Wörterbuchnetz
Grammatisch-Kritisches Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart Bibliographische AngabenLogo textgrid zeno bmbf · Logo textgrid zeno bmbf · Logo textgrid zeno bmbf
 
Mähne bis Mahrflêchte (Bd. 3, Sp. 32 bis 35)
Abschnitt zurück Abschnitt vor
Artikelverweis Die Mähne, plur. die -n, die ganze Sammlung von langen Haaren, welche einige Thiere, besonders die Pferde und Löwen, von dem obern Theile des Halses herunter hangen haben; im gemeinen Leben auch das Kammhaar, Lat. Juba, (S. Adelung Schopf.) Die Mähne eines Pferdes, eines Löwen.
   Anm. Im Nieders. Mane, im Engl. Mane, im Schwed. und Dän. Man, im Wallis. Mwng. Casaubonus und Junius leiten es von dem Griech. μαννος, μανος, her, welches bey dem Pollux einen Halsschmuck bedeutet. Vielleicht sind beyde aus einer gemeinschaftlichen ältern Quelle entsprungen. Im Schwed. heißt der ganze Hals des Pferdes Manke, vielleicht nur der Rücken desselben, der Sitz der Mähne, welcher im Deutschen auch der Kamm genannt wird. Mähne druckt vielleicht die Beweglichkeit der Halshaare dieser Thiere aus, da es denn zu mähen, bewegen, gehören würde. S. Adelung Mahnen, Anm.
 
Artikelverweis 
Mahnen, verb. reg. act. welches im Hochdeutschen nur noch einen Theil seiner alten weiten Bedeutung erhalten hat. Es bedeutete,
   1. * Eigentlich, ziehen, in welcher Bedeutung in Baiern noch die Zugochsen Mähndochsen genannt werden. Noch häufiger gebrauchte man es als ein Factitivum, ziehen machen, d. i. antreiben, in welcher Bedeutung es gemeiniglich mähnen lautet, und noch in vielen Oberdeutschen Gegenden üblich ist.
   Mit den sporn er sein pferdt mandt,
   Theuerd. Kap. 41. Christus wurde als ein Vieh mit Gärten (Ruthen) von den Juden gement, ein alter Dichter in Eckards Script. bey dem Frisch. Den Zug mähnen, in Franken, fahren, die Pferde vor dem Wagen lenken und antreiben, wo der Mähnjunge derjenige Junge ist, welcher die Ochsen vor dem Pfluge antreibet. Im Holländ. gleichfalls mennen, für führen, Schwed. mana, Lat. minare, Franz. mener.
   2. Figürlich. 1) Zu Leistung einer Pflicht anhalten; eine ihrem ganzen Umfange nach veraltete Bedeutung, in welcher man es nur noch im engern Verstande gebraucht, an die Erfüllung eines Versprechens erinnern, zur Erfüllung eines gethanen Versprechens auffordern. Jemanden mahnen. Am häufigsten, zur Bezahlung einer Schuld auffordern, an die Bezahlung einer Schuld erinnern. Jemanden wegen einer Schuld mahnen. Er läßt sich täglich mahnen, und bezahlt doch nicht. Ich lasse mich nicht gern mahnen. 2) * Vor Gericht laden, auffordern vor Gericht zu erscheinen; eine veraltete Bedeutung, in welcher im mittlern Lateine mannire sehr häufig vorkommt. In weiterer Bedeutung gebraucht Ottfried manen auch für einladen. 3) * Bewegungsgründe zur Ausübung seiner Pflichten vorstellen, und in weiterer Bedeutung, mit Worten an seine Pflicht erinnern; eine veraltete Bedeutung, in welcher wir jetzt ermahnen gebrauchen. In diesem Verstande kommt manon noch oft bey dem Ottfried und Kero vor. In noch weiterer Bedeutung gebraucht man es noch zuweilen im Oberdeutschen für aufmuntern, besonders zur Arbeit. 4) Erinnern überhaupt, mit dem Vorworte an, im Oberdeutschen auch mit der zweyten Endung.
   So manent mih diu liehten tage
   Miner alten senden klage,
   Rudolph von Rotenburg
   Ich sach da rosebluomen stan
   Die manent mich der gedanken vil
   Die ich hin zeiner frouwen han,
   Dietmar von Ast. In diesem Verstande wird es, so wie das verlängerte gemahnen, nur noch im gemeinen Leben gebraucht. Dieß Buch mahnt mich an die Zeit, da man noch lauter Robinsons schrieb. Der Mensch mahnt, oder gemahnt mich an meinen Bruder. 5) * Scheinen, vorkommen, als ein Neutrum; in welchem Verstande doch nur das zusammen gesetzte gemahnen noch zuweilen im gemeinen Leben vorkommt, S. dasselbe.
   Das Hauptwort die Mahnung kommt seltener vor als der Infinitiv das Mahnen.
   Anm. In den figürlichen Bedeutungen von des Kero Zeiten an manon, im Nieders. manen, im Angels. manian, manigian, bey dem Ulphilas gamunan, im Dän. mane, im Schwed. mana, im Finnischen manaan, im Lat. monere, im Griech. μναειν. Da es in den vier ersten Bedeutungen ein Factitivum ist, erinnern machen, so wurde es ehedem auch häufig als ein Neutrum für erinnern gebraucht, und diente hierauf in seinen Abkömmlingen nicht nur die Erinnerungskraft, sondern auch das Gemüth, den Geist überhaupt zu bezeichnen, wohin das Engl. Mind, Gemüth, unser meinen u. a. m. gehören. S. auch Miene, Mond.
   Daß unser Activum mahnen, erinnern, eine Figur von mahnen, antreiben, ist, ist wohl mehr als wahrscheinlich. Auf ähnliche Art druckten die Lateiner ermahnen durch hortari aus, welches eine sehr sichtbare Verwandtschaft mit dem alten hurten, Franz. heurter, stoßen, treiben, hat. Zergliedern wir unser Zeitwort, so fern es ziehen und factitive ziehen machen, antreiben, bedeutet, genauer, so zeigt uns die Endung -nen, daß es ein Iterativum oder Intensivum ist, und da kommen wir wieder auf das Zeitwort mähen, so fern es überhaupt bewegen bedeutet, und eine fruchtbare Mutter einer sehr großen Menge davon abstammender Wörter ist, wovon mit den ähnlichen Ableitungssylben unter andern auch die Zeitwörter mahlen und mähren, rühren, mit ihren Familien herkommen.
 
