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Dichte bis Dichtkunst (Bd. 1, Sp. 1475 bis 1478)
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Artikelverweis Die Dichte, plur. inus. ein wenig gebräuchliches Hauptwort, die dichte Beschaffenheit eines Körpers, oder den genauen Zusammenhang seiner Theile zu bezeichnen. Die Dichtheit hat mehr Analogie für sich, Dichtigkeit aber ist niedrig.
 
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1. Dichten, verb. reg. act. im gemeinen Leben, dicht machen. Ein Faß dichten, die Ritzen in demselben verstopfen, oder auch die Dauben näher an einander treiben.
 
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2. Dichten, verb. reg. neutr. welches mit dem Hülfsworte hahen abgewandelt wird, aber in einigen Fällen auch als ein Activum üblich ist. Es bedeutet,
   1.* Nachdenken, im Nachdenken vergriffen seyn, welche Bedeutung aber im Hochdeutschen völlig veraltet ist, obgleich noch Schlegel sagt: Gewiß er dichtet hier auf etwas Böses. Das Tichten und Trachten des menschlichen Herzens, 1 Mos. 6, 5. Rufet laut, denn er ist ein Gott, er dichtet, oder hat zu schaffen, 1 Kön. 18, 27. Das Herz des Gerechten dichtet, was zu antworten ist, Sprichw. 15, 18.
   Unfallo auf mer schalkheit dicht,
   Theuerd Kap. 34.
   Denn er stets auf mein schaden dicht,
   Kap. 69.
   Jedoch vergeß ich nimmer den Gebrauch,
   Daß ich bey mir auf deine Satzung tichte,
   Opitz.
   Die so Tag als Nacht auf krumme Ränke dichten,
   Günth. In gleicher Bedeutung kommt schon bey dem Ottfried ih dihton für meditor, und thes tihtonnes für meditationis vor. Im Schwedischen ist dickta gleichfalls nachdenken.
   2. * Nachdenken, ein Verlangen zu befriedigen, auf Mittel und Wege denken, eine Absicht zu erreichen, welche Bedeutung im Hochdeutschen gleichfalls veraltet ist. Ihr Tichten wider mich täglich, Klagel. 3, 62.
   Deins Herzen Dichten ward nichts guts,
   Hans Sachs.
   Segne meiner Sinnen Tichten,
   Gryph.
   Lenk wie du willst mein Dichten und Beginnen,
   Can.
   Entfernt man sich von dem, dem man zu schaden dichtet?
   Schleg. Auch im Böhmischen bedeutet Duchtenj das Verlangen, duchteti verlangen, und dychteti streben, welches aber wohl zunächst

[Bd. 1, Sp. 1477]


von dem Slavon. Duch, der Athem, der Geist, und dychati, athemen, herkommt.
   3. * Erdichten, in der Einbildungskraft zusammen setzen, was man nicht also empfunden hat; eine Bedeutung, welche im Hochdeutschen gleichfalls nicht mehr üblich ist. Lügen dichten.
   Wer mag wohl dem von uns was dichte..,
   Der Herz und Nieren prüfen kann!
   Günth. In engerem Verstande bedeutet es bey den neuern Philosophen zuweilen die Theile eines vorher in Gedanken zergliederten Dinges willkührlich wieder zusammen setzen. Das Schwed. dickta hat diese Bedeutung gleichfalls.
   4. Hervor bringen, von verschiedenen Handlungen, welche mit Nachdenken verbunden sind. 1) * Überhaupt hervor bringen, verfertigen. In dieser Bedeutung kommt dihtan, im Angels. tihten bey dem Stryker, und dight noch jetzt im Englischen für zubereiten vor. Daß das Buch ein ander Geticht sey, daß es verändert sey, im Buche Belial von 1472. Was Fleisch und Blut dichtet, das ist ja bös Ding, Sir. 17, 30. 2) * Vermittelst der Sprache hervor bringen. Eure Zunge dichtet Unrechtes, Es. 59, 3. 3) * Schreiben. Themo dihton ih thiz Buach, dem schreibe ich dieß Buch, Ottfr. Um das Jahr 1369 kommt Ticht von der Schreibart vor. 4) * Beschreiben.
   Ob ich euch wolt berichten
   Und vollikleich tichten
   Des Tempels Form und Geschaft, ein alter ungenannter handschriftlicher Dichter bey dem Pez im Glossario. Alle diese Bedeutungen sind im Hochdeutschen gleichfalls fremd, in welcher Mundart dichten nur noch, 5) von der Verfertigung eines Gedichtes oder einer vollkommen lebhaften Rede vorkommt. Singet, spielet und dichtet ihm von allen seinen Wundern, 1 Chron. 17, 9. Ein fein Lied dichten, Ps. 45, 2. In dieser Bedeutung kommt tichten schon um das Jahr 1240, ingleichen bey dem Hornegk vor. Das mittlere Latein. dictare, eine Schrift, einen Brief, ein Gedicht verfertigen, Dictamen, ein Gedicht, und Dictator, ein Dichter, scheinen aus dem Deutschen gebildet zu seyn. Obgleich nach unsern heutigen Begriffen von der Dichtkunst und einem Gedichte, das Wesen desselben in der Erdichtung, oder vielmehr in dem höchsten Grade der Lebhaftigkeit bestehet, so haben doch die Alten, da sie diese Beschäftigung dichten nannten, darauf wohl nicht gesehen, sondern sich mehr nach dem Griech. und Latein. Poeta, Poema gerichtet, welche vonποιειν, machen, hervor bringen, herkommen; zumahl da aus dem vorigen erhellet, daß dichten, von mehrern Arbeiten des Geistes gebraucht wird. S. Adelung Dichter und Dichtung.
   Anm. Dichten gehöret ohne Zweifel zu dachten, oder dachen, welches noch in däuchten, und in einigen Temporibus des Zeitwortes denken übrig ist. In unsern alten Denkmählern finden sich noch einige ähnliche Verba, welche gleichfalls hierher zu gehören scheinen. Dergleichen sind, dichan, digan und thigan, bitten, bey dem Kero, Ottfried und in den Monseeischen Glossen; diccan, anbethen, in den letztern; thiggen, geloben, wünschen, Githig, Verlangen, Wunsch, bey dem Ottfried, (S. Adelung Geitz) und andere mehr. Ja das Latein. dicere, scheinet aus eben der Quelle herzustammen, zumahl da dihtan im Angels. auch für dictiren, in die Feder sagen, vorkommt. Im Oberdeutschen lautet dieses Zeitwort tichten, welche Schreibart sich auch in einigen Stellen der Deutschen Bibel eingeschlichen hat, vermuthlich weil Luther und seine Gehülfen es in ältern Oberdeutschen Übersetzungen so geschrieben fanden.
 
Artikelverweis Der
Dichter, des -s, plur. ut nom. sing. Fämin. die Dichterinn, plur. die -en, eine Person, welche die Fertigkeit besitzet, ein Gedicht zu machen; für das verächtlich gewordene Poet. In dieser Bedeutung

[Bd. 1, Sp. 1478]


findet sich das Wort schon seit den Zeiten des Hans Sachs. Und war weiser, denn alle Menschen, auch weiser denn die Tichter, 1 Kön. 4, 31. Opitz gebraucht dieses Wort gleichfalls, obgleich noch selten, für einen Poeten, Logau aber als eine Zweydeutigkeit, und im Gegensatze eines Poeten:
   Doch pflegen insgemein,
   Wo viel Poeten sind, viel Dichter auch zu seyn. Anm. Dieses Wort ist ohne Zweifel nach dem Muster des Griech.ποιτς gebildet, welches von ποιειν, machen, hervor bringen, erfinden, abstammet. Die meisten Völker haben ihre Dichter auf ähnliche Art benannt. Unter den ersten Fränkischen Königen hießen sie in Frankreich Fatisten, von faire. Nachmahls ward in der Provence der Nahme Troubadours üblich, von trouver, finden, erfinden.
 
Artikelverweis * Die
Dichterēy, plur. die -en, ein im Hochdeutschen veraltetes Wort, welches bey den Schlesischen Dichtern des vorigen Jahrhundertes so wohl von der Fertigkeit Gedichte zu machen, als auch von einem Gedichte selbst, vorkommt. Einige Neuere haben es wieder einzuführen gesucht, obgleich, wie es scheinet, mit schlechtem Glücke.
   Und aller Dichterey auf ewig abzusagen,
   Can.
   Der Beyfall seiner Zeit und nicht die Dichterey
   Legt dem, der es verdient, das Lob der Nachwelt bey,
   Bernh.
   Drum send ich dir die Zeilen
   Die meine Dichterey zu deiner Lust entwarf,
   Haged.
   Daß meine Dichterey dem Reim noch dienstbar ist,
   Haged. S. Adelung Dichtung und Dichtkunst.
 
Artikelverweis Die
Dichterglut, plur. car. in der poetischen Schreibart, die Begeisterung.
   Umsonst, daß Dichterglut in einem Sinne brennet,
   Der nicht des Staatsmanns Welt, die Welt des Weisen kennet,
   Kästn.
 
Artikelverweis 
Dichterisch, adj. et adv. welches in den neuern Zeiten für poetisch eingeführet worden. Die dichterische Schreibart. Ein dichterisches Genie, Dusch. In dichterischen Stunden, Haged. die der Muse günstig sind, wo man zur Poesie aufgelegt ist.
   Mich nennt der durstige Hircan
   Recht dichterisch den Dichterschwan,
   Haged.
    Drauf wandelt er fort im dichtrischen Tiefsinn,
   Zachar.
   Mich rufet der Nachtigall Lied nicht mehr in den dichtrischen Hain,
   Cron.
 
Artikelverweis Der
Dichterling, des -es, plur. die -e, ein schlechter, niedriger Dichter, im verächtlichen Verstande. Der gemeine Haufe der Dichterlinge. S. Adelung Ling.
 
Artikelverweis Die
Dichtheit, S. Adelung Dichte.
 
Artikelverweis Die
Dichtigkeit, S. Adelung Dichte.
 
Artikelverweis Die
Dichtkunst, plur. car. 1. In der weitesten Bedeutung, die Kunst zu dichten, d. i. die Kunst, die Theile eines vorher in Gedanken zergliederten Dinges willkührlich wieder zusammen zu setzen; in welchem Verstande die Dichtkunst alle schönen und bildenden Künste unter sich begreift. 2. In engerer und gewöhnlicherer Bedeutung. 1) Die Fertigkeit ein Gedicht zu verfertigen, d. i. seinen Gedanken den höchsten Grad der Lebhaftigkeit zu geben; die Poesie, in dem vorigen Jahrhunderte die Dichterey, die Poeterey, bey den Neuern auch die Dichtung. 2) Der Inbegriff aller Regeln, die dabey zu beobachten sind, und deren Vortrag; die Poetik, bey dem Opitz gleichfalls die Poeterey, die Dichterey.

[Bd. 1, Sp. 1479]


 

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