen, und bey den Bienen Drohnen heißen, Maulesel zu nennen.
 
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Der Maulfreund, des -es, plur. die -e, Fämin. die Maulfreundinn, in der harten Sprechart, eine Person, welche zwar dem Maule, d. i. ihrer Versicherung nach, nicht aber in der That unser Freund ist; in der anständigern Sprechart, ein Zungenfreund.
 
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Maulfromm, adj. et adv. gleichfalls nur in der harten und niedrigen Sprechart, mit dem Maule, d. i. dem mündlichen Vorgeben nach, fromm, ohne es in der That zu seyn.

 

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