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Grammatisch-Kritisches Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart Bibliographische AngabenLogo textgrid zeno bmbf · Logo textgrid zeno bmbf · Logo textgrid zeno bmbf
 
Dếnnóch bis Dêrgestált (Bd. 1, Sp. 1452 bis 1463)
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Artikelverweis  Dếnnóch, eine Conjunction, welche einen Ausspruch begleitet, der dem Vordersatze zu Folge eigentlich nicht Statt finden sollte, für nichts desto weniger, gleichwohl, dessen ungeachtet. Es sind Mährchen, und dennoch willst du so seltsame Dinge vertheidigen? Wenn ich gleich nicht da bin, so kann es dennoch ausgemacht werden. Du bringest uns den süßesten Trost, und dennoch scheinest du einen tiefen Gram zu verbergen.
   Nein, spricht sie, laß mich gehn!
   Sie sprichts, und dennoch bleibt sie stehn,
   Rost. Wenn sich der vorher gehende Satz mit keiner Conjunction anfänget, so steht dennoch zu Anfange des folgenden Satzes, außer daß es das und vor sich haben kann, und dann tritt der Nominativ hinter das Verbum. Sie reden sehr hitzig; dennoch werde ich nicht aus meiner Gelassenheit kommen, Gell. Enthält aber der vorher gehende Satz eine andere Conjunction, auf welche sich dennoch beziehet, so stehet es hinter dem Verbo finito und der ersten Endung des persönlichen Fürwortes. Er zürnet zwar auf mich; aber er wird sich dennoch befriedigen lassen. Ob man ihm solches gleich verboth, so that er es dennoch. Es ist also unrichtig, wenn man sagt: ob er gleich keine Schuld hat, dennoch ist er nicht außer Verdacht, für so ist er dennoch nicht außer Verdacht.
   Unangenehm und widrig klingt es, wenn dennoch in den Vordersatz gesetzet, und der eigentliche Vordersatz eingeschoben wird. Dennoch, weil alle diese zwey Frieden auf eins hinaus laufen, haben wir u. s. f. Für: ungeachtet alle -so haben wir dennoch. Wohl aber kann durch eine Inversion der Vordersatz bis zuletzt versparet werden. Dennoch haben wir diese zwey Frieden u. s. f. ungeachtet sie auf eins hinaus laufen. Ich betrübe mich dennoch nicht, obgleich mein Zustand nicht der beste ist.
   Anm. Thannanoh kommt in der Fränkischen Mundart schon um das Jahr 800 vor; etwas später findet man auch dannoch. Es stehet für alsdann noch. Im Theuerdank findet man dafür noch dannocht.
   Wiewol derselb per vast groß was
   Noch dannocht Tewrdank nicht vergaß,
   Kap. 27.
   Doch wiewol er hat gelückes vil
   Noch dannocht ich nicht lassen wil
   Von seiner hewt in disem Jar,
   Kap. 27.
   Ingleichen das einfache noch.
   Noch ließ er mit nichte darvon,
   Kap. 63. S. Adelung Noch.
   Versetzt lautet diese Partikel nochtans, nochtan, und so kommt sie nicht nur bey dem Tatian, sondern auch noch bey den heutigen Niedersachsen vor. Dem Ottfried gilt das thoh, und einem der Schwäb. Dichter je noh so viel als dennoch.
   Geswigen sint die nahtegal
   Si hant gelan ir suesses klingen
   Vnd valwet oben der walt
   Je noh stet das herze min in ir gewalt,
   Dietmar von Ast. Im Oberdeutschen lautet diese Partikel dannoch. S. Adelung Doch und Jedennoch.
 
Artikelverweis Das
Denydor, S. Adelung Denidor.
 
Artikelverweis Das
Departement, (sprich Departemang,) des -s, plur. die -s, das Franz. Departement, der Inbegriff zusammen gehöriger Geschäfte, welche der Aufsicht Einer oder mehrerer Personen

[Bd. 1, Sp. 1453]


anvertrauet sind. Das Kriegs-Departement, See-Departement, Finanz-Departement u. s. f. Besonders wenn gewisse Collegia nach Beschaffenheit der Geschäfte in mehrere Abtheilungen gesondert sind.
 
Artikelverweis *
Dependếnt, adj. et adv. dependiren, verb. reg. neutr. mit haben, und die Dependếnz, plur. car. ohne Nutzen und Noth aus dem Lateinischen für abhängig, abhangen und Abhängigkeit, welche S.
 
Artikelverweis Das
Deputāt, des -es, plur. die -e, aus dem mittlern Lat. Deputatum, ein zu einer gewissen Absicht bestimmter Theil. So wird dasjenige, was gewissen Personen an Lebensmitteln, Früchten, Holz u. s. f. jährlich, wöchentlich oder täglich ausgesetzet ist, im gemeinen Leben häufig ein Deputat genannt. Daher Deputat-Bier, Deputat-Brot, Deputat-Holz u. s. f Deputat-Fuhren, wenn die Landleute dergleichen Bedürfnisse zuzuführen verbunden sind. Der Deputatíst, des -en, plur. die -en, welcher dergleichen Deputat erhält. Auch zu einer gewissen Absicht auf bestimmte Zeiten ausgesetzter Geldsummen, werden zuweilen ein Deputat genannt.
 
Artikelverweis 
Deputiren, verb. reg. act. aus dem Lat. deputare, abordnen. Daher der Deputirte, der Abgeordnete; die Deputatiōn, so wohl die Abordnung, als auch die Abgeordneten; der Deputations-Tag, an welchem sich die zu einer gewissen Absicht Abgeordneten versammeln. S. Adelung Abordnen.
   I. Der, die, das, der bestimmte Artikel, welcher in allen seinen Endungen unbetont ausgesprochen wird. Die Declination dieses Artikels ist folgende. Um die eigentliche Beschaffenheit dieses Artikels desto besser kennen zu lernen, muß man bemerken, daß die Substantiva, grammatisch betrachtet, auf eine dreyfache Art bestimmet werden. Man bezeichnet entweder nur das Geschlecht oder die Art, oder man bezeichnet ein oder mehrere Individua dieser Art, oder man bestimmet dieses Individuum noch genauer nach gewissen Verhältnissen desselben. Im ersten Falle bekommt das Substantiv im Deutschen entweder gar keinen Artikel, oder in einigen Fällen den Artikel ein; im zweyten Falle bekommt es den bestimmten Artikel der, und die dritte Art der Bestimmung geschiehet unter andern auch durch die Pronomina und die ihnen ähnlichen Adjectiva. Ich höre Musik, oder ich höre eine Musik, zeiget nur überhaupt an, daß man diejenige Harmonie von Tönen höre, welche man Musik nennet; ich höre die Musik, bestimmet sie schon genauer, als ein gewisses Individuum, welches man erwartet, oder von welchem man vorher gesprochen hatte; ich höre die Musik, welche uns zugedacht ist, ich höre unsere Musik u. s. f bestimmt das Verhältniß dieses Individui noch genauer.
   Wenn man die Sache genau nehmen will, so sind die zweyte und dritte Art dieser Bestimmungen so ziemlich von einerley Art, und der ganze Unterschied bestehet nur in der geringern oder größern Vollständigkeit des Ausdruckes. Die Fälle, wo der Artikel der vorkommt, enthalten gemeiniglich eine Ellipse, und löset man diese auf, so wird sich der Artikel in ein wahres Pronomen verwandeln. Daher kommt es auch, daß im Oberdeutschen der Artikel der von dem Pronomen der in der Declination nicht verschieden ist, indem beyde wirklich nur ein und eben dasselbe Wort sind.
   Freylich wird sich dasjenige, was jetzt von dem eigentlichen Amte des Artikels gesagt worden, nicht auf alle Fälle anwenden

[Bd. 1, Sp. 1454]


lassen. Allein man muß bedenken, daß der Unterschied unter diesen Arten der Bestimmung oft sehr fein ist, und daß die Sprachen ein Werk des großen Haufens sind, dessen Gefühl nur in Ansehung der am meisten hervorstechenden Fälle richtig ist, in andern unmerklichern aber sich nicht selten verirret. Über dieß gibt es Fälle, wo es wirklich gleichgültig ist, ob man den Artikel setzet oder nicht, d. i. ob man die Sache als ein Individuum oder nur überhaupt in Ansehung der allgemeinen Art betrachtet. Ich liebe Schönheit, bedeutet, daß man diejenige Vollkommenheit liebe, welche man Schönheit nennet, man möge sie antreffen, wo man wolle. Ich liebe die Schönheit, sagt eben das, betrachtet aber dabey diese ganze Vollkommenheit als ein Concretum. Daher kommt es, daß auch die Abstracta den Artikel der bekommen können, so fern sie nehmlich als Concreta betrachtet werden. In andern Fällen hingegen macht die Gegenwart oder die Abwesenheit des Artikels auch eine merkliche Änderung in der Bedeutung. Z. B. Er verstehet Scherz, bedeutet, er ist fähig, einen Scherz als Scherz ertragen zu können; aber, er verstehet den Scherz, beziehet sich entweder auf einen gewissen vorher gegangenen bestimmten Scherz, oder auch auf die Kunst zu scherzen.
   Vermittelst dieser leichten Regel, wird man sich ohne Schwierigkeit in diejenigen Fälle finden lernen, in welchen der bestimmte Artikel gebraucht werden muß. Ich verweise in Ansehung derselben auf meine Sprachlehre und das Lehrgebäude derselben, und will hier nur das vornehmste davon in ein Paar Anmerkungen zusammen fassen.
   I. Der Artikel bestimmt die Individua, ohne ihnen eben die genaueste mögliche Bestimmung zu geben, denn dieses thun unter andern die Pronomina. Hieraus folgt nun, daß der Artikel der nicht gesetzet werden dürfe, wenn eine Sache nicht als ein Individuum bestimmt werden soll. Sie hat Erziehung. Aus Liebe krank seyn. Über Feld gehen. Eine Kugel von Bley.
   Von Puder glänzt sein lockig Haar,
   Weiße. Diese Art Menschen, Thiere. Eine Menge Vögel. Ein großer Haufen Sand. Ohne Regel und Ordnung schreiben. Unschuldiges Blut vergießen. Das sind Schriften von Wichtigkeit. Er kommt von Reisen. Aus Menschenliebe, ohne Stolz und Bitterkeit. Zu Bette gehen, sich schlafen legen, ohne nähere Bestimmung des Bettes. Bey Tische sitzen, speisen, ohne daß man eben Willens wäre, den Tisch, an welchem solches geschiehet, als ein besonderes Individuum darzustellen u. s. f. brauchen insgesammt keinen Artikel, weil hier nur eine weitläuftige Bestimmung der Art, nicht aber des Individui Statt findet. Dahin gehöret auch eine Menge adverbischer Redensarten, die der Regel nach den Artikel gar wohl vertragen könnten, ihn aber wegwerfen, weil sie als Adverbia die Gestalt eines Individui verlieren.
   Beyläufig kann man noch anmerken, daß, wenn in solchen adverbischen Redensarten das Substantiv mit einer Präposition in der dritten Endung ohne Artikel stehet, diese Endung im Singular zugleich ihr e wegwirft, es müßte denn seyn, daß sie solches schon im Nominative hergebracht hätte. Eine Kugel von Bley, mit Fleisch bekleidet, es gehet ihm nach Wunsch, mit Fleiß, ein Mann von Verdienst, mit Hohn u. s. f. nicht von Bleye, mit Fleische u. s. f. Eine Ausnahme machen diejenigen Wörter, welche sich auf b, d, s endigen, welche weiche Mitlauter der Regel nach am Ende hart ausgesprochen werden, daher sie dieses e behalten, um die Aussprache nicht zu verändern. Außer Stande seyn, er thut mir viel zu Leide, mit Sande besprengen, bey Leibe nicht, mit Schimpf und Schande bestehen, zu Hause seyn, von Hause kommen, nach Hause gehen u. s. f. Diesen folgen auch einige andere Wörter, wo

[Bd. 1, Sp. 1455]


diese Ursache nicht Statt findet; z. B. bey Tische seyn, zu Tische sitzen, nach Tische, das Seinige zu Rathe halten u. s. f Dagegen wird in andern das e wider die Regel verschlungen, mit Weib und Kind, welche R. A. ein Überbleibsel der härtern Oberdeutschen Mundart ist.
   2. Wörter, welche an und für sich schon Individua bedeuten, können weder als solche den Artikel entbehren, noch auch im Singular ohne denselben zur Bezeichnung des ganzen Geschlechtes oder eines unbestimmten Theiles desselben gebraucht werden. Mensch, Zunge und Blume sind Ausdrücke, welche Individua bedeuten, und als solche verlangen sie den Artikel der. Ohne Artikel können sie im Singular nicht zur Bezeichnung ihres Geschlechtes gebraucht werden; man kann daher nicht sagen: Zunge ist ein kleines Glied, Mensch ist wie Blume. Sollen sie zu ihrem ganzen Geschlechte erhöhet werden, so müssen ihnen die Artikel der oder ein vorgesetzet werden. Vermittelst des erstern wird das ganze Geschlecht als ein Individuum betrachtet; vermittelst des letztern aber wird Ein Individuum aus der ganzen Menge heraus gehoben und zum Repräsentanten des Ganzen gemacht. Man sagt also ganz richtig, die Zunge ist ein kleines Glied, oder eine Zunge ist ein kleines Glied; der Mensch ist wie die Blume, oder ein Mensch ist wie eine Blume. Im Plural hingegen kann der Artikēl ohne Anstoß wegbleiben, weil mehrere Dinge Einer Art schon aufhören, Ein Individuum zu seyn. Zungen sind kleine Glieder. Menschen sind wie Blumen.
   Sey stark genug über Gräber hinaus zu sehen, Dusch. Die adverbischen Redensarten, mit Hand und Mund, mit Haut und Haar, Haus und Hof verkaufen, zu Fuße reisen, zu Schiffe kommen u. s. f. gehören nicht hierher, weil die Substantiva in denselben weder als eigentliche Individua, noch für das ganze Geschlecht stehen, sondern die ganze R. A. figürlich ist.
   Diese Anmerkung ist wichtig, weil sie zur richtigen Beurtheilung mancher vorgegebenen Schönheiten bey ältern und neuern Dichtern dienet.
   Man hat den Feind aufs Haupt geschlagen,
   Doch Fuß hat Haupt hinweg getragen,
   Logau. Hier sind zwey Individua, die ihren bestimmten Artikel ohne eine merkliche Härte nicht verlieren können. Unter den ältern Dichtern läßt Logau, und unter den neuern Herr Gleim in seinen Kriegesliedern den Artikel der sehr oft weg; allein um der jetzt angezeigten Ursache willen thut diese Weglassung auch oft eine unangenehme Wirkung.
   Eben dieß gilt auch in solchen Fällen, wo das Substantiv mit einem Adjective verbunden ist, welches dasselbe zu einem Individuo macht, wo der Artikel gleichfalls nicht weggelassen werden kann, es mag nun das Individuum ein Individuum bleiben, oder zur Bedeutung des Geschlechtes erhöhet werden. Alten Freund für neuen wandeln, Logau. Der Morgen brachte großen Tag, Gleim. Dahin gehören aber nicht die Fälle, wo der Artikel an das Vor- oder Nebenwort angehänget wird, im härtesten Winter, im besten Wohl.
   Als ich urplötzlich einen Drachen
   Aus blauer Tiefe steigen sah,
   Raml. Die besten Schriftsteller alter und neuer Zeit. Wo der Artikel, obgleich in einer andern Gestalt, wirklich vorhanden ist.
   Freylich gibt es auch hier Fälle, wo die Individua ihren Artikel wegwerfen können. Denn außer den vorhin gedachten adverbischen Redensarten, gehören dahin viele sprichwörtliche Ausdrücke, die aber nur in die niedrigen Sprecharten gehören, ingleichen solche Fälle, wo die Individua gehäuft werden. Mann, Weib, Knecht, Magd, alles im ganzen Hause ist krank.

[Bd. 1, Sp. 1456]



   Hingegen können und müssen alle diejenigen Substantive, welche keine eigentlichen Individua bezeichnen, sondern Abstracta sind, den Artikel entbehren, so oft sie nicht als Individua angesehen werden. Ich thue es aus Liebe. Haß und Eifersucht quälen ihn. Schönheit ist vergänglich. Er hat Verstand. Leide mit Geduld.
   3. Wenn ein Individuum schon genauer bestimmt ist, als es durch den Artikel geschehen kann, so wird dieser überflüssig. Folglich findet derselbe vor den eigenthümlichen Nahmen eigentlich keine Statt; ob es gleich auch hier nicht an Ausnahmen fehlet, die man in der Sprachlehre finden kann. Auch Appellativa werfen denselben weg, wenn sie durch andere Wörter, wohin besonders die Pronomina gehören, genauer bestimmt sind, als durch den Artikel geschehen kann. Unsere Güter. Mein und dein Vermögen. Alle Einwohner. Keine Seele. Viele Menschen. Wenig Häuser. Sechs Bürger. 4. Ein anderer wichtiger Umstand ist die Zusammenziehung des bestimmten Artikels mit Präpositionen. S. Adelung Am, Auf und die übrigen Präpositionen, ingleichen Ein.
   Aus dem, was bisher gesaget worden, erhellet zugleich, wie unbillig es ist, wenn man den Artikel im Deutschen das Geschlechtswort nennet, als wenn die Bezeichnung des grammatischen Geschlechtes der Substantive seine eigentliche Beschäftigung wäre, da doch solches nur eine zufällige Verrichtung ist, eben so zufällig, als an den Adjectiven, wenn sie mit ihrem Substantive in einerley Geschlechte stehen. Eher könnte man noch auf die Gedanken gerathen, daß der Artikel in manchen Fällen bloß zur Bezeichnung des Casus des Substantives diene, weil diejenigen Wörter, die ihn in dem Nominative entbehren können, ihn in den Casibus obliquis haben müssen. So erfordern ihn in den jetzt gedachten Casibus die eigenthümlichen Nahmen, wenn sie am Ende nicht decliniret werden. Die Weisheit des Salomo. Die Tugend des David. Die Grausamkeit des Nero. Ingleichen die Appellativa. Die Vergänglichkeit der Schönheit, ob man gleich sagen kann, Schönheit ist vergänglich; befleißige dich der Tugend, ob man gleich sagt, Tugend währet am längsten. Aber man siehet leicht, daß diese Casus eine genauere Bestimmung des Individui und seiner Verhältnisse mit sich führen, die den bestimmten Artikel nothwendig machen. Nur alsdann kann derselbe wegbleiben, wenn der Genitiv voran gesetzet wird, in welchem Falle aber auch der eigenthümliche Nahme auf eine oder die andere Art declinieret werden muß. Salomonis Weisheit. Davids Tugend. Neros Grausamkeit. Der Tugend Lohn, für der Lohn der Tugend. Der Schönheit Vergänglichkeit. Das ist ohne Zweifel noch ein Überbleibsel einer alten noch in der Schwedischen Sprache üblichen Gewohnheit, da man den bestimmten Artikel, so oft er bey seinem Hauptworte stehet, an dasselbe anhänget. Z. B. im Schwedischen ist Ande Geist, der Geist heißt Anden; Gud ist Gott, Guden der Gott; Hjerta Herz, das Herz, Hjertat. Im Deutschen geschiehet solches bey den Adjectiven noch auf eine merkliche Art. In bestem Wohl, für in dem besten Wohl. Aus blauer Tiefe, aus der blauen Tiefe. Folgendes Tages, des folgenden Tages.
   Anm. In der Fränkischen und Alemannischen Mundart lautet dieser Artikel ther, thiu, thaz, bey dem Isidor dher, dhiu, dhatz, im Nieders. im Mascul. und Fämin. de, im Neutro dat. Er ist ein Erbtheil der ältesten bekannten Sprachen, und findet sich schon in dem Hebräischen, nur daß diese und andere alte Sprachen sparsamer damit umgingen, und ihn nicht als einen Artikel, sondern nur als ein Pronomen gebrauchten. S. das folgende in der Anmerkung. Die meisten nördlichen und westlichen Mundarten gaben diesem Worte eine weitere Ausdehnung als die Morgenländern,

[Bd. 1, Sp. 1457]


und gebrauchten es überall da, wo ein Individuum angezeiget werden sollte, d. i. in der Gestalt eines Artikels; ob sie gleich bey dem rauben und unbearbeiteten Zustande ihrer Denkungskräfte in der Anwendung freylich sehr oft fehlen mußten. Bey den ältesten Franken und Alemannen war in der Declination des Artikels und der folgenden Pronominum kein Unterschied. Der Artikel gehet bey dem Ottfried so: Eben so gehet bey ihm und andern auch das Pronomen, es mag nun Demonstrativum oder Relativum seyn, und noch die heutigen Oberdeutschen decliniren den Artikel so, wie das folgende Pronomen, nur mit dem Unterschiede, daß sie selbigen im Genit. und Dat. Plur. verlängern, derer, denen. Es scheinet, daß die Hochdeutschen die verkürzte Declination des Artikels von den Niedersachsen beybehalten haben; aber bey diesen ist auch das Pronomen de einsylbig, und dem Artikel in der Declination gleich. Von dem Genit. Plural. ist noch unser Dero ein Überbleibsel; Siehe dieses Wort. Die gemeinen Mundarten pflegen von dem Neutro das die beyden ersten Buchstaben gern zu verbeißen, 's Fleisch, 's Gut, welches auch die Niedersachsen und Holländer mit ihrem dat thun, 't Huus, 't Huys. Da diese Unart vermuthlich schon alt ist, so ist glaublich, daß, als man angefangen, das Deutsche zu schreiben, dieses s aus Unwissenheit oder Unachtsamkeit vielen Wörtern angehänget worden, mit denen es nun unzertrennlich verbunden ist. Siehe S.
   2. Der, die, das, Pronomen demonstrativum, demonstrativo-relativ. und relat. welches in doppelter Gestalt vorkommt. I. In Verbindung mit seinem Substantive, da es in der Declination von dem Artikel nicht unterschieden ist, nur daß es in allen seinen Endungen mit einem etwas schärfern Tone ausgesprochen wird. Es ist,
   1. Ein Demonstrativum, da es einen Gegenstand bezeichnet, auf welchen man gleichsam mit Fingern zeiget, und für dieser, diese, dieses stehet. Der Mann da hat es gethan. Er ist den Augenblick gestorben, für diesen Augenblick. Ich kann ihn noch die Stunde nicht dazu bringen. Die Jahre her hatte ich viel zu thun, Gottsch. Das Mahl, für dieses Mahl. Der Acker ist nicht unser, er gehöret den Leuten da, für diesen. In der im gemeinen Leben üblichen R. A. von Stund an, wird es auch ausgelassen.
   2. Ein Demonstrativo-Relativum, wo es den Gegenstand vermittelst eines nachfolgenden Satzes bestimmet, und sich auf ein Relativum beziehet, für derjenige, diejenige, dasjenige. Er ist der Mann der (derjenigen) Frau, welche wir gestern sahen. Ich gab es dem (demjenigen) Bedienten, welchen du gestern zu mir schicktest. Das ist nicht der (derjenige) Ort, wo ich mich lange aufzuhalten wünschte. Es gehöret den Männern, welche wir gestern sahen. Die Häuser der Bürger, welche abgebrannt sind. Die (diejenigen) zehen Worte, die der Herr zu euch redete, 5 Mos. 10, 4. Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, Marc. 12, 10.
   In vielen Fällen ist dieses Pronomen von dem Artikel fast gar nicht unterschieden, zumahl wenn der folgende relative Satz mehr eine Beschreibung, als beziehende Bestimmung enthält; z. B. da traten die Sadducäer zu ihm, die da halten, es sey keine Auferstehung Marc. 12, 18. Sie sind nicht der erste, welcher mir das sagt. Ich legte die Tafeln in die Lade, die ich gemacht

[Bd. 1, Sp. 1458]


hatte, 5 Mos. 10, 5. Als ich von dem Berge ging, der mit Feuer brannte, Kap. 9, 15. Die Natur thut nirgends einen Sprung, auch in den Sprachen nicht. Der Übergang von einem Theile der Rede, von einem Falle, von einer Regel, von einer Bedeutung zur andern, geschiehet alle Mahl durch sehr unmerkliche Grade. In den Sprachlehren bemerket man gemeiniglich nur die am meisten hervorstechenden Fälle, und übergebet die, welche am wenigsten merklich sind, und verursachet dadurch oft Verlegenheit. Man wird diese Anmerkung so wohl in der Deutschen, als in andern Sprachen sehr oft mit Nutzen anwenden können.
   Hieraus erhellet zugleich, daß es unbillig, und einem Hochdeutschen Ohre äußerst unangenehm ist, wenn man dieses Pronomen in Verbindung mit seinem Substantive im Genit. und Dat. Pluralis derer und denen spricht und schreibt. Schwerlich wird man zur Behauptung dieses Satzes etwas andres, als die Oberdeutsche Gewohnheit anführen können, welche so wohl den Artikel als auch die Pronomina der auf die folgende verlängerte Art decliniret.
   II. Allein und ohne Hauptwort, da es auf folgende Art decliniret wird. dieses Pronomen ist wiederum,
   1. Ein Demonstrativum, da es für das Absolutum dieser, diese, dieses stehet. Der Reiche nicht, denn wie sollte der Unrecht haben können! Das wissen nur Dichter, und was wissen die nicht! Das will ich nicht hoffen. Wessen ist das Haus? Antw. dessen da, oder deß da, d. i. dieses Mannes da; oder deren da, der da, d. i. dieser Frau da. Dem sey, wie ihm wolle. Wenn dem also ist. Es ist an dem, es ist nicht an dem, es ist wahr, es ist nicht wahr. Wenn das alles dein Ernst ist. Mein größter Kummer ist der, daß ich von dir entfernt bin. Was spricht Herr Damis? Hat auch der eine Freude über deine Erbschaft? Gell. Ihr könnt zum Gärtner gehn, der will euch Blumen geben, Weiße. Jetzt habe ich sechzehen Frühlinge gesehen; doch keiner war so schön wie der, Geßn.
   An dem, in dem oder indem, nachdem, zu dem, von dem, mit dem, werden oft figürlich gebraucht. Es ist an dem es ist wahr. Es war an dem, daß er zu mir kommen wollte, er war im Begriffe, zu mir zu kommen. Indem und nachdem kommen auch in Gestalt einer Conjunction vor, S. diese Wörter. Mit alle dem, oder bey dem allen, ungeachtet alles dieses. Vor dem, vor diesem, ehedem.
   Der selber mich vor dem zur Tugend auferzogen,
   Schleg.
   Zu dem im gemeinen Leben für über dieß.
   Zu dem, was hast du zu befahren?
   Hall. Wenn dieses Pronomen in zwey auf einander folgenden Sätzen verdoppelt wird, so stehet es oft für dieser und jener.
   Das Geschick,
   Das stets den Wechsel liebt,
   Den glücklich macht, den plagt,
   Gottsch. Zuweilen auch nur für dieser allein. Man trägt sich zwar mit der und jener Sage, Mich. Ingleichen für jener. Man denkt an dieß und an das, wenn man allein ist.
   O wie flattert er umher,
   Bald zu dieser, bald zu der!
   Weiße. Das Neutrum das kann auch absolute für alle Geschlechter und Zahlen gebraucht werden. Ist das deine Freude? Ist das diene Frau? Das sind die Männer, die uns Weisheit lehren wollen, Kinder und Bücher, das sind sein ganzer Reichthum. Wenn dieses Pronomen zu Anfange eines Satzes stehet, so hat es das Verbum gleich nach sich, und der Nominativ der Person, wenn einer vorhanden ist, tritt hinter dasselbe; dagegen das Relativum das Verbum bis an das Ende der Rede verschiebet. Den habe ich niemahls gesehen; aber, der Mann, den ich niemahls gesehen habe.
   2. Ein Demonstrativo-Relativum, welches wieder von gedoppelter Art ist.
   1) Es beziehet sich auf ein nachfolgendes Relativum, doch so, daß die demonstrative Bedeutung die herrschende ist, und alsdann stehet es für derjenige, diejenige, dasjenige. Sollte der nicht mein Freund seyn, welcher mir meine Fehler aufdeckt? Ohne die Kräfte der Seele würde der Mensch ein Raub alles dessen (oder deß) seyn, was ihm jetzt gehorchen muß, Dusch.
   Die Tochter deß, der einst ein Bundsgenosse
   Der Römer war,
   Schleg. Urtheile daraus von dem Geiste derer, welche uns als Abtrünnige betrachten, Mosh. Warum sollte ich den Verlust derer beweinen, die nicht gestorben sind? Das sind die Nahmen derer, die ihm zu Jerusalem geboren sind, 2 Sam. 5, 14. Da war die Zahl derer, die geleckt hatten u. s. f. Richt. 7, 6. Und derer, die vor ihm gewesen sind, ist keine Zahl, Hiob 21, 33. Ich bin dein Mitknecht und deiner Brüder der Propheten, und derer, die da halten die Worte dieses Buches, Offenb. 22, 9. Das ist aber der Wille deß, der mich gesandt hat, Joh. 6, 40.
   Der zusammen gezogene Genit. Sing. deß für dessen ist hier sehr häufig, und stehet selbst der höhern Schreibart nicht übel. Das Fämin. deren möchte wohl nicht leicht vorkommen, noch weniger aber in der zusammen gezogen. Man sagt nicht, sie ist die Tochter deren, oder der, welche wir gestern sahen, sondern der Frau, ob man gleich ohne Bedenken im Masculino sagen kann, sie ist die Tochter dessen, oder deß, welchen u. s. f. Der zusammen gezogene Genit. und Dat. Plur. der und den für derer und denen, wird sich selbst in der vertraulichen Schreibart kaum entschuldigen lassen.
   Das Neutrum das kann auch hier für alle Geschlechter und Zahlen stehen. Ist nicht Themirens Vater eben das, was du bist?
   Ein unangenehmer Gallicismus ist es, wenn anstatt der Wiederhohlung eines Substantives, welches einen Genitiv erfordert, zu dem letztern das Demonstrativo-Relativum der oder derjenige gesetzt, und das Substantiv zum zweyten Mahle verschwiegen wird. Die Größe der Sonne übertrifft die, oder diejenige, des Monds. la grandeur du soleil surpasse celle de la lune, für übertrifft die Größe des Mondes. Im gemeinen Leben, besonders Niedersachsens, vermeidet man diesen Fehler durch das Possessivum. Die Größe der Sonne übertrifft des Mondes seine. Allein in der anständigern Schreibart wird die kleine Weitläuftigkeit, welche durch die Wiederhohlung des Substantives verursachet wird, immer erträglicher seyn, als eines dieser beyden Hülfsmittel.
   2) Oder es beziehet sich auf ein vorher gegangenes Individuum, doch so, daß die demonstrative Bedeutung sehr merklich hervorsticht; da es denn für das Demonstrativo-Relativum derselbe, dieselbe, dasselbe, stehet. Wer sein Leben erhalten will, der wird es verlieren, Luc. 9, 24. Wer sich aber mein schämet,

[Bd. 1, Sp. 1460]


deß (oder dessen) wird sich des Menschen Sohn auch schämen, V. 26. Wir haben keine Äpfel mehr, aber du hast deren noch. Wie viel hast du deren noch? Die aber gessen hatten, der (deren) waren bey 5. 000 Mann, Matth. 24, 21. Ich habe dessen genug. Zu dessen Urkunde haben wir u. s. f. Dieser ist der (deren) einer, Marc, 14, 69. Warlich du bist der einer, V. 70.
   Nach wer oder was kann es, wenn es das Prädicat anfangen sollte, auch weggelassen werden. Wer reich werden will, fällt in Versuchung, für der fällt u. s. f. Nach den Relativis der und welcher aber darf es niemahls wiederhohlet werden. Der Krieg, der, oder welcher so lange gewüthet hat, neiget sich zum Frieden, nicht, der neiget sich u. s. f. Es müßte denn ein besonderer Nachdruck solches erfordern, aber alsdann ist es auch nicht mehr dieses Pronomen, sondern das Demonstrativum. Der Unwürdige, welchen ich so viele Wohlthaten erwiesen habe, der ist mein Verräther, wo es deutlich genug für dieser und nicht für derselbe stehet.
   Da sich dieses Pronomen immer mehr der folgenden relativen Bedeutung nähert, so scheinet es auch, daß der Genit. Plur. deren sich für dasselbe besser schicke, als der mehr demonstrative derer. Freylich lehren viele Sprachlehrer ein anderes; allein es hat auch noch keiner dieses ganze Fürwort gehörig aus einander gesetzt. Diese Herren kennen höchstens nur das Demonstrativum und das Relativum der, und übergehen die mittlern Stufen, die diese zwey Extrema verbinden, mit Stillschweigen.
   Die Deutschen können statt dieses Demonstrativo-Relativi oft das Possessivum Reciprocum gebrauchen, und im gemeinen Leben geschiehet solches mehr als zu oft. Wer Gott liebt, hält seine Gebothe, für dessen Gebothe. In der anständigern Sprechart gebraucht man doch lieber das Relativum zumahl wenn die Deutlichkeit solches erfordert, und eine Beziehung auf ein entfernteres Substantiv ausgedruckt werden soll. Mein Freund ging mit deinem Bruder auf seinen Acker beziehet sich auf die Hauptperson, auf meinen Freund. Soll des Bruders Acker angedeutet werden, so muß es dessen heißen. Wir selig, Henzi, ists fürs Vaterland sich grämen.
   Und sein (besser dessen) verlaßnes Wohl freywillig auf sich nehmen,
   Less. Hier stehet das Possessivum völlig am unrechten Orte. So auch: Ich seufze nicht ins Leben zurück, um seiner Freuden länger zu genießen, Dusch, für dessen. S. Sein.
   Ein anderer Gebrauch dieses Demonstrativo-Relativi ist von der neuern Höflichkeit eingeführet worden, und bestehet darin, daß man die Genitive dessen und deren anstatt der Possessiven gebraucht, wenn man mit Personen zu thun hat, für welche man sein und ihr für zu wenig, dero aber für zu viel hält. Guter Freund, dessen Schreiben habe wohl erhalten u. s. f. für sein Schreiben. S. Adelung Dero, welches auch nichts anders ist, als der alte Genitiv dieses Pronominis. Eine Oberdeutsche Schönheit ist es, wenn dieses Pronomen zwischen das Substantiv und dessen Adjective gesetzet wird. Dem gesammten Reiche und allen und jeden dessen Ständen, für dessen sämmtlichen Ständen. Und in unverhoffter widriger dessen Entstehung, für in dessen unverhoffter u. s. f. 3. Ein bloßes Relativum, welches sich auf ein vorher genanntes Individuum beziehet, für das relative welcher, welche, welches, stehet, in der Declination von den obigen darin abweicht, daß es im Genit. Plural. deren, nicht aber derer hat, und in keiner Endung zusammen gezogen werden darf. Er ist derjenige nicht, der er seyn sollte. Die Person, die du liebest. Ein Greis, dessen Seele schon allen ihren Muth verloren

[Bd. 1, Sp. 1461]


hat. Ich sage dir solches mit der Freymüthigkeit eines Mannes, der nichts mehr zu fürchten, noch zu hoffen hat. Ist dieser nicht Jesus deß Vater und Mutter wir kennen? Joh. 6, 42. Der Dichter, dessen du erwähnetest. Die Verse, deren Schönheit du so lobtest. Die Vergeltung, deren er in dieser Welt nicht mehr genießen kann. Viele von denjenigen, deren Vorfahren tugendhaft waren.
   Du, der des Glaubens lacht, du, der der Weisheit fluchet!
   Kästn.
   Unglücklicher! der, schon von Hoffnung trunken,
   Des Oceans Gebiether ist,
   Raml.
   Der Staub, den ich jetzt trete, der Staub war ihr Gebein,
   Dusch. Der Nominativ dieses Fürwortes kann oft zierlich per appositionem bey Fürwörtern der ersten und zweyten Person stehen. Der ich mich deiner so getreulich angenommen habe. Wir, die wir uns selbst nicht kennen. Ich verzehre meine Kräfte in Thränen, und von dem, der ich war, ist kaum der Schatten mehr übrig, Dusch. Der du von Ewigkeit bist. Du, der du die Dinge unter so vielerley Gestalten gesehen hast. Ihr, die ihr im Überflusse geboren worden, die ihr nur leben dürfet, um zu genießen, Sonnenf.
   O der du über uns mit deinem Vater sitzest,
   Opitz.
   Der du mit Allmacht dieses Element beherrschest,
   Raml. In Ansehung der dritten Person muß das Gehör den Ausschlag geben, ob diese Wortfügung anzurathen ist. Rechtschaffener Mann, der sie mich so großmüthig unterstützt haben, möchte eben nicht einem jeden gefallen.
   Wenn von einer ungewissen Sache die Rede ist, so verlangt es den Conjunctiv. Da ist keiner, der Gutes thue. Ein Latinismus aber ist es, wenn es für auf daß, und für daß, wenn dieses Bindewort den Conjunctiv erfordert, gesetzet wird. Gott hat seinen Sohn gesandt, der uns erlösete, für daß er uns erlösete.
   Daß dieses Pronomen das Verbum bis an das Ende der Rede verschiebe, ist bereits oben bemerket worden. Aus den bisher angeführten Beyspielen erhellet zugleich, daß es von dem vorher gehenden Substantive, auf welches es sich beziehet, das Geschlecht und die Zahl, die Endung aber von dem folgenden Zeitworte annimmt.
   Wenn dieses Relativum auf derjenige oder auf das Demonstrativo- Relativum der folget, so ist es mit welcher einerley, schickt sich aber alsdann besser für die lebhafte und geschwinde Rede der Vertraulichkeit, als für die gesetztere und anständigere Schreibart. Freund, den ich liebe, hat in der vertraulichen Schreibart nichts Verwerfliches; obgleich in der edlern und feyerlichen, Freund, welchen ich liebe, anständiger klingt. Ehedem gebrauchte man es auch für das Absolutum was. Thaz uuir Engil nennen, thaz heizent u. s. f. Ottfr. Thaz thu tuost, tiu sliumor, was du thust, thue bald, ebend. Noch jetzt höret man zuweilen im gemeinen Leben: halte das du hast, für was. Alles, das du hier siehest.
   Anm. I. Wenn man die Sache genau erwäget, so wird man finden, daß der Unterschied dieses dreyfachen Pronominis seinen guten Grund hat. Da derselbe von keinem unserer ältern Sprachlehrer gehörig beobachtet worden, so sind auch die Regeln, welche sie davon geben, voller Widersprüche und Verwirrung. Die meiste Verschiedenheit betrifft den Genit. Pluralis derer und deren, worüber man so viele Meinungen hat, als Sprachlehren vorhanden sind. In Gottscheds Sprachkunst hat auch das Relativum derer, und er selbst schrieb doch niemahls so, sondern gebrauchte für dieses Relativum alle Mahl ganz richtig deren. Diese Verschiedenheit

[Bd. 1, Sp. 1462]


betrifft indessen nur die Hochdeutsche Mundart. Die Oberdeutsche decliniret, wie schon gesagt worden, den Artikel und alle Pronomina auf einerley Art. In dieser Mundart hat nun der Genitivus Pluralis auch bey dem Relativo freylich derer, aber so lauter in derselben auch der weibliche Genit. Singul.
   Natur von derer Kraft, Luft, Welt und Himmel sind,
   Opitz. In andern Oberdeutschen Gegenden lautet der Genitivus und Dativus Singul. des Relativi dero, welches bey uns nur noch als ein Ehrenwort üblich ist; S. dieses Wort. Bey den ältesten Fränkischen und Alemannischen Schriftstellern findet man die Pronomina der selten anders als mit der abgekürzten Declination. Oba er thez habet ruah, ob er dessen Sorge trage, Ottfr. Den chund ist din nam, denen kund ist dein Nahme, Pewger Ps. 9. Waz der (deren) in Steyr waren, Horn. Des (dessen) ward leyder wohl inn, ebend.
   Da die Hochdeutschen die verlängerte Declination der neuern Alemannen, in Ansehung des Pronominis der, wenn es ohne Substantiv gebraucht wird, angenommen, in Ansehung des Artikels aber es bey dem Alten gelassen haben: so ist nur die Frage, ob der Genitivus Plural. derer oder deren heißen müsse? Das Demonstrativum hat außer allem Streit derer, und das Relativum hat, wenn man wenige Sonderlinge ausnimmt, bey den meisten deren. Das Demonstrativo-Relativum stehet zwischen beyden in der Mitte, und verbindet gleichsam diese beyden Extrema. Es scheinet daher billig zu seyn, daß es in denjenigen Fällen, wo es sich mehr der demonstrativen Bedeutung nähert, d. i. wo es für derjenige stehet, derer, und wo es mehr relatives an sich hat, oder für derselbe stehet, deren habe. Man ziehe ein gutes Gehör zu Rathe, so wird man von der Billigkeit dieser Regel überzeuget werden.
   Anm. 2. Von der Zusammenziehung des Demonstrativi und Demonstrativo-Relativi der mit den Präpositionen S. Adelung Da II.
   Anm. 3. Im gemeinen Leben hat man noch die Gewohnheit, den weiblichen Genitiv des Singulars deren, und den Genitiv. Plur. aller drey Geschlechter derer und deren, so wohl des Demonstrativi als auch des Relativi, mit den Substantiven Halben, Wegen und Willen zusammen zu ziehen, und vermittelst des t euphonici, derenthalben, derentwegen und derentwillen daraus zu bilden. Ich habe es derenthalben, derentwegen, oder um derentwillen gethan, die ich liebe, d. i. um derer willen, die ich liebe, oder auch im Singular, um der Person willen, die ich liebe. Ich weiß nicht, was das für Schwachheiten seyn müssen, derentwegen ihnen mein Herz so wohl gefällt, Less. für um welcher willen, oder um deren willen. Derenthalben findet sich auch schon bey dem Opitz. Eben dieses geschiehet auch mit dem Genitive dessen, in dessentwegen, um dessentwillen, dessenthalben, für deßhalb, deßwegen, um deßwillen. In Ansehung des Relativi der ließe sich diese Form in der vertraulichen Schreibart wohl noch vertheidigen. Nur das Demonstrativum derer sollte nie auf diese Art gebraucht werden, weil es alsdann in der Declination dem Relativo gleich gemacht wird. In der anständigern Schreibart wird man diese ganze Zusammenziehung gern vermeiden. S. Adelung T, ingleichen Dein.
   Anm 4. Bey dem Artikel ist bereits angemerket worden, daß sich derselbe, besonders aber das Pronomen der, bereits in den ältesten Sprachen befinde. Bey den Hebräern lautet das Pronomen Demonstrativum 05d605d4 ,05d605d5 ,05d605d505ea, sae, su, soth, eben so lautet es im Gothischen sa, so, thata, bey den ältern Schweden und Isländern sa, su, that, bey den Angelsachsen sa, seo, that. Die Vertauschung des Zischlautes mit dem th oder d ist zu allen Zeiten und in allen Sprachen etwas gewöhnliches. Die ältesten

[Bd. 1, Sp. 1463]


Römer sagten für ea gleichfalls sa, und für eum sum. S. Adelung Ihre Glossar. Prooem S. IV, und im Gloss. Th. 2. S. 879 f. Das Pronom. Demonstrat. der lautet im Schwed. thenne. then, im Plur. thesse, im Genit. Plur. thera, bey den Doriern τσος. Das Relativum der heißt im Angels. thaere, bey den Isländern tha, im Schwedischen ther.
 
Artikelverweis 
Dêrb, -er, -este, oder -ste, adj. et adv. I. Eigentlich, dessen Theile nahe und fest auf einander liegen, im Gegensatze des locker. Derbes Brot. Derbes Leder. Der Erdboden ist sehr derb. Der höchste Grad des Derben ist die Härte. 2. Figürlich. 1) Im Bergbaue, in fester Gestalt in ein anderes Mineral eingewachsen. Derbes Erz; in weiterer Bedeutung auch nur für reichhaltiges Erz. 2) Im gemeinen Leben, einen hohen Grad einer Handlung auszudrucken, doch nur in einigen Fällen. Derb angreifen, derb auftreten. Jemanden derbe Schläge, eine derbe Maulschelle geben, ihn derb abprügeln. Nach einer noch weitern Figur auch von unkörperlichen Empfindungen. Er sagt einem jeden die Wahrheit sehr derb und trocken. Ich werde mir heute einen derben Rausch trinken, Gell. 3) Munter, gesund, rasch. Sie ist ein derbes frisches Mädchen. Nach einer noch weitern Figur wurde dieses Wort ehedem auch für gut, fromm, rechtschaffen gebraucht, besonders in der Zusammensetzung Biderb; S. Adelung Bieder.
   Anm. Es scheinet nicht, daß dieses Wort zu verderben gehöre. Füglicher lässet es sich zu darre, dürre rechnen, weil die derbe Beschaffenheit eines Körpers doch auf einem gewissen Grad der Trockenheit beruhet. Im Dänischen bedeutet diärv so wohl trocken, als auch sehr. S. Adelung Dürfen.
 
Artikelverweis Die
Dêrbheit, plur. car. der Zustand, da etwas derb ist, in allen Bedeutungen.
 
Artikelverweis 
Dereīnst, adv. temp. für einst, künftig, welches vorzüglich in der edlern und höhern Schreibart üblich ist. Wenn ich dich dereinst wieder sehe. Wenn er dereinst mein Glück machen wird. Dein Glück dereinst zu baun, Gell.
   O Doris drücke du
   Mir dort dereinst die Augen weinend zu!
   Kleist.
   Wenn dich dereinst die Sorgen des Thrones
   Aus meinen Armen ziehn,
   Raml. Anm. die höhere Schreibart der Hochdeutschen hat dieses Wort von den Oberdeutschen entlehnet, bey denen es auch dereinsten und dereinstens lautet. Auch das Adjectiv dereinstig ist für künftig im Oberdeutschen nicht selten. Dereinst stehet für dareinst, und bezeichnet eine ungewisse künftige Zeit auf eine schon gewisse Art, so, als wenn man sie vor sich sehe. S. Adelung Einst.
 
Artikelverweis 
Dêrenthalben, dêrentwegen, dêrentwillen, S. 2 Der. Anm. 3.
 
Artikelverweis 
Dêrgestált, eine Partikel, welche mit dem Dative des Demonstrativi der und dem Substantive Gestalt zusammen gesetzet ist; für in dieser Gestalt. Es ist, I. ein vergleichendes Adverbium. 1) Für dergleichen, deßgleichen. Dergestalt sind auch die übrigen Dinge, d. i. von dieser Art. Welcher Gebrauch doch nur Oberdeutsch und im Hochdeutschen wenig üblich ist. 2) Für so. Seine Umstände sind dergestalt böse, daß ihm nicht mehr zu helfen ist. Wir sind dergestalt unglücklich, daß wir uns nicht mehr zu helfen wissen. Auch hier wird man es in der reinen Hochdeutschen Schreibart gern entbehren; noch mehr aber das davon gemachte Oberdeutsche Beywort dergestaltig. 2. Eine bedingende oder einschränkende Conjunction, in welcher Bedeutung es auch im Hochdeutschen nicht unbekannt ist. Du sollst dieses haben, doch dergestalt, daß du es mit deinem Bruder theilest. Anm. Notker gebraucht schon dien gestalten, für so, dergestalt.

[Bd. 1, Sp. 1464]


 

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