Wörterbuchnetz
Grammatisch-Kritisches Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart Bibliographische AngabenLogo textgrid zeno bmbf · Logo textgrid zeno bmbf · Logo textgrid zeno bmbf
 
Maße bis Mäßigkeit (Bd. 3, Sp. 98 bis 101)
Abschnitt zurück Abschnitt vor
Artikelverweis Die Maße, plur. die -n, das vorige nur in einem deränderten Geschlechte, welches im Hochdeutschen in folgenden Bedeutungen üblich ist.
   I. Als ein Abstractum, und daher eigentlich ohne Plural.
   1) Das richtige Verhältniß der Intension oder innern Stärke einer Handlung gegen die Natur der Sache; eine Fortsetzung von Maß I. 1. 2) (b) Lat. Modus. Maße ist zu allen Dingen gut. Maße halten, dieses Verhältniß beobachten. Man muß in allen Dingen Maße halten. Maße in Essen und Trinken, im Strafen, im Vergnügen u. s. f. halten. Maße gebrauchen. Ohne alle Maße essen, trinken u. s. f. In der Länge der Predigten die nöthige Maße beobachten. Züchtige mich Herr, doch mit Maße, Jerem. 10, 24. Halte Maße in allen Dingen, Sir. 30, 33. Es findet sich keine Verordnung, welche in dieser Sache Ziel und Maße vorschreiben könnte. Im gemeinen Leben zuweilen auch im Plural. Mit Maßen essen und trinken. S. Adelung Übermaße. Dahin gehören auch verschiedene adverbische Redensarten, wo das Wort oft gleichfalls in dem sonst ungewöhnlichen Plural stehet. Über die Maße, über die Maßen, ungewöhnlich sehr. Er ist über die Maßen groß, stark, dick, klein u. s. f. Er trinkt über alle Maßen sehr. Also schüttete Joseph das Getreide auf über die Maas viel, 1 Mos. 41, 49. Und sie entsatzten sich über die Maße, Marc. 5, 42. Eine ewige und über alle Maße wichtige Herrlichkeit, 2 Cor. 4, 17. Aus der Maßen sehr, viel, ungewöhnlich.
   Mih iamert us der Masse
   Nach der vil lieben vrowen min,
   Graf Werner von Honberg. Maße bedeutet das Verhältniß selbst, die Mäßigung die Beobachtung dieses Verhältnisses, und Mäßigkeit den Zustand dieser Beobachtung; obgleich die Winsbeckinn Masse für Mäßigkeit braucht.
   2) In weiterer Bedeutung, die Art und Weise; eine sehr alte Bedeutung, in welcher dieses Wort schon bey dem Kero Mez und Mezzu, bey dem Ottfried Maz, und im Lat. Modus lautet. Noh heinu mezzu, auf keine Art, Kero. Mezze dera Samanunga,

[Bd. 3, Sp. 99]


