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Grammatisch-Kritisches Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart Bibliographische AngabenLogo textgrid zeno bmbf · Logo textgrid zeno bmbf · Logo textgrid zeno bmbf
 
1. Dieterich bis 2. Das Ding (Bd. 1, Sp. 1495 bis 1498)
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Artikelverweis  1. Dieterich, Gen. Dietrichs, ein eigenthümlicher Mannsnahme, welcher zu dem alten Worte Thiod, Deod, gehöret, welches unter andern auch Volk bedeutete, in diesem Nahmen aber eine andere Bedeutung zu haben scheinet; S. Adelung Deutsch. Frisch glaubt, daß die zwey letzten Sylben bloß die männlichen Endungen er und ich sind, welche nach und nach an das Wort Diet angehänget worden, so daß erst Dieter und hernach Dieterich daraus geworden. Allein es scheinet vielmehr dieser Zusatz das Wort Reich, ein Regierer, zu seyn denn in der alten Fränkischen Mundart bedeutet Tioderik wirklich einen Regierer des Volks. Von den alten Formen und Verkürzungen dieses Wortes hat Frisch eine große Menge gesammelt. Im Nieders. lautet dieser Nahme Dierk, und im Latein. Theodoricus.
 
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2. Der Dieterich, des -es, plur. die -e, im gemeinen Leben, ein Nachschlüssel, ein Werkzeug, welches einem Schlüssel gleichet, mehrere Schlösser damit zu öffnen; bey den Schlössern ein Haken.
   Anm. Im Nieders. heißt ein solcher Schlüssel Dierker, im Dän. Dirik, im Schwed. Dyrck, Dirck, im Pohln. Wytrych. Wachter glaubt, diese Benennung stamme unmittelbar von Diet, Tioth, Volk oder gemein, her, und bedeute daher einen allgemeinen Schlüssel. Ihre, der dieses Wort bey dem Wachter nicht finden können, leitet es von dem mittlern Latein. Directarius her, welches einen Dieb bedeutete, der seinen Diebstahl vermittelst heimlicher Eröffnung der Thüren verrichtete. Allein, da ein solcher Nachschlüssel auch im Nieders. Peterken heißt die gleichfalls Nieders. Benennung Dierker aber mit dem Nahmen Dierk, Dieterich einerley ist; so ist wohl glaublicher, daß dieses Werkzeug nach gewissen Personen, die dasselbe erfunden, oder zuerst zum Diebstahle gebraucht, benannt worden.
 
Artikelverweis Der
Diethaufe, des -n, plur. die -n, ein in Oberdeutschland, besonders in Nürnberg, übliches Getreidemaß, deren vier eine Metze, zwey und dreyßig aber ein Malter machen. Ein Diethaufe hält wiederum zwey Diethäuflein, oder vier Maß.
 
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Dieweil. 1) Ein Oberdeutsches Bindewort für weil, welches im Hochdeutschen größten Theils veraltet ist, und nur noch von den Kanzelleyen im Andenken erhalten wird. Dieweil du hast gehorchet der Stimme, 1 Mos. 3, 17. Dieweil er ein göttlich Leben führete, Kap. 5, 24. Ingleichen für da doch. Wie könnt ihr gutes reden, dieweil ihr böse seyd? Matth. 12, 34. Die Oberdeutschen setzen oft noch ihr verlängerndes all vor dieses Wort, alldieweil. 2) Ein Nebenwort der Zeit für so lange als. Dieweil Mose seine Hände empor hielt, 2 Mos. 17, 11. Dieweil du lebest, Sir. 33, 21. Kap. 39, 15. Ingleichen für indessen, indessen daß. Ehud war entrunnen, dieweil sie verzogen, Richt. 3, 26. Dieweil sie so redete, schaueten sie sie an, Judith. 10, 15. Was habe ich dieweil? Sir. 11, 24. Ingleichen für da, indem. Dieweil du noch bey ihm auf dem Wege bist, Matth. 5, 25. In allen diesen adverbischen Bedeutungen

[Bd. 1, Sp. 1496]


ist es im Hochdeutschen nur noch in den gemeinen Mundarten üblich.
   Anm. In dem alten Gedichte auf den h. Anno bedeutet al die wili damahls. Für so lange als, kommt die uuile auch im Schwabenspiegel vor. Nach dem Muster des Oberdeutschen alldieweil gebrauchen auch die heutigen Schweden allthenstund für weil.
 
