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Grammatisch-Kritisches Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart Bibliographische AngabenLogo textgrid zeno bmbf · Logo textgrid zeno bmbf · Logo textgrid zeno bmbf
 
Bekleiben bis Bekräftigen (Bd. 1, Sp. 832 bis 835)
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Artikelverweis  Bekleiben, verb. reg. welches in doppelter Gattung üblich ist. I. Als ein Activum, welches dessen eigentliche Gattung ist, vermittelst einer klebenden Sache mit etwas überziehen; wie Bekleben. 2. Mit Papier, mit Leinwand bekleiben. Eine Wand bekleiben, mit Lehm überziehen.
   II. Als ein Neutrum, mit dem Hülfsworte seyn, kleben bleiben, doch nur in verschiedenen figürlichen Bedeutungen, besonders im Oberdeutschen und in der höhern Schreibart der Hochdeutschen. 1) Anwurzeln, fortkommen, von Pflanzen und Gewächsen. Eine Pflanze, die oft versetzet wird, bekleibet nicht. Der Zweig ist recht schön bekleibet.
   Ein Baum bekleibet sonst nicht leicht auf fremder Erde,
   Gryph. 2) Fortdauern.
   Doch Herr du wirst ewig bleiben,
   Dein Gedächtniß stets bekleiben,
   Opitz Ps. 102, 6.
   So wird mein Lob bekleiben
   Und grünen für und für,
   Opitz Ps. 102, 6. 3) Die verlangte Wirkung hervor bringen.
   Weil nie dein Wort an ihnen kann bekleiben,
   Opitz. Ps. 119, 79.
   Dein Fluch wird ganz gewiß an dieser Frau bekleiben,
   Rost. 4) Stärke, innere Kraft erreichen.
    Dein früh bekliebnes Wissen,
   Gryph.
    Der in seiner Brust bekliebne Hochmuthssame,
   Günth. Anm. In dieser ganzen Mittelgattung kommt dieses Wort im Hochdeutschen nur noch sparsam vor. Im Oberdeutschen gehöret es zugleich unter die irregulären Verba, wie aus einigen der angeführten Beyspiele erhellet. Die Verwechselung des Neutrius kleben mit dem Activo kleiben ist so wohl im Ober- als Niederdeutschen schon sehr alt. Haben ih gemenit in muate becleibit, ich habe einen Vorsatz in meinem Gemüthe befestiget, heißt es bey dem Ottfried B. 1, Kap. 5, V. 78; obgleich diese Stelle auch einen thätigen Sinn verstatten könnte. An einem andern Orte gebraucht eben derselbe biklan, welches aus bekleben zusammen gezogen ist, für bekleistern. S. Adelung Kleben und Kleiben. Ehedem bedeutete bekleiben auch empfangen, concipere; daher Mariä Bekleibung, Unser Frauen Tag bekleibin, Unser Frauen

[Bd. 1, Sp. 833]


Cleybel-Tag, Klybel-Tag, der Bekleiber u. s. f. alles Nahmen waren, die man dem Feste der Empfängniß Mariä beylegte.
 
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Bekleiden, verb. reg. act. 1. Eigentlich, mit einem Kleide, oder mit Kleidern anthun, mit Kleidern versehen, kleiden. Die Nackenden bekleiden.
   2. Figürlich. 1) Überziehen, bedecken. So werden in der Seefahrt die Anker bekleidet, wenn die Fliegen derselben in zwey Breter eingefasset werden, damit sie in dem lockern Sande nicht um sich wühlen. Ein Zimmer bekleiden, es mit Tapeten ausschlagen. Eine Wand bekleiden, sie mit Gewächsen überziehen. 2) Mit etwas, als mit einem Kleide schmücken, in der höhern Schreibart.
   Die Sonne macht das Erdreich grün,
   Bekleidet Feld und Blumenstücke,
   Günth.
   Wenn die Seele, mit Lichte bekleidet, dem Körper entflohn ist,
   Klopst. Feld und anger stet bekleit, sang schon Werner von Tuifen; und Sy sey auch bekleyd mit Schön und Schicklichkeit, heißt es im Theuerdank Kap. 25. 3) Jemanden mit einem Amte, mit einer Bedienung, mit einer Ehrenstelle bekleiden, ihm dieselbe ertheilen, weil es ehedem gewöhnlich war, daß die Fürsten auch ihren vornehmsten Hofbedienten jährlich gewisse Kleider gaben, von welcher Gewohnheit sich noch im 16ten Jahrhunderte häufige Beyspiele finden. S. Altes aus allen Theilen der Gesch. Th. I, S. 589. Vornehmlich wurde einem Beamten oder Hofbedienten gleich bey dem Antritte des Amtes ein Kleid verliehen; daher auch in dem Lateine der mittlern Zeiten vestire, investire und advestire, so viel bedeutete, als den Besitz einer Sache übertragen. S. du Fresne und Wachtern v. Investīren und Carpentier v. Drappus. 4) Ein Amt, eine Ehrenstelle bekleiden, verwalten, damit bekleidet seyn, welche Figur ohne Zweifel aus der vorigen entstanden ist, indem es im Deutschen nichts ungewöhnliches ist, daß einerley Zeitwort in einer thätigen und intransitiven Bedeutung gebraucht wird. Haltaus und Ihre leiten diese Redensart von den ehemahls mit Tuch bekleideten Bänken in den Gerichtsstuben her, von welchen man Anlaß genommen haben soll, auch von denjenigen, die darauf gesessen, zu sagen, daß sie die Bänke bekleideten, welche Figur auch hernach auf die ganze Versammlung des Amtes übertragen worden. Allein man siehet leicht, daß diese Erklärung viel zu gezwungen ist. Daher die Bekleidung, so wohl von der Handlung des Bekleidens, in allen obigen Bedeutungen, als auch in einigen Fällen von demjenigen, womit etwas bekleidet wird, besonders in der zweyten Bedeutung; z. B. die Bekleidung eines Ankers, eines Zimmers u. s. f.
 
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Bekleistern, verb. reg. act. vermittelst eines Kleisters mit etwas überziehen. Etwas mit Papier bekleistern. Figürlich, einer bösen Sache mit etwas einen guten Schein geben. Damit wir uns auch der Hochachtung der Tugend bey unsern Lastern theilhaftig machen, so bekleistern wir unsre Handlungen mit einer Scheintugend.
 
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Beklêmmen, verb. reg. act. wie das einfache klemmen, in die Enge bringen und drücken; doch nur in der figürlichen Bedeutung, Verlegenheit, Beängstigung verursachen. Sich in beklemmten Umständen befinden.
   Ach wie beklemmt mirs das Herz!
   Gell.
   Ich weiß nicht was für Angst mein traurig Herz beklemmt,
   Weiße. Daher die Beklemmung, so wohl von der Handlung, als auch der Empfindung eines hohen Grades der Angst, wobey die Brust gleichsam zusammen gepresset wird.

[Bd. 1, Sp. 834]



   Anm. Einige gebrauchen dieses Zeitwort noch irregulär, z. B.
   Mit aufgerecktem Hals schnauft der beklommne Stier,
   Haged. S. Adelung Klemmen. Die Niedersachsen gebrauchen für beklemmen und Beklemmung benauen und Benautheit, von nau, genau, enge.
 
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Beklopfen, verb. reg. act. 1) Mehrmals an etwas klopfen. So beklopfen die Bergleute das Gestein, um zu versuchen, ob es fest ist. 2) Oft und viel auf etwas klopfen, um ihm dadurch eine gewisse Gestalt zu geben. So werden in der Münze die Schrötlinge beklopfet, damit sie die gehörige Gestalt erhalten. So auch die Beklopfung.
 
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Beklügeln, verb. reg. act. über etwas klügeln.
   Daß ich, was bey Gott geschehen,
   Nicht zu viel beklügeln soll,
   Gryph.
   Daß ich, was ich gut gefunden,
   Zu beklügeln mich erwunden,
   Canitz. Daher die Beklügelung.
 
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Beködern, verb. reg. act. mit Köder versehen. Die Angeln beködern, bey den Fischern.
 
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Bekohlen, verb. reg. act. 1) Einen Platz bekohlen, Kohlen darauf brennen, bey den Kohlenbrennern. 2) Eine Bank bekohlen, in den Steinkohlenwerken, eine Kohlenbank mit Arbeitern belegen.
 
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Bekommen, verb. irreg. neutr. (S. Adelung Kommen,) welches auf gedoppelte Art gebraucht wird.
   I. Mit dem Hülfsworte haben, da es denn alle leidentliche Veränderungen eines Dinges bezeichnen kann, welche vermittelst eines Substantives ausgedruckt werden, ob es gleich nicht in allen Fällen üblich ist. Man gebraucht es, 1) eigentlich von solchen Sachen, die einem Dinge von außen widerfahren. Geld, Briefe bekommen. Er hat Befehl bekommen, abzureisen. Zeit, Gelegenheit, Ursache bekommen. Sie haben derbe Schläge bekommen. Er hat seinen Lohn, einen Dienst bekommen. Händel mit jemanden bekommen. Das Mädchen hat einen Mann, der Mann eine Frau bekommen. Große Geschenke von jemanden bekommen. Einen zum Freunde bekommen. Ich habe einen wahren Freund an ihm bekommen. Wir haben noch keine Antwort bekommen. Ich bekam zur Antwort, es sey niemand zu Hause. Hier ist nichts zu bekommen. Das Vieh hat sein Futter bekommen. Verdruß mit jemanden bekommen. Einen Verweis bekommen. Etwas zu Gesichte bekommen, gewahr werden. Ingleichen in einigen R. A. auch mit dem Infinitiv. Kann man nichts zu essen bekommen? Ich konnte ihn nicht zu sehen bekommen. Wenn ich ihn nur zu sehen bekomme. 2) Figürlich, auch von solchen Veränderungen, welche sich aus der Natur eines Dinges selbst entwickeln, sie mögen nun durch eine Ursache von außen veranlasset werden oder nicht. Die Bäume bekommen Laub, Wurzeln, Blüthen, Früchte. Eine Krankheit bekommen. Er hat das Fieber, die Schwindsucht, das Podagra u. s. f. bekommen. Ich habe Lust bekommen, zu ihm zu reisen. Die Thiere bekommen Haare, die Vögel Federn. Die Mauer hat ein Loch, das Bret einen Riß, das Faß ein Loch bekommen.
   2. Mit dem Hülfsworte seyn. 1) Zum Nutzen oder Schaden gereichen, eigentlich nur in Beziehung auf die Gesundheit des Körpers. Die frische Luft will mir nicht recht bekommen. Diese Speise ist mir übel bekommen. Die Bewegung ist mir vortrefflich bekommen. Wohl bekomme es! ein gewöhnlicher Glückwunsch, so wohl bey dem Niesen, als Trinken. Figürlich wird dieses Wort oft auch im moralischen Sinne gebraucht. Diese Verwegenheit wird dir übel bekommen. Es hätte ihnen

[Bd. 1, Sp. 835]


schlecht bekommen sollen, wenn sie es mir nicht gestanden hätten. 2) Fortkommen, bekleiben, von Gewächsen. Die Pflanzen sind sehr gut bekommen. Die Bäume wollen hier nicht bekommen.
   Anm. Ob man gleich gegen Wachters oft zu künstliche Ableitungen mehrmahls auf seiner Huth seyn muß, so scheinet er doch Beyfall zu verdienen, wenn er bekommen in der ersten Hauptbedeutung nicht von kommen, venire, sondern von einem alten Worte kam, welches eine Hand bedeutet haben soll, herleitet; wenn nur dieses kam, welches sich zur Zeit nur noch in dem Salischen Gesetze findet, völlig erweislich wäre. Was diese Muthmaßung, wenigstens in Absicht auf ein doppeltes Stammwort für bekommen, wahrscheinlich macht, ist, daß kommen in dieser Bedeutung mit dem Hülfsworte haben verbunden wird, da es in allen übrigen Bedeutungen und Zusammensetzungen das Wort seyn zu sich nimmt. S. auch Überkommen. Wenn man indessen dieses Wort durch beykommen erkläret, so lassen sich beyde Bedeutungen ziemlich ungezwungen daraus herleiten. Begegnen würde alsdann dessen erster eigentlicher Verstand seyn, der noch bey den Schwäbischen Dichtern vorkommt.
   Nu fuogt es sich so von geschicht
   Das inen luite bekamen,
   Fabeln der Minnesinger. S. 120.
   Do bekamen in zwen ander man,
   Fabeln der Minnesinger. S. 121.
   Do in die luit bekamen,
   Fabeln der Minnesinger. S. 121. So fern dieses Wort schaden oder nützen bedeutet, war es ehedem von einem weit größern Umfange, und wurde nicht bloß in Rücksicht auf den Bau des menschlichen Körpers, sondern in einem jeden andern Verhältnisse gebraucht. Daher kommt biqueman bey dem Ottfried so oft für sich schicken, nützlich, ersprießlich seyn, vor. S. Bequem. Zu eben derselben Zeit bedeutete dieses Wort aber auch so viel, wie das einfache kommen, doch so daß das Vorwort be- die Stelle des Vorwortes zu vertritt; z. B. biqueme uns thinaz richi, zu uns komme dein Reich, Ottfr. B. 2, Kap. 21. In Oberdeutschland bedeutet einem bekommen noch so viel, als einem begegnen. Bekommlich für bequem, und Bekomst für Genüge, sind gleichfalls Oberdeutsch. Doch gebrauchen auch die Niedersachsen Bikumst für ein bescheidenes Theil. In der ersten Hauptbedeutung aber ist ihnen dieses Wort größten Theils unbekannt, weil sie dafür ihr kriegen haben.
 
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Beköstígen, verb. reg. act. mit der nöthigen Kost, d. i. Speise und Trank, auf geraume Zeit versehen. Einen beköstigen. Sich selbst beköstigen, sich seine gewöhnlichen Speisen selbst zurichten lassen. Daher die Beköstigung, so wohl für die Handlung des Beköstigens, als auch den Unterhalt selbst.
   Anm. Das Zeitwort bekösten, von welchem dieses das Frequentativum ist, kommt noch im Oberdeutschen vor. In eben dieser Mundart bedeutet beköstigen auch noch, 1) die Kosten zu etwas hergeben, welche Bedeutung auch das Niedersächsische bekostigen hat. 2) Kosten verursachen. 3) Opitz gebraucht dieses Wort in einer Bedeutung, die der Hochdeutschen zwar nahe kommt, aber in derselben doch nicht üblich ist:
   Und daß ohne alle Müh der Menschen erster Stand
   Beköstigt sey mit dem, was trägt das grüne Land.
 
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Bekräftigen, verb. reg. act. Kraft geben, mit Kraft versehen. 1) * In eigentlicher Bedeutung. Und die bebenden Knie hast du bekräftiget, Hiob 4, 4. Diese Bedeutung ist im Hochdeutschen ungewöhnlich, daher es in des Hrn. Hofr. Michaelis Übersetzung dafür heißt: und die sinkenden Knie machtest du straff. 2) * Dauerhaft machen. Und Salomo ward in seinem Reich bekräftiget, 2 Chron. Auch diese Bedeutung ist höchstens nur

[Bd. 1, Sp. 836]


noch in biblischen Ausdrücken üblich. 3) Bestätigen. Eine Schrift, einen Vertrag bekräftigen, ihm durch die Unterschrift ihre völlige Kraft geben. Eines Aussage bekräftigen, ihre Wahrheit durch sein Zeugniß bestätigen. Etwas mit einem Eide bekräftigen. Daher die Bekräftigung.
   Anm. Bekräften ist geleichfalls nur noch im Oberdeutschen üblich.

 

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