die Art und Weise der Versammlung, ebend. Desu mezzo, auf diese Art, ebend. Filuru maz, auf vielerley Art, Ottfr. Auf diese Maße, auf diese Art. In der Maße, so wie es vorgebracht worden. In welcher Bedeutung es im Oberdeutschen am gangbarsten ist. In welcher Maße sie uns ihre Gesinnung zu erkennen gegeben. Einer Sache abhelfliche Maße geben, ihr abhelfen. S. Adelung Maßgabe. Wohin auch verschiedene adverbische Redensarten gehören, in welchen es am häufigsten in dem sonst ungewöhnlichen Plural stehet. Einem etwas bester Maßen anbefehlen, auf die beste Art. Einiger Maßen, auf einige Art. Gewisser Maßen, auf gewisse Art. Gehöriger Maßen, auf die gehörige Art; welche insgesammt von einigen wider alles Recht zusammen gezogen werden, einigermaßen. Ingleichen die mehr Oberdeutschen, ebener Maßen, gebührender Maßen, ziemlicher Maßen, was Maßen, auf welcher Art, wie, verlangter Maßen, solcher Maßen u. s. f. Nebst den Partikeln und Zusammensetzungen, maßen, indem, weil, immaßen, so, ingleichen indem, weil, dermaßen, auf diese Art, allermaßen u. s. f.
   II. Als ein Concretum, wo es ein in vielen Fällen übliches Flachenmaß ist, als eine Fortsetzung der concreten Bedeutung des vorigen Wortes. Im Forstwesen werden die abgemessenen bestimmten Theile eines Buschholzes, ohne Rücksicht auf ihre Größe Maßen genannt, wo es eigentlich eine jemanden zugemessene oder zugetheilte Fläche bedeutet. In der Landwirthschaft vieler Gegenden werden die Wiesen nach Maßen eingetheilet, wo es vermuthlich nur den jedem an einer gemeinschaftlichen Wiese gehörigen Theil bedeutet, ohne Rücksicht auf dessen Flächeninhalt. Im Niedersächsischen werden die abgetheilten Schläge an den Deichen und Sieltiefen, welche jeder Hausbesitzer im baulichen Stande erhalten muß, Hausmaßen, Nieders. Huusmaten, genannt. Im Bergbaue ist die Maße eine vermessene Fläche von bestimmter Größe, welche zu einer Fundgrube gehöret, und nach derselben auf eben dem Gange aufgenommen worden. In Freyberg ist eine solche Maße 40 Lachter oder 140 Ellen lang; in dem Chursächsischen Obergebirge aber hält sie 28 Lachter in die Länge, und 7 Lachter in die Breite, oder nach Quadrat-Maß, 14 Lachter in die Länge und eben so viel in die Breite. Eine Maße hält alsdann 2 Wehr oder 4 Lahen; 11/2 Maße aber machen eine Fundgrube. Daher, die Maßen belegen, darauf arbeiten lassen. S. Adelung Maßner.
   Es ist sehr wahrscheinlich, daß das im mittlern Lat. so oft vorkommende, und seiner Abstammung nach dunkle Mansus, wenn es einen gewissen einem Bauer zu seinem Unterhalte angewiesenen Theil Feldes oder Ackers bedeutet, dieses Wort Maße ist, indem es auch Masus, Massa, Masa, Massum, Masada, Mesa, Mesus, Messuagium u. s. f. und in verschiedenen Provinzen Frankreichs noch jetzt Meix, Mois, Més, Mas lautet, woraus nach dem eingeschobenen n nieselnder Mundarten Mansus geworden.
   Anm. In dem zweyten Falle der ersten Hauptbedeutung im Dän. Maade, im Angels. Mete, im Schwed. Måtta. Das Nieders. Mate und Schwed. Måtta bedeuten über dieses auch die bequeme Zeit. Man sagt daselbst von einer Person oder Sache, welche uns gerade zur gelegenen Zeit kommt, oder da wir sie eben brauchen, sie komme uns zu Mate, oder zu Maße, welchen Begriff auf eine ähnliche Art auch das Lat. commodus ausdruckt. S. das vorige Wort.
 
Artikelverweis 
Maßen, verb. reg. act. S. Adelung Anmaßen und Muthmaßen.
 
Artikelverweis 
Maßen, eine Conjunction, welche in den Kanzelleyen auch für immaßen gebraucht wird, S. die Maße I. 2).
 
Artikelverweis 
Die Maßêrle, S. Adelung Maserle.
 
Artikelverweis 
Die Māßgabe, plur. inus. von der im Hochdeutschen veralteten R. A. Maße geben, d. i. die Art und Weise bestimmen, vorschreiben,

[Bd. 3, Sp. 100]


die Bestimmung der Größe oder Art und Weise eines Dinges, das Verhältniß; die Maßgebung. Die Menschen weichen bloß nach Maßgabe ihrer Erziehung von einander ab. Ich werde mein Verhalten nach Maßgabe des deinigen einrichten. S. das folgende.
 
Artikelverweis 
Die Māßgêbung, plur. inus. gleichfalls von der R. A. Maße geben, die Art und Weise einer Sache vorschreiben. 1) Eigentlich, wo man es nur mit dem Vorworte ohne gebraucht. Aber warum schaffen sie ihn nicht ohne Maßgebung (unmaßgeblich) fort? Gell. ohne ihnen etwas vorzuschreiben. Aber, ohne Maßgebung, wissen sie denn schon, ob ich das auch für ein Glück halte? ebend. 2) Figürlich, wie Maßgabe, das Verhältniß. Die Menschenliebe Gottes kann sich nur nach Maßgebung der Empfänglichkeit des Gegenstandes äußern. Ich werde dich nach Maßgebung deiner Verdienste belohnen. Die R. A. Maße geben, die Art und Weise, die Einschränkung bestimmen oder vorschreiben, kommt im Hochdeutschen wenig mehr vor. Im Oberdeutschen hat man auch das Hauptwort der Maßgeber, welcher Vorschriften ertheilet, die Art und Weise einer Handlung dem andern vorschreibt. S. die Maße I. 2).
 
Artikelverweis 
Der Māßhêcht, des -es, plur. die -e, bey den Fischern, Hechte, welche ein Jahr alt, und etwa 1/4 Elle lang sind.
 
Artikelverweis 
Der Māßholder, des -s, plur. inus. S. Adelung Maserle.
 
Artikelverweis 
Mäßig, -er, -ste, adj. et adv. 1. Von Maß, die bestimmte Größe eines Dinges. 1) Dem Maße eines andern Dinges ähnlich, doch nur im figürlichen Verstande, dem andern Dinge gemäß, ähnlich, so wie es dessen Beschaffenheit, das Verhältniß zu demselben erfordert; in welcher Bedeutung es doch nur allein in Zusammensetzungen üblich ist, wo die Sache, welcher eine andere gemäß seyn soll, voran stehet. Pflichtmäßig, seiner Pflicht gemäß, schriftmäßig, regelmäßig, gesetzmäßig, heldenmäßig, kunstmäßig, rechtmäßig, zunftmäßig, bothmäßig u. s. f. der Schrift, der Regel, dem Gesetze u. s. f. gemäß, mit demselben übereinstimmig, und in dieser Übereinstimmung gegründet. Es leiden nicht alle Hauptwörter diese Zusammensetzung, indem einige die Ableitungssylben -haft, -isch und -lich hergebracht haben, daher man dem Gebrauche folgen muß, ob es gleich nicht ganz verwehret ist, neue Wörter dieser Art zu wagen. Alle, welche diese Zusammensetzung ertragen, leiden auch Hauptwörter auf -keit. Die Regelmäßigkeit, Pflichtmäßigkeit u. s. f. 2) Von Maß, ein bestimmtes Maß trockner und flüssiger Dinge. Ein mäßiger Krug, welcher ein Maß hält. Ein viermäßiger Topf, welcher vier Maß hält. Ein im Hochdeutschen fremder, oder doch nur in den gemeinen Sprecharten üblicher Gebrauch.
   2. Von Maße I. 1), das richtige Verhältniß der Größe oder Intension einer Sache. 1) Dem richtigen Verhältnisse gegen die Natur der Sache, gegen den Endzweck gemäß, gegen den Endzweck gemäß, dasselbe beobachtend, und darin gegründet; im Gegensatze des übermäßig und unmäßig. Mäßig gehen, laufen, tanzen. Sich mäßig freuen, mit Maße. Eine mäßige Freude. Ein mäßiges Urtheil von sich selbst fällen. Wo doch in vielen Fällen das Mittelwort gemäßigt üblicher ist, S. Adelung Mäßigen. In engerer und gewöhnlicherer Bedeutung in dem Genusse der Nahrungsmittel das richtige Verhältniß gegen ihren Endzweck oder gegen die Gesundheit beobachtend, und in dieser Beobachtung gegründet. Wenn der Magen mäßig gehalten wird, so schläft man sanft, Sir. 31, 23. Wer mäßig isset, der lebt desto länger, Kap. 37, 34. Ein Bischof soll mäßig seyn, 1 Tim. 3, 2. Mäßig leben. Ein mäßiges Tractament. 2) Für mittelmäßig, das Maß des Gewöhnlichen nicht übersteigend; im Gegensatze des übermäßig. Ein mäßiges Vermögen haben, ein mittelmäßiges. Er ist nur

[Bd. 3, Sp. 101]


mäßig groß. Wenn ihm diese Sache nur māßig gelingen sollte. Es ist heute nur mäßig warm.
   Anm. In der zweyten Hauptbedeutung im Schwabenspiegel maezzig, bey den Schwäbischen Dichtern messelich, im Nieders. matelig, im Schwed. måttelig; bey dem Kero hingegen und Ottfried mit einer andern Ableitungssylbe mezhafti, mezhafto. Das ohne Noth verlängerte mäßiglich ist im Hochdeutschen veraltet. S. Adelung Mäßigkeit.
 
Artikelverweis 
Mäßigen, verb. reg. act. Maße geben, mäßig machen, den höhern Grad der Intension mildern. Ein Vernünftiger mäßiger seine Rede, Sprichw. 17, 27, er schränket sie ein, redet wenig. Eines Rechnung mäßigen, wofür im gemeinen Leben, sie moderiren üblich ist. Die Strafe mäßigen, wofür doch mildern gebräuchlicher ist. Ihre Aufrichtigkeit wird nie das Grab der Hochachtung, weil sie durch Bescheidenheit gemäßigt wird, Gell. Am häufigsten als ein Reciprocum. Sich mäßigen, seinen Begierden, seinen Neigungen Maße vorschreiben, sie nach der Vorschrift des Gesetzes, der Billigkeit, des Endzweckes u. s. f. einschränken. Sich im Essen und Trinken mäßigen. Seinen Zorn, seine Begierden, seine Ansprüche mäßigen. Sich nicht mäßigen können. Daher die Mäßigung, plur. inus. die Einschränkung seiner Neigungen und Begierden, die Beobachtung des gehörigen Verhältnisses gegen die Natur der Sache, des Endzweckes u. s. f. Auch das Mittelwort gemäßigt wird in manchen Fällen anstatt des Beywortes mäßig gebraucht. Eine gemäßigte Luft, welche weder zu kalt, noch zu warm ist. Ein gemäßigtes Urtheil von sich selbst fällen, ein durch die Selbsterkenntniß gehörig eingeschränktes Urtheil.
   Anm. Bey dem Kero mit einer andern Ableitungssylbe kemezlihan, bey dem Notker hingegen nur mezen, so wie es bey den Schwäbischen Dichtern massen und gemassen lautet, maßen, unmittelbar von Maße. Es kommt mit den Lat. moderare und mitigare überein.
 
Artikelverweis 
Die Mäßigkeit, plur. car. von dem Beyworte mäßig. 1. So fern dasselbe von Maß abstammet, wo alle mit -mäßig zusammen gesetzte Beywörter auch zu Hauptwörtern werden können, den Zustand der durch das Beywort bezeichneten Beschaffenheit anzudeuten. Die Pflichtmäßigkeit, Rechtmäßigkeit, Regelmäßigkeit u. s. f. 2. So fern dasselbe von Maße abstammet. 1) Der Zustand, da man mäßig ist, d. i. das richtige Verhältniß gegen die Natur der Sache, den Endzweck u. s. f. beobachtet, und in engerer Bedeutung, die Fertigkeit dieses Zustandes. Es wird hier nur in engerer Bedeutung von dieser Beobachtung des richtigen Verhältnisses im Gebrauche des sinnlichen Vergnügens, und im engsten Verstande, in dem Genusse der Nahrungsmittel gegen ihren Endzweck und die Gesundheit des Körpers gebraucht, da sie denn die Enthaltsamkeit, Keuschheit und Nüchternheit unter sich begreift. Die Maße bezeichnet dieses Verhältniß selbst, die Mäßigung die Beobachtung desselben, und Mäßigkeit den Zustand oder die Fertigkeit dieser Beobachtung. 2) In der weitesten Bedeutung, der Zustand, da eine Sache das Maß des Gewöhnlichen nicht übersteiget; in welcher Bedeutung es doch seltener vorkommt. Die Mäßigkeit der Kälte, des Reichthumes einer Person u. s. f.

 

Eingabe
Wörterbuchtext:
Stichwort: