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1. Der Bulle bis Bund (Bd. 1, Sp. 1252 bis 1253)
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Artikelverweis  1. Der Bulle, des -n, plur. die -n, der Mann der Kühe, ein unverschnittener Ochs zur Belegung der Kühe, welcher auch der Stier, der Herdochs, der Reitochs, der Stammochs, der Zuchtochs, der Faselochs u. s. f. genannt wird. Einige Mundarten sprechen dieses Wort auch Bolle aus. Im Holländ. lautet es Bolle, im Engl. Bull, im Dän. Bol-Oxe, im Wendischen Wola, Vol, Bola, im Böhmischen Wul, im Pohlnischen Wol. Schon in dem Salischen Gesetze kommt der Nahme Bellio und Tresbellio in dieser Bedeutung vor, welches von dessen Alterthume zeuget. Dieterich von Stade hatte den Einfall, daß es von buhlen, lieben, zur Liebe reitzen, herkomme, wovon auch balzen und das Hannöverische Bolze, ein Kater, abgeleitet wird. Allein es ist wahrscheinlicher, daß mit dem Nahmen Bulle, auf das eigenthümliche bullen oder brummen dieses Thieres gesehen worden, zumahl da es um deßwillen auch Brummer und Brummochs, und in Baiern Pummel genannt wird, und die Benennung Bullochs, welche man ihm zuweilen auch gibt, sonst eine wahre Tautologie seyn würde. In dem vorhin gedachten Salischen Gesetze wird der Gemeinochs auch Camin Teuto, und der Herdochs, Here-theuto genannt, wofür in den meisten Ausgaben Cherecheto gelesen wird.

[Bd. 1, Sp. 1253]



 
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2. Die Bulle, plur. die -n. 1) Ein jedes erhabenes Siegel von Wachs oder Metall, welches ehedem an öffentliche Urkunden gehänget wurde, wie zum Theil noch geschiechet; aus dem Latein. Bulla, S. des du Fresne Gloss. In dieser Bedeutung führet besonders das bleyerne Siegel, welches in der päpstlichen Kanzelley einigen Urkunden angehänget wird, und das goldene Siegel an wichtigen kaiserlichen Urkunden diesen Nahmen. 2) Eine mit einem solchen Siegel versehene Urkunde. In diesem Verstande werden nicht nur die aus der päpstlichen Kanzelley ausgefertigten Briefe auf Pergament, wenn sie mit einem solchen bleyernen Siegel versehen sind, noch jetzt Bullen genannt, sondern man hat auch in dem Staatsrechte goldene Bullen, d. i. mit einem solchen goldenen Siegel versehene Urkunden. Die berühmteste darunter ist die goldene Bulle Kaiser Carls des vierten, welche ein 1356 zwischen dem Kaiser und den Reichsständen in eine öffentliche Urkunde gebrachter und mit der goldenen Bulle bestätigter Vertrag wegen des Wahlgeschäftes und der churfürstlichen Vorrechte, und das einzige Reichsgesetz dieser Art ist. Bulle gehöret in dieser ganzen Bedeutung zu dem alten boll, rund, S. 2. Bolle und Beule.
 
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3. Die Bulle, plur. die -n, eine Art platter Schiffe mit einem Mastbaume ohne Segel, welche bey dem Schiffsbaue gebraucht werden, die Masten damit auf andere Schiffe zu setzen, oder Schiffe, welche kalfatert werden sollen, auf die Seite zu legen. Eine Art platter Schiffe, welche bey Bremen auf der Weser gebraucht werden, heißen gleichfalls Bullen. Die Verfasser des Brem. Nieders. Wörterbuches leiten dieses Wort von Bole her.
 
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Der Bullenbeißer, des -s, plur. ut nom. sing. S. Adelung Bärenbeißer.
 
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Das Bullengêld, des -es, plur. die -er, eine Art der Steuer in Spanien, welche die Unterthanen für die päpstlichen Bullen erlegen, in welchen ihnen erlaubt wird, Freytags und Sonnabends Fleisch zu essen.
 
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Das Bullenkalb, Bullkalb, des -es, plur. die -kälber, in der Landwirthschaft, ein Kalb männlichen Geschlechtes; ein Ochsenkalb, zum Unterschiede von einem Kuhkalbe.
 
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Der Bullochs, des -en, plur. die -en, 1) An einigen Orten so viel als ein Bulle, indem Ochs an vielen Orten auch einen ungeschnittenen Bullen bedeutet. 2) An andern Orten, ein Bulle, welcher, wenn er schon einige Jahre zur Zucht gebraucht worden, verschnitten, und dadurch zu einem Ochsen im engern Verstande gemacht wird.
 
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Die Bullwurz, plur. car. in einigen Gegenden, ein Nahme der Tollkirsche oder Wolfsbeere, Atropa Belladonna, L. vielleicht wegen ihrer knolligen Wurzel von 2. Bolle.
 
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Die Bülte, plur. die -n, S. Adelung Bühel, Anm.
 
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Der Bültrocken, des -s, plur. car. eine Art Winterrocken in den Vierlanden bey Hamburg, welcher in Niedersachsen häufig zu Saatrocken gekauft wird, weil er sich besser bestandet als anderer. Vielleicht von den Bülten, worauf er wächset.
 
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Der Bund, des -es, plur. die Bünde, von dem Participio der vergangenen Zeit des Verbi binden.
   1. Der Zustand, da mehrere Körper mit einander verbunden, oder durch ein Band an einander befestiget sind; in welcher Bedeutung dieses Wort aber nur figürlich von demjenigen Zustande gebraucht wird, da sich mehrere Personen, und besonders ganze Staaten, zu gewissen Pflichten vereiniget haben, und in welcher es nur allein im Singular üblich ist. Mit jemanden im Bunde stehen. Rußland und Preußen haben Österreich mit in ihren Bund aufgenommen. S. die folgende Bedeutung, welche in den meisten Fällen mit dieser zusammen fließet.

[Bd. 1, Sp. 1254]



   2. Dasjenige, was zwey oder mehrere Körper mit einander verbindet, oder an einander befestiget; ein Band. 1) Eigentlich, in welcher Bedeutung dieses Wort nur in einigen bereits eingeführten Fällen üblich ist. So ist der Bund bey den Schlössern ein Band von Eisen, welches zwey ein wenig von einander entfernte Theile, besonders in einem Gitterwerke, umgibt und befestiget. Bey den Buchbindern sind die Bünde diejenigen Schnüre, worauf ein Buch geheftet wird, welche auch die Gebünde genannt werden. Bey den Feuerwerkern ist der Bund dasjenige, womit die Feuer- Leucht- Brand- und andern Kugeln von außen beschnüret werden, damit sie der Gewalt des Pulvers desto besser widerstehen, wo dieses Wort auch zuweilen die Art und Weise dieser Beschnürung ausdruckt. Daher der Trommelbund, der Rosenbund, der Ballenbund, der Schneckenbund, der Rippenbund u. s. f. Bey den Nähterinnen wird der doppelt eingeschlagene schmale Streif, womit ein Stück Wäsche, da wo es in Falten gereihet ist, eingefasset wird, ein Bund, und wenn es schmal ist ein Bündchen genannt. Die Glaser schwingen einen Bund, wenn sie die aufgeschlitzten Ecken des Fensterbleyes mit Zinn zugießen, wobey der Kolben mit einem Schwunge herum gedrehet wird. 2) Figürlich, der Vertrag, die Verabredung, wodurch sich mehrere Personen oder freye Staaten zu gewissen gegenseitigen Pflichten verbinden. Einen Bund mit jemanden machen. Den Bund brechen. Im Hochdeutschen ist der Plural in dieser Bedeutung nicht üblich, wohl aber im Oberdeutschen, und besonders in der Schweiz, wo die Verträge, welche die Cantons unter sich errichtet haben, sehr häufig die Bünde und Pündten genannt werden. Überhaupt kommt dieses Wort im Hochdeutschen in dieser ganzen figürlichen Bedeutung, auch wo es den Zustand bedeutet, außer der dichterischen Schreibart, immer seltener vor, indem das Wort Bündniß üblicher geworden ist. Dagegen wird es in der Deutschen Bibel sehr häufig in allerley ungewöhnlichen Verbindungen gebraucht, das göttliche Gesetz auszudrucken, welches daselbst als ein Bund Gottes mit dem Menschen vorgestellet wird; woraus denn auch die Zusammensetzungen Bundesengel, Bundessiegel, Bundeszeichen, Bundeshandlung, Bundesgnade u. s. f. erkläret werden müssen.
   3. Mehrere mit einander verbundene Dinge. 1) Eigentlich. Dahin gehöret der Bund in dem Bretspiele, d. i. einige Paar ohne Zwischenraum auf einander folgende Steine. Einen guten Bund in dem Brete haben. Der Türkische Bund, eine Bekleidung des Kopfes bey den Türken, welche aus einem langen schmalen zusammen gebundenen, oder vielmehr gewundenen Stücke Zeuges bestehet. Wegen einiger Ähnlichkeit in der Gestalt der Blumen heißt eine Art Lilien mit eingebogenen Blumen, deren Kronen zurück gerollet sind, der Türkische Bund, Lilium Martagon, L. welche an andern Orten Feldlilie, wilde Lilie, Goldwurzel genannt wird. In den meisten übrigen Fällen, wo dieses Wort zusammen gebundene Körper bedeutet, ist es im Hochdeutschen ungewissen Geschlechtes. S. das folgende. 2) Figürlich, mit einander verbundene Staaten oder Personen. In dieser Bedeutung ist es nur im Oberdeutschen, und besonders in der Schweiz gebräuchlich, wo die drey Republiken der Graubünde, der graue oder obere Bund, der Bund des Hauses Gottes, und der Bund der zehen Gerichte, alle drey zusammen genommen aber, die drey Bünde, oder die Graubünde genannt werden.
   Anm. Woher die bey den Falkenieren üblich R. A. komme, der Falk macht einen Bund, d. i. einen Bogen, wenn er auf ein Thier stößet, ist mir unbekannt. Im Dän. lautet dieses Wort gleichfalls Bund, im Schwed. Bunt. In Boxhorns Glossen wird Winiscat durch foedus übersetzt.

[Bd. 1, Sp. 1255]


 

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