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1. Die Dille, plur. car. eine Pflanze, welche in Portugall und Spanien wild, bey uns aber nur in den Gärten wächset; an einigen Orten das Dillkraut, Hochkraut, in Schwaben um das Jahr 1479 Anetraut, nach dem Latein. Anethum. Daher der Dillsame, das Dillöhl, das Dillwasser u. s. f.
   Anm. Der Nahme dieser Pflanze lautet in den Monseeischen Glossen Tili, Tilli, im Angels. Dile, im Engl. Dill, im Holl. und Nieders. Dille, im Dänischen Dill, Dild, im Schwed. Dill. Martinius leitet ihn von dem Griech. θαλια, umbella, her, wegen der Gestalt der Blumen, Frisch aber von der letzten Hälfte des Wortes Anthyllis, Salzkraut, welches ehedem für eine Art der Dille gehalten wurde. Da aber diese Pflanze in einigen Gegenden auch Hochkraut genannt wird, so wird mit diesem Nahmen wohl auf ihren hohen Wachsthum gesehen. Im Holländ. und Nieders. bedeutet tillen noch jetzt aufheben, und Till die Aufhebung S. auch Dolde. Der Lat. und Griech. Nahme Anethum scheinet einen ähnlichen Ursprung zu haben, von ανω, aufwärts, in die Höhe. Übrigens ist dieses Wort im Oberdeutschen auch ungewissen Geschlechtes, das Dill, dagegen es bey einigen Niedersachsen und Hochdeutschen als ein Masculinum üblich ist, der Dill.
 
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2. Die Dille, plur. die -n, an verschiedenen Werkzeugen, eine kurze Röhre, etwas hinein zu stecken. Die Dille an einem Leuchter, worein das Licht gesteckt wird. Die Dille an einer Lampe, das Behältniß des Dochtes, u. s. f. Das Franz. Douille, und Oberdeutsche Dol, Dohle, ein Canal, scheinen mit diesem Worte genau verwandt zu seyn; S. Adelung Dohle 1. In den gröbern Mundarten lautet dieses Wort Tülle.
 
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3. Die Dille, plur. die -n, bey den Schlössern, ein flaches Stück Eisen, welches das Eingerichte bedeckt, und durch welches das Schlüsselloch gehet. In dieser Bedeutung scheinet das Wort zu Diele, im Schwed. Tilja, ein Bret, zu gehören.
 
Artikelverweis Das
Dillkraut, des -es, plur. inus. S. 1 Dille.
 
Artikelverweis Die
Dillraupe, plur. die -n, eine Art grüner Raupen mit schwarzen Zirkeln, welche sich auf der Dille aufhält.
 
Artikelverweis 1. * Das
Ding, des -es, plur. die -e, ein im Hochdeutschen veraltetes Wort, welches aber ehedem von einem großen Umfange war, und noch in verschiedenen Provinzen so wohl Ober- als Niederdeutschlandes üblich ist, daher dessen Bedeutungen ein wenig genauer erwogen werden müssen. Es bedeutete,
   1. Eine Rede, ein Gespräch. Daß dieser Gebrauch im Deutschen der erste und ursprüngliche sey, behauptet Wachter mit vieler Wahrscheinlichkeit, worin ihm auch Ihre beypflichtet. Von dieser nunmehr ganz veralteten Bedeutung finden sich in den ältern Denkmahlen noch häufige Beyspiele.
   Zeht thir iz Lucas
   Vuas iro thing thar tho uuas, Lucas erzählet dir, was damahls ihr Gespräch war, Ottfried B. 3, Kap. 13, V. 105. Ein Dinch Gotes Fater. Daz Dinch noh ieo ana uuas, daz ist sin Sun. Das Wort Gottes des Vaters. Dieses Wort war im Anfange, das ist sein Sohn, Notker Ps. 21, V. 7.
   Vntar uuorton managen
   Joh thingon silu hebigen,

[Bd. 1, Sp. 1497]



   unter mancherley Worten und wichtigen Gesprächen, Ottfr. B. 3, Kap. 18, V. 2.
   Manota er sie tho alles
   Thes ererin thinges, da erinnerte er sie an das ganze vorige Gespräch, B. 5, K. 11, V. 90. Und so an andern Orten mehr. S. Adelung Dingen 1.
   2. Besonders, ein feyerliches Gespräch, und die Versammlung zu demselben, und in weiterer Bedeutung eine jede Zusammenkunft. So wohl, 1) eigentlich, von welcher Bedeutung sich so wohl in den mittlern, als auch spätern Zeiten gleichfalls häufige Beyspiele finden. Brahten sia in thaz thing, stelleten sie in die Versammlung, Ottfr. B. 3, Kap. 17, V. 17, und Kap. 20, V. 108, nennet er das Synedrium der Juden ein Thing. Concilio populorum communi, quod ab ipsis (Sueonibus) Worph, a nobis l'hinc vocatur, Adam von Bremen. Als auch 2) figürlich, was in einer solchen feyerlichen Unterredung beschlossen wird, eine Bedingung, ein Vertrag, in welcher Bedeutung so wohl Ding, als auch Geding, selbst von besondern Arten der Verträge, z. B. einem Heirathsvertrag, einer Leihe, Lehnung, Miethe, Schenkung, Anwartschaft u. s. f. sehr häufig war Omne Thinx, quod est donatio, heißt es in dem Longobardischen Gesetze.
   3. Ein Gespräch, in welchem man streitet, ein Wortwechsel, besonders ein Wortwechsel vor Gerichte, und figürlich auch eine streitige Sache, eine Rechtssache, ein Prozeß. Auch von diesem veralteten Gebrauche finden sich in den ältern und mittlern Zeiten häufige Beyspiele. In den Monseeischen Glossen ist Dinch eine Rechtssache, und Notker gebraucht Dingstrit in eben dem Verstande. Im Angels. ist Thing gleichfalls ein jeder Streit, besonders ein gerichtlicher.
   4. Eine gerichtliche Versammlung, ein Gericht, und der Ort, wo dasselbe gehalten wird. Diese Bedeutung findet sich von den ältesten Zeiten an. Schon in dem Salischen Gesetze ist Thenca ein Gericht. Ottfried nennet ein Blut- oder Criminal-Gericht notlich Thing, und das jüngste Gericht Thing filu hebigas. Gebothen Ding ist in den spätern Zeiten eine ordentliche, ungebothen Ding aber eine außerordentliche Gerichtsversammlung. S. Adelung Bothding. Obgleich im Hochdeutschen auch diese Bedeutung veraltet ist, so ist sie doch noch in vielen Provinzen hin und wieder gänge und gebe. Zu Breslau theilen sich die Stadtgerichte in das große und in das kleine Ding, d. i. in das Ober- und Untergericht. Daher die noch hin und wieder übliche Redensart, das Ding hegen, Gericht halten. Sich vor geheurem Dinge und an gewöhnlicher Gerichtsstelle einfinden. Am häufigsten kommt dieses Wort noch in einigen Niedersächsischen Gegenden, z. B. in Schleßwig, Hollstein u. s. f. vor, wo das Ding, oder das Ding und Recht, das Gericht in bürgerlichen Sachen ausdruckt. In diesen und andern Gegenden sind zum Theil auch noch die Zusammensetzungen Bürgerding, Vogtding, Dreyding, Meierding, Freyding u. s. f. üblich, besondere Arten der bürgerlichen Gerichte auszudrucken. S. auch die folgenden Zusammensetzungen, welche im Hochdeutschen gleichfalls veraltet, in einigen Provinzen aber noch jetzt üblich sind. Das Angelsächs. Ding, das Holländ. Ding, das Schwedische Ting, und das Dänische Thing haben gleichfalls die Bedeutung eines Gerichtes.
   Anm. Sollte Ding in dieser letzten Bedeutung eine mehr als zufällige Verwandtschaft mit dem Griech. δικ, Gericht, und dem Hebr. 05d305d505df und, 05d305d905df richten, vor Gericht streiten, dingen, 05d305d905df ein Rechtsband, und 05d605d905df ein Richter, haben: so würde es eines der ältesten Wörter in der Deutschen Sprache seyn. Bey dem Ottfried und dessen Zeitgenossen kommt Ding und Geding auch häufig für Hoffnung, und dingen für hoffen vor; eine Bedeutung, deren

