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Bürger bis Bürgerlich (Bd. 1, Sp. 1262 bis 1263)
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Artikelverweis Der Bürger, des -s, plur. ut nom. sing. Fämininum die Bürgerinn, von dem Worte Burg, so fern es ehedem einen befestigten Ort bedeutete, da denn dieses Wort in einem sehr mannigfaltigen Umfange der Bedeutung gebraucht wird. 1) In der ersten Bedeutung drucket es diejenigen Einwohner einer Stadt aus, welche die Freyheiten und Gerechtsamen derselben genießen, aber zugleich an der Regierung mit Theil haben, oder zu Rathspersonen erwählet werden können. Diese Bedeutung findet sich nur noch in einigen Oberdeutschen Städten, besonders in der Schweiz, wo diese Bürger im ausnehmenden Verstande den Einwohnern entgegen gesetzet werden. 2) In etwas weiterer Bedeutung, welche noch in vielen Reichstädten gangbar ist, werden alle diejenigen Einwohner einer Stadt, welche in Ansehung ihres Nahrungsgeschäftes die Freyheiten der Stadt genießen, aber zugleich ihre Lasten mit tragen helfen, Bürger genannt, sie mögen nun an der Regierung mit Theil haben oder nicht. Alsdann theilet man sie in adelige oder rathsfähige Bürger, und in ehrbare oder unrathsfähige Bürger. Die erstern, welches die obigen Bürger in der engsten Bedeutung sind, werden auch Patricier genannt. 3) Dagegen verstehet man unter diesem Ausdrucke sehr oft auch nur die letzte Classe dieser Bürger, welche im eigentlichsten Verstande die einer Stadt verliehenen Freyheiten in Ansehung ihres Nahrungsgeschäftes genießen, aber auch dafür die Lasten der Stadt mit zu tragen verbunden sind; welche Eigenschaft eigentlich durch das Bürgerrecht erworben wird. S. dieses Wort. Bürger werden. Bürger seyn. In dieser Bedeutung werden die Bürger den Schutzverwandten, Beysassen u. s. f. entgegen gesetzet, und da die Handwerker gemeiniglich den größten und vornehmsten Theil dieser Bürger ausmachen: so werden Bürger und Handwerker oft als gleich bedeutende Ausdrücke gebraucht. 4) In weiterer Bedeutung heißen oft alle Einwohner einer Stadt, sie mögen nun das Bürgerrecht erlangt haben, oder nicht, Bürger, im Gegensatze der Bauern, oder des Landvolkes. In diesem Verstande kommt das Wort nicht nur häufig in der Deutschen Bibel, sondern auch noch jetzt so wohl im täglichen Umgange, als in der anständigern Schreibart vor. Diese Bedeutung scheinet zugleich die erste und älteste dieses Wortes zu seyn; denn daß Burg ehedem so viel als eine Stadt bedeutet habe, ist schon oben bemerket worden. Ja, da Burg, wenigstens in einigen Gegenden Oberdeutschlandes, auch für einen Flecken oder großes Dorf gebraucht wurde, so bedeutet Bürger in Oberschwaben noch jetzt einen Bauer und Burgemeister den Schuldheiß oder Dorfrichter. S. auch Bauer. 5) In noch weiterer Bedeutung begreift man unter dem Nahmen der Bürger, auch den dritten Stand eines Staates, im Gegensatze der Adeligen und Geistlichen; der Bürgerstand. Der Bürger muß fast überall die Lasten des Staates tragen. Diese Bedeutung hat wieder einen verschiedenen Umfang, indem man zuweilen auch die Bauern mit darunter begreifet, oft aber solche als den vierten und niedrigsten

[Bd. 1, Sp. 1263]


Stand annimmt. In beyden Fällen bekommt dieses Wort in dem Munde des Adels und des Hofmannes oft den verächtlichen Nebenbegriff des Unedlen und Ungesitteten. 6) Figürlich. Ein jedes Mitglied einer bürgerlichen Gesellschaft, d. i. einer Gesellschaft, welche sich dem Willen eines einzigen unterworfen hat. In diesem Verstande werden die Einwohner eines jeden Staates und Landes nach dem Muster des Latein. Civis, besonders in der höhern Schreibart, Bürger genannt. Er ist ein guter Bürger, er erfüllet die Pflichten des gesellschaftlichen Lebens. In engerer Bedeutung kommt dieser Nahme nur den Unterthanen solcher Staaten zu, deren Einwohner ein Eigenthum und wenigstens noch einige Freyheit haben, zum Unterschiede despotischer Staaten, wo die Unterthanen Sclaven und nicht Bürger sind. Nach einer noch weitern Figur ist in der höhern Schreibart ein Bürger dieser Welt, ein Bürger der Erde, ein Mensch, ein Mitglied der menschlichen Gesellschaft.
   Ich rede hier als Mensch und Bürger dieser Welt,
   Hofmansw. Anm. Das Fämininum die Bürgerinn, wird wohl nur in der dritten und vierten Bedeutung gefunden werden. Statt dessen ist im gemeinen Leben auch das zusammen gesetzte Bürgerfrau oder Bürgersfrau üblich. Schon bey dem Ulphilas bedeutet Baurjans den Einwohner einer Stadt, einen Städter. Im Oberdeutschen lautet dieses Wort Burger, Purger, im Niedersächsischen und Dän. Borger, im Schwed. Borgare, im Holl. Burgher, Borgher, im Engl. Burgher, im Franz. Bourgeois, im mittlern Lateine Burgarius, Burgensis u. s. f. Ottfried gebraucht Burgliuti für Bürger; S. Adelung Burgmann.
 
Artikelverweis Das
Brgerbūch, des -es, plur. die -bǖcher, dasjenige öffentliche Buch, worin die Nahmen aller Bürger einer Stadt verzeichnet sind; die Bürgerrolle.
 
Artikelverweis 
Der Bürgereid, des -es, plur. die -e, der Eid der Treue und des Gehorsames, welchen jemand bey Erlangung des Bürgerrechts der Stadtobrigkeit ableget. S. Adelung Bürger 2. 3.
 
Artikelverweis 
* Die Bürgerēy, plur. die -en, S. Adelung Bürgerschaft.
 
Artikelverweis 
Die Bürgerfrau, plur. die -en, S. Adelung Bürger, Anm.
 
Artikelverweis 
Das Bürgergêld, des -es, plur. inus. dasjenige Geld, welches für Erlangung des Bürgerrechtes bezahlet wird. S. Adelung Bürger 2. 3.
 
Artikelverweis 
Die Bürgerglocke, plur. inus. die Glocke, durch deren Klang die Bürger einer Stadt zusammen berufen werden.
 
Artikelverweis 
Die Bürgerinn, plur. die -en, S. Adelung Bürger, Anm.
 
Artikelverweis 
Die Bürgerkrone, plur. die -n, bey den Römern, ein Kranz von Kastanienlaub, welcher demjenigen gegeben wurde, der einem Römischen Bürger das Leben gerettet hatte; Corona civica.
 
Artikelverweis 
Das Bürgerlehen, des -s, plur. ut nom. sing. 1) Ein Lehen, welches auch Personen bürgerlichen Standes verliehen werden kann, welches daher nicht mit Ritterdiensten, sondern mit Gelde verdienet wird; im Gegensatze der Ritterlehen oder adeligen Lehen; S. Adelung Beutellehen. 2) Ein Haus oder anderes unbewegliches Gut, welches dem Bürger einer Stadt von der Stadt selbst zu Lehen gegeben wird, wofür derselbe zur Beschützung der Stadt verpflichtet wird. Diese Lehen sind vermuthlich aus den Burglehen entstanden, oder doch nach deren Muster in den Zeiten des Faustrechtes eingeführet worden.
 
Artikelverweis 
Bürgerlich, adj. et adv. einem Bürger, oder dem Bürgerstande gemäß, in dessen Verhältnissen gegründet, doch, nach dem verschiedenen Gebrauche des Wortes Bürger, mit verschiedenen Nebenbegriffen. 1) So fern Bürger den Einwohner einer Stadt bedeutet, welcher in Ansehung seines Nahrungsgeschäftes der Rechte und Freyheiten der Stadt theilhaftig ist. Sich bürgerlich

[Bd. 1, Sp. 1264]


nähren, wie Bürger sich zu nähren pflegen. Bürgerliche Nahrung treiben. Bürgerliche Freyheiten, bürgerliche Beschwerden, bürgerliche Abgaben. Ein bürgerlicher Krieg, ein Krieg unter den Bürgern einer Stadt. Der bürgerliche Gehorsam, ein gelindes Gefängniß für straffällige Bürger. Bürgerliche Sachen, dergleichen unter Bürgern vorkommen, und den Verlust des Bürgerrechtes nicht nach sich ziehen; Civil-Sachen. Das bürgerliche Recht, so fern es dem peinlichen entgegen gesetzt ist, welches über bürgerliche Sachen richtet. Weichbild Art. 17. in Gloss. »Die Klagen sind entweder burglich oder peinlich. Burgliche Klagen sind, da beyde der Kläger und der Antworter vor der Klag und nach der Klag Burger bleiben, also daß keiner den andern nicht vorflüchtig darf werden. Peinliche Klage ist anders nichts, denn da man fordert von dem Bruchhaftigen seine verdiente Pein und keinen Abtrag noch Buße.« In einer weitern Bedeutung kommt es im dritten Absatze vor. Die bürgerliche Obrigkeit, die nächste Obrigkeit einer Stadt, welche die Polizey und den äußern Wohlstand der Stadt zu besorgen hat, zuweilen aber auch mit der bürgerlichen Gerichtsbarkeit versehen ist; die Civil-Obrigkeit. 2) So fern unter dem Worte Bürger der dritte Stand eines Staates verstanden wird, bedeutet dieses Wort, (a) oft so viel, als im gemeinen Leben üblich, dem gemeinen Leben gemäß, doch mit verschiedenen Einschränkungen und Nebenbegriffen. Das bürgerliche Leben, die Lebensart der meisten in einem Staate. Der bürgerliche Tag, in der Astronomie, der Tag der aus Tag und Nacht oder 24 Stunden bestehet, in welcher Zeit sich die Erde Ein Mahl um die Sonne beweget, der Sonnentag, der natürliche Tag; im Gegensatze des künstlichen, welcher nur die Zeit begreift, in welcher die Sonne über dem Horizonte gesehen wird. Das bürgerliche Jahr, welches nur nach Tagen berechnet wird, und wozu so wohl das gemeine Jahr, als das Schaltjahr gehören; im Gegensatze des astronomischen Jahres, dessen Dauer nach Stunden und Minuten berechnet wird. Die bürgerliche Baukunst, welche im gemeinen Leben gebraucht wird; im Gegensatze der Kriegsbaukunst, Schiffsbaukunst und Wasserbaukunst. (b) In der Sprache der großen Welt bedeutet bürgerlich figürlich oft so viel, als von seinen Sitten entfernet, den Gewohnheiten des Hoflebens und Adelstandes nicht gemäß. Sehr bürgerliche Sitten haben. Sein Wort halten, läßt heut zu Tage gar zu bürgerlich.
   Ein Sprößling eigennütz'ger Ehe,
   Der stolz und steif und bürgerlich,
   Im Schmausen keinen Fürsten wich,
   Haged. 3) So fern unter Bürger die Glieder eines Staates verstanden werden. Die bürgerliche Gesellschaft, da sich viele dem Willen Eines unterworfen haben, im Gegensatze derjenigen Gesellschaft, welche aus Ältern und Kindern bestehet. Bürgerliche Gesetze, in der weitesten Bedeutung, wonach man im gemeinen Leben seine Handlungen einzurichten hat, besonders in Rücksicht auf seinen Nächsten. Das bürgerliche Recht, in der weitesten Bedeutung, der Inbegriff der Rechte, welche Unterthanen oder Bürger als Bürger gegen einander haben; im Gegensatze des Staatsrechtes, und des Staatenrechtes oder öffentlichen Rechtes. In engerer Bedeutung verstehet man unter dem bürgerlichen Rechte (Jus civile) nur die Sammlung der darauf gerichteten Römischen Gesetze, im Gegensatze des kanonischen und Municipal-Rechtes. In der engsten Bedeutung ist es im ersten Absatze vorgekommen. Ein bürgerlicher Krieg, ein innerlicher Krieg, unter den Unterthanen eines Staates.

 

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