Wörterbuchnetz
Grammatisch-Kritisches Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart Bibliographische AngabenLogo textgrid zeno bmbf · Logo textgrid zeno bmbf · Logo textgrid zeno bmbf
 
Dachtel bis Dāher (Bd. 1, Sp. 1368 bis 1370)
Abschnitt zurück Abschnitt vor
Artikelverweis Die Dachtel, plur. die -n, im niedrigen Scherze, eine Ohrfeige, Nieders. Tachtel; vielleicht von denken, gedacht, gleichsam ein Denkzettel.
 
Artikelverweis 
Die Dachtraufe, plur. die -n, das von einem Dache herab fallende Regen- oder Schneewasser, ohne Plural; im Oberdeutschen die Dachtröpfe. Ingleichen die Röhre, vermittelst deren man dieses Wasser von den Dächern ableitet, die Dachrinne, und der unterste Rand des Daches, welcher über der Wand eines Gebäudes vorraget, die Traufe; im Nieders. Öse, Altfriesisch Osa.
 
Artikelverweis 
Die Dáchung, plur. die -en, das Decken eines Gebäudes, ohne Plural. Die Dachung vornehmen, zur Dachung schreiten. Ingleichen das Dach selbst, und die Art und Weise es zu decken. Ein gewisser Landwirth hat viele Versuche mit den Dachungen gemacht. Von dem veralteten Verbo dachen. S. Adelung Decken.
 
Artikelverweis 
Der Dachziegel, des -s, plur. ut nom. sing. Ziegel oder gebrannte Steine, das Dach eines Gebäudes damit zu decken. S. Adelung Ziegel.
 
Artikelverweis 
Dādurch und Dadúrch, adv. demonstrativo relativum, für durch diesen, durch diese, durch dieses, durch denselben etc. Es ist
   1. Ein anzeigendes Umstandswort des Ortes, da es denn den Ton alle Mahl auf der ersten Sylbe hat. 1) Eigentlich. Gehe mir nicht hierdurch, sondern dadurch. Sie ritten dadurch, d. i. an diesem Orte ritten sie durch. Vielleicht wird es in dieser Bedeutung besser getheilt geschrieben, da durch. Wenigstens lässet es sich hier füglich theilen: da ritten sie durch, gehe mir da nicht durch; welches sonst bey andern Partikeln dieser Art ein Fehler seyn würde. 2) Figürlich, ein Mittel oder Werkzeug zu bezeichnen. Dadurch wirst du nichts erlangen. Lassen sie sich dadurch nicht irre machen. Dadurch habe ich es endlich dahin gebracht, daß u. s. f.
   2. Ein beziehendes Umstandswort des Ortes, da es denn den Ton auf der letzten Sylbe hat. 1) Eigentlich. Ehedem war es gefährlich, durch diesen Wald zu reisen; aber jetzt reiset man sicher dadurch. Das Wasser ist nicht tief, ein Pferd kann dadurch gehen. 2) Figürlich, ein Mittel, oder ein Werkzeug auszudrucken. Die Sache hat nicht viel gekostet, indessen hat er sich doch dadurch zu Grunde gerichtet. Alles Bitten war umsonst, es war nichts dadurch zu erhalten.
   Anm. Ottfried gebraucht statt dieses Wortes noch thuruh thaz, Notker aber schon dar dure. Nieders. daar dör. S. Adelung Da II. und Durch.
 
Artikelverweis 
Dāfern, und Dafếrn, conjunct. condit. für wenn, für das bessere wofern. Ich will es dir geben, dafern du zu mir kommen wirst, oder, dafern du zu mir kommen wirst, will ich es dir geben.

[Bd. 1, Sp. 1369]



   Laßt euch (dafern ihr jemahls hört
   Wie sehr ich unsre Zeit verehrt,)
   Dieß eurer Väter Lob gefallen,
   Haged. S. Adelung Da II. und Fern.
 
Artikelverweis 
Dāfür, und Dafǖr, adv. demonstrativo-relativum, anstatt für diesen, für diese, für dieses, für denselben u. s. f. Es beziehet sich, 1) auf ein Übel, und bezeichnet alsdann ein Gegenmittel. Sie haben das Fieber? O, meine Arzeney ist gut dafür. Er hat den Stein, und kein Mittel will dafür helfen. 2) Auf einen Gegenstand der Bemühung. Ich lasse einen andern dafür sorgen, oder dafür lasse ich einen andern sorgen. Ich kann nichts dafür, ich bin nicht Ursache, daß dieses geschehen ist. Wer kann was dafür, daß die Leute so thöricht sind? 3) Auf einen Gegenstand der Versicherung, der Meinung. Er ist ein Arzt, wenigstens gibt er sich dafür aus. Du bist ein Betrieger, jedermann hält dich dafür. Dafür halten, für glauben, meinen, einer ungewissen Sache Beyfall geben, ich halte dafür, daß er kommen wird, oder er wird kommen, wie ich dafür halte, fängt an in der anständigen Schreibart selten zu werden, obgleich der Infinitiv in den Oberdeutschen Kanzelleyen auch als ein Hauptwort gebraucht wird: meines Dafürhaltens. Ich hielt mich nicht dafür, daß ich etwas wüßte, wie es in der Deutschen Bibel heißt, ist in dieser Wortfügung im Hochdeutschen ganz ungewöhnlich. Übrigens kann dafür in dieser Bedeutung auch auf Personen gehen, welches sonst den wenigsten dieser Wörter erlaubt ist. 4) Auf einen Gegenstand des Werthes, der Wiedererstattung, Ersetzung u. s. f. Ich bin dir gut dafür. Mancher sollte arbeiten, aber er spielet dafür. Was wird mir dafür? Wer steht mir dafür? Er hat mir dafür gearbeitet. Du mußt mir Rechenschaft dafür geben. Ist das mein Dank dafür? Ich will es dafür behalten, für diesen Preis. Ich gebe nicht mehr als zehen Thaler dafür. Wer hält es für eine Verläugnung, Geld hinzugeben, wenn er Thränen dafür ersparen kann? Dusch.
   Anm. Am häufigsten hat dieses Wort den Ton auf der letzten Sylbe. Wenn es aber zu Anfange eines Satzes oder Kommas stehet, in welchem Falle es alle Mahl eine anzeigende Partikel ist, so tritt, wie bey andern Wörtern dieser Art, der Ton zurück auf die erste Sylbe. Dáfür wirst du schon büßen müssen. Dáfür werden dich alle Heiligen bitten. Dáfür halte uns jedermann. Es geschiehet dieses auch wohl in der Mitte der Rede um eines besondern Nachdruckes willen. Opitz gebraucht sein darfür für davor, und dieß für zuvor, oben:
   Denn was gesagt darfür
   Von dieser ganzen Lehr, erkieckt uns auch allhier. Im Nieders. lautet diese Partikel daar vör. S. Adelung Da II. Für, und Davor.
 
Artikelverweis 
Daggen, und Dāgegen, particula demonstrativo-relativa, für gegen diesen, gegen diese, gegen dieses, gegen denselben u. s. f. Es ist
   1. Ein Umstandswort, und bezeichnet, 1) eine Richtung, Bewegung, oder Neigung gegen und wider eine Sache; dawider. Er fiel an die Mauer und stieß mit dem Kopfe dagegen. Ingleichen figürlich, eine Bemühung des Geistes gegen etwas, Widerstand. Sie haben meine Meinung gehöret, und nun wünschte ich, daß sie Einwürfe dagegen machten. Ich sagte ihm meine Gründe; allein er wandte dagegen ein u. s. f. Meine Ermahnungen sind umsonst, er ist taub dagegen. Ich habe nichts dagegen. S. Adelung Dawider. 2) Eine Vergleichung. Sein Verdienst ist groß, das deinige ist nichts dagegen, in Vergleichung mit dem seinigen. Dieses Buch ist nicht größer als jenes, halte es nur dagegen. Eine Stelle im Zuchthause muß

[Bd. 1, Sp. 1370]


eine rechte Glückseligkeit dagegen seyn, Gell. 3) Eine Vertauschung, Verwechselung. Ich setze dir ein Schaf, was gibst du mir dagegen? Du gibst mir Geld, ich gebe dir Waare dagegen.
   2. Ein Bindewort, einen Ersatz, oder Vergütung mit dem Vorigen zu verbinden. Er ist dein Feind, dagegen bin ich dein Freund. Sehr häufig gebraucht man es auch zur Verbindung eines Gegentheiles, für im Gegentheile. Er verlässet sich auf die Soldaten, dagegen trauet er den Bürgern nicht. Ich habe niemanden beleidiget, dagegen vielen geholfen. Allein wenn es alsdann nicht zugleich eine Compensation des Vordersatzes ist, wie in dem ersten der beyden letzten Beyspiele, so verursachet es einen merklichen Übelklang. In beyden Fällen stehet dagegen nur zu Anfange eines Satzes oder Kommas; hingegen und hergegen aber können auch nach einem oder mehrern Worten stehen.
   Anm. Notker gebraucht dafür dara gagene. Wenn das Umstandswort zu Anfange eines Satzes stehet, folglich mehr demonstrativ ist, hat es den Ton auf der ersten Sylbe: dágegen ist nicht einzuwenden. Dahingegen für das Bindewort dagegen, ist eine unnütze Oberdeutsche Verlängerung. S. Adelung Da II. und Gegen.
 
Artikelverweis 
Das Dagger, Daggert, des -s, plur. inus. ein dickes Öhl, welches man aus der alten Birkenhaut destilliret, und zur Zubereitung des Juchtens, zur Wagenschmier u. s. f. gebraucht; Rußöhl. Das Wort ist vermuthlich Russisch, weil die Sache selbst eine Russische Erfindung ist. Die Deutsche Benennung Degenöhl, welche man demselben auch wohl gibt, ist nur daraus verderbt.
 
Artikelverweis 
Daheīm, ein im Hochdeutschen seltenes Umstandswort des Ortes, für zu Hause. Daheim seyn. Daheim bleiben. Er ist daheim erzogen. Es ist nirgends besser als daheim. An einem Orte daheim seyn daselbst zu Hause seyn.
   Hier wo der Guten Schaar zuvor daheimen war,
   Opitz.
   Daheim belehrten ihn die Schriften kluger Alten,
   Haged. In der Deutschen Bibel kommt dieses Wort noch sehr häufig vor. Bey dem Stryker lautet es dohaime. Da stehet hier vermuthlich für zu. S. Adelung Heim.
 
Artikelverweis 
Dāher und Dahr, adv. demonstrativo-relativum, welches so wohl als ein Umstandswort, als auch als ein Bindewort gebraucht wird.
   1. Als ein Umstandswort, und zwar des Ortes, bezeichnet es, 1) Eigentlich, eine Bewegung von einem vorher genannten Orte her. Ich komme nicht von Berlin, aber mein Bruder kömmt daher. Kommen sie aus Frankreich? wir kommen nicht daher. Wenn die Sacramente von Gott herstammen, so müssen ihre Diener ihren Ursprung auch daher haben. In dieser Bedeutung liegt der Ton auf der letzten Sylbe. In denjenigen Fällen aber, wo diese Partikel eine anzeigende Bedeutung hat, folglich zu Anfange eines Satzes stehet, z. B. dáher kann es nicht kommen, hat sie auch den Ton auf der ersten Sylbe.
   2) In weiterer Bedeutung verschwindet die Beziehung auf einen vorher bestimmten Ort, und da bedeutet dieses Umstandswort so viel als herein, einher, oder auch nur her. In diesem Falle wird es in der höhern Schreibart sehr häufig mit verschiedenen Verbis gebraucht, die eine Bewegung bedeuten.
   Mit beben. Wenn die klingende Lanze daher bebt, Klopst.
   Mit brausen. Der Rache Donner braust schon über mich daher, Weiße.

[Bd. 1, Sp. 1371]



   Mit fahren. Er fähret daher wie ein Fürst. Die Wolken donnerten und die Strahlen fuhren daher, Ps. 77, 18. Er wird kommen und wie eine Fluth daher fahren, Dan. 11, 10. Der Abend fährt daher, Zachar.
   Mit fliegen. Und er fuhr auf dem Cherub und flohe daher, 2 Sam. 22, 11. Er fleucht daher wie ein Adler, Jer. 48, 40.
   Mit fließen. Eines weisen Mannes Lehre fleußt daher wie eine Fluth, Sir. 21, 16. Denn sein Segen fleußt daher wie ein Strom, Kap. 39, 27.
   Mit gehen. Er gehet prächtig daher. Ich muß beraubt und bloß daher gehen, Mich. 1, 18. Und nicht so stolz daher gehen sollet, Kap. 2, 3.
   Mit hauen, welches aber außer der Deutschen Bibel nicht vorkommt. Ach, wie glänzet es, und hauet daher zur Schlacht, das Schwert, Ezech. 21, 15.
   Mit hüpfen. Hänschen hüpfte froh daher, Weiße.
   Mit kommen. Und sahe, daß Kamehle daher kamen, 1 Mos. 24, 63. Du wirst herauf ziehen und daher kommen mit großem Ungestüme, Ezech. 39, 9.
   Mit prangen. Sie prangete stolz daher.
   Mit rauschen. Deine Fluthen rauschen daher, Ps. 42, 8. Drohende Berge von Wellen rauschten daher und schlugen die Seiten des seufzenden Schiffes, Dusch.
   Mit schleichen. Gebeugt schleicht sie daher, Dusch.
   Mit schwanken. Ein Betrunkener, der von einem Schmause daher schwanket, Dusch.
   Mit schweben. Und ach wie schwebte das glühende Mädchen im himmlischen Tanze daher! Weiße.
   Mit segeln. Durch die Fläche daher segeln.
   Mit stürmen. Die kämpfenden Haufen stürmen im Gewitter daher, Dusch.
   Mit taumeln.
   Ein Trinker kam von ohngefähr,
   Und taumelte den Weg daher, Less.
   Mit treten. Wie stolz trat er daher? Er tritt daher wie eine Kröte im Mondscheine, mit einem lächerlichen Stolze.
   Mit wachsen, welche Figur doch ein wenig hart ist. So wächst er, der Baum, daher, als wäre er gepflanzet, Hiob 14, 9.
   Mit wallen.
   Mit pestilenzischem Fittig
   Wallet auf Nebeln die Seuche daher, Zach.
   Mit ziehen. Da Nebucad Nezar daher zog, Egyptenland zu schlagen, Jer. 46, 13. Und werden weinend daher ziehen, und den Herren ihren Gott suchen, Kap. 50, 4.
   Und so mit andern ähnlichen Verbis mehr, wo der Ton gleichfalls auf der letzten Sylbe liegt.
   3) Figürlich, für daraus, die Beziehung auf eine Ursache, auf den Grund einer Erkenntniß u. s. f. zu bezeichnen. Dieß kommt daher, weil er so flüchtig ist. Ich vermuthe es daher, weil ich ihn so lange nicht gesehen habe. Daher läßt sich abnehmen, wie viel er muß verloren haben. Wenn die Partikel, wie in den jetzt angeführten Fällen, in dem Vordersatze oder zu Anfange des Kommas stehet, so ruhet der Ton auf da, weil sie alsdann mehr damonstrativ ist; steht sie aber im Nachsatze, nach einigen Worten, in welchem Falle sie alle Mahl mehr relativ ist, so hat ihn die letzte Sylbe. Er nahm dahér Gelegenheit von der Sache zu reden. Die Zufälle, die dahér entstehen. Opitz und andere Oberdeutsche gebrauchen dafür dannenher, dieses rühret dannenher.

[Bd. 1, Sp. 1372]



   4) Eine Zeit, doch nur in einigen gemeinen Redensarten, bis daher, bis auf diese Zeit. Der Himmel weiß, wie viele Thränen ich über die Schmerzen geweinet habe, die ich sie einige Zeit daher habe ausstehen sehen, seit einiger Zeit.
   2. Als ein Bindewort, die Beziehung einer Wirkung auf die Ursache auszudeuten, die Wirkung mit ihrer Ursache zu verbinden. Er hat seine Schuldigkeit gethan, daher kann ich mich nicht über ihn beklagen, oder, ich kann mich daher nicht über ihn beklagen, oder auch, daher ich mich nicht über ihn beklagen kann. Er war abwesend, daher entstand denn der Verdacht u. s. f. Es ist nichts an der Sache, ängstigen sie sich daher nicht.
   Dieses Bindewort hat den Ton jederzeit auf der letzten Sylbe. Opitz gebraucht dafür dannenher, dannher, die Schweizer danahen, deßnahen, Kero, Ottfried, Notker und andere ältere Schriftsteller bithiu, bidhiu, pidiu, eigentlich dabey, Willeram aber vane dannen. Dahero für daher ist eine veraltete Oberdeutsche Form.

 

Eingabe
Wörterbuchtext:
Stichwort: