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Mahner bis Mährte (Bd. 3, Sp. 32 bis 35)
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Artikelverweis Der Mahner, des -s, plur. ut nom. sing. Fämin. die Mahnerinn, eine Person, welche mahnet, oder an etwas erinnert; ein Wort, welches doch nur selten vorkommt.
   Durst und Hunger sind die Mahner, die man nimmer kann bestillen, Logau.
 
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Das Mahnregister, des -s, plur. ut nom. sing. in einigen Provinzen, Verzeichnisse auf dem Lande, nach welchen die Schultheißen die obrigkeitlichen Gefälle einmahnen.
 
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Der Mahr, des -es, oder -en, plur. inus. eine besonders in den Niedersächsischen und mitternächtigen Gegenden üblich Benennung derjenigen nächtlichen Beschwerung, welche im Hochdeutschen unter dem Nahmen des Alpes am bekanntesten ist, S. dieses Wort, welche der große Haufe dort so wie hier einem bösartigen Geiste zuschreibt. Von dem Mahr oder Mahren geritten, oder gedrückt werden.
   Anm. Im Nieders. Maar, Moor, Holländ. Nagtmerrie, Engl. Nightmare, Angels. Schwed. und Isländ. Mara, Böhm. Müra, Franz. Cauchemar, Chaucemar, der ersten Hälfte nach vermuthlich von calcare, treten. Weil diese Beschwerung eine würgende, erstickende Empfindung verursacht, so scheinet dieses Wort zu Mord, morden, würgen zu gehören. Die Araber sollen sie um eben deßwillen Albedilon und Alcraton nennen, von ähnlichen Stammwörtern, welche würgen bedeuten. Im Bretagnischen ist Mor ein kurzer, oft unterbrochener Schlaf, und mori auf solche Art schlafen.
 
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Das Mährchen, S. 3. Mähre.
 
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1. Die Mähre, plur. die -n, Diminut. das Mährchen, Oberd. Mährlein, ein sehr altes Wort, welches, 1. Ein Pferd überhaupt, ein jedes Pferd, und besonders ein edles Pferd, ein Turnierpferd bezeichnete, und auch March, Mark, in den alten

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Baierischen und Alemannischen Gesetzen Marach, im Isländ Mar, lautete. Es ist in dieser weitern Bedeutung veraltet, indessen ist selbige noch in dem Worte Marstall übrig, S. dasselbe. Das hohe Alter dieses Wortes erhellet aus dem Pausanias, welcher versichert, daß die alten Celten ein Pferd μαρκαν genannt. 2. In engerer Bedeutung. 1) Ein schlechtes, elendes Pferd; in welchem Verstande es noch oft mit einem verächtlichen Nebenbegriffe vorkommt. Er wackelte auf seiner Mähre fort. Die Ackermähre, ein schlechtes Ackerpferd. Die Schindmähre, ein elendes Pferd, welches nur noch für den Schinder taugt. 2) Ein Mutterpferd, eine Stute; eine noch in einigen Gegenden, besonders Niedersachsens, übliche Bedeutung. Der Hengst schreyet gegen alle Mähren, Sir. 33, 6. Nieders. Märe, Angels. Mere, Myra, Holländ. Merry, Engl. Mare, Schwed. Mär, Finnländ. Maerae.
 
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2. * Die Mähre, plur. die -n, ein völlig veraltetes Wort, welches in den nordischen Sprachen ehedem üblich war, wo es eine Jungfrau, eine junge Weibsperson, ein Mädchen bedeutete. In engerm Verstande ist Meri in den Monseeischen Glossen eine Hure, welche Bedeutung das Wort Mähre in den gemeinen Sprecharten einiger Gegenden noch hat, wo es mit dem Lat. Meretrix verwandt zu seyn scheinet.
 
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3. Die Mähre, plur. die -n, Diminut. das Mädchen, Oberdeutsch Mährlein, ein sehr altes Wort, von welchem sich nur noch einige wenige Überbleibsel erhalten haben. Es bedeutete, 1) * Das Gerücht, bey dem Ulphilas Meritha, mit einer andern Ableitungssylbe bey dem Ottfried Mari und Maru, bey dem Hornegk Mer, Märe. Figürlich ist daher im Angels. Maerde Ehre. In dieser Bedeutung ist es völlig veraltet. Ehedem war auch mar berühmt, bekannt, unmar unbekannt, maren ausbreiten, bekannt machen, armaren in dem Isidor beweisen und so ferner. 2) * Eine Nachricht von einer geschehenen Sachen; eine im Hochdeutschen veraltete Bedeutung. Bey dem Hornegk Mer, Märe. Ich, sprach er, bring euch leidig mer, Theuerd. Ich bring euch neue gute Mähr, in einem alten Weihnachtsliede. Neue Mähren hört man gerne, sagt man noch zuweilen im gemeinen Leben. 3) * Eine wahrhafte Geschichte; eine gleichfalls veraltete Bedeutung, in welcher das Wort noch mehrmals bey dem Hornegk vorkommt. 4) Eine erdichtete Erzählung, eine unwahre Geschichte, im mittlern Lat. Dicabulum. Sie haben es als eine Mähre in den Wind geschlagen, Opitz. In der Hand hat sie ein Buch mit Mähren, Gottsch. Am häufigsten ist in diesem Verstande das Diminut. Mährchen, Oberd. Mährlein. Ihre Worte dauchten sie, als wärens Mährlein, Luc. 24, 11. Mährchen erzählen, erdichten. Wo es am häufigsten von unwahrscheinlichen Erdichtungen, welche bloß in der Absicht zu belustigen erdichtet werden, gebraucht wird, um es von der Fabel und andern Arten der Dichtung zu unterscheiden.
   Anm. Das Wort Mahr, Mar, ahmet ohne Zweifel durch seinen Laut das laute Geräusch nach, welches der erzählende Mund eines oder mehrerer verursacht, welches eigentlich das Gerücht ausmacht. Daher ist merjan bey dem Ulphilas verkündigen, und Märd im Isländ. ein Loblied. S. das folgende.
 
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Mähren, verb. reg. neutr. mit dem Hülfsworte haben, welches nur in den niedrigen Sprecharten üblich ist, mit den Händen in etwas herum rühren, es sey nun ein nasser oder ein trockner Körper. In dem Kothe mähren. In dem Gelde herum mähren.
   Anm. Bey dem Notker kommt die R. A. vor mare uuerden, bewegt werden. Mähren ist vermittelst der intensiven oder iterativen Endung -ren von mähen, bewegen, movere, gebildet, gleichsam mäheren.

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Die Mahrflêchte, oder Mahrenflêchte, plur. die -n, eine im gemeinen Leben übliche Benennung des Weichselzopfes, Trica Polonica. S. Weichselzopf. Er wird auch Mahrklatte, Elfklatte, Marenzopf, Dän. Marlocke, Schwed. Marlock genannt. Der Mahr oder Alp hat mit diesem Worte ursprünglich nur eine zufällige Ähnlichkeit, ob es gleich seyn kann, daß man durch den Gleichlaut verführet worden, diejenigen Büschel verwirrter Haare, welche man im gemeinen Leben Mahrflechten nennet, als eine Wirkung des Mahren anzusehen. Die Holländer haben noch das alte Zeitwort marren, Angels. meran, hindern, aufhalten, verwirren, welches, wenn man m und w als zwey Lippenbuchstaben ansiehet, deren Verwechselung nicht selten ist, zu unserm wirren und wehren gehöret, ursprünglich aber mit dem vorigen mähren gleichfalls von mähen, bewegen, abstammet. Ein Mahrzopf oder eine Mahrflechte heißt also nichts andres als ein Zopf unter einander verwirrter Haare, dergleichen sich zuweilen auch in den Mähnen der Pferde finden. In den Gipfeln der Birken finden sich gleichfalls oft solche in Gestalt einer Quaste verwickelter Reiser, welche Mahrquasten heißen, und durch ihren Nahmen den gemeinen Mann zu der Einbildung verleiten, daß der Mahr solche Bäume geritten habe. Auch die Mistel wird wegen einer ähnlichen Verschlingung der Zweige in einigen Gegenden Mahrentacken genannt, von dem Nieders. Tacke, ein Zacke, Zweig.
 
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Die Mahrte, plur. die -n, ein nur im Niedersächsischen übliches Wort, wo die Wachsscheiben in den Bienenstöcken diesen Nahmen führen. Brotmahrten, die Brotscheiben, Drohnenmahrten, Drohnenscheiben. Daher das Mahrtenhonig, das Scheibenhonig, ungeseimtes Honig.
 
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Die Mährte, plur. die -n, im gemeinen Leben einiger Gegenden, eben die Art der Speise, welche man auch eine kalte Schale zu nennen pflegt, d. i. ein kalter flüssiger Körper, worein ein festerer eingebrockt ist, es sey nun Brot, Bräzel, Semmel, Pfefferkuchen, oder etwas andres ähnliches. Eine Wassermährte, Biermährte, Weinmährte.
   Anm. Im Lat. Moretum. Bey dem Kero ist Merod, mixtum. Es stammet so wie das Lat. ohne Zweifel von unserm mähren, rühren, und hernach auch zerstoßen, zerreiben, her, Isländ. meria, (S. Adelung Mörsel,) wegen der darein gebrockten oder auch zerriebenen festen Körper. Um eben dieser Ursache willen hieß eine solche Mährte im Lat. auch Intritum, von terere, und im Griech. τριμμα, von τριβειν. In dem alten Gedichte auf den Spanischen Krieg bey dem Schilter heißt Merthe das Abendbrot, Merenda, vielleicht weil man Abends dergleichen oder ähnliche Arten von Speisen zu sich nehmen pflegte. Gottsched schrieb es wider alle Aussprache Merde; vielleicht weil er es von dem Latein. merdum, Dreck, ableitete.

 

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