[Bd. 1, Sp. 1498]


Verwandtschaft mit den vorigen ein wenig schwer zu entwickeln seyn möchte.
 
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2. Das Ding, des -es, plur. die -e, und in einigen Fällen auch die -er, ein Wort, welches heut zu Tage noch einen weiten Umfang der Bedeutung hat. Es bedeutet,
   1. * Eigentlich, Hausrath, Werkzeug, ein körperliches Hülfsmittel, etwas zu verrichten. Daß diese Bedeutung die erste und eigentliche sey, ist indessen nur noch eine bloße Muthmaßung, die Wachter zuerst gewaget, Ihre aber aus dem Isländischen und alten Schwedischen bestätiget hat. Das Latein. res wurde gleichfalls von dem Hausrathe gebraucht. Merkwürdig ist auch, daß im Alt-Französ. Afferi, Affri, Ackerpferde, Affare und Affarium im mittlern Lateinischen eine Meierey bedeutete, wovon hernach Affaire nicht allein die allgemeine Bedeutung eines jeden Eigenthums, sondern auch überhaupt einer jeden Sache bekommen hat, welches Schicksal es mit unserm Deutschen Worte Ding gemein hat.
   2. * Eine Arbeit, ein Geschäft. Sven der Bischof heim ist, swes er danne bidarf zu sinem Bade, zu der Kuchinen, zu der Schenken Ding, in dem Straßburg. Stadtrechte bey dem Schilter. Noch jetzt sagt man im Plural im gemeinen Leben, ich will meine Dinge schon machen, was mit mir zu thun oblieget. Sechs Tage sollst du arbeiten, und alle deine Dinge beschicken, 2 Mos. 2, 9. Bey dem Ottfried kommt githingen, das Zeitwort mehrmahls für bestreben, sich bemühen, tendere, contendere, vor.
   3. In weiterer Bedeutung, eine Sache, im Gegensatze einer Person. Diese Bedeutung kommt nur noch zuweilen in den Rechten vor, das Latein. Res auszudrucken. S. auch Dinglich.
   4. In noch weiterm Verstande, ein Individuum, als die allgemeinste Benennung, wo man dieses Wort häufig gebraucht, wenn man die eigentliche Benennung eines Individui nicht weiß, oder nicht gebrauchen will. Was ist das für ein Ding? Das ist doch ein artiges Ding. Wissen sie nicht wie das Ding heißet? Ja, ja, die Liebe ist nun so ein wunderlich Ding. Weiße. An einigerley Ding, das von Fellen gemacht ist, 3 Mos. 13, 49. Das Salz ist ein gut Ding, Luc. 14, 34. In dieser Bedeutung hat der Plural die Dinger. Es ist in derselben auch das Diminutivum Dingelchen und im Plural Dingerchen üblich. Sie haben von mir wissen wollen, was Anakreontische und Sapphische Oden für Dinger sind, Kästn. Wie heißen die kleinen Dingerchen, die so in den Sonnenstrahlen herumfliegen? Less. Das sind große Weinbeeren; es sind ja Dinger wie Pflaumen. Ich glaube, die Herren Richter werden aus Höflichkeit die Dinger gar eingehen lassen, sagt der Jude bey Lessing von den Galgen. Im Niedersächsischen sagt man in dieser Bedeutung, obgleich mit einiger Verachtung, im Plural gleichfalls Dingerjes. In den gemeinen Mundarten werden die Mitesser an den Kindern auch die bösen Dinger genannt. An andern Orten heißt der Wurm am Finger das böse, und die Rose das heilige Ding. In eben diesem Verstande gebraucht man das Wort Ding im gemeinen Leben und in der vertraulichen Sprechart auch von Personen, und vornehmlich von jungen Personen des andern Geschlechtes, da es denn im Plural gleichfalls Dinger hat. Es ist ein artiges, ein leichtfertiges Ding.
   Das kleine lose Ding hat Lust mich noch zu schrauben. Hören sie doch, was ihre Minna für ein eingebildetes albernes Ding war, Less. Je nun, meine Tochter ist kein uneben Ding, Weiße. Wenn alle Mädchen so sind, wie ich mich jetzt fühle so sind wir sonderbare Dinger, Less. Ein leichtsinniger Bube, der ein halb Schock arme junge Dinger verführet hat, Weiße. Wenns aufs Heirathen ankommt, wollt ihr

[Bd. 1, Sp. 1499]


Dinger immer klüger seyn, als eure Großväter, ebend. Zuweilen auch von Personen männlichen Geschlechtes. Wir haben über unsere Anbether gezankt, ich will die Dinger immer so nennen, Less. Freylich schleicht sich in diese Benennung etwas von Verachtung mit ein; aber in Preußen und einigen Niedersächsischen Gegenden ist sie der herrschende Begriff, denn da gebraucht man das Wort Ding nur von berüchtigten Weibespersonen. Hierher gehöret auch der Oberdeutsche Gebrauch dieses Wortes, eine Person zu bezeichnen, die man nicht zu nennen weiß, und alsdann gebraucht man es so wohl im männlichen, als weiblichen Geschlechte. Wie heißt der Ding? der Mann. Wo wohnet doch die Ding von der wir gestern sprachen? Etwas Ähnliches hat auch die Schwedische Sprache, wo das Wort Ting auch zuweilen im männlichen Geschlechte gebraucht wird.
   5. In noch weiterer Bedeutung, alles was wirklich vorhanden ist, ohne es als Individua zu betrachten, in welcher Bedeutung besonders der Plural die Dinge üblich ist. Gott ist der Schöpfer aller Dinge. Das Ende aller Dinge.
   6. In der weitesten Bedeutung, alles wovon man einen Begriff haben kann, es sey nun wirklich oder nur bloß möglich, es sey nun eine Substanz, oder nur eine Eigenschaft, eine Beschaffenheit derselben, in welchem Verstande es im Plural gleichfalls Dinge hat, und nicht nur bey den Philosophen üblich ist, das Lat. Ens auszudrucken, sondern auch im gemeinen Leben häufig ist. Er gehet mit großen Dingen schwanger, macht große Entwürfe. Vor allen Dingen. Aller guten Dinge sind drey. Das gehet nicht mit rechten Dingen zu. Besonders in den vertraulichen Sprecharten. Das Ding, die Sache, der Vorschlag u. s. f. gefällt mir. Laß mir das Ding bleiben. Wie gehet das Ding zu? Das Ding siehet sehr bunt aus, die Sache sieht verwirrt aus. Das Ding begreife ich nicht. Ich weiß das Ding lange, die Sache. Ich habe das Ding lange gemerkt. Darüber ward er empfindlich und sagte mir die unverschämtesten Dinge, Gell. Ich habe dem Dinge reiflich nachgedacht. Machen sie dem Dinge ein Ende, wenn wir Freunde bleiben sollen, ebend. In der anständigern Schreibart bedienet man sich in den meisten dieser Fälle lieber des Wortes Sache. Hierher gehören.
   7. Auch verschiedene adverbische Redensarten, in welchen diese allgemeine Bedeutung des Wortes Ding zum Grunde lieget. Guter Dinge seyn, aufgeräumt, sorgenlos sehn; welcher Ausdruck doch im Hochdeutschen wenig mehr vorkommt. Die Oberdeutsche Mundart ist vorzüglich reich an solchen adverbischen Ausdrücken. Platter Dingen, platterdings; schlechter Dingen, schlechterdings; befindenden Dingen nach, nach Befinden der Umstände; daß er sich in Ansehung der Miethe billiger Dinge bequeme; bewandten Dingen nach; neuer Dingen, für neulich; gestallten Dingen nach; unmöglichen Dingen, unmöglich; allthunlicher Dingen nach; keiner Dingen, keinesweges; befugter Dingen, mit Recht; wiederhohlter Dingen, nochmahls; er wollte es nicht so leichter Dingen fahren lassen, und hundert andere Ausdrücke mehr, die den Hochdeutschen unbekannt sind.
   Anm. 1. Obgleich das Wort Ding in den meisten Fällen, besonders aber in der weitesten Bedeutung, nur den gemeinen Sprecharten eigen ist, so lässet es sich doch auch in diesen nicht überall gebrauchen, wo man es wohl ehedem gebrauchen konnte. Ich thue ein Ding in Israel, daß wer das hören wird, u. s. f. 1 Sam. 3, 11. Denn es nutzet nicht weil es ein eitel Ding ist, Kap. 12, 21. Wo Neid und Zank ist, da ist Unordnung und eitel bös Ding, Jac. 3, 16 u. s. f. sind noch Überbleibsel der

[Bd. 1, Sp. 1500]


Oberdeutschen Mundart, in welcher dieses Wort häufiger gebraucht wird, als in der Hochdeutschen.
   Anm. 2. Wachter leitet dieses Wort von thun her; eine Ableitung, die viele Wahrscheinlichkeit hat, aber freylich nur noch eine Muthmaßung ist, und worauf sich die gleichfalls nur muthmaßliche erste Bedeutung eines Werkzeuges gründet. Aber es wird überhaupt schwer fallen, von dem Ursprunge dieses so alten Wortes etwas mehr als Muthmaßungen anzugeben. Eben um deßwillen ist es auch unbekannt, ob Ding, so fern es ein Gespräch und Gericht bedeutet, von Ding, eine Sache verschieden ist, oder ob solches nur verschiedene Bedeutungen eines und eben desselben Wortes sind. So weit wir diese beyden Wörter heut zu Tage kennen, lassen sich ihre Bedeutungen ohne Gewaltthätigkeit nicht wohl mit einander vereinigen. Aber es ist möglich, daß verschiedene Bedeutungen verloren gegangen sind, die die Sprossen einer Leiter ausgemacht haben, von welcher uns jetzt nur noch die zwey äußersten Enden übrig sind. In einigen Gegenden, z. B. der Pfalz, hat dieses Wort, auch wenn es nicht bloß ein Individuum bedeutet, im Plural die Dinger. Als es der Natur der Dinger (der Dinge) eben kommt, d. i. gemäß ist, heißt es auch in dem 1483 zu Augsburg gedruckten Buche der Natur. Als Wolf die Philosophie von den unnützen Grillen der Scholastiker säuberte, und sich dadurch dem Spotte der Thoren aussetzte, nannte Gottfried Zeidler die Ontologie aus Verachtung die Dingerlehre, womit er auf eine schmutzige Bedeutung des Wortes Ding unter dem Pöbel anspielete. Zu verwundern ist es daher, wie ein gewisser Schriftsteller noch vor wenig Jahren die Ontologie in allem Ernste mit diesem längst vergessenen niedrigen Nahmen belegen können.

 

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