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Lücke bis 3. Das Luder (Bd. 2, Sp. 2118 bis 2120)
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Artikelverweis 1. * Die Lücke, plur. die -n, ein nur in einigen Niederdeutschen Gegenden, z. B. im Holsteinischen, übliches Wort, wo es ein eingefriedigtes Stück Feld von mittlerer Größe ist. Im Schwed. gleichfalls Lycka, von dem Zeitworte lycka, einschließen, welches zu dem Geschlechte unsers schließen gehöret, S. Adelung Luke.
 
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2. Die Lücke, plur. die -n, ein Wort, welches zu dem Geschlechte der Wörter Loch, lechzen, Lache u. s. f. gehöret, und 1) eigentlich eine jede Öffnung bedeutet, wo es doch nur noch von fehlerhaften Öffnungen, so wohl am Rande, als in der Mitte eines Körpers gebraucht wird, aber nur noch in einigen einzelnen Fällen üblich ist. So werden die ausgebrochenen Stellen an der Schneide eines Messers, welche im Hochdeutschen Scharten heißen, im Oberdeutschen Lücken genannt. Im Niederdeutschen ist Lucke, und im Schwed. Lycka, die Abweichung eines Zaunes von der geraden Linie, eine Einbiegung oder Bug in dem Zaune. Anstatt der R. A. ein Loch auf- das andere zumachen, d. i. Schulden mit Schulden bezahlen, sagt man in einigen Gegenden, eine Lücke auf- die andere zumachen. 2) In engerer und gewöhnlicherer Bedeutung, eine fehlerhafte Öffnung, welche in einer Reihe mehrerer Dinge durch die Abwesenheit Eines oder mehrerer derselben entstehet. Eine Lücke in einer Mauer, eine fehlerhafte Öffnung, welche durch Abwesenheit mehrerer Steine entstehet. Die Zahnlücke, die Öffnung in der Reihe Zähne, aus dem Mangel eines Zahnes. Eine Lücke in einer Handschrift, wenn eine Stelle oder ein Wort fehlet. Wenn in einer Reihe Soldaten Ein oder mehrere Mann fehlen, so entstehet eine Lücke. Eine Lücke in einem Bücher-Repositorio, wenn Ein oder mehrere Bücher in der Reihe fehlen. Eine Lücke zumachen, ausfüllen; ehedem die Lücke büßen, S. Büßen.

[Bd. 2, Sp. 2119]


Da sie höreten, daß die Mauren zu Jerusalem zugemacht waren, und daß sie die Lücken angefangen hatten, zu büßen, Nehem. 4, 7. Daher sagt man noch im figürlichen Verstande, die Lücken büßen müssen, die Abwesenheit eines andern ersetzen, seine Stelle vertreten müssen, besonders in einer unangenehmen Sache, und nach einer noch weitern Figur, für einen andern leiden, an dessen Stelle leiden. Eine solche Person wird mit einem zusammen gezogenen Ausdrucke auch wohl ein Lückenbüßer, eine Lückenbüßerinn genannt.
   Anm. Bey dem Ottfried Luku, bey dem Willeram Luccho, im Dän. Lucke, bey den heutigen Oberdeutschen die Lucken. Außer den bey Loch schon angeführten Geschlechtsverwandten gehöret, so fern dieses Wort auch den Begriff der Biegung hat, noch hierher, das Isländ. Lyk, eine Krümme, Höhlung, unser flicken und flechten und selbst das Latein. flectere.
 
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Der Lckenbußer, des -s, plur. ut nom. sing. S. das vorige. Lessing nennet auch die Flickwörter Lückenbüßer und Keimfüller.
 
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Das Lückennêtz, des -es, plur. die -e, bey den Jägern, eine Art mäßiger Hasengarne, welche des Nachts vor die in den Lappen gelassenen Lücken gestellet werden, Hasen und Füchse damit zu belauschen, daher sie auch Lauschgarne und Lauschnetze, im Oberdeutschen aber auch Lucknetze genannt werden; vielleicht von lugen, belauern, belisten. Daher die Luckschnur, die mit einer Schelle versehene Schnur an diesem Netze, welche dem Jäger ein Zeichen gibt, daß ein Hase dem Garne nahe ist.
 
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Lückig, -er, -ste, adj. et adv. Lücken habend; doch nur am häufigsten in dem zusammen gesetzten zahnlückig. Lückichte Mauern, kommen 2 Chron. 32, 4 vor, wo es aber lückig heißen sollte. Lückicht ist nur einer Lücke ähnlich.
 
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Das Lucknêtz, des -es, plur. die -e, die Luckschnur, plur. die -schnüre, S. Adelung Lückennetz.
 
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† Die Ludel, plur. die -n, ein nur im gemeinen Leben übliches Wort, ein Trinkgeschirr saugender Kinder zu bezeichnen, welches eine Röhre mit einer Warze hat, wodurch sie das Getränk, wie aus der Brust heraus ziehen; das Saughorn, so fern es bey gemeinen Leuten ein Horn ist. Von dem niedrigen ludeln, saugen, welches in den gemeinen Sprecharten auch lollen, lullen, lulken, lutscheln, nutscheln u. s. f. lautet. In den niedrigen Sprecharten und im verächtlichen Verstande heißt auch eine Tobakspfeife eine Ludel.
 
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Der Lūdelmácher, oder Ludler, des -s, plur. ut nom. sing. eine nur bey den Webern übliche schimpfliche Benennung derjenigen von ihrer Zunft, welche mit fünf Schäften arbeiten; in welchem Verstande es so viel als einen Stümper bedeutet, und zu dem Gechlechte der Wörter Lode, liederlich u. s. f. gehöret.
 
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1. * Das Luder, des -s, plur. ut nom. sing. ein im Hochdeutschen längst veraltetes Wort, welches ehedem das Spiel bedeutete, wovon Frisch einige Beyspiele angeführet hat. Daher war Ludrer ehedem ein Gaukler. Sein Luder mit einem treiben, sein Spiel, Heldenbuch. Es scheinet zunächst Gaukelspiele bedeutet zu haben, und daher mit dem Lat. Ludus, und ludere, zu denjenigen Wörtern zu gehören, welche eine schnelle Bewegung bezeichnen; zumahl da gaukeln, Gaukler u. s. f. eine ähnliche Abstammung haben. S. Adelung Lotterbube, Liederlich, Lodern u. s. f. Von einem ganz andern Stamme ist das Schwedische Luder, Isländ. Ludur, eine Trompete, alt Franz. Loure, welches zu lauten und laut gehöret.
 
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2. † Das Luder, des -s, plur. inus. Schwelgerey, liederliches Leben, im härtesten und verächtlichsten Verstande, in welcher Bedeutung es nur noch in den niedrigen R. A. üblich ist, im Luder leben, in der unfläthigsten Schwelgerey; sich dem Luder

[Bd. 2, Sp. 2120]


ergeben, im Luder liegen. So auch das Luderleben, ein niedrig schwelgerisches, liederliches Leben. Es scheinet hier mit dem Schwed. Lyte, unserm heutigen Laster, und dem veralteten Lotter Eines Geschlechtes zu seyn, welche insgesamt eigentlich eine körperliche Verunstaltung, hernach aber eine jede schändliche Fertigkeit bedeuteten. S. Lotterbube und Laster. Das äußerst niedrige Schimpfwort du Luder, lässet sich gleichfalls auf diese Art erklären, weil man im Oberdeutschen das Wort Laster auf ähnliche Art gebraucht, aber auch zu dem folgenden Luder, Aas, rechnen.
 
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3. Das Luder, des -s, plur. inus. ein Wort, welches 1. überhaupt Fleisch bedeutet zu haben scheinet. Wenigstens pflegt man in den niedrigen Sprecharten es noch oft von dem Fleische lebendiger Pferde zu gebrauchen. Das Luder fällt dem Pferde von dem Leibe, wenn es mager wird. Es bekommt Luder, setzt Luder an, wenn es Fleisch ansetzet. 2. In engerer Bedeutung. 1) Das uneßbare Fleisch kranker oder untauglicher getödteter Thiere. In diesem Verstande werden die Jagdhunde mit Luder gefüttert, d. i. mit dem gesottenen Fleische untauglicher und todt gestochener Pferde. 2) In den niedrigsten Sprecharten ist Luder das Fleisch verstorbener Thiere; das Aas. Es stinkt wie Luder. Ingleichen ein verstorbenes Thier selbst. Da liegt ein Luder. 3) Bey den Jägern, eine jede scharf riechende Lockspeise wilder Thiere, sie bestehe nun aus Fleisch oder aus andern Dingen. So ist das Luder, womit der Fuchs angelocket wird, ein gebratener Häring, oder auch weißes in Schweinfett gebratenes Brot. Bey den Falkenieren wird auch der nachgemachte Vogel, womit man den Falken zurück locket, das Luder genannt, wenn es anders hier nicht das obige Luder, das Spiel, ist, weil dieser nachgemachte Vogel auch das Federspiel genannt wird.
   Anm. In der zweyten engern Bedeutung lautet es im Schwed. gleichfalls Luder. Es scheinet in dieser Bedeutung mit dem ersten Worte Luder, das Spiel, Eines Geschlechtes zu seyn, und zunächst die weiche, bewegliche, schlotternde Eigenschaft des Fleisches zu bezeichnen, welche Eigenschaft vornehmlich das Fleisch wohl genährter Pferde hat, daher es auch von diesen am häufigsten gebraucht wird. Fleisch und Leiche, in der alten Bedeutung des Fleisches, leiden eine ähnliche Ableitung. In der dritten engern Bedeutung einer Lockpfeife lautet es im Ital. Ludro und Isländ. Ludro, und mit Verwechselung des d und g in der ersten auch Logaro, und in der letztern Logara, Logaro, im Franz. mit der im Niederdeutschen gewöhnlichen Ausstoßung des d, Leurre, im Engl. Lure. Es ist noch die Frage, ob es in dieser Bedeutung nicht zu einem andern Stamme gehöret, und zwar zu laden oder locken, so daß Luder eigentlich ein jedes betrüglicher Weise einladendes oder lockendes Ding bedeutet. Wenigstens kommen Luder und das Zeitwort ludern und lüdern bey den ältern Schriftstellern sehr oft für Lockung, Reitzung, locken, reitzen vor. Den Feind aus der Festung heraus lüdern, Tschudi. Zu einen Krieg wider ihre getreue Nachbarn gelüdert, ebend.
   Liep ane wane swie sie doch smecket,
   Sie luedert sie luket ir fruindes gedanc,
   Burkh. v. Hohenf. Wo die Figur viel zu niedrig seyn würde, wenn dieses Wort von Luder, Aas, abstammete. Auch das Franz. Leurre und Engl. to allure kommen in weiterer Bedeutung vor. In allen diesen Wörtern ist die letzte Sylbe er die Ableitungssylbe, welche bald ein Werkzeug, bald aber auch ein Ding bedeutet, von welchem das Wort, dem es angehänget wird, etwas sagt. Es kommt daher bey der Ableitung nur auf die Sylbe Lud an, welche sich freylich zu mehrern Stämmen rechnen lässet. Frisch wirft alle diese Wörter unter einander, und erkennet nur ein einziges als die Quelle der übrigen, und dieß ist das veraltete Luder,

[Bd. 2, Sp. 2121]


das Spiel, welches er noch dazu von dem Latein. Ludus abstammen lässet.

 

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