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Grammatisch-Kritisches Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart Bibliographische AngabenLogo textgrid zeno bmbf · Logo textgrid zeno bmbf · Logo textgrid zeno bmbf
 
Linsenstein bis Litze (Bd. 2, Sp. 2077 bis 2081)
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Artikelverweis Der Linsenstein, des -es, plur. die -e, kleine den Linsen ähnliche Steinchen, welche wie versteinerte Linsen aussehen, aber bloße Naturspiele sind.
 
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Das Lintels, plur. ut nom. sing. bey den Nähterinnen, besonders Niedersachsens, dasjenige leinene Band, welches vorn an die Ärmel der Hemden gesetzt wird, im Oberdeutschen das Handbesetz,

[Bd. 2, Sp. 2078]


an andern Orten die Prise; von dem Nieders. Lind, Lint, leinen Band, Schwed. und Isländ. Linda, ein jedes Band. S. Adelung Linde und Lindwurm.
 
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Die Lippe, plur. die -n, Diminut. das Lippchen, Oberd. Lipplein, der bewegliche fleischige Rand des Mundes an Menschen und Thieren, welcher den Eingang öffnet und schließet. Die Oberlippe. Die Unterlippe. Die Vorlippen, die äußern rothen Streifen an den Lippen. Es soll nimmermehr über meine Lippen kommen, ich will es nie sagen. Figürlich werden die Lippen oft anstatt des Mundes gesetzt. Sie haben mir Gütigkeiten erwiesen, ehe noch meine Lippen fähig waren, ihnen dafür zu danken.
   Anm. Bey dem Willeram Leffa, bey andern Oberdeutschen Schriftstellern Gleif, Gleff, von welcher Form das heutige Oberdeutsche Lefze abstammet. Im Nieders. Angels. und Dän. gleichfalls Lippe, im Engl. Lip, im Schwed. Läpp, im Wallis. Lap, Lipp, im Wend. Lippia, im Pers. Lab, im Latein. Labium. Die weiche, bewegliche, herab hangende Beschaffenheit ist ohne Zweifel der Stammbegriff, so daß dieses Wort zu lapp, schlaff, lappen u. a. dieses Geschlechtes gehöret. Das niedrige labben, labbern, schlappen, viel und langweilig plaudern, ingleichen mit einem Geräusche hinein lecken, wie die Hunde, wenn sie trinken, sind mehr eigene Nachahmungen des mit diesen Handlungen verbundenen Schalles, als daß sie von Lippe abstammen sollten. Eine dicke Unterlippe heißt im Nieders. Lipe, dicke hangende Lippen aber Lobben. S. Adelung Lefze.
 
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Der Lippenbuchstab, des -ens, plur. die -en, ein Buchstab, welcher vornehmlich mit den Lippen ausgesprochen wird, dergleichen das h, m, p, f, v, w sind, wovon die drey letzten zugleich Blaselaute sind, weil sie von einem ausgestoßenen Winde begleitet sind. Betrachtet man diese Buchstaben als bloße Laute, so werden sie auch Lippenlaute, ihrer Figur nach aber Lippenlauter genannt.
 
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Lips, ein nur im gemeinen Leben übliches Wort. 1) Als der verkürzte Nahme des eigenthümlichen männlichen Nahmens Philipp. 2) Als eine spöttliche Benennung einer mit dicken oder hangenden Lippen begabten Person, besonders im Niedersächsischen; Engl. Lips, Franz. Lippa.
 
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Lispeln, verb. reg. act. et neutr. welches im letztern Falle das Hülfswort haben bekommt. Es ist eine Onomatopöie, welche eine dreyfache Art des Schalles ausdruckt. 1) Einen Fehler der Aussprache, wenn die Zunge des Sprechenden zu lang und groß ist, und daher zu oft an die Zähne anstößet, und ein falsches gelindes s hören lässet. Ehedem nur lispen, im Schwed. lispa, Dän. lespe, Angels. wlisp, Niedersächs. wispeln, Engl. to whisper und lisp. Schon bey dem Aristophanes ist λισπ γλωσσ eine lispelnde Zunge. Daher der Lispeler, welcher im Reden lispelt, ehedem nur Lisper. 2) In der edlern und dichterischen Schreibart wird es für leise reden gebraucht, welches im gemeinen Leben durch flistern, wispern, wispeln, bispeln, zischeln u. s. f. ausgedruckt wird. Ital. bisbigliare.
   Die Schwermuth lispelt mir nur Schrecken in das Ohr,
   Cron.
   Den Anschlag lispelt dir die Eifersucht ins Ohr,
   Weiße.
   Dort klagt blutdürstig ihn laut sein Verbrechen an,
   Doch lispelt hier mein Herz, nein, er hat nichts gethan,
   Weiße. 3) In eben dieser Schreibart wird es auch gebraucht, das sanfte Säuseln des Windes, das gelinde Geräusch eines Baches, und des bewegten Laubes der Bäume auszudrucken. Sanfte Entzückungen duften aus jeder Blume ihm zu, ertönen und lispeln ihm aus jedem Gebüsche, Geßn. Nahe Bäche lispelten

[Bd. 2, Sp. 2079]


durch das Gras oder rauschten in kleinen Gefällen sanft in das Getöse, ebend. Ich höre den lispelnden West, der sich auf schlanken Zweigen wiegt.
 
Artikelverweis Die
List, plur. die -en, ein Wort, welches heut zu Tage einen großen Theil von dem ehemahligen Umfange seiner Bedeutung verloren hat. Es bezeichnete nehmlich,
   1. * Ehedem. 1) Kunst, d. i. Fertigkeit etwas zur Wirklichkeit zu bringen, besonders so fern dasselbe auf eine andern unbekannte oder verborgene Art geschiehet. In diesem Verstande kommen List, Listi und Liste seit des Kero Zeiten bey allen alten Oberdeutschen Schriftstellern sehr häufig für Kunst, Erfahrenheit, ja auch nicht selten in noch weiterer Bedeutung für Wissenschaft vor; daher auch Kero einen Künstler Listar, Willeram aber Listmester nennet. Im Schwedischen und Isländischen wird List noch in dieser Bedeutung gebraucht. Saunglist ist daselbst die Singekunst, Bokare List die freyen Künste, Gotes List die Wissenschaft oder Allwissenheit Gottes u. s. f. Dahin gehöret auch das in Boxhorns Glossen befindliche List, argumentum, Schluß, welches letztere Wort so wie schließen in dieser Bedeutung ohne Zweifel mit zu dessen Geschlechte gehöret. 2) Weisheit, von welcher Bedeutung Frisch einige Beyspiele anführet.
   2. In engerer und jetzt gewöhnlicher Bedeutung, die Fertigkeit, sich dem andern verborgener Umstände zur Erreichung seiner Absicht vortheilhaft zu bedienen, und das dazu gebrauchte Mittel. 1) Von der Fertigkeit; in welchem Falle es keinen Plural hat. Seine List gehet über alles. 2) Das dem andern verborgene Mittel selbst, seine Absicht zu erreichen. Jemanden eine List spielen, einen listigen Streich. Etwas durch List von einem andern erfahren. Jemanden mit List zu etwas bereden. List gebrauchen. Eine List erdenken, ersinnen. Dein Bruder ist kommen mit List, und hat den Segen hinweg, 1 Mos. 27, 35.
   Obgleich der Plural in dieser Bedeutung der Sache und Analogie völlig gemäß ist, auch häufige Beyspiele des Alterthums vor sich hat, so kommt er doch seltener vor, und klingt auch da, wo er gebraucht wird, wirklich fremd. Mich helfen nit all meine List, Theuerd. Kap. 17.
   Wachter liebe hilf mir in (minen Holde) fristen
   Mit dinen kluogen wol verholnen listen,
   Heinrich von Frauenberg. Vor diebschen Hinterlisten, Logau. Die mir übel wollen gehen mit eitel Lüsten (Listen) um, Ps. 39, 13.
   Giftig sieht es der Neid, sieht seine Listen vereitelt,
   Zach.
   Ach, was kann ich dafür, daß einer Furie Listen
   Mich auf den Vogel erhitzt?
   Zach.
   Auf eure Listen
   Und Punischen Betrug entbrannt,
   Raml. Es scheinet, daß List ehedem auf eine doppelte Art üblich gewesen. Die List, oder vielmehr die Liste, bedeutete das Abstractum, die Kunst, Fertigkeit, der List aber, ein listiges Mittel, einen listigen Anschlag; wenigstens kommt das männliche Geschlecht in dieser Bedeutung oft vor. Unfallo der wolt seinen List offnen, (offenbaren,) Theuerd. Kap. 42. Mit bösen List, in dem 1514 gedruckten Deutschen Livio. Voll Mords, Haders, Lists, Röm. 1, 29. Alsdann müßte der Plural Liste heißen. Da jetzt beyde Formen in einander geschmolzen sind, so kann ein Theil des Ungewöhnlichen, welches den Plural Listen begleitet, daher rühren.
   Das Wort List wird in der Moral unstreitig zu sehr eingeschränket, wenn man allein böse Absichten dabey zum voraus, und Klugheit und List einander entgegen setzet. Die

[Bd. 2, Sp. 2080]


Klugheit ist die Fertigkeit, alle Umstände zu seinen Absichten vortheilhaft zu gebrauchen. Die List ist ihr untergeordnet, ist eine Art der Klugheit, und setzet voraus, daß die Umstände welche man zu Erreichung seiner Absicht gebraucht, zuweilen auch die Absicht selbst, dem andern verborgen sind. Und in dieser unschuldigen Bedeutung kommt es täglich im gesellschaftlichen Leben vor. Da aber die Verbergung seiner Absicht und Mittel sehr oft eine böse Absicht, oder doch den Schaden des andern voraus setzt, weil sonst kein Grund der Verheimlichung vorhanden seyn würde, so wird es freylich auch häufig genug in diesem Falle und anstatt des Wortes Arglist gebraucht, welches eigentlich eine auf den Schaden eines andern abzielende List bedeutet. Der Begriff des Bösen, des Schädlichen, liegt nicht in dem Worte selbst, wohl aber der Begriff der Verheimlichung, welcher das eigentliche Unterscheidungsmerkmahl dieses Wortes zu seyn scheinet.
   Anm. In dieser zweyten Bedeutung lautet es, selbst im nachtheiligen Verstande für Arglist, bey dem Willeram List, im Schwed. und Dän. List, im Böhm. Lest, bey dem Ulphilas mit der sehr gewöhnlichen Verwechselung des s und t Liutei, im Angels. Lytignes, wo auch lytig listig ist. Die Abstammung ist so ausgemacht noch nicht. Wachter nahm für die zwey Hauptbedeutungen auf eine sehr unbequeme Art auch zwey verschiedene Stämme an. In der ersten Bedeutung leitete er es von leisten, thun, in der zweyten aber von lassen, scheinen, das Ansehen haben, her, Schwed. låtas, wovon daselbst låtsa sich stellen, verstellen, bedeutet. Ihre leitet es in beyden von laesa, lesen, ab, weil das Lesen ehedem zugleich alle gelehrte Erkenntniß mit in sich begriff. Allein, da bey allen diesen der Begriff der Verborgenheit, der diesem Worte doch wesentlich anklebt, unerklärlich bleibt, so ist Frischens Ableitung immer noch die wahrscheinlichste, der es von lauschen, ehedem losen, Griech. λευσσειν, abstammen lässet. Nur muß man diese Zeitwörter nicht in der engern Bedeutung für lauern nehmen, sondern so fern sie überhaupt scharf, genau sehen, mehr sehen als ein anderer, bedeuten. Auf ähnliche Art stammet klug von dem veralteten lugen, sehen, ab; und für das niedrige belugsen ist in der anständigen Sprechart belisten, im Mecklenburg. aber belitzen üblich. Indessen könnte auch leise eine erträgliche Ableitung an die Hand geben.
 
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Die Liste, plur. die -n, ein Verzeichniß mehrerer einzelner Dinge. Die Soldaten in die Liste tragen, in das Verzeichniß ihrer Nahmen. Die Liste der Gestorbenen, der Gebornen, u. s. f. Im Franz. Liste, Ital. Lista, Engl. List, Dän. Liste, Schwed. Lista. Alle aus dem mittlern Lat. Lista, welches nicht, wie einige wollen, von lesen abstammet, sondern von unserm Leiste, so fern dasselbe einen langen schmalen Streifen bedeutet. Man pflegte solche Verzeichnisse einzelner Dinge ehedem auf lange schmale Pergamentstreifen zu schreiben, und noch jetzt nimmt man ähnliche Streifen Papiers dazu.
 
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Listig, -er, -ste, adj. et adv. von dem Hauptworte List, gleichfalls nur noch in dessen jetzt gewöhnlichen Bedeutung, List habend, und darin gegründet. Ein listiger Mensch, welcher die Fertigkeit besitzet, seine Absichten auf eine dem andern verborgene Art zu erreichen. Die Schlange war listiger, denn alle Thiere auf dem Felde, 1 Mos. 3, 1. Ein listiger Streich. Listige Anschläge. Listiger Weise. Seine Sachen sehr listig anfangen. Besonders so fern die Absicht auf den Schaden eines andern gerichtet ist. Die listigen Anschläge des Teufels, Ephes. 6, 11. Im gemeinen Leben ist listig aussehen auch seltsam, bedenklich aussehen, eigentlich wohl viel List durch seine Gesichtszüge verrathend. Der, der immer so listig aussiehet,

[Bd. 2, Sp. 2081]


wenn er mit den Leuten redet, Schleg. Daher die Listigkeit, wofür doch in den gewöhnlichen Fällen List üblicher ist.
   Anm. Bey dem Notker listig, im Dän. und Schwed. listig, im Böhm. lstky, lstiwy. In dem alten Fragmente auf Carln den Großen bey dem Schilter kommt listeg noch für weise vor. Das Nebenwort listiglich, bey dem Willeram listeklich, ist im Hochdeutschen, wie andere dieser Art, veraltet.
 
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Die Litanēy, plur. die -en, ein Kirchenwort, eine Art eines zum Absingen bestimmten demüthigen Gebethes um Abwendung allgemeiner Noth zu bezeichnen. Aus dem mittlern Lat. Litania und Griech. λιτανεια, von λιτανευειν, demüthig bitten. In dem alten Siegesliede auf den König Ludwig Liothfrono, und in dem Fragmente auf Carln den Großen bey dem Schilter Wihlieth, beyde eigentlich ein heiliges Lied.
 
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Die Litze, plur. die -n, Diminut. das Litzchen, Oberdeutsch Litzlein, ein nur noch im gemeinen Leben übliches Wort, dünne runde Schnüre zu bezeichnen. So werden die gedrehten Enden an den Kämmen der Seidenweber Kammlitzen genannt. Die runden Schnüre, womit die Kleider eingefasset werden, welche man um die Hüte bindet u. s. f. heißen, besonders in Niedersachsen, Litzen.
   Anm. Nieders. Litse, Litze, Dän. Lisse, Schwed. Lits. In andern Sprachen und Mundarten bedeutet es ein jedes Seil, oft aber auch einen Riemen, ein Band u. s. f. wie das Engl. Latchet, das Ital. Laccio, das Engl. Leash, das Franz. Lesse, das Span. Lazo, die mittlern Lat. Lexa und Leka, das Böhm. Licka, das Alban. Liak, und Wallach. Lagu, welche fast insgesammt einen Strick, Lat. Laqueus, bedeuten. Das Lat. Licium ein Faden. Es gehöret zu dem Geschlechte der Wörter Leiste, Lasche, Latte u. s. f. in welchen der Begriff der Länge der herrschende ist. In der Schweiz ist ließmen stricken; geließmete Strümpfe, gestrickte.

 

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