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Liebden bis Liebesflamme (Bd. 2, Sp. 2057 bis 2060)
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Artikelverweis  Liebden, ein Abstractum, mit welchem sich nur noch fürstliche so wohl vermählte, als verwandte und nicht verwandte Personen, mit den Fürwörtern Euer oder im Schreiben Ew. Deine, Ihre, anzureden pflegen. Fürstliche Personen gleiches Standes pflegen sich mit Ew. Liebden anzureden, und königliche und kaiserliche Personen geben bloß fürstlichen entweder diesen Titel gleichfalls, oder, wie besonders von dem Kaiser in einigen Fällen geschiehet, nur Deine Liebden. Es bedeutet so viel als geliebt, und ist unser heutiges Liebe, mit welchem noch auf den Kanzeln die Prediger ihre Gemeine anzureden pflegen. Eure Liebe oder eure christliche Liebe wolle u. s. f. Im Theuerdanke wird die Königinn nur Euer Lieb angeredet. Im Ober- und Niederdeutschen sind mehrere Abstracta mit der Endung de üblich, welche im Hochdeutschen nur ein e haben; und im Nieders. ist so wohl Leeste als Leve für Liebe üblich. In den mittlern Zeiten wurde Agape auf ähnliche Art gebraucht. Aichinger und einige andere Sprachlehrer halten Liebden für den Plural; allein das n scheint vielmehr ein bloßer müßiger Oberdeutscher Anhang zu seyn.
 
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Die Liebe, plur. car. das Abstractum des Bey- und Nebenwortes lieb, welches nur allein in dessen thätigen Bedeutung üblich ist. 1) In der weitesten Bedeutung, der Gemüthsstand, da man sich an dem Genusse oder Besitze einer Sache vergnüget. Die Liebe zum Weine, zum Gelde, zur Wahrheit, zur Freyheit u. s. f. Lust und Liebe zu einem Dinge u. s. f. 2) In etwas engerer Bedeutung ist es der Gemüthsstand, da man sich an jemandes Wolfahrt vergnüget und selbige auf das möglichste zu befördern sucht. Eine reine, unschuldige Liebe. Die unerlaubte, eigennützige Liebe. Die blinde Liebe, welche bloß aus einem natürlichen Triebe entstehet, oder doch die Neigung nicht nach den Graden der Beschaffenheit des Gegenstandes abmisset. Die eheliche Liebe. Die Liebe Gottes, so wohl, welche Gott gegen seine Geschöpfe heget, als auch die Liebe der Menschen gegen Gott, oder die Fertigkeit sich an Gott über alles zu belustigen, wodurch oft alle Pflichten gegen Gott ausgedruckt werden. Liebe zu jemanden tragen, gegen ihn hegen. Seine Liebe auf etwas werfen. Jemandes Liebe erwecken, ihn zur Liebe reitzen. Jemanden viele Liebe beweisen, ihm viele Proben seiner Liebe geben. Thun sie mir die Liebe und

[Bd. 2, Sp. 2058]


sagen es nicht. Etwas aus Liebe thun, im Gegensatze dessen, was aus Zwang geschiehet. Thun sie es mir zu Liebe, aus Liebe zu mir. Werden sie mir zur (zu) Liebe munter, Gell. 3) In der engsten Bedeutung ist es die Leidenschaft, oder das zu einer Fertigkeit gewordene Verlangen nach dem Besitze oder Genusse einer Person andern Geschlechtes, da sie denn so wohl rechtmäßig und geordnet, als unrechtmäßig und ungeordnet seyn kann. Liebe gegen eine Person empfinden. Die Liebe erlischt, so bald man aufhört zu hoffen und zu fürchten.
   Anm. Daß es auf den Kanzeln noch zuweilen im Concreto gebraucht werde, geliebte Personen zu bezeichnen, ist schon bey dem Worte Liebden bemerket worden. Es lautet bey dem Ottfried Liabe, bey der Winsbeckinn Lieb, im Nieders. Leeve und Leefte, im Angels. Leof, Lynisse, im Engl. Love. S. Adelung Lieben. Es kommt indessen in den ältern und mittlern Zeiten nicht so häufig vor, als das gleichbedeutende, jetzt aber veraltete Minne. S. dasselbe.
 
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* Liebeln, verb. reg. act. et neutr. welches im letztern Falle das Hülfswort haben bekommt, und das Diminutivum des folgenden Zeitwortes ist, aber im Hochdeutschen nur im verächtlichen Verstande üblich ist. Es bedeutet liebkosen und kommt besonders bey den Schlesischen Dichtern des vorigen Jahrhundertes vor.
   Kann die Deutsche Sprache schnauben, schnarchen, poltern, donnern, krachen;
   Kann sie doch auch spielen, scherzen, liebeln, güteln, kürmeln, lachen,
   Logau.
   Da vor Freuden alles wiebelt,
   Da mit Gleichem Gleiches liebelt,
   Logau. Im Oberdeutschen liebelt der Hund seinen Herren, wenn er ihm schmeichelt. S. Adelung Läffeln, welches vermuthlich aus diesem Worte gebildet ist.
 
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Lieben, verb. reg. act. welches, 1. eigentlich, mit der Hand streicheln bedeutet zu haben scheinet. In dieser Bedeutung kommt es noch bey den Jägern vor, welche einen Hund lieben, wenn sie ihn streicheln, und ihn ablieben, wenn sie ihn mit Streicheln von der Fährte weglocken. Alberus in seinem 1540 heraus gegebenen Lexico erkläret das vorige Diminutivum liebeln ausdrücklich durch streicheln, mulcere, palpare. »Den Leithund lieben oder ablieben heißt: der Jäger nimmt den Leithund an sich streichet mit flacher Hand ihm die Augen brav aus dem Kopf, patschelt oder klopfet ihn sänftiglich an der rechten Seite am Hals und an den Flähmen, fähret ihm mit der Hand sittsam über den Rücken« u. s. f. Carl von Heppe in der praktischen Abhandlung von dem Leithunde S. 7. Bey dem Opitz ist zulieben schmeicheln, und einlieben einschmeicheln. S. die Anmerkung. 2. Figürlich. 1) Liebe zu oder gegen etwas empfinden, im gemeinen Leben lieb haben, in allen drey Bedeutungen des Wortes Liebe. Gott lieben. Ein Kind lieben. Er liebt den Wein gar sehr. Wüßtest du, Phillis, wie sehr mein Herz dich liebt! Salomo liebte viele ausländische Weiber, 1 Kön. 11, 2. Das Mittelwort der vergangenen Zeit wird in der edlern Schreibart auch häufig als ein Hauptwort gebraucht. Ein Geliebter, eine Geliebte, eine geliebte Person; besonders für das niedrigere Liebster und Liebste. 2) Neigung zu einer Veränderung empfinden, etwas gern thun, als ein Neutrum, und nach dem Muster des Französischen aimer; ein in der Deutschen Sprache fremder Gebrauch, welcher sich nur bey einigen Schriftstellern als eine unzeitige Nachahmung des Französischen findet.
   Viel Lieben von dem Strand auf einen hinzuschauen,
   Der in Gewitters Noth die strenge See muß bauen,
   Opitz. Schach Gebal war kein kriegerischer Fürst, aber er liebte seine Leibwache schön geputzt zu sehen, Wiel.
   Das Hauptwort die Liebung ist nur in den Zusammensetzungen üblich.
   Anm. Im Nieders. leeven, im Holländ. lieven, im Angels. lufian, im Engl. to love. Im Krainerischen ist lubem ich liebe, und im Böhm. libati küssen. Um der ersten Bedeutung willen ist es sehr wahrscheinlich, daß es von dem veralteten Laf, die Hand, abstammet, und eigentlich streicheln bedeutet. Die Niedersachsen haben davon noch das Zeitwort leeven, welches nicht nur lieben, sondern auch geben bedeutet, und wovon unser liefern abstammet. S. dasselbe. Ehedem wurde es auch für belieben gebraucht, S. dasselbe. Im Schwed. ist ljufwa sich jemandes Liebe oder Freundschaft erwerben.
 
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Liebenswürdig, -er, -ste, adj. et adv. der Liebe würdig, würdig geliebt zu werden, in der zweyten und dritten engern Bedeutung des Zeitwortes. Die Tugend macht den Menschen liebenswürdig. Ein liebenswürdiges Frauenzimmer.
 
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Lieber. 1. Der Comparativ des Bey- und Nebenwortes lieb, welcher vornehmlich als ein Nebenwort gebraucht wird, einen höhern Grad der Neigung zu einer Sache oder Veränderung zu bezeichnen, als zu einer andern, wo es den Comparativ zu gern abgibt, so wie am liebsten den Superlativ. Mein Herz wollte lieber alles für dich leiden, als dich verlassen, S. Adelung Lieb. Wo es denn auch häufig figürlich für vielmehr, potius, gebraucht wird. Sie hätten lieber meine Tochter auch zu der galanten Lebensart anführen wollen, Gell. Ich weiß, daß sie sechzig sind Warum nicht lieber achtzig? ebend. Ingleichen mit einer Ellipse für, es ist besser. Lieber das schwächliche Kind um seiner Bosheit willen bis auf das Blut gestraft, als in ihm ein unseliges Geschöpf aufwachsen zu lassen, ebend. Lieber alles verloren, als die Ehre. Lieber todt, als ungetreu. Nieders. lever, leverst. 2. Der Vocativ des Adjectives lieb, besonders so fern er die Stelle einer Interjection vertritt, jemanden auf eine freundschaftliche, vertrauliche Art anzureden. Lieber, laß nicht Zank seyn, 1 Mos. 13, 8. Da sprach der Dirnen Vater zu dem Mann: Lieber, bleibe über Nacht, Richt. 19, 6. Denn sie sprach, lieber, laß mich auflesen, Ruth 2, 7.
   Ey lieber, geht doch gleich und bringt ihn eilend her,
   Günther. Es ist in dieser Bedeutung, in welcher es im Hochdeutschen nur selten vorkommt, das Beywort lieb, worunter Freund oder ein anderes Hauptwort verstanden werden muß; ob es gleich unabänderlich gebraucht wird, ohne Unterschied so wohl des Geschlechtes, als der Zahl.
 
Artikelverweis Der
Liebesapfel, des -s, plur. die -äpfel, eine Art des Nachtschattens, S. Adelung Goldapfel.
 
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Der Liebesbrief, des -es, plur. die -e, Diminut. das Liebesbriefchen, in der engsten Bedeutung des Wortes Liebe, eine verliebter Brief, ein Brief, worin man einer Person andern Geschlechtes seine Liebe erkläret oder versichert.
 
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Der Liebesdienst, des -es, plur. die -e, in der zweyten Bedeutung des Wortes Liebe, ein Dienst, welchen man jemanden aus Liebe, und in engerer Bedeutung aus Liebe allein, ohne Belohnung leistet. Jemanden einen Liebesdienst thun, erweisen.
 
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Das Liebesfieber, des -s, plur. ut nom. sing. in der engsten Bedeutung des Wortes Liebe, diese Leidenschaft, wenn sie mit einem schleichenden Fieber verbunden ist; Febris amatoria. S. Adelung Jungfernsucht. Artet der Trieb zum Beyschlafe in Wuth

[Bd. 2, Sp. 2060]


und Unsinn aus, so wