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Grammatisch-Kritisches Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart Bibliographische AngabenLogo textgrid zeno bmbf · Logo textgrid zeno bmbf · Logo textgrid zeno bmbf
 
Luftwasser bis Lügengeist (Bd. 2, Sp. 2126 bis 2129)
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Artikelverweis Das Luftwasser, des -s, plur. doch nur von mehrern Arten, ut nom. sing. 1) Das in der Luft befindliche, und aus der Luft kommende Wasser, dergleichen Thau, Regen, Schneewasser u. s. f. ist; zum Unterschiede von dem Erdwasser, welches beständig in und auf dem Erdboden angetroffen wird. 2) Eine Art abgezogenen Branntweines, welcher das Athemhohlen erleichtert, führet gleichfalls den Nahmen des Luftwassers. Danziger Luftwasser.
 
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Die Luftwurz, oder Luftwurzel, plur. inus. ein Nahme der Angelike, vermuthlich wegen ihrer heilsamen Wirkung in Brustbeschwerungen. S. Adelung Angelike.
 
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Das Luftzeichen, des -s, plur. ut nom. sing. S. Adelung Lufterscheinung. Seltene Lufterscheinungen, dergleichen Nebensonnen, Nordlichter, Feuerkugeln u. s. f. sind, führen im gemeinen Leben vorzüglich den Nahmen der Luftzeichen, weil der gemeine Aberglaube sie für vorbedeutende Zeichen künftiger Begebenheiten hält.
 
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Der Luftzieher, des -s, plur. ut nom. sing. ein Werkzeug, welches den Ab- und Zugang der frischen Luft befördert; es sey nun ein Canal, oder ein Ventilator.
 
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1. * Das Lug, des -es, plur. die -e, ein nur noch im Oberdeutschen, besonders bey den Oberdeutschen Jägern, übliches Wort, ein Loch, eine Höhle, zu bezeichnen, wo es besonders von dem Aufenthalte des Bären gebraucht wird. Der Bär hat kein Lager, sondern nur ein Lug. Der Bär gehet zu Lug. Es ist

[Bd. 2, Sp. 2127]


nichts anders als unser Loch nach einer gröbern Aussprache, S. dasselbe.
 
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2. Der Lug, plur. car. ein veraltetes und nur in der im gemeinen Leben üblichen R. A. Lug und Trug, ohne Artikel übliches Wort, das Lügen und Betriegen zu bezeichnen. Mit Lug und Trug umgehen. Es ist nichts als Lug und Trug in ihm. S. das folgende.
 
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Die Lüge, plur. die -n. 1) * In weiterer Bedeutung, und ohne Plural, die Verstellung, der Mangel der Übereinstimmung unserer Worte und Geberden mit unsern Gedanken. Ingleichen der Irrthum, oder der Mangel der Übereinstimmung der Gedanken mit der Empfindung der Sinne, und dieser mit den Dingen, welche wir empfinden, wo der Plural auch von solchen mangelhaften Vorstellungen selbst Statt findet; beydes im Gegensatze der Wahrheit. In dieser Bedeutung ist es im Hochdeutschen veraltet, außer daß es noch zuweilen in der harten Schreibart vorkommt, wo es aber gemeiniglich nach alter Oberdeutscher Form die Lügen lautet. In der Deutschen Bibel wird es in einer ähnlichen Bedeutung noch oft gebraucht, indem es daselbst theils die herrschende Heucheley, wie 1 Timoth. 4, 2, Eph 4, 24, 25, im Gegensatze der Wahrheit, theils aber auch den ganzen Mangel der Übereinstimmung des Menschen mit sich selbst und seinem Zwecke bedeutet, wie Joh. 8, 44, Offenb. 22, 15. 2) Im gewöhnlichern Verstande ist die Lüge eine jede Unwahrheit, und im engern Verstande, eine mit Wissen und Vorsatz wider die Pflicht der Wahrhaftigkeit vorgebrachte Unwahrheit; doch beydes nur in einer harten Bedeutung. Eine boßhafte Lüge, welche auf den Schaden des andern abzielet. Jemanden Lügen erzählen, erdichtete Begebenheiten. Eine Lüge sagen, vorbringen, erdenken, ersinnen. Mit lauter Lügen umgehen. Jemanden mit Lügen hintergehen. Jemanden mit Lügen berichten, im gemeinen Leben, ihm wissentlich Unwahrheiten berichten. Sich mit Lügen behelfen. Jemanden Lügen strafen, wo Lügen die zweyte Endung mit Auslassung des Artikels der ist, ihn einer Lüge beschuldigen oder überführen. Sprichw. Lügen haben kurze Beine, d. i. mit Lügen kommt man nicht weit. Eine Ehrenlüge, Dienstlüge, Nothlüge u. s. f. In der Sittenlehre beschreibt man die Lüge gemeiniglich als eine Unwahrheit, welche zum Schaden des andern gereicht. Allein, man darf nur ein wenig auf den Gebrauch Acht geben, so wird man finden, daß diese Einschränkung ungegründet ist. Vermuthlich wollte man dadurch bloß den harten und beleidigenden Nebenbegriff erklären, welcher diesem Worte anklebet, um weßwillen man in der anständigern und gelindern Schreibart sich statt desselben lieber des Wortes Unwahrheit bedienet.
   Anm. Bey dem Kero Lucki, bey dem Ottfried, der es auch für Irrthum braucht, Lugina, Lugino, Lougna, wovon noch die im Hochdeutschen veraltete Form die Lügen in der einfachen Zahl abstammet, in welcher dieses Wort in Luthers Deutschen Bibel beständig vorkommt; im Isidor Lugino, bey dem Notker Lugga, bey dem Hornegk Loyke, im Nieders. Lögen, bey dem Ulphilas Liugn, im Angelsächs. Lige, im Engl. Lie, Lye, im Schwed. Lögn, im Dän. Logn, im Isländ. Lygn, im Pohln. Lgac. Von einer ehemahligen noch weitern Bedeutung finden sich in einem Vocabulario von 1470 Spuren, wo Loygen durch nuga, derisio, erkläret wird, welches an das Griech. λογοι, Mährchen, Fabeln erinnert. S. das folgende. In einem andern Vocabulario von 1477 heißt die Lüge Lugmär, eine erdichtete Mähre oder Erzählung.
 
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Lügen, verb. irreg. neutr. ich lüge, du lügst, (Oberd. leugst,) er lügt, (Oberd. leugt;) Imperf. ich log; Conjunct. ich löge; Mittelw. gelogen; Imper. lüge, (Oberd. leug). Es erfordert das Hülfswort haben, und bedeutet, 1) in der ersten Bedeutung

[Bd. 2, Sp. 2128]


des Hauptwortes Lüge, sich stellen, verstellen, in welchem Verstande es noch in der höhern Schreibart, selbst mit dem Accusativ eines Hauptwortes vorkommt.
   Und lügt die Stirn auch Fröhlichkeit
   So wohnt im Herzen Mißvergnügen,
   Weiße. Ingleichen sich irren; gleichfalls in der höhern Schreibart. Dein Auge lügt. Ingleichen nicht erfüllet werden, nicht eintreffen. Keine Weissagung wird lügen, Ezech. 12, 24. 2) In gewöhnlicherer Bedeutung, eine Unwahrheit sagen, besonders, eine wissentliche Unwahrheit mit Übertretung der Pflicht der Wahrhaftigkeit vorbringen; beydes mit eben dem harten und verächtlichen Nebenbegriffe, der dem Hauptworte anklebet. Er lügt, wenn er den Mund aufthut. Jemanden die Haut voll lügen, in der niedrigen Sprechart, ihn sehr belügen. Du lügst in deinen Hals, in eben derselben, das ist eine unverschämte Lüge. Er lügt, als wenn es gedruckt wäre, oder, er lügt, daß sich die Balken biegen, sind im gemeinen Leben übliche Beschreibungen eines Menschen, welcher eine besondere Fertigkeit im Lügen hat. Einem lügen, ihn belügen, ihm eine Lüge vorsagen, ist im Hochdeutschen ungewöhnlich, kommt aber noch in der Deutschen Bibel Ap. Gesch. 5, 3, 4 vor.
   Anstatt des ungewöhnlichen Hauptwortes Lügung ist der Infinitiv üblich, das Lügen. Sich auf das Lügen legen. Sich das Lügen angewöhnen.
   Anm. Die Oberdeutsche Form du leugst, er leugt, Imperat. leug, rühret aus der gröbern Alemannischen Mundart her, wo dieses Zeitwort leugen lautet, und das eu durch alle Zeiten behält. Man thut daher unrecht, wenn man sie den Hochdeutschen zur Nachahmung empfiehlet, ob sie gleich noch mehrmahls in der Deutschen Bibel und bey den Dichtern vorkommt. Der Held in Israel leugt nicht, 1 Sam. 15, 29. Ein treuer Zeuge leugt nicht, Sprichw. 14, 5. Bey dem Kero liugan, bey dem Ottfried lougan und liegen, bey dem Notker liugen, im Nieders. legen und lögen, bey dem Ulphilas ljugan, im Angels. leogan, im Schwed. und Isländ. ljuga, im Engl. to lie, im Dän. lyve, mit der nicht ungewöhnlichen Verwechselung der Gaumen- und Blaselaute, im Slavon. lugasi, im Böhm. mit Ausstoßung des Gaumenlautes hlati. Man könnte es von lau, lege, falsch, unecht, herleiten; allein es ist weit wahrscheinlicher, daß es, wie Ihre will, von dem noch im Bretagnischen üblichen laugn, verborgen, und dem Wallis. llechu, verborgen seyn, Lat. latere, (Böhm. hlati, lügen,) abstammet, welche wiederum zu dem Geschlechte der Wörter Loch, so fern es überhaupt einen hohlen Ort bedeutet, legen und liegen gehören, daher es auch in vielen gemeinen Mundarten liegen gesprochen wird. Diese Bedeutung des Verbergens erhellet aus dem Zeitworte läugnen am deutlichsten, welches das Intensivum von unserm lügen, Oberd. leugen ist, und anfänglich verbergen überhaupt bedeutete, jetzt aber nur noch von der Verhehlung der Wahrheit üblich ist, siehe dasselbe. Ehedem war für lügen im gelindern Verstande auch mißsagen üblich.
 
Artikelverweis 
* Lugen, verb. reg. neutr. mit dem Hülfsworte haben, welches im Hochdeutschen unbekannt, aber noch in einigen Oberdeutschen Gegenden üblich ist, wo es sehen, schauen, bedeutet.
   So fueg dich
   Auf die hohen platten und lug
   Wenn der held Tewerdank kumbt darauf,
   Theuerd. Kap. 47. Daher ist im Oberd. Lug, Lueg, eine Warte, Specula, bey dem Ottfried Luage, anlugen, ansehen, auflugen, aufsehen, u. s. f. In der Oberpfalz nur lauen, daher unser lauern. Im Engl. ist to look gleichfalls sehen, und Look ein Bild, im Angels. locian, im Holländ. luchten sehen, im Griech. λοχαν,

[Bd. 2, Sp. 2129]


λοχευειν, beobachten. Es ist das Stammwort von unserm klug, schlau, vielleicht auch von den im gemeinen Leben üblichen ablugsen und belugsen, welche beyde aber auch die Ableitung von dem noch im Nieders. üblichen luken, ziehen, zupfen, leiden, und alsdann abluksen und beluksen geschrieben werden müssen. Mit mehrerer Gewißheit gehöret das bey den Bergleuten übliche laksen, lauern, hierher. Im Wend. ist lakacz gleichfalls lauern, und lukam spähen.
 
Artikelverweis Die
Lügenfrucht, plur. die -früchte, ein nur in der Deutschen Bibel Hos. 10, 13 befindliches Wort, die Folge der Unwahrheit und des falschen Gottesdienstes zu bezeichnen.
 
Artikelverweis 
Der Lügengeist, des -es, plur. die -er, eigentlich der Teufel, welchem die Fertigkeit im Lügen als ein besonderes Unterscheidungsmerkmahl beygemessen wird. In weiterer Bedeutung auch ein lügenhafter Mensch.

 

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