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Bürgerlich bis Burgfriede (Bd. 1, Sp. 1263 bis 1265)
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Artikelverweis  Bürgerlich, adj. et adv. einem Bürger, oder dem Bürgerstande gemäß, in dessen Verhältnissen gegründet, doch, nach dem verschiedenen Gebrauche des Wortes Bürger, mit verschiedenen Nebenbegriffen. 1) So fern Bürger den Einwohner einer Stadt bedeutet, welcher in Ansehung seines Nahrungsgeschäftes der Rechte und Freyheiten der Stadt theilhaftig ist. Sich bürgerlich

[Bd. 1, Sp. 1264]


nähren, wie Bürger sich zu nähren pflegen. Bürgerliche Nahrung treiben. Bürgerliche Freyheiten, bürgerliche Beschwerden, bürgerliche Abgaben. Ein bürgerlicher Krieg, ein Krieg unter den Bürgern einer Stadt. Der bürgerliche Gehorsam, ein gelindes Gefängniß für straffällige Bürger. Bürgerliche Sachen, dergleichen unter Bürgern vorkommen, und den Verlust des Bürgerrechtes nicht nach sich ziehen; Civil-Sachen. Das bürgerliche Recht, so fern es dem peinlichen entgegen gesetzt ist, welches über bürgerliche Sachen richtet. Weichbild Art. 17. in Gloss. »Die Klagen sind entweder burglich oder peinlich. Burgliche Klagen sind, da beyde der Kläger und der Antworter vor der Klag und nach der Klag Burger bleiben, also daß keiner den andern nicht vorflüchtig darf werden. Peinliche Klage ist anders nichts, denn da man fordert von dem Bruchhaftigen seine verdiente Pein und keinen Abtrag noch Buße.« In einer weitern Bedeutung kommt es im dritten Absatze vor. Die bürgerliche Obrigkeit, die nächste Obrigkeit einer Stadt, welche die Polizey und den äußern Wohlstand der Stadt zu besorgen hat, zuweilen aber auch mit der bürgerlichen Gerichtsbarkeit versehen ist; die Civil-Obrigkeit. 2) So fern unter dem Worte Bürger der dritte Stand eines Staates verstanden wird, bedeutet dieses Wort, (a) oft so viel, als im gemeinen Leben üblich, dem gemeinen Leben gemäß, doch mit verschiedenen Einschränkungen und Nebenbegriffen. Das bürgerliche Leben, die Lebensart der meisten in einem Staate. Der bürgerliche Tag, in der Astronomie, der Tag der aus Tag und Nacht oder 24 Stunden bestehet, in welcher Zeit sich die Erde Ein Mahl um die Sonne beweget, der Sonnentag, der natürliche Tag; im Gegensatze des künstlichen, welcher nur die Zeit begreift, in welcher die Sonne über dem Horizonte gesehen wird. Das bürgerliche Jahr, welches nur nach Tagen berechnet wird, und wozu so wohl das gemeine Jahr, als das Schaltjahr gehören; im Gegensatze des astronomischen Jahres, dessen Dauer nach Stunden und Minuten berechnet wird. Die bürgerliche Baukunst, welche im gemeinen Leben gebraucht wird; im Gegensatze der Kriegsbaukunst, Schiffsbaukunst und Wasserbaukunst. (b) In der Sprache der großen Welt bedeutet bürgerlich figürlich oft so viel, als von seinen Sitten entfernet, den Gewohnheiten des Hoflebens und Adelstandes nicht gemäß. Sehr bürgerliche Sitten haben. Sein Wort halten, läßt heut zu Tage gar zu bürgerlich.
   Ein Sprößling eigennütz'ger Ehe,
   Der stolz und steif und bürgerlich,
   Im Schmausen keinen Fürsten wich,
   Haged. 3) So fern unter Bürger die Glieder eines Staates verstanden werden. Die bürgerliche Gesellschaft, da sich viele dem Willen Eines unterworfen haben, im Gegensatze derjenigen Gesellschaft, welche aus Ältern und Kindern bestehet. Bürgerliche Gesetze, in der weitesten Bedeutung, wonach man im gemeinen Leben seine Handlungen einzurichten hat, besonders in Rücksicht auf seinen Nächsten. Das bürgerliche Recht, in der weitesten Bedeutung, der Inbegriff der Rechte, welche Unterthanen oder Bürger als Bürger gegen einander haben; im Gegensatze des Staatsrechtes, und des Staatenrechtes oder öffentlichen Rechtes. In engerer Bedeutung verstehet man unter dem bürgerlichen Rechte (Jus civile) nur die Sammlung der darauf gerichteten Römischen Gesetze, im Gegensatze des kanonischen und Municipal-Rechtes. In der engsten Bedeutung ist es im ersten Absatze vorgekommen. Ein bürgerlicher Krieg, ein innerlicher Krieg, unter den Unterthanen eines Staates.
 
Artikelverweis Der
Bürgermeister, des -s, plur. ut nom. sing. dessen Gattinn, die Bürgermeisterinn. 1) Der vornehmste unter der bürgerlichen Obrigkeit einer Stadt; Consul, nach der Gewohnheit

[Bd. 1, Sp. 1265]


der mittlern Zeiten aber auch an vielen Orten Proconsul, indem sich die Rathsherren oft Consules zu nennen pflegten. S. Adelung Rathsmeister. 2) Bey dem Klein eine Art dreyzehiger Patschfüße, welche nur in den nordischen Gewässern angetroffen wird; Plautus Proconsul, welcher im Engl. gleichfalls Burghermaster heißt.
   Anm. Im gemeinen Leben, so wohl Ober- als Niederdeutschlandes lautet dieses Wort Burgemeister. Frisch tadelt es, aber ohne Noth; ja es ist den Sprach- und Gehörwerkzeugen minder unangenehm, da es ein r weniger hat. Burgemeister, bedeutet den Vornehmsten einer Burg oder Stadt, der ehedem auf ähnliche Art auch Städtemeister genannt wurde. Im Schwedischen heißt er gleichfalls Borgmaestare, im Dän. Borgemester, im Franz. Bourguemaitre, aber im Schwabenspiegel schon Burgermaister. S. auch Burgmann. In einigen Oberdeutschen Gegenden heißt der Schultheiß eines Dorfes Bürgermeister.
 
Artikelverweis 
Die Bürgerpflicht, plur. die -en, eine Pflicht, zu welcher der Bürger einer Stadt, als Bürger verbunden ist. Zuweilen auch der Bürgereid.
 
Artikelverweis 
Das Bürgerrêcht, des -es, plur. inus. 1) Der Inbegriff aller Gerechtsamen, welche ein Bürger in der engern Bedeutung in Ansehung seines Nahrungsgeschäftes zu genießen hat. Das Bürgerrecht erhalten, erlangen. Sich um das Bürgerrecht bewerben. Einem das Bürgerrecht ertheilen. Das Bürgerrecht verwirken. Aufs Bürgerrecht arbeiten, bey den Handwerkern, wenn ein Handwerker unter dem Schutze seines Bürgerrechtes sein Handwerk treibet, ohne in die Innung aufgenommen zu seyn. 2) In weiterer Bedeutung, der Inbegriff aller Gerechtsamen, welche ein Einwohner eines Staates oder einer Provinz, als ein solcher zu genießen hat; das Einzöglingsrecht, in der Schweiz das Landrecht, in Niedersachsen die Landlage, sonst aber auch mit einem fremden Worte das Indigenat. S. Adelung Bürger 6.
 
Artikelverweis 
Die Bürgerrolle, plur. die -n, S. Adelung Bürgerbuch.
 
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Die Bürgerschaft, plur. die -en. 1) * Der Stand, die Würde eines Bürgers, ohne Plural; in welcher Bedeutung aber dieses Wort nicht üblich ist. 2) Die Bürger einer Stadt, als ein Ganzes betrachtet. Die Bürgerschaft zusammen berufen. Die ganze Bürgerschaft war beysammen. Auch in weiterer Bedeutung, die sämmtlichen Einwohner einer Stadt. Wenn aber Ephes. 2, 12, unter der Bürgerschaft Israel, der ganze Jüdische Staat verstanden wird, so ist das wider den Sprachgebrauch wenigstens im Hochdeutschen. In Westphalen ist statt dieses Wortes auch die Bürgerey üblich.
 
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Der Bürgerstand, des -es, plur. die -stände, der Stand der Bürger, so wohl im Abstracto und ohne Plural, als auch im Concreto, die sämmtlichen Bürger eines Staates oder einer Provinz und deren Gevollmächtigte.
 
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Die Bürgerstube, plur. die -n, eine Stube, oder ein Zimmer, in welchem sich die Bürger versammeln.
 
Artikelverweis 
Der Burgflêcken, des -s, plur. ut nom. sing. in einigen Gegenden, z. B. der Mark Brandenburg, ein bey einer Burg angelegter Ort, welcher mehr Rechte als ein Dorf, aber weniger als eine Stadt oder als ein Flecken hat.
 
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Die Burgfreyheit, plur. die -en, an einigen Orten noch der Gerichtsbezirk einer Burg, welcher auch der Burgbann, die Burgwart, die Castellaney, Franz. Chatelenie, hieß. Das Wort Burgfreyheit wurde ehedem oft zusammen gezogen Burgfreyt und Burgfriede geschrieben. S. Adelung Freyheit.
 
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Der Burgfriede, des -ns, plur. die -n. 1) Eine Art Befriedigung oder Befestigung ohne Mauern, nur mit Wall und Graben. 2) Eine Burg zum Frieden, d. i. zur Sicherheit gewisser Geschlechter und Gegenden. 3) Eine befreyete Gegend um

[Bd. 1, Sp. 1266]


eine Burg, um welche der öffentliche Friede nicht gestöret werden durfte, und in weiterer Bedeutung auch wohl der ganze Gerichtsbezirk einer Burg. S. Adelung Burgfreyheit. 4) Ein Vertrag oder Bündniß gewisser Familien zur gemeinen Sicherheit einer Burg und ihres Gebiethes. Einen Burgfrieden aufrichten. 5) Die öffentliche Sicherheit, welche die Rechte den fürstlichen Bürgen oder Residenzen, und in weiterer Bedeutung auch allen öffentlichen Örtern beylegen; ehedem auch der Weichfriede. Den Burgfrieden brechen. Welche Bedeutung unter allen angeführten heut zu Tage noch die üblichste ist. S. Schilters und Haltaus Gloss. und Frischens Wörterbuch.

 

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