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1. Locken bis Lode (Bd. 2, Sp. 2088 bis 2090)
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Artikelverweis  1. Locken, verb. reg. act. in Locken legen. Die Haare locken. Gelockte Haare.
 
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2. Locken, verb. reg. act. et neutr. welches im letztern Falle das Hülfswort haben bekommt.
   1. In der engsten Bedeutung, wo es eine sinnliche Nachahmung desjenigen Lautes ist, womit nicht nur manche Thiere einander rufen, sondern auch, womit Menschen Thiere an sich rufen. Im erstern Falle wird dieses Wort bey den Jägern besonders von den Turteltauben gebraucht, weil ihre Stimme dem Schalle des Wortes locken am nächsten kommt. Von den Ringel- und Blautauben hingegen ist heulen, von den Haselhühnern pisten, von wilden Gänsen, Änten, Wachteln u. s. f. rufen üblich. In etwas weiterer Bedeutung wird auch ein Thier gelocket, wenn man dasselbe durch Nachahmung seiner eigenthümlichen Stimme zu sich rufet. Daß locken in dieser eigentlichen Bedeutung eine Nachahmung des Schalles ist, erhellet aus den verwandten Wörtern lachen, Glocke, der letzten Hälfte des Wortes frohlocken, schlagen, so fern es von dem Schalle gebraucht wird, und andern. Bey dem Hornegk ist lauchen rufen, einladen überhaupt.
   2. Figürlich, durch Vorstellung eines Guten, besonders eines sinnlichen Guten, an einem Ort zu kommen, und in weiterer Bedeutung zu etwas zu bewegen, suchen. 1) Durch hingelegte Speise. So werden die wilden Vögel auf den Vogelherden durch abgerichtete zahme Vögel gelockt. S. Lockvogel. Wilde Thiere, welche man fangen will, lockt man durch hingestreuete oder hingelegte Speise in die Schlingen, in die Fallen u. s. f. welches im gemeinen Leben auch körnen, aßen, ludern u. s. f. genannt wird. S. Lockspeise.
   Wib und vederspil die werden lihte zam,
   Swer si zerchte luket so suochent si den man,
   Herr Ditmar von Ast. 2) Durch Freundlichkeit, durch List, oder auch überhaupt durch Vorhaltung der Bewegungsgründe gegenwärtig werden lassen oder zu etwas bewegen. Jemanden zu sich locken, an sich locken.

[Bd. 2, Sp. 2089]


Wenn dich die bösen Buben locken. Ein Frevler locket seinen Nächsten, und führet ihn auf keinen guten Weg, Sprichw. 16, 29. Sie locken an sich die leichtfertigen Seelen, 2 Petr. 2, 14. Den Feind zur Schlacht locken. Ein Geheimniß von jemanden heraus locken. Jemanden auf seine Seite locken. Einem nach und nach viel Geld ablocken. Da dieses Zeitwort gemeiniglich die Verheimlichung der Absicht mit in sich schließet, so wird es auch am häufigsten im nachtheiligen Verstande gebraucht. Indessen finden sich auch Beyspiele genug, wo es in gleichgültiger und selbst guter Bedeutung gebraucht wird. Der Herr wird die Heiden locken vom Ende der Erde, Es. 5, 26.
   Und ganzen Scharen
   Lock er die Thränen ins Gesicht,
   Gell. Daher die Lockung, plur. die -en, so wohl von der Handlung, ohne Plural, als auch von den Worten und Bewegungsgründen, wodurch man jemanden zu etwas zu locken sucht.
   Anm. Bey dem Notker lucchin und ferlucchin in figürlichem Verstande, im Niedersächsischen, wo es auch schmeicheln und liebkosen bedeutet, locken, im Dän. lokke, im Isländ. und Schwed. locka, im Pohln. ludze. Daß den alten Römern auch ein Zeitwort lacio in diesem Verstande bekannt gewesen, erhellet aus dem zusammen gesetzten allicio. Einige Schriftsteller verbinden es mit der dritten Endung des Hauptwortes, einem locken, welches aber wider den allgemeinen Gebrauch ist, auch aus dem Passivo als irrig erwiesen werden kann. Da man sagt, ich werde gelockt, so erfordert das Activum die vierte Endung. Hätte es die dritte, so müßte es im Passivo heißen, mir ist gelockt worden.
 
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Locker, -er, -ste, adj. et adv. welches in einer doppelten Hauptbedeutung üblich ist. 1. Im Gegensatze dessen was fest ist, nicht fest sitzend, leicht hin und her beweglich; im gemeinen Leben lose, und im verächtlichen Verstande liederlich, welche Wörter gleichfalls zu dem Geschlechte dieses Wortes gehören. 1) Eigentlich. Das Bret sitzt nicht fest es ist so locker. Ein lockerer Zahn, welcher wackelt. Etwas nur locker zubinden, leicht, nicht fest. Ingleichen im Gegensatze des straff. Ein locker gespannter Strick. 2) Figürlich. Locker leben, viel verthun. Sehr locker seyn, verthunlich. Zuweilen auch wohl für leichtsinnig. Ein lockrer junger Mensch. 2. Im Gegensatze des derb oder dicht, eine gelinge Dichtigkeit, viele und große Zwischenräume habend. Lockere Erde. Die Erde lockrer machen. Das Garn sehr locker spinnen, die Fäden nicht gehörig drehen. Ein locker gewundenes Knäuel. Die Wolle lockerer machen, sie auflockern; in den Wollfabriken, sie flacken oder flocken. Die Müller mahlen locker, wenn sie den Mühlstein höher stellen.
   Anm. Im Oberdeutschen nur luck, ohne Ableitungssylbe, in der zweyten Bedeutung aber auch rogel, Nieders. roof, von regen. Im Osnabrück. mit vorgesetztem Blaselaute flägge. In andern Niedersächsischen Gegenden ist flakkern wackeln. In der ersten Bedeutung gehöret es unstreitig zu leicht, läcken, springen, Flocke, fliegen, flackern, und allen Wörtern dieses Geschlechtes, welche einen hohen Grad der Beweglichkeit bedeuten. In der zweyten Bedeutung, welche aber auch eine Figur der ersten seyn kann, scheinet es zunächst zu Loch zu gehören, die Zwischenräume lockerer Körper auszudrucken. Das veraltete lukke, welches bey dem Notker so wohl falsch und unecht, als auch betrüglich bedeutet, stammet von lügen ab.
 
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1. * Lockern, verb. reg. act. welches das Intensivum oder Iterativum von locken, rufen, ist, und nur in den gemeinen Sprecharten vorkommt. Etwas von jemanden heraus lockern,

[Bd. 2, Sp. 2090]


durch mehrmahliges Locken von ihm erfahren. Jemanden Geld ablockern, ablocken.
 
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2. Lockern, verb. reg. act. von dem Beyworte locker, locker machen, besonders in dem zusammen gesetzten auflockern. Ingleichen im gemeinen Leben und als ein Neutrum, locker leben. Doch wo er lockert, spielt und säuft, Weiße.
 
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Lockig, -er, -ste, adj. et adv. von dem Hauptworte 1. Locke, Locken habend, aus Locken bestehend. Ja lockigt (lockig) Haar steht fein, Gell. Wie lockigt (lockig) ist sein Haar! ebend. Lockicht würde Locken ähnlich bedeuten; lockigt aber ist völlig unrichtig.
 
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Die Lockfpeife, plur. die -n, Diminut. das Lockpfeifchen, eine Pfeife, Vögel damit zu locken; eine Art der Vogelpfeifen.
 
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Die Lockspeise, plur. doch nur von mehrern Arten, die -n, eigentlich, eine Speise oder eßbarer Körper, Thiere damit an- oder herbey zu locken; im gemeinen Leben Lockaas, von Aas, Speise, im Nieders. Lockebrod. Figürlich auch eine jede Lockung, ein jeder besonders sinnlicher Bewegungsgrund, wodurch man einen andern wider sein Wissen zu etwas zu bewegen sucht.
 
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Die Lockstimme, plur. die -n, eine lockende Stimme, die Stimme, so fern sie ein Thier lockt. Figürlich, Worte, so fern sie eine Lockung enthalten.
 
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Der Lockvogel, des -s, plur. die -vögel, ein abgerichteter Vogel auf den Vogelherden, wilde Vögel damit herbey zu locken.
 
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Die Lode, plur. die -n, ein nur im gemeinen Leben übliches Wort. 1) Ein Lappen, Lumpen; in einigen, besonders Oberdeutschen Gegenden. Ein Loden Tuches, ein Stück, ein Lappen. Die Loden hängen an dem Kleide herunter, die Lumpen. Ungewalkte Tücher, welche noch haarig sind, führen bey den Tuchmachern gleichfalls den Nahmen der Loden, und eben so werden im Oberdeutschen die groben Fußdecken genannt, daher es daselbst eigene Lodenweber oder Loderer gibt. 2) Im Forstwesen wird der Trieb oder Schuß, d. i. dasjenige, um wie viel ein Baum in Einem Jahre in der Länge gewachsen ist, eine Lode, in einigen Gegenden auch wohl ein Limpf genannt. Ja auch die Ringe in dem Holze, welche den Jahrwuchs in der Dicke bezeichnen, führen gleichfalls diesen Nahmen. 3) Die jungen aufgeschossenen Bäume des Laubholzes, so lange sie noch Reisern ähnlich sind, die Schößlinge, sind gleichfalls unter dem Nahmen der Loden bekannt. Junge Schößlinge oder Loden.
   Anm. In beyden Bedeutungen ist der Begriff der leichten Bewegung ohne Zweifel der herrschende. In der ersten ist er es unläugbar, wie aus den verwandten lodern, liederlich, flattern, schlottern, Lotterbube u. s. f. erhellet. In der zweyten und dritten könnte dieses Wort zu Latte gehören; allein aus dem folgenden Zeitworte loden erhellet, daß auch hier die Bewegung der Stammbegriff ist, so wie die gleichbedeutenden Schuß und Schößling von schießen herkommen. Im Isländ. ist Lod und im Schwed. Lo eine Zote, ein Büschel Haare oder Wolle, und luden rauch, zotig.

 

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