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Destilliren bis Deuten (Bd. 1, Sp. 1468 bis 1470)
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Artikelverweis  Destilliren, verb. reg. act. ein aus dem Latein. destillare gebildetes Wort, die flüssigen und flüchtigen Theile eines Körpers in verschlossenen Gefäßen vermittelst der Wärme absondern; da sich denn dieses Wort so wohl auf denjenigen Körper beziehet, von welchem die Absonderung geschiehet, Kräuter, Essig, Weingeist, Schwefel, Salpeter u. s. f. destilliren, als auch auf denjenigen, der dadurch abgesondert wird, Branntwein, gebrannte Wasser, Weingeist u. s. f. destilliren. Daher die Destillatiōn, der Destillir-Helm, der Destillir-Kolben, der Destillir- Ofen u. s. f.
 
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Desto, ein Nebenwort, welches allezeit den Comparativen beygesellet wird, und alsdann ihre Bedeutung nach Maßgebung eines vorher gehenden zuweilen auch nachfolgenden Subjectes erhöhet. Ich habe es nicht gewußt, daß sie zugegen waren, desto aufrichtiger ist mein Bekenntniß. Wenn er siehet, daß du ohne

[Bd. 1, Sp. 1469]


Eigennutz handelst, so wird er dich desto zärtlicher lieben. Gib es mir her, damit ich es desto besser betrachten könne.
   Das um ist bey diesem Nebenworte unnöthig, und thut eine unangenehme Wirkung. Ich melde dieses um desto lieber, Gottsch. Dieses ist um desto gewisser, ebend. Das ist schön, daß er nicht schwört; um desto mehr kannst du auf sein Wort bauen, Gell.
   Oft beziehet sich das desto auch auf ein vorher gehendes je, welches vermöge der Inversion auch auf dasselbe folgen kann. Je mehr sie sieht, daß meine Absichten ernstlich sind, desto mehr empfinden wir ihre Vergänglichkeit. Je mehr ich ihr von der Liebe vorsage, desto unempfindlicher wird sie, Gell. Je mehr sich die höchste Gewalt der Tyranney nähert, desto mehr schwächt sie sich selbst, und macht sich von ihren Stützen abhängig. Du mußt dir diese Sache desto mehr angelegen seyn lassen, je mehr sie deine Glückseligkeit befördert. Besonders gebraucht man dieses je dēsto, wenn sich zwey Comparative auf einander beziehen, deren jeder sein eigenes Verbum hat, wie aus den obigen Beyspielen erhellet. Haben beyde Comparative nur Ein gemeinschaftliches Verbum, so kann je auch zwey Mahl stehen. Es wird je länger, je schlimmer. Das Toben deiner Widerwärtigen wird je länger, je größer, Ps. 74, 23. Mit den bösen Menschen aber wirds je länger, je ärger, 2 Tim. 3, 13. Welches auch Statt findet, wenn das Verbum gar verschwiegen wird. Je ärger Schelm, je besser Glück. Ja zuweilen auch, wenn gleich jeder Comparativ sein eigenes Verbum hat. Je mehr ihrer wird, je mehr sie wider mich sündigen, Hof. 4, 7. Je höher du bist, je mehr dich demüthige, Sir. 3, 20. Welches sich allenfalls entschuldigen lässet, wenn die Comparative nahe auf einander folgen.
   Aber fehlerhaft ist es, das desto zu verdoppeln. Desto größere Noth, desto nähere Hülfe. Ingleichen wenn entweder das je, oder auch das desto durch um so viel ersetzet wird, welches im Oberdeutschen nicht selten ist. Ich liebe ihn desto zärtlicher, um so viel mehr Ursache er mir dazu gegeben hat; oder ich liebe ihn um so viel zärtlicher, je mehr u. s. f.
   Anm. Die erste Hälfte dieses Wortes ist wiederum das verkürzte Pronomen der, für dessen. Man findet diesen Genitiv deß auch nur allein für desto
   So mügt er sy schawen deß baß,
   Theuerd. Kap. 39. Auch im Dän. Schwed. und Isländ. stehet des, thes, tha, thess, für desto, obgleich die beyden ersten Sprachen auch desto und thesto, die Isländische aber thess at haben. Gemeiniglich glaubt man, daß to hier das Niedersächsische to, zu, ist; allein die Sache ist so ausgemacht noch nicht. Bey dem Ottfried lautet desto thes thiu, thes thiu mer, thes thiu baz, für desto mehr, desto besser, bey dem Notker desse, bey dem Willeram des de, in dem alten Gedichte auf den heil. Anno desti. Die Alten gebrauchten das Fämin. des Pronominis die, oder vielmehr den Nominat. Plur. oft absolute, wie wir das Neutrum das gebrauchen. Ja bey dem Ottfried ist sogar thiu baz so viel als desto besser. In den gemeinen Mundarten lautet dieses Nebenwort dester. Diejenigen, welche destomehr und destoweniger als Ein Wort schreiben wollen, irren eben so sehr, als wenn man destogrößer, destobehuthsamer u. s. f. schreiben wollte.
 
Artikelverweis 
Deswêgen, richtiger Deßwêgen, eine Partikel, welche aus dessen wegen, oder wegen dessen zusammen gezogen ist, und theils als ein Nebenwort gebraucht wird, für um dieser Ursache wegen. Ich bitte sie recht sehr, lassen sie deßwegen nichts von ihrer Hochachtung gegen mich fallen, Gell. Ingleichen für damit, dadurch. Ich habe es ihnen zwar geheißen, aber habe ich

[Bd. 1, Sp. 1470]


ihnen deßwegen befohlen, daß u. s. f. Theils als eine Conjunction, eine Ursache anzudeuten.
   Wie? hab ich denn deßwegen nur Verstand,
   Um ihn zur Marter zu verschließen?
   Gell. Habe ich es dir deßwegen gegeben, daß du mir damit schaden sollst?
   Anm. Deß ist hier das Pronomen dessen, daher die Schreibart deßwegen die richtigere ist. Das Oberdeutsche derowegen ist auf ähnliche Art aus dem Genit. Plur. dero zusammen gesetzet, und wird auch gebraucht, eine Folge, einen Schluß aus dem Vorigen zu begleiten, für daher. Derowegen wollen wir u. s. f. Einige Hochdeutsche, welchen das Oberdeutsche dero in dieser Zusammensetzung anstößig war, haben derwegen einführen wollen; allein man kann sie beyde füglich entbehren.
 
Artikelverweis 
Deswillen, richtiger Deßwillen, eine beziehende Partikel, welche nur mit dem Vorworte um gebraucht wird. Um deßwillen, um dessen Willen, deßwegen. Ich habe dich um deßwillen gestraft, damit du dich bessern möchtest.
 
Artikelverweis Die
Deube, plur. die -n, ein veraltetes Wort, einen Diebstahl anzudeuten, welches nur noch in der Gerichtssprache der Hochdeutschen gebraucht wird. Eine Deube begehen. Sich verschiedener Deuben verdächtig machen. Diufa kommt in dieser Bedeutung schon bey dem Kero und Duve in der ältern Niedersächsischen Mundart vor. S. Adelung Dieb und Diebstahl.
 
Artikelverweis 
Deuchten, S. Adelung Däuchten.
 
Artikelverweis Das
Deul, in den Eisenhämmern, S. Adelung Theil.
 
Artikelverweis Der
Deut, des -es, plur. die -e, eine Holländische und Niedersächsische Scheidemünze, deren acht auf einen Stüber, 400 aber auf einen Thaler Banco geben; Holländ. Duyt. In Niedersachsen wird dieses Wort auch, wie Häller oder Pfennig im Hochdeutschen, von einer Kleinigkeit gebraucht. Ich bin ihm nicht einen Deut schuldig, nicht das geringste. S. Adelung Dütchen.
 
Artikelverweis Die
Deute, S. Adelung Düte.
 
Artikelverweis 
Deuteln, verb. reg. act. auf eine kindische und gezwungene Art deuten oder auslegen. Daher der Deutler, des -s, plur. ut nom. sing. ein kindischer, gezwungener Ausleger; die Deuteley, plur. die -en, eine kindische, abgeschmackte Auslegung. S. Adelung Deuten und -eln.
 
Artikelverweis 
Deuten, verb. reg. welches in doppelter Gattung üblich ist. I. Als ein Activum. 1. Eigentlich, zeigen, weisen. Mit den Fingern auf jemanden deuten, auf ihn zeigen. Daß man mit Fingern auf sie deut, Hans Sachs. In dieser im Hochdeutschen seltenen Bedeutung ist es noch im Oberdeutschen gang und gebe. 2. In weiterer Bedeutung, ein Zeichen geben. Mit den Augen deuten, d. i. winken. Mit der Hand zu schweigen deuten. Winket mit Augen, deutet mit Füßen, zeiget mit Fingern, Sprichw. 6, 13. Wer mit den Augen winket, denket nichts Gutes, und wer mit den Lippen deutet, vollbringet Böses, Kap. 16, 30. Auch diese Bedeutung ist nur noch im Oberdeutschen üblich. 3. Figürlich. 1) Anzeigen, zu erkennen geben. Das sagte er aber, zu deuten, welches Todes er sterben würde, Joh. 12, 33. Damit der heilige Geist deutet, daß u. s. f. Ebr. 9, 8. Und er stand auf, und deutete durch den Geist eine große Theutung, Apostelg. 11, 28. Dieser Gebrauch gehöret im Hochdeutschen gleichfalls unter die veralteten. 2) Auslegen, erklären. Einen Traum deuten. Etwas übel, zum Besten deuten. Alles zum Ärgsten deuten. Man hat ihm das für einen Hochmuth, oder als einen Hochmuth gedeutet. Eine Sache auf etwas deuten, sie davon erklären, als eine Vorbedeutung von derselben ansehen. Der viel Sprachen deuten

[Bd. 1, Sp. 1471]


kann, Opitz. Daher die Deutung, die Auslegung, die Erklärung.
   II. Als ein Neutrum, mit dem Hülfsworte haben. 1. * Gerichtet seyn; im Oberdeutschen. Der Schweif des Kometen deutet gegen Osten, oder nach Osten. 2. Figürlich, ein Zeichen, ein Vorbild von einer Sache seyn; gleichfalls nur im Oberdeutschen. Im alten Testamente deutete vieles auf Christum. Was rund ist, deutet auf die Vollkommenheit, Gryph. S. Adelung Bedeuten.
   Anm. In der letzten Bedeutung kommt diudan für bedeuten schon in dem alten Gedichte auf den heil. Anno vor. Für auslegen aber gebraucht bereits Notker diuten. Weil die Oberdeutsche Bedeutung des Zeigens, Weisens, fast allen unsern und fremden Wortforschern unbekannt gewesen ist, so haben sie auch in Ableitung dieses Wortes fast insgesammt den rechten Weg verfehlet. Die Bedeutung, eines körperlichen Zeigens, dergleichen das Zeigen mit dem Finger ist, ist vermuthlich die erste und älteste Bedeutung dieses Wortes, welche auch das Ital. additare, und das veraltete Französ. addicter, haben, wenn man diese nicht lieber von digitus, ein Finger, herleiten will. Alsdann könnte man es füglich von stoßen, Nieders. stöten, herleiten, welches nicht zu allen Zeiten mit dem Zischlaute ausgesprochen werden, da doch das Zeigen mit dem Finger eine Art des Stoßes ist. Allein es ist glaublicher, daß deuten das Intensivum von einem veralteten Verbo tihen ist, von welchem unser zeihen, zeigen, zeichen abstammen, welches noch in dem Isländischen tia, bedeuten, vorhanden ist, und schon bey dem Ulphilas gateihan, in eben dieser Bedeutung lautet. S. Adelung Zeihen, Zeigen und Zeichen. Das Angels. Getheode und das Fränkische Gethiuti wurden auch von der Sprache gebraucht, weil doch diese ein Zeichen der Gedanken ist. Das Veraltete Deut, Thiot, Volk, S. Deutsch, scheinet mit diesem Worte eben so wenig Verwandtschaft zu haben, als das Nieders. düten oder tüten, auf einem Horne blasen, welches letztere eine bloße Nachahmung des Schalles ist. Übrigens gehet das Zeitwort deuten im Oberdeutschen irregulär; Imperf. ich ditte, Mittelwort geditten, für gedeutet. Im Schwed. und Isländ. bedeutet tyda und thyda so wohl bedeuten, als auslegen.

 

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