Wörterbuchnetz
Grammatisch-Kritisches Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart Bibliographische AngabenLogo textgrid zeno bmbf · Logo textgrid zeno bmbf · Logo textgrid zeno bmbf
 
Dauerhaftig bis Daumenstock (Bd. 1, Sp. 1419 bis 1421)
Abschnitt zurück Abschnitt vor
Artikelverweis  Dauerhaftig, -er, -ste, adj. et adv. welches das vorige mit der müßigen Alemannischen Verlängerung ist, und daher im Hochdeutschen gar wohl entbehret werden kann. Daher das Substantiv die Dauerhaftigkeit, das Vermögen lange zu dauern, die Dauer; welches üblicher ist, als dauerhaftig.
 
Artikelverweis 
1. Dauern, verb. reg. neutr. welches das Hülfswort haben erfordert. 1) Ausstehen, ertragen; in welcher Bedeutung es nur im gemeinen Leben üblich ist, und in einigen Fällen auch als ein Activum angesehen werden kann, weil es mit der vierten Endung der Sache verbunden wird. Er hat es nur zwölf Stunden gedauert, d. i. ausgehalten. Ich kann nicht lange ohne Essen dauern. 2) An einem Orte verharren, verbleiben; gleichfalls nur im gemeinen Leben. Er kann nicht lange an Einem Orte dauern. Ich kann in dem Hause unmöglich dauern. Er kann vor Kälte nicht dauern. In welcher Bedeutung es gemeiniglich nur mit der Verneinung gebraucht wird. Nieders. gedüren, in einigen Oberdeutschen Gegenden gleichfalls gedauern. 3) Unversehrt, unverletzt fortfahren zu seyn. Eisen und Marmor dauern lange. Dieser Zeug dauert lange. Die Ochsen dauern länger als die Pferde, sind unbeschadet ihrer Kräfte länger zur Arbeit zu gebrauchen. Ingleichen, unversehrt lange dauern. Diese Art Äpfel dauert nicht, bleibt nicht lange unversehrt. Taurt dieser Anker nur, Gryph. 4) In der weitesten Bedeutung, fortfahren zu seyn. Ein heftiger Schmerz dauert nicht lange. Die Freude dauerte eine kurze Zeit. Die Schlacht, die Predigt, die Komödie hat lange gedauert.
   Zion wird beständig tauren,
   Gryph. Ingleichen zuweilen, obgleich eben nicht nach der besten Figur, lange dauern.
   Doch dauern auch der Menschen Freuden?
   Haged. Es dauerte nicht lange, so sahe ich ihn kommen, d. i. es verstrich nicht viel Zeit; wofür doch richtiger Währen gebraucht wird, S. dieses Wort.
   Anm. Dauern, Nieders. düren, Oberd. tauren, Lat. durare, Franz. durer, Ital. durar, Engl. to dure, stammet sehr wahrscheinlich von einem veralteten Worte dur, Lat. durus, Slavon. twrde, hart, her, welches auch dadurch bestätiget wird, weil mit dauer, dauerhaft, dauern zunächst auf die innere Festigkeit der Sache gesehen wird; S. Adelung Harren und Verharren, welches vermuthlich auf ähnliche Art aus hart gebildet ist. Im Schwed. bedeutet dura verbleiben, wie dauern 2. und im Griech. δρον lange. Indessen ist doch auch merkwürdig, daß schon das Hebr. 05d305d505e8 wohnen, und hernach währen, dauern, bedeutet. Diejenigen Mundarten, welche in der ersten Sylbe keinen Doppellaut haben, wie das Nieders. düren, Schwed. dura, Latein. durare, Franz. durer u. s. f. gebrauchen kein e vor dem r. Die härtere Oberdeutsche Mundart glaubt es auch nicht nöthig zu haben, und spricht daher tauren, dauren. Allein die gelindere Hochdeutsche Mundart, die nicht gerne unmittelbar vor dem r einen Doppellaut hören lässet, schiebet ein e dazwischen, und spricht Dauer, so wie

[Bd. 1, Sp. 1420]


sie aus Murus, Nieders. Mur, und aus πυρ, Nieders. Für, Mauer und Feuer bildet. Das Verbum sollte also daueren heißen; allein das letzte e wird, wie in andern ähnlichen Verbis, verbissen, und so wird dauern daraus. Fürdauern und andauern für dauern sind müßige Oberdeutsche Verlängerungen. Es scheinet, daß dieses Verbum ehedem auch eine thätige Bedeutung gehabt habe, für stärken, dauerhaft machen.
   Du hast getiuret mir den muot, singt wenigstens Dietmar von Ast.
 
