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Lúsche bis Lüstern (Bd. 2, Sp. 2134 bis 2136)
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Artikelverweis 1. * Die Lúsche, plur. die -n, in den gemeinen Sprecharten einiger Gegenden, z. B. Thüringens, das Lauschen, ohne Plural. Auf die Lusche gehen, des Nachts lauschen gehen, um Hasen und anderes Wild zu schießen; eine unweidemännische Art zu jagen. Ingleichen der Ort, wo man in der Nacht mit dem Feuergewehre auf das Wild lauschet. S. Adelung Lauschen.
 
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2. * Die Lúsche, plur. die -n, ein gleichfalls nur in einigen Gegenden, z. B. in Schlesien, übliches Wort, eine Pfütze zu bezeichnen, welches auch im Wendischen gangbar ist, wo es Luza lautet. Die Mistlusche, die Mistpfütze. In andern Gegenden ist die Löse, die Losey, dasjenige faule trübe Wasser, welches sich in dem untersten Raume eines Schiffes sammelt. Es gehöret zu dem Geschlechte der Wörter Lache, Schwed. Laug, Lat. Lix, das Wasser, Lauge u. s. f.
 
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Lusen, hören, Luser, das Ohr, S. Adelung Losen.
 
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Die Lust, plur. doch nur in einer einzigen Bedeutung, die Lüste.
   1. Die Äußerung der anschauenden Erkenntniß des Angenehmen, und diese anschauende Erkenntniß selbst. 1) Die Äußerung der anschauenden Erkenntniß des Angenehmen, oder der angenehmen Empfindung durch äußere Handlungen, die Lustigkeit; in welcher ohne Zweifel ersten und ursprünglichen Bedeutung es nur noch in einigen Fällen des gemeinen Lebens üblich ist. Es ist lauter Lust an ihm, oder in ihm, sagt man daselbst von einem Menschen, der seine angenehmen Empfindungen durch sehr merkliche äußere Handlungen an den Tag legt. Das war eine Lust! wenn mehrere ihre angenehmen Empfindungen auf solche Art bekannt machen. 2) Die anschauende Erkenntniß des Angenehmen selbst, zunächst nur des sinnlich Angenehmen, hernach aber auch eines jeden Angenehmen. Etwas mit Lust empfinden, sehen, hören, thun. Mit Lust arbeiten. Ich sehe es mit Lust, wie sein grauer Bart schneeweiß über meine Brust herunter wallet, Geßn. Seine Lust in etwas suchen. Seine Lust an etwas haben, das Angenehme, und in der Deutschen Bibel auch das Vollkommene, an demselben auf eine anschauende Art erkennen. Seine Lust am Tanzen, am Reiten, am Studiren u. s. f. haben. Ich sehe meine Lust daran, ich sehe es mit Lust, mit Vergnügen. Etwas zur Lust thun, bloß um das Angenehme davon zu empfinden. Sich eine Lust machen, etwas vornehmen, dessen Angenehmes man sich auf eine anschauende Art bewußt seyn könne. Die Jagdlust, Landlust, Gartenlust u. s. f. die Jagd, der Aufenthalt auf dem Lande, in einem Garten, als eine solche Lust betrachtet. Bey schönem

[Bd. 2, Sp. 2135]


Wetter ist es eine Lust zu reisen. In dieser ganzen Bedeutung ist es vorzüglich der Sprache des gemeinen und gesellschaftlichen Lebens eigen; in der anständigern Sprechart wird man lieber das Wort Vergnügen gebrauchen. Die Ursache ist leicht zu errathen. Lust druckt eigentlich den äußern Ausdruck des Vergnügens aus, welcher in den meisten Fällen einem gesetzten Manne unanständig ist. S. Adelung Lustig.
   2. Die Neigung, das Verlangen nach einer angenehmen, oder doch als angenehm gedachten Sache. 1) Überhaupt, wo es dieses Verlangen nur allgemein ausdruckt, dessen höherer Grad Begierde genannt wird; ohne dessen Sittlichkeit zu entscheiden. Es wird zunächst von dem sinnlichen Verlangen nach einem Gegenstande, hernach aber auch von der Neigung zu einer jeden andern Sache gebraucht, und ist im gemeinen Leben am üblichsten, wofür man in der edlern Schreibart lieber das Wort Neigung gebraucht. Lust zu essen, zu trinken, zu schlafen, zu arbeiten haben. Ich habe heute keine Lust dazu. Die Lust ist mir vergangen. Einem die Lust zu bauen benehmen. Einem Lust zu etwas machen. Ich habe Lust zu diesem Hause, empfinde eine Neigung es zu kaufen. Der Knabe hat keine Lust zur Handlung. Nach aller Lust, nach Herzenslust schlafen, so lange als man nur Neigung dazu hat. Seine Lust büßen, sein Verlangen befriedigen. Im gemeinen Leben sagt man auch wohl in dem sonst ungewöhnlichen Diminutivs, ein Lüstchen zu etwas haben, sein Lüstchen büßen. 2) In engerer und nachtheiliger Bedeutung, in welcher dieses Wort am häufigsten nur allein im Plural gebraucht wird, sind die Lüste alle unordentliche Begierden. In den Lüsten leben. Den Lüsten dienen, fröhnen. Ein leichtsinniger, junger Mensch, der noch in den Lüsten herum taumelt, Weiße.
   Sie (viele Christen) wagen auf der Bahn der Tugend einen Schritt,
   Und sehn darauf nach ihren Lüsten,
   Und nehmen ihre Lüste mit,
   Gell. Die Lüste des Fleisches, Bewegungen der Sinnlichkeit, in den Lüften wandeln, seine Lüste kreuzigen, sind nur in der biblischen Schreibart üblich. In der Deutschen Bibel wird es auch häufig in der einfachen Zahl gebraucht, die Neigung zum Bösen, die herrschende Sinnlichkeit, ja die ganze so genannte Erbsünde zu bezeichnen, in welchem Verstande es unter andern Röm. 7, 7 vorkommt.
   Anm. In der ersten Bedeutung schon bey dem Kero Lustida, bey dem Ottfried Lust, im Nieders. Angels. Engl. gleichfalls Lust, im Dän. Lyst. Es scheinet mit los und lose Eines Geschlechtes zu seyn, und eigentlich die durch die anschauende Erkenntniß des Angenehmen verursachten äußern Bewegungen zu bezeichnen; so wie das Lat. Voluptas, Wollust, der mittlern Sylbe nach auf ähnliche Art zu dem verwandten lüsten, Oberd. lupfen, luppen, gehören kann. In der Bedeutung des Verlangens gehöret das Lat. lubet, libet, belieben, und das Griech. λαειν, begehren, vielleicht auch unser verlangen, dahin. Im Griech. λωσος ist der beste.
 
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Das Lustbad, des -es, plur. die -bäder, die Handlung des Badens, so fern sie zur Lust, d. i. zum Vergnügen, geschiehet; ohne Plural. Ingleichen, ein Ort, wo man zum Vergnügen badet.
 
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Die Lustbarkeit, plur. die -en, eine Veranstaltung, mehrern eine Lust, d. i. ein sinnliches Vergnügen, zu erwecken; wo es vornehmlich von gewissen Anstalten dieser Art vornehmer Personen gebraucht wird, dasjenige auszudrucken, was man sonst eine Lust nennet. Eine Lustbarkeit anstellen. Die Jagdlustbarkeit, Tanzlustbarkeit, u. s. f. Die Carnavals-Lustbarkeiten haben ein Ende.

[Bd. 2, Sp. 2136]



   Anm. Diese eingeschränkte Bedeutung beweiset schon, daß sie nur ein Überrest einer andern von weiterm Umfange ist. Lustbar heißt im Oberdeutschen überhaupt angenehm; ein lustbarer Ort, lustbare Gedanken u. s. f. Lustbarkeit wird daher daselbst theils von der Eigenschaft gebraucht, nach welcher eine Sache lustbar ist, theils aber auch von einem Gegenstande, welcher bey andern Lust, d. i. Vergnügen, erwecket.
 
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Der Lustbêrg, des -es, plur. die -e, ein durch Absätze, Gänge, Hecken u. s. f. verschönerter natürlicher Berg, dergleichen man z. B. in manchen Gärten hat.
 
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Die Lustdirne, plur. die -n, eine weibliche Person, welche ein Geschäft daraus macht, sich den Lüsten andrer um Gewinnes willen Preis zu geben; ein von einigen Neuern versuchtes Wort, dem niedrigen Hure auszuweichen. Wenigstens ist Lustdirne dem niedrigen Begriffe angemessener, als das von andern vorgeschlagene Freudenmädchen, welches denselben zu sehr verschönert.
 