Artikelverweis 
Der Mahner, des -s, plur. ut nom. sing. Fämin. die Mahnerinn, eine Person, welche mahnet, oder an etwas erinnert; ein Wort, welches doch nur selten vorkommt.
   Durst und Hunger sind die Mahner, die man nimmer kann bestillen, Logau.
 
Artikelverweis 
Das Mahnregister, des -s, plur. ut nom. sing. in einigen Provinzen, Verzeichnisse auf dem Lande, nach welchen die Schultheißen die obrigkeitlichen Gefälle einmahnen.
 
Artikelverweis 
Der Mahr, des -es, oder -en, plur. inus. eine besonders in den Niedersächsischen und mitternächtigen Gegenden üblich Benennung derjenigen nächtlichen Beschwerung, welche im Hochdeutschen unter dem Nahmen des Alpes am bekanntesten ist, S. dieses Wort, welche der große Haufe dort so wie hier einem bösartigen Geiste zuschreibt. Von dem Mahr oder Mahren geritten, oder gedrückt werden.
   Anm. Im Nieders. Maar, Moor, Holländ. Nagtmerrie, Engl. Nightmare, Angels. Schwed. und Isländ. Mara, Böhm. Müra, Franz. Cauchemar, Chaucemar, der ersten Hälfte nach vermuthlich von calcare, treten. Weil diese Beschwerung eine würgende, erstickende Empfindung verursacht, so scheinet dieses Wort zu Mord, morden, würgen zu gehören. Die Araber sollen sie um eben deßwillen Albedilon und Alcraton nennen, von ähnlichen Stammwörtern, welche würgen bedeuten. Im Bretagnischen ist Mor ein kurzer, oft unterbrochener Schlaf, und mori auf solche Art schlafen.
 
Artikelverweis 
Das Mährchen, S. 3. Mähre.
 
Artikelverweis 
1. Die Mähre, plur. die -n, Diminut. das Mährchen, Oberd. Mährlein, ein sehr altes Wort, welches, 1. Ein Pferd überhaupt, ein jedes Pferd, und besonders ein edles Pferd, ein Turnierpferd bezeichnete, und auch March, Mark, in den alten

[Bd. 3, Sp. 34]


Baierischen und Alemannischen Gesetzen Marach, im Isländ Mar, lautete. Es ist in dieser weitern Bedeutung veraltet, indessen ist selbige noch in dem Worte Marstall übrig, S. dasselbe. Das hohe Alter dieses Wortes erhellet aus dem Pausanias, welcher versichert, daß die alten Celten ein Pferd μαρκαν genannt. 2. In engerer Bedeutung. 1) Ein schlechtes, elendes Pferd; in welchem Verstande es noch oft mit einem verächtlichen Nebenbegriffe vorkommt. Er wackelte auf seiner Mähre fort. Die Ackermähre, ein schlechtes Ackerpferd. Die Schindmähre, ein elendes Pferd, welches nur noch für den Schinder taugt. 2) Ein Mutterpferd, eine Stute; eine noch in einigen Gegenden, besonders Niedersachsens, übliche Bedeutung. Der Hengst schreyet gegen alle Mähren, Sir. 33, 6. Nieders. Märe, Angels. Mere, Myra, Holländ. Merry, Engl. Mare, Schwed. Mär, Finnländ. Maerae.
 
Artikelverweis 
2. * Die Mähre, plur. die -n, ein völlig veraltetes Wort, welches in den nordischen Sprachen ehedem üblich war, wo es eine Jungfrau, eine junge Weibsperson, ein Mädchen bedeutete. In engerm Verstande ist Meri in den Monseeischen Glossen eine Hure, welche Bedeutung das Wort Mähre in den gemeinen Sprecharten einiger Gegenden noch hat, wo es mit dem Lat. Meretrix verwandt zu seyn scheinet.
 
Artikelverweis 
3. Die Mähre, plur. die -n, Diminut. das Mädchen, Oberdeutsch Mährlein, ein sehr altes Wort, von welchem sich nur noch einige wenige Überbleibsel erhalten haben. Es bedeutete, 1) * Das Gerücht, bey dem Ulphilas Meritha, mit einer andern Ableitungssylbe bey dem Ottfried Mari und Maru, bey dem Hornegk Mer, Märe. Figürlich ist daher im Angels. Maerde Ehre. In dieser Bedeutung ist es völlig veraltet. Ehedem war auch mar berühmt, bekannt, unmar unbekannt, maren ausbreiten, bekannt machen, armaren in dem Isidor beweisen und so ferner. 2) * Eine Nachricht von einer geschehenen Sachen; eine im Hochdeutschen veraltete Bedeutung. Bey dem Hornegk Mer, Märe. Ich, sprach er, bring euch leidig mer, Theuerd. Ich bring euch neue gute Mähr, in einem alten Weihnachtsliede. Neue Mähren hört man gerne, sagt man noch zuweilen im gemeinen Leben. 3) * Eine wahrhafte Geschichte; eine gleichfalls veraltete Bedeutung, in welcher das Wort noch mehrmals bey dem Hornegk vorkommt. 4) Eine erdichtete Erzählung, eine unwahre Geschichte, im mittlern Lat. Dicabulum. Sie haben es als eine Mähre in den Wind geschlagen, Opitz. In der Hand hat sie ein Buch mit Mähren, Gottsch. Am häufigsten ist in diesem Verstande das Diminut. Mährchen, Oberd. Mährlein. Ihre Worte dauchten sie, als wärens Mährlein, Luc. 24, 11. Mährchen erzählen, erdichten. Wo es am häufigsten von unwahrscheinlichen Erdichtungen, welche bloß in der Absicht zu belustigen erdichtet werden, gebraucht wird, um es von der Fabel und andern Arten der Dichtung zu unterscheiden.
   Anm. Das Wort Mahr, Mar, ahmet ohne Zweifel durch seinen Laut das laute Geräusch nach, welches der erzählende Mund eines oder mehrerer verursacht, welches eigentlich das Gerücht ausmacht. Daher ist merjan bey dem Ulphilas verkündigen, und Märd im Isländ. ein Loblied. S. das folgende.
 
Artikelverweis 
Mähren, verb. reg. neutr. mit dem Hülfsworte haben, welches nur in den niedrigen Sprecharten üblich ist, mit den Händen in etwas herum rühren, es sey nun ein nasser oder ein trockner Körper. In dem Kothe mähren. In dem Gelde herum mähren.
   Anm. Bey dem Notker kommt die R. A. vor mare uuerden, bewegt werden. Mähren ist vermittelst der intensiven oder iterativen Endung -ren von mähen, bewegen, movere, gebildet, gleichsam mäheren.

[Bd. 3, Sp. 35]



 
Artikelverweis 
Die Mahrflêchte, oder Mahrenflêchte, plur. die -n, eine im gemeinen Leben übliche Benennung des Weichselzopfes, Trica Polonica. S. Weichselzopf. Er wird auch Mahrklatte, Elfklatte, Marenzopf, Dän. Marlocke, Schwed. Marlock genannt. Der Mahr oder Alp hat mit diesem Worte ursprünglich nur eine zufällige Ähnlichkeit, ob es gleich seyn kann, daß man durch den Gleichlaut verführet worden, diejenigen Büschel verwirrter Haare, welche man im gemeinen Leben Mahrflechten nennet, als eine Wirkung des Mahren anzusehen. Die Holländer haben noch das alte Zeitwort marren, Angels. meran, hindern, aufhalten, verwirren, welches, wenn man m und w als zwey Lippenbuchstaben ansiehet, deren Verwechselung nicht selten ist, zu unserm wirren und wehren gehöret, ursprünglich aber mit dem vorigen mähren gleichfalls von mähen, bewegen, abstammet. Ein Mahrzopf oder eine Mahrflechte heißt also nichts andres als ein Zopf unter einander verwirrter Haare, dergleichen sich zuweilen auch in den Mähnen der Pferde finden. In den Gipfeln der Birken finden sich gleichfalls oft solche in Gestalt einer Quaste verwickelter Reiser, welche Mahrquasten heißen, und durch ihren Nahmen den gemeinen Mann zu der Einbildung verleiten, daß der Mahr solche Bäume geritten habe. Auch die Mistel wird wegen einer ähnlichen Verschlingung der Zweige in einigen Gegenden Mahrentacken genannt, von dem Nieders. Tacke, ein Zacke, Zweig.

 

Eingabe
Wörterbuchtext:
Stichwort: