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Grammatisch-Kritisches Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart Bibliographische AngabenLogo textgrid zeno bmbf · Logo textgrid zeno bmbf · Logo textgrid zeno bmbf
 
Dêrb bis Dermahlen (Bd. 1, Sp. 1463 bis 1465)
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Artikelverweis  Dêrb, -er, -este, oder -ste, adj. et adv. I. Eigentlich, dessen Theile nahe und fest auf einander liegen, im Gegensatze des locker. Derbes Brot. Derbes Leder. Der Erdboden ist sehr derb. Der höchste Grad des Derben ist die Härte. 2. Figürlich. 1) Im Bergbaue, in fester Gestalt in ein anderes Mineral eingewachsen. Derbes Erz; in weiterer Bedeutung auch nur für reichhaltiges Erz. 2) Im gemeinen Leben, einen hohen Grad einer Handlung auszudrucken, doch nur in einigen Fällen. Derb angreifen, derb auftreten. Jemanden derbe Schläge, eine derbe Maulschelle geben, ihn derb abprügeln. Nach einer noch weitern Figur auch von unkörperlichen Empfindungen. Er sagt einem jeden die Wahrheit sehr derb und trocken. Ich werde mir heute einen derben Rausch trinken, Gell. 3) Munter, gesund, rasch. Sie ist ein derbes frisches Mädchen. Nach einer noch weitern Figur wurde dieses Wort ehedem auch für gut, fromm, rechtschaffen gebraucht, besonders in der Zusammensetzung Biderb; S. Adelung Bieder.
   Anm. Es scheinet nicht, daß dieses Wort zu verderben gehöre. Füglicher lässet es sich zu darre, dürre rechnen, weil die derbe Beschaffenheit eines Körpers doch auf einem gewissen Grad der Trockenheit beruhet. Im Dänischen bedeutet diärv so wohl trocken, als auch sehr. S. Adelung Dürfen.
 
Artikelverweis Die
Dêrbheit, plur. car. der Zustand, da etwas derb ist, in allen Bedeutungen.
 
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Dereīnst, adv. temp. für einst, künftig, welches vorzüglich in der edlern und höhern Schreibart üblich ist. Wenn ich dich dereinst wieder sehe. Wenn er dereinst mein Glück machen wird. Dein Glück dereinst zu baun, Gell.
   O Doris drücke du
   Mir dort dereinst die Augen weinend zu!
   Kleist.
   Wenn dich dereinst die Sorgen des Thrones
   Aus meinen Armen ziehn,
   Raml. Anm. die höhere Schreibart der Hochdeutschen hat dieses Wort von den Oberdeutschen entlehnet, bey denen es auch dereinsten und dereinstens lautet. Auch das Adjectiv dereinstig ist für künftig im Oberdeutschen nicht selten. Dereinst stehet für dareinst, und bezeichnet eine ungewisse künftige Zeit auf eine schon gewisse Art, so, als wenn man sie vor sich sehe. S. Adelung Einst.
 
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Dêrenthalben, dêrentwegen, dêrentwillen, S. 2 Der. Anm. 3.
 
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Dêrgestált, eine Partikel, welche mit dem Dative des Demonstrativi der und dem Substantive Gestalt zusammen gesetzet ist; für in dieser Gestalt. Es ist, I. ein vergleichendes Adverbium. 1) Für dergleichen, deßgleichen. Dergestalt sind auch die übrigen Dinge, d. i. von dieser Art. Welcher Gebrauch doch nur Oberdeutsch und im Hochdeutschen wenig üblich ist. 2) Für so. Seine Umstände sind dergestalt böse, daß ihm nicht mehr zu helfen ist. Wir sind dergestalt unglücklich, daß wir uns nicht mehr zu helfen wissen. Auch hier wird man es in der reinen Hochdeutschen Schreibart gern entbehren; noch mehr aber das davon gemachte Oberdeutsche Beywort dergestaltig. 2. Eine bedingende oder einschränkende Conjunction, in welcher Bedeutung es auch im Hochdeutschen nicht unbekannt ist. Du sollst dieses haben, doch dergestalt, daß du es mit deinem Bruder theilest. Anm. Notker gebraucht schon dien gestalten, für so, dergestalt.

[Bd. 1, Sp. 1464]



 
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Dergleīchen und Deßgleichen, zwey unabänderliche Adjective, welche aus dem Genitive des Pronominis der, nach der verkürzten Declination, und dem unabänderlichen Adjective gleichen zusammen gesetzet sind, für dessen gleichen, deren gleichen, derer gleichen. Sie werden so wohl demonstrative als relative gebraucht. In dem letztern Falle werfen sie das Zeitwort, wie alle Relativa bis an das Ende der Rede. Das ist ein Mann, deßgleichen ist nicht mehr vorhanden; oder relative, deßgleichen nicht mehr vorhanden ist. Dergleichen Sachen habe ich nie gesehen. Dergleichen Thiere gibt es bey uns nicht. Fressen und Saufen und dergleichen, Gal. 5, 21, d. i. und andere ähnliche Laster, S. Adelung Desgleichen.
   Anm. Deßgleichen sollte sich eigentlich auf den Singular des männlichen und ungewissen Geschlechtes, dergleichen aber nur auf den Singular des Fäminini und auf den Plural aller drey Geschlechter beziehen. Allein im gemeinen Leben nimmt man es selten so genau. Dergleichen groben Mann als dieser ist, muß zwischen Himmel und Erden nicht mehr seyn, Gell. Ich glaube, daß sie sich dergleichen fremden Antrag niemahls vermuthet haben, ebend. wo es billig deßgleichen heißen sollte. Doch gebraucht man das letztere auch im gemeinen Leben nicht leicht, wenn es sich auf einen Plural oder auf einen weiblichen Singular beziehen soll. Im Oberdeutschen lautet dergleichen auch derogleichen; S. Adelung Dero. In eben derselben Mundart ist statt dessen auch derley üblich, von dem alten ley, dem Stammworte von gleich.
 
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Derhalben, eine Conjunction, welche einen Schluß, eine Folge aus dem Vorhergehenden, eine Ursache aus dem Vorigen andeutet, und aus dem verkürzten Demonstrativo der, und dem Hauptworte Halbe zusammen gesetzet ist, für derer halben, daher. Das Gesetz richtet nur Zorn an derhalben muß die Gerechtigkeit durch den Glauben kommen. Röm. 4, 15, 16. Dérohalben müsset ihr auch Schoß geben, Kap. 13, 6. Denn euer Gehorsam ist unter jedermann auskommen; derhalben freue ich mich über euch, Kap. 16, 19. Wenn es, wie hier, zu Anfange eines Satzes stehet, so wirft es den Nominativ hinter das Zeitwort. Aber es kann auch noch einem oder mehrern Worten stehen. Lasset uns derhalben brüderlich gegen einander gesinnet seyn. Indessen fänget diese Conjunction in der anständigern Schreibart an zu veralten. Die Oberdeutsche Form derohalben ist noch ungewöhnlicher. S. Adelung Deshalb und Halbe.
 
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Derjenige, diejenige, dasjenige, pronom. demonstrativo-relativum, welches auf folgende Art decliniret wird. Dieses Pronomen zeiget einen gewissen Gegenstand an, von welchem in dem Prädicate etwas gesaget wird; daher es nicht nur die Relativa, welcher, der, oder so nach sich hat, sondern sich auch gewisser Maßen auf selbige beziehet. Derjenige Mensch, von welchem ich dir gesagt habe. Diejenige Tugend ist groß, welche auch in Widerwärtigkeiten die Probe hält. Du mußt einer von denjenigen werden, welche sich durch Verdienste hervorthun. Ich verzeihe es denjenigen, welche Schuld daran sind. Es kann auch zuweilen mit dem Genitive des Hauptwortes verbunden werden. Diejenigen seiner alten Soldaten, welche u. s. f. Zuweilen wird statt dessen auch das Vorwort unter gebraucht. Diejenigen unter seinen alten Soldaten, welche u. s. f. Ein Gallicismus, welcher zuweilen mit diesem Worte begangen wird, ist bereits bey dem ersten Demonstrativo-Relativo

[Bd. 1, Sp. 1465]


der angezeiget worden. Mit derjenige ist dieser Gallicismus desto wĭderwärtiger, da dieses Pronomen alle Mahl ein Relativum nach sich haben muß.
   Anm. Die letzte Hälfte dieses Wortes ist das veraltete Beywort jenig, jemand, einer der Zahl nach, welches von jener abstammet, und noch zuweilen im Niedersächsischen gehöret wird. Für jenig war ehedem auch nur jene üblich. Im 14ten Jahrhunderte lautete das Pronomen der jenige, in Niedersachsen der ghenne, im 16ten Jahrhunderte in Obersachsen deryene, und noch Opitz sagt mehrmahls der jene und derjene. Der ist in dieser Zusammensetzung das Demonstrativo-Relativum der nach der verkürzten Declination, welche hier um so viel nothwendiger ist, da jenig die Stelle eines Hauptwortes vertritt, die Hauptwörter aber alle Mahl das verkürzte Fürwort bey sich haben. Die Oberdeutsche Declination im Genit. und Dat. Plur. dererjenigen und denenjenigen ist also im Hochdeutschen wirklich ein Fehler. Ein gewisser Sprachlehrer räth, einen Unterschied unter dem demonstrativen und relativen derjenige zu machen, und das erste verkürzt, das letzte aber verlängert zu decliniren. Allein er hätte erst beweisen sollen, daß dieses Pronomen jemahls bloß relative gebraucht werde. Im Oberdeutschen ist für derjenige auch nur bloß jener, und für alles dasjenige nur all jenes üblich. Wir aber zu diesem Zwecke jenes, was hierbey nützlich ist, veranstalten wollen. Ihm in all jenem, was er vorbringen wird, Glauben beyzumessen.
 
Artikelverweis *
Derley, S. Adelung Dergleichen Anm.
 
Artikelverweis 
Dermahleīnst, ein Nebenwort der Zeit, für dereinst, künftig. Es scheinet, daß es von dem folgenden dermahlen und einst zusammen gesetzet worden. Ungeachtet nun jenes im Hochdeutschen wenig gehöret wird, so ist doch dieses besonders in der höhern Schreibart nicht selten. In der Deutschen Bibel lautet es unrichtig dermaleins; S. Adelung Einst.
 
Artikelverweis 
Dermahlen, ein Nebenwort der Zeit, für dieß Mahl, jetzt, oder gegenwärtig, welches im Hochdeutschen veraltet ist, und nur noch von den Kanzelleyen im Andenken erhalten wird. Ein gleiches gilt von dem davon gemachten Neben- und Beyworte.

 

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