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Lüsten, verb. reg. neutr. mit dem Hülfsworte haben, Lust, d. i. sinnliches Verlangen, nach etwas empfinden, und in weiterer Bedeutung, Neigung, Belieben zu etwas tragen; als ein unpersönliches Zeitwort und mit der vierten Endung der Person. Er hat Gott vertrauet, der erlöse ihn nun, lüstets ihn, Matth. 27, 43. Sie mußte nicht wieder zum Könige kommen, es lüstete denn den König, Esth. 2, 14. Es lüstet mich spazieren zu gehen. Wen sollte wohl lüsten länger zu leben? Ingleichen Vergnügen erwecken, mit der dritten Endung der Person. Einem Menschen lüstet seine Wohlthat, Sprichw. 19, 22. Im Hochdeutschen kommt dieses Zeitwort in beyden Bedeutungen wenig mehr vor, außer daß man es in der ersten noch zuweilen im gemeinen Leben höret. Gelüsten ist in einem eingeschränkten Verstande dafür üblicher, S. dasselbe.
   Anm. Bey dem Ulphilas luston, bey dem Kero lustan, bey dem Ottfried, Notker u. s. f. lusten, Dän. lyste, Schwed. lysta, Angels. lystan, Engl. to lust. Bey den ältern Oberdeutschen Schriftstellern, wo es so wohl für Vergnügen erwecken, als auch für Neigung, Belieben empfinden, vorkommt, wurde es häufig mit der zweyten Endung gebraucht. Den des libes luste, der an dem Leben ein Vergnügen findet. Sin lustet mih, ebend. Daz mih siner lustet, Willer. Im Nieders. ist es noch völlig gangbar, so wohl in der persönlichen, als unpersönlichen Gestalt. Mi lustet, mich lüstet. Dat luste ik nich, das lüste ich nicht, das mag ich nicht.
 
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Lüstern, verb. reg. neutr. welches das Hülfswort haben erfordert, und das Iterativum oder Intensivum des vorigen ist, einen merklichen Grad des sinnlichen Verlangens nach etwas empfinden. Im Hochdeutschen kommt es nur noch zuweilen in dem gesellschaftlichen Leben als ein Impersonale mit der vierten Endung der Person vor. Das lüstert mich nicht. Im Oberdeutschen muß es auch in persönlicher Gestalt üblich seyn.
   Ihr Vorwitz lüstert nicht nach unerlaubten Gütern,
   Hall. Statt des Mittelwortes lüsternd, nach etwas lüsternd seyn, gebraucht man lieber das folgende Bey- und Nebenwort lüstern.
 
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Lüstern, -er, -ste, adj. et adv. 1) Einen merklichen Grad des sinnlichen Verlangens nach etwas empfindend, und darin gegründet. Lüstern seyn, werden. Nach etwas lüstern seyn.
   Was auch der Pöbel weiß, kann mich nicht lüstern machen,
   Ein philosophisch Aug ergetzen hohe Sachen,
   Haged. Am häufigsten von einem ungeordneten sinnlichen Verlangen. Schwangere Weiber werden lüstern, wenn sie ein ungewöhnliches Verlangen nach gewissen Dingen bekommen. Das Volk war lüstern worden und sprachen, wer will uns Fleisch

[Bd. 2, Sp. 2137]


zu essen geben? 4 Mos. 11, 4. Und sie wurden lüstern in der Wüsten, Ps. 106. 14. David ward lüstern nach dem Wasser zu Bethlehem, 2 Sam. 23, 15. Wachteln, nach welchen sie lüstern waren, Weish. 16, 2, 3. Nach Beute lüstern seyn, Raml.
   Ein Esel mochte lüstern seyn,
   Und wollt auf öffentlichen Gassen
   Sein lieblich Stimmchen hören lassen,
   Gell.
   Und hängt voll lüsterner Begier
   Bloß seinen Freuden nach,
   Weiße. 2) Einen merklichen Grad des sinnlichen Verlangens erweckend und unterhaltend; in der höhern Schreibart.
   Bald laden zu lüsternen Tänzen
   Mich meine Gespielinnen ein,
   Weiße. Anm. Die Endung ern ist wie bey dem vorigen Zeitworte das Zeichen eines Iterativi oder Intensivi; weil selbige aber an Bey- und Nebenwörtern selten ist, so scheinet lüstern für das Mittelwort lüsternd zu stehen, zumahl da dieses in manchen Mundarten noch häufig anstatt des Beywortes gebraucht wird.

 

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