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Derhalben bis Derselbe (Bd. 1, Sp. 1464 bis 1466)
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Artikelverweis  Derhalben, eine Conjunction, welche einen Schluß, eine Folge aus dem Vorhergehenden, eine Ursache aus dem Vorigen andeutet, und aus dem verkürzten Demonstrativo der, und dem Hauptworte Halbe zusammen gesetzet ist, für derer halben, daher. Das Gesetz richtet nur Zorn an derhalben muß die Gerechtigkeit durch den Glauben kommen. Röm. 4, 15, 16. Dérohalben müsset ihr auch Schoß geben, Kap. 13, 6. Denn euer Gehorsam ist unter jedermann auskommen; derhalben freue ich mich über euch, Kap. 16, 19. Wenn es, wie hier, zu Anfange eines Satzes stehet, so wirft es den Nominativ hinter das Zeitwort. Aber es kann auch noch einem oder mehrern Worten stehen. Lasset uns derhalben brüderlich gegen einander gesinnet seyn. Indessen fänget diese Conjunction in der anständigern Schreibart an zu veralten. Die Oberdeutsche Form derohalben ist noch ungewöhnlicher. S. Adelung Deshalb und Halbe.
 
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Derjenige, diejenige, dasjenige, pronom. demonstrativo-relativum, welches auf folgende Art decliniret wird. Dieses Pronomen zeiget einen gewissen Gegenstand an, von welchem in dem Prädicate etwas gesaget wird; daher es nicht nur die Relativa, welcher, der, oder so nach sich hat, sondern sich auch gewisser Maßen auf selbige beziehet. Derjenige Mensch, von welchem ich dir gesagt habe. Diejenige Tugend ist groß, welche auch in Widerwärtigkeiten die Probe hält. Du mußt einer von denjenigen werden, welche sich durch Verdienste hervorthun. Ich verzeihe es denjenigen, welche Schuld daran sind. Es kann auch zuweilen mit dem Genitive des Hauptwortes verbunden werden. Diejenigen seiner alten Soldaten, welche u. s. f. Zuweilen wird statt dessen auch das Vorwort unter gebraucht. Diejenigen unter seinen alten Soldaten, welche u. s. f. Ein Gallicismus, welcher zuweilen mit diesem Worte begangen wird, ist bereits bey dem ersten Demonstrativo-Relativo

[Bd. 1, Sp. 1465]


der angezeiget worden. Mit derjenige ist dieser Gallicismus desto wĭderwärtiger, da dieses Pronomen alle Mahl ein Relativum nach sich haben muß.
   Anm. Die letzte Hälfte dieses Wortes ist das veraltete Beywort jenig, jemand, einer der Zahl nach, welches von jener abstammet, und noch zuweilen im Niedersächsischen gehöret wird. Für jenig war ehedem auch nur jene üblich. Im 14ten Jahrhunderte lautete das Pronomen der jenige, in Niedersachsen der ghenne, im 16ten Jahrhunderte in Obersachsen deryene, und noch Opitz sagt mehrmahls der jene und derjene. Der ist in dieser Zusammensetzung das Demonstrativo-Relativum der nach der verkürzten Declination, welche hier um so viel nothwendiger ist, da jenig die Stelle eines Hauptwortes vertritt, die Hauptwörter aber alle Mahl das verkürzte Fürwort bey sich haben. Die Oberdeutsche Declination im Genit. und Dat. Plur. dererjenigen und denenjenigen ist also im Hochdeutschen wirklich ein Fehler. Ein gewisser Sprachlehrer räth, einen Unterschied unter dem demonstrativen und relativen derjenige zu machen, und das erste verkürzt, das letzte aber verlängert zu decliniren. Allein er hätte erst beweisen sollen, daß dieses Pronomen jemahls bloß relative gebraucht werde. Im Oberdeutschen ist für derjenige auch nur bloß jener, und für alles dasjenige nur all jenes üblich. Wir aber zu diesem Zwecke jenes, was hierbey nützlich ist, veranstalten wollen. Ihm in all jenem, was er vorbringen wird, Glauben beyzumessen.
 
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Derley, S. Adelung Dergleichen Anm.
 
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Dermahleīnst, ein Nebenwort der Zeit, für dereinst, künftig. Es scheinet, daß es von dem folgenden dermahlen und einst zusammen gesetzet worden. Ungeachtet nun jenes im Hochdeutschen wenig gehöret wird, so ist doch dieses besonders in der höhern Schreibart nicht selten. In der Deutschen Bibel lautet es unrichtig dermaleins; S. Adelung Einst.
 
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Dermahlen, ein Nebenwort der Zeit, für dieß Mahl, jetzt, oder gegenwärtig, welches im Hochdeutschen veraltet ist, und nur noch von den Kanzelleyen im Andenken erhalten wird. Ein gleiches gilt von dem davon gemachten Neben- und Beyworte.
 
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Dermahlig, für jetzig. Die dermahlige Witterung.
 
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Dermaßen, ein vergleichendes Nebenwort, für in der Maße, oder in dem Maße. Es hat mir dermaßen gefallen, daß ich mich daran nicht satt sehen konnte. Er wurde dermaßen zugerichtet, daß er gleich darauf starb. So ihr leidet mit Geduld, dermaßen, wie wir leiden, 1 Cor. 1, 6. In dem Theuerdank lautet dieses Nebenwort dermaß, und mit solcher Maß. Aus der Maßen wird auch im gemeinen Leben für außerordentlich, ungewöhnlich gebraucht. Aus der Maßen schön, kalt u. s. f. In eben diesem Verstande sagt schon der Verfasser des Theuerdankes: ein Leo aus dermaßen groß. Und Kap. 80. Schalt sein Knecht aus dermaß übel. Aus dermaßen schön, Ezech. 28, 12.
 
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Dero, ein Beziehungswort, welches die heutige höfliche Welt statt aller Endungen des Possessivi Ihr und Ihre, so wohl in der einfachen als mehrern Zahl von vornehmen Personen allerley Geschlechtes gebraucht. Ich bin Dero Diener. Ich habe Dero Meinung vernommen. Se. Majestät haben Dero Minister befohlen u. s. f.
   Anm. Dero ist eigentlich der Genitiv des beziehenden Pronominus Der, welcher nach dessen alten Abänderung einsylbig gemacht wurde. Das o wurde sehr oft an das r angehängt, welches auch in dahero, nunmehro u. s. f. geschehen ist. Ungeachtet nun so wohl der Artikel als auch das Pronomen diesen nichts bedeutenden Anhang im Hochdeutschen längst verloren haben: so hat man doch das Dero noch als ein Ehrenwort beybehalten,

[Bd. 1, Sp. 1466]


daher es auch jederzeit mit einem großen D geschrieben wird. S. 2. Der.
 
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Derohalben, S. Adelung Derhalben.
 
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Derowegen, S. Adelung Deswegen.
 
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Derselbe, dieselbe, dasselbe, pronom. demonstrativo-relat. welches auf folgende Art decliniret wird. Dieses Wort beziehet sich,
   1. Auf einen Nachsatz, welcher ein Relativum an seiner Spitze hat, und alsdann ist die demonstrative Bedeutung die herrschende. Haben sie denselben Mann nicht wieder gesehen, welchen wir gestern sahen? Aber dieser Gebrauch, da derselbe für derjenige gesetzt wird, thut im Hochdeutschen eben nicht die beste Wirkung. Richtiger gebraucht man es mit es in Verbindung mit dem Nebenworte eben. Es ist eben derselbe Mann, welchen wir gestern sahen. Er ist noch eben derselbe, der er sonst war. Oft wird auch der Nachsatz weggelassen, und alsdann dienet eben derselbe gleichfalls die Unveränderlichkeit des natürlichen Zustandes einer Sache, ingleichen ihre Identität auszudrucken. Er ist immer eben derselbe, er ist sich immer selbst gleich. Hat es vor diesem Menschen gegeben, so kann es auch wohl eben dieselben Fehler gegeben haben, nehmlich, welche jetzt unter ihnen angetroffen werden. Unartig ist es, das und zwischen eben und dem Pronomen einzuschalten, eben und dieselben Fehler; so wie es das Gehör beleidiget, wenn eben weggelassen wird. Die Tage sind verschwistert, alle gleich,
   Nicht ganz dieselben,
   Schleg. Im Oberdeutschen sind in diesem Verstande auch der gleiche, der eigene, und der nehmliche üblich. Den eigenen Tag, denselben. Wenn wir nur auch des nehmlichen versichert seyn können. Auf eine subtilere Art, die doch immer die nehmliche ist.
   Sie sieht im gleichen Augenblick
   Nach mir sich um,
   Wiel. Wenn ich beständig der gleiche bin, d. i. eben derselbe.
   2. Oder es beziehet sich auf ein vorher gegangenes Hauptwort, oder auf einen vorher gegangenen Satz, in welchem Falle es mehr relativ, als demonstrativ ist. Das ist ein schönes Haus; wer ist der Besitzer desselben, oder wer ist desselben Besitzer? in welcher letztern Wortfügung es bloß relativ ist, und für das Relativum der stehet. Das Unglück ist groß; ich würde vielleicht nicht Muth genug haben, dasselbe zu ertragen. Wer sich seinem Vaterlande widmet, muß dasselbe für unvermögend halten, ihn zu bezahlen, denn was er für dasselbe wagt, ist unschätzbar.
   Zuweilen wird dieses Pronomen auch für die Possessiva der dritten Person gebraucht, wo aber ein gutes Gehör entscheiden muß, in welchem Falle solches erlaubt ist oder nicht. Die Sprachen sind älter als die Regeln derselben, klingt unangenehmer, als die Sprachen sind älter als ihre Regeln. Im folgenden Satze hingegen stehet es ganz richtig: die Physik beschäftigt sich mit den Körpern; ihre Absicht ist, die Natur derselben, ihre Eigenschaften und Verhältnisse zu entdecken.
   Noch häufiger wird dieses Pronomen von der heutigen Höflichkeit gegen Vornehmere anstatt des persönlichen Sie gebraucht. Dieselben haben mir befohlen. Und in diesem Falle ist auch der verlängerte Dativ Denenselben eingeführet. Ich habe letzthin die Ehre gehabt, Denenselben zu berichten, daß u. s. f.

[Bd. 1, Sp. 1467]


Wie ich von Denenselben vernommen habe. Auch der Genitiv Deroselben wird nicht selten für das einfache Dero gebraucht. Deroselben Bedienter hat mir solches gesagt. Deroselben Gnade habe ich solches zu verdanken. Welcher Genitiv im Oberdeutschen wohl gar anstatt des Dativi gebraucht wird. Und Deroselben gegenwärtiges zustellen zu lassen. Wenn man mit und von sehr hohen Personen spricht, pflegt man dieses Pronomen noch mit den Wörtern Hoch, Höchst, und Allerhöchst zu erhöhen. Hochdieselben haben befohlen u. s. f. Allerhöchstdieselben geruhen u. s. f.
   Gegen niedrigere Personen, welche man gewöhnlich Er, und, wenn sie weiblichen Geschlechtes sind, im Singular Sie zu nennen pfleget, ist, wenn man ihnen etwas mehrere Ehre erweisen will, der Singular Derselbe und Dieselbe gleichfalls üblich. Derselbe hat mir gesagt u. s. f.
   Anm. Dieses Pronomen ist mit dem Demonstrativo der und selbe zusammen gesetzt; S. Adelung Selbe. Außer dem eben angezeigten Falle wird auch dieses durchgängig nach der verkürzten Declination des Pronominis der abgeändert, weil selbe hier die Stelle eines Hauptwortes vertritt. Dieses Wort ist alt. Bey dem Kero lautet es im Genit. Sing. desselbin, und deruselbun, im Nom. Plur. diuselben, und im Genit. Plur. deroselbono; bey dem Übersetzer Isidors im Nom. Sing. dherselbo und dher selbo; und bey dem Ottfried ther selbo, therselbon, thia selbun. Im Oberdeutschen lautet es auch derselbte, dieselbte, dasselbte, in welcher Gestalt es nicht nur bey dem Opitz und andern Schlesischen Dichtern vorkommt, sondern auch an einigen Hochdeutschen Höfen eingeführet ist. Selbe, selbte und selbiger kommen in eben dieser Mundart vor. Derselbige, dieselbige, dasselbige ist eine andere Oberdeutsche Form, die auch im Hochdeutschen nicht unbekannt ist, und sich bloß durch die müßige Verlängerung der neuern Alemannen von dem vorigen unterscheidet. Im Nieders. lautet dieses Fürwort de sulve, dat sulve.

 

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