Artikelverweis 
2. Dauern, verb. reg. neutr. welches gleichfalls das Hülfswort haben erfordert. Unlust empfinden, mit der vierten Endung der Person, und ersten Endung der Sache, doch nur von einigen besondern Arten der Unlust. 1) Unlust über eine begangene Handlung, Reue empfinden. Sein Verbrechen dauert ihn nicht. Es dauert mich sehr, daß ich es gethan habe. Dauert dich dein Versprechen schon wieder? Ingleichen auch von künftigen Handlungen. Laß dich die Kosten nicht dauern, laß dich durch die Kosten nicht zum Unwillen bewegen. Er läßt sich keine Arbeit dauern, er wird über keine Arbeit unwillig. Gott Lob, daß ich mich keine Mühe, und keinen Weg dauern lasse! Gell. Im Oberdeutschen gebraucht man dieses Wort unpersönlich auch mit der zweyten Endung der Sache. Ach, wie dauert mich der Zeit! Günth. 2) Mitleiden empfinden. Du gutes Kind, du dauerst mich, Gell. ich habe Mitleiden mit dir. Er dauert mich sehr, hat mich sehr gedauert. Er sagt, ich dauere ihn. Sie dauern mich von Herzen, Gell. Im Oberdeutschen ist auch hier die zweyte Endung der Sache mit der unpersönlichen Form nicht selten. Es dauert mich seiner, für er dauert mich.
   Anm. Dieses Wort lautet im Nieders. duren, bey den ältern Fränkischen und Alemannischen Schriftstellern turen, im Oberdeutschen noch jetzt tauren. Sehr wahrscheinlich ist dieses Wort von dem vorigen ganz verschieden, ob sich gleich von dessen Abstammung wenig Zuverlässiges sagen lässet, zumahl da es in den verwandten Sprachen zur Zeit noch nicht angetroffen worden. Indessen ist diese Verschiedenheit noch nicht Grund genug, dieses Wort auch in der Schreibart von dem vorigen zu unterscheiden, und es entweder tauern oder dauren zu schreiben. Die erste Schreibart ist Oberdeutsch, und kommt in dieser Mundart auch dem Zeitworte dauern, durare, zu. Die letzte ist wider die gelinde Aussprache der Hochdeutschen; S. Adelung Dauern 1. Anm. Über dieß sind beyde Wörter durch die Wortfügung schon so von einander unterschieden, daß man in keinem Falle Gefahr laufen wird, sie mit einander zu verwechseln.
 
Artikelverweis Der
Daumen, des -s, plur. ut nom. sing. Diminutiv. das Däumchen, Oberdeutsch das Däumlein. 1) Der erste und dickste Finger an der Hand, welcher ein wenig außer der Ordnung der übrigen stehet. Einem die Daumen schrauben, eine Art der Tortur, da die Daumen in einen Schraubestock eingeschroben werden; im Oberdeutschen däumeln, dameln. Einem den Daumen auf das Auge setzen oder halten, ihn in seinen gehörigen Schranken erhalten, einem den Daumen drehen, ihm schmeicheln, nach dem Munde reden, und einem den Daumen halten, ihm mit Rath und That beystehen, gehören in die figürliche Art zu reden des großen Haufens. Die letzte Redensart ist vermuthlich aus dem abergläubigen Vertrauen entstanden, welches die Unwissenheit in den Daumen eines Gehenkten setzet, dem man eine große Kraft Glück zu bringen zuschreibet; S. Diebesdaumen. 2) Die Breite eines Daumens, ein Zoll. Sechs Daumen, sechs Zoll. Eines Daumens breit. 3) In den Wassermühlen, werden die Hebearme, welche die Stampfen, Hämmer oder andere Körper aufheben, auch Daumen, und die Welle, woran sie befestiget sind, die Daumenwelle genannt, S. Däumling; entweder

[Bd. 1, Sp. 1421]


wegen einiger Ähnlichkeit mit dem Daumen an der Hand, oder auch als ein Überbleibsel der ersten eigentlichen Bedeutung dieses Wortes.
   Anm. In dem Salischen Gesetze lautet dieses Wort Tam, wenigstens rechnet man die letzte Hälfte von Alachtam hierher; im Schwabensp. Dumen, im Oberdeutschen Taumen, im Nieders. Duum, im Holländ. Duym, im Angels. Thuma, Duma, im Engl. Thumb, im Schwed. Tumme. Vermuthlich ist mit dieser Benennung auf die kurze dicke Gestalt dieses Fingers gesehen worden, und alsdann würde dieses Wort das Stammwort von Stamm, Stampf, Stumpf seyn, welche sich bloß durch den vorgesetzten Zischlaut von jenem unterscheiden; S. diese Wörter. Im Isländ. bedeutet Thuma die Hand; der Daumen aber heißt in dieser Sprache Tumling, so wie die alten Schweden ihn Thumul, Thumal, gleichsam die kleine Hand, nannten. Auch in dieser Bedeutung lässet sich das Wort bequem auf Stamm oder Stumpf zurück führen.
   In der Declination dieses Wortes weichen die Deutschen Mundarten sehr von einander ab. Die oben angezeigte ist im Hoch- und Oberdeutschen die üblichste. Andere, besonders die aus einer Mischung von Hochdeutschen und Niedersachsen bestehen, decliniren es, der Daum, des -s, plur. die Däume, andere, der Daum, des -en, plur. die -en, nach andere der Daum, des -ens, plur. die -en. Diese Verschiedenheit, erstrecket sich auch auf die Zusammensetzungen, indem daselbst dieses Wort bald Daumen bald nur Daum lautet.
 
Artikelverweis † Der
Daumendrêher, des -s, plur. ut nom. sing. in den niedrigen Sprecharten, ein Schmeichler. S. Adelung Daumen 1.
 
Artikelverweis Der
Daumendrücker, des -s, plur. ut nom. sing. an den Klinken, ein breites, rundliches Stück Eisen, worauf man mit dem Daumen drücket, wenn man die Klinke aufheben will.
 
Artikelverweis Das
Daumeneisen, des -s, plur. ut nom. sing. 1) Bey den Drahtziehern, ein Eisen, welches den ganzen Daumen bis an die Hand bedecket, damit sie bey dem Zuschlagen der Löcher in den Zugeisen den Daumen nicht verletzen. 2) Zuweilen werden auch die Daumenschrauben mit diesem Nahmen beleget. An einigen Orten sind die Daumeneisen zugleich eine Art von Banden, womit die Daumen eines Verbrechers gefesselt werden. 3) Bey den Goldschmieden, ein Amboß, welcher wegen des einen Endes ein stumpfes Bechereisen ist, um an einem beynahe flachen Boden den Seitenrand darauf rund zu machen.
 
Artikelverweis Das
Daumenlêder, des -s, plur. ut nom. sing. ein Ring von starkem Leder, welchen die Schuster an dem Daumen der rechten Hand haben, den Draht beym Zuziehen um denselben zu schlingen; der Daumenring.
 
Artikelverweis Der
Daumenring, des -es, plur. die -e, S. das vorige.
 
Artikelverweis Die
Daumenschraube, plur. die -n, ein eisernes Schraubezeug, einem Missethäter in der Tortur die Daumen damit auf dem mittlern Gelenke zu schrauben, welches der erste Grad der Tortur ist; der Daumenstock, das Daumeneisen. Die Daumenschrauben anlegen, sie anlegen und zuschrauben, aber bald wieder nachlassen. Die Daumenschrauben zuschrauben, mit den Daumenstöcken vorstellen, mit den Daumenstöcken angreifen, mit welchen Ausdrücken der heftigste Grad dieser Tortur ausgedrucket wird.
 
Artikelverweis Der
Daumenstock, des -es, plur. die -stöcke, S. das vorige.

 

Eingabe
Wörterbuchtext:
Stichwort: