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Grammatisch-Kritisches Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart Bibliographische AngabenLogo textgrid zeno bmbf · Logo textgrid zeno bmbf · Logo textgrid zeno bmbf
 
Charlótte bis Chicāne (Bd. 1, Sp. 1324 bis 1327)
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Artikelverweis  Charlótte, (sprich Scharlótte,) ein aus dem Franz. Charlotte entlehnter Nahme des weiblichen Geschlechtes, welcher so viel als Carolina bedeutet; verkürzt Lotte, Lottchen.
 
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Das Charnīer, (sprich Scharnīer,) des -es, plur. die -e, aus dem Franz. Charniere, ein Gewinde, eine einfache oder

[Bd. 1, Sp. 1325]


doppelte Spalte an den äußersten Theilen vieler Werkzeuge, diese Theile dadurch beweglich zu machen.
 
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Charte, S. Adelung Karte.
 
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Die Chārwóche, (sprich Karwoche,) plur. die -n, die Woche vor Ostern, die stille Woche. S. Adelung Charfreytag.
 
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Die Chatulle, S. Adelung Schatulle.
 
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Die Chaussée, (sprich Schossēh, zweysylbig,) plur. die -n, (dreysylbig,) ein durch Kunst gemachter erhöheter Weg von Kieß oder zerschlagenen Steinen, wodurch sich ein solcher Weg von einem Damme unterscheidet, welcher mit Steinen gepflastert wird. Da wir diese Art der Wegebesserung aus Frankreich bekommen, so haben wir auch den Nahmen mit annehmen müssen. Einige neuere Schriftsteller haben dafür Deutsche Benennungen vorgeschlagen. Straßendamm ist unschicklich, weil es eigentlich eine gepflasterte Straße bedeutet, dergleichen doch eine Chaussee nicht ist. Kunststraße und Hochweg, letzteres nach dem Engl. Highway, erschöpfen den Begriff auch nicht, und lassen sich auf jede andere Art künstlicher Wege anwenden.
 
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Das Chavot, S. Schaffott.
 
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Die Chemie, S. Adelung Chymie.
 
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Chen, eine Endsylbe, vermittelst welcher aus Hauptwörtern verkleinernde Wörter gebildet werden. Zuweilen kann diese Sylbe dem Hauptworte ohne alle Veränderung angehänget werden, wie in Becherchen, Bretchen, Beetchen, Beinchen, Bettchen, Beutelchen, Bildchen, Bißchen u. s. f. von Becher, Bret u. s. f. Wenn aber die nächst vorher gehende Sylbe ein a, o, u, oder au ist, so werden solche in ä, ö, ü, oder äu verwandelt: Ämtchen, Altärchen, Äpfelchen, Ästchen, Bällchen von Ball, Bänkchen, Bärtchen, Bäumchen, Öchschen, Blöckchen, Böckchen, Mütterchen, Hündchen, Küßchen von Kuß, Häuschen u. s. f. Doch gibt es auch einige, obgleich wenige Wörter, wo diese Vocale unverändert bleiben, dahin z. B. Alraunchen und einige andere gehören. Diese Veränderung findet auch in der zweyten Sylbe vor dem chen Statt: Kämmerchen, Füderchen, Klösterchen, Müsterchen, Mäuerchen, Schächtelchen, Täfelchen u. s. f. Ankerchen, Papierchen, und vielleicht noch einige andere machen auch hier eine Ausnahme.
   Wenn sich das Hauptwort, welches auf diese Art verkleinert werden soll, auf ein e oder en endiget, so werden diese Sylben weggeworfen. So wird aus Ähre, Backe, Affe, Bube, Änte, Base, Beere, Ballen, Küssen, Leisten, Balken, u. s. f. Ährchen, Bäckchen, Äffchen, Bübchen, Äntchen, Bäschen, Beerchen, Bällchen, Küßchen, Leistchen, Bälkchen u. s. f.
   Wenn aber der letzte Consonant des zu verkleinernden Wortes bereits ein Hauchlaut ist, so pflegen die Hochdeutschen alsdann dem Worte noch ein el anzuhängen, um die Zusammenkunft zweyer Hauchlaute zu vermeiden; da denn die Verkleinerungsendung. -elchen lautet. So wird aus Blech, Sache, Ding u. s. f. ein Blechelchen, Sächelchen, Dingelchen, Büchelchen, Sprüchelchen, Löchelchen, Gängelchen, Strichelchen, Stängelchen, Ängelchen u. s. f. Man findet dergleichen Diminutiva zwar auch im Oberdeutschen, aber vorzüglich sind sie doch den Hochdeutschen eigen; dagegen die Niedersachsen in solchen Fällen ihrem ken noch ein s vorsetzen, Dingsken, Gängsken, Böksken u. s. f. Gemeiniglich behauptet man, daß solche Wörter doppelte Diminutiva sind, weil die Oberdeutsche verkleinernde Endung lein, im gemeinen Leben oft nur el lautet; Bübel, Närrel, Sächel, für Büblein, Närrlein, Sächlein. Allein die Sylbe el scheinet in dem angeführten Falle so wenig ein eigenes Diminutivum zu seyn, als es das s in dem Niedersächsischen sken ist, sondern bloß um des Wohlklanges willen zu stehen.

[Bd. 1, Sp. 1326]



   Hierher gehören aber diejenigen Wörter nicht, an welchen -el die gewöhnliche Ableitungssylbe ist, welche ein Werkzeug, Ding, Subject u. s. f. bedeutet: Achsel, Beutel, Ärmel, Winkel, Schachtel, Schüssel, Büschel, und andere mehr, welche der gewöhnlichen Analogie folgen: Ächselchen, Beutelchen, Ärmelchen, Winkelchen, Schächtelchen, Schüsselchen, Büschelchen.
   Alle Diminutiva, wenn sie es zugleich der Form nach sind, sind im Deutschen ungewissen Geschlechtes, auch wenn sie von weiblichen Nahmen gemacht sind. Liebstes Lorchen. Bestes Dorchen.
   Alle eigentliche Diminutiva, folglich auch die auf -chen, haben in der zweyten Endung des Singulars ein s, und die erste Endung im Plural ist der ersten Endung im Singular gleich. Das Hündchen, des -s, plur. die Hündchen. Aber es gibt im Hochdeutschen auch einige Diminutiva, welche von dem Plural des Hauptwortes, welches verkleinert werden soll, gebildet werden. Kleine Lichterchen, artige Bücherchen, liebe Kinderchen, närrische Dingerchen, possierliche Männerchen, niedliche Wörterchen. So auch Häuserchen, Weiberchen, Geisterchen u. s. f. Diese Diminutiva finden nur bey solchen Wörtern Statt, die sich im Plural auf -er endigen; über dieß sind sie nur in der vertraulichen oder scherzhaften Sprechart üblich.
   Überhaupt sind alle Diminutiva auf chen nur der Hochdeutschen Mundart eigen, die dadurch die Nieders. Diminut. auf -ken auszudrucken suchet; denn die Verkleinerungswörter der eigentlichen Oberdeutschen endigen sich insgesammt auf lein. Freylich finden sich auch im Oberdeutschen Verkleinerungswörter auf -chen; aber alsdann sind sie entweder von den Niedersachsen angenommen, oder es sind noch Überreste einer ältern allgemeinern Mundart; denn eine nur flüchtige Betrachtung der fremden Sprachen lehret uns, daß die verkleinernde Form auf -chen gewiß so alt und allgemein ist, als die auf -lein. Die Niedersachsen und Dänen machen ihre Diminutiva auf ken, einige Oberdeutsche auf ger, z. B. Würmger, Eyerger, Thierger, Zähnger u. s. f. die Engländer und Holländer auf kin, die Slavonischen und Wendischen Mundarten auf ka und ko, wenigstens in einigen Fällen, die Perser auf ke, anderer zu geschweigen. Die eigentliche Bedeutung dieses Wörtchens ist noch unbekannt, weil es sich in dem höchsten Alterthume der Sprache verlieret.
   Es ist nur noch die Frage übrig, ob die Ableitungssylbe chen oder gen geschrieben werden muß. Diese Frage ist nicht schwer zu beantworten; denn alle Gründe sind für das chen, nicht so wohl, weil diese Schreibart dem Niedersächsischen ken am nächsten kommt, sondern weil die Aussprache aller Hochdeutschen das ch unentbehrlich macht. Manche Mitteldeutsche lassen zwar gern ein g hören; allein das ist ein Fehler ihrer Mundart, der für die übrigen kein Gesetz seyn kann. Wippel gibt in der von ihm besorgten Ausgabe von Bödickers Sprachkunst die Regel, man solle nach einem gelinden Endbuchstab gen, und nach einem adspirirten chen schreiben, folglich Mündgen, Leibgen, Seelgen, Drähtgen, und Döckchen, Glöckchen u. s. f. Allein alsdann müßten die allermeisten Wörter das g bekommen, welches wider die Aussprache seyn würde. Da nun das ch in der allgemeinen Aussprache aller Hochdeutschen gegründet ist, so muß man es billig in dem Besitze seines so wohl hergebrachten Rechtes lassen.
   Die verkleinernde Form -chen ist, wie schon gesagt worden, vorzüglich der Hochdeutschen Mundarten eigen. Allein da sie doch zunächst aus der Niedersächsischen Mundart herstammet, so hat sie auch mit allen übrigen daher entlehnten Formen und Wörtern das gemein, daß sie in der höhern und erhabenen Schreibart für niedrig gehalten wird. In dieser vermeidet man die Diminutiva ohnehin so sehr als möglich; wenn man sie aber ja gebrauchen muß, so werden die mit dem Oberdeutschen lein ihrer

[Bd. 1, Sp. 1327]


Würde allemahl angemessener seyn, als die auf chen. Um deßwillen gab und Luther in seiner Übersetzung der Bibel den Verkleinerungswörtern auf lein fast überall den Vorzug, ungeachtet sie der Mundart, in welcher er geboren war, und in welcher er schrieb, gleich fremd waren. Die vertrauliche Schreibart hingegen darf sich der Wörter auf chen im geringsten nicht schämen. S. Adelung Lein.
 
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Der Cherub, plur. die Cherubim, aus dem Hebr. 05db05e805d505d1, stark seyn, ein Nahme, welcher in der heil. Schrift einer der obersten Ordnung der Engel beygeleget wird. Cherubim ist der Hebr. Plural; aber gemeiniglich gebraucht man es auch im Singular, der Cherubim, welches selbst in der Deutschen Bibel geschehen ist. Einen Cherubim für den Garten lagern, 1 Mos. 3, 34, wo es billig heißen sollte, einen Cherub. Von den auf der Bundeslade befindlichen aber uns jetzt unbekannten Gestalten dieser Cherubim pflegen die Bildhauer und Baumeister eine Figur, die einen Kindeskopf mit zwey Flügeln vorstellet, einen Cherubim zu nennen.
 
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Die Chicāne, (sprich Schikāne,) plur. die -n, ein künstliches Hinderniß, unerhebliche Einwendung u. s. f. eine Handlung oder Sache zu hindern, oder wenigstens aufzuhalten. Ingleichen die Kunst, eine Sache, besonders einen Rechtshandel, durch dergleichen Mittel aufzuhalten. Die Chicane ist fast eben so furchtbar, als die Ungerechtigkeit. Daher der Chicaneur, (sprich Schikanȫr,) des -s, plur. die -s, der sich solcher Kunstgriffe bedienet, und chicaniren, solche Kunstgriffe anwenden. Es ist aus dem Franz. Chicane, welches ursprünglich ein Ballspiel zu Pferde war, welches auch die spätern Griechen unter dem Nahmen τζυκανιστριον kannten. Wir haben im Hochdeutschen keinen schicklichen Ausdruck für diesen Begriff, und müssen uns daher mit dem Französischen behelfen. Aber auf dem Hundsrücke nennt man die Chicane Micklerey, und einen Chicaneur einen Wickler; in andern Gegenden hat man die Ausdrücke Flausen und Flausenmacher u. s. f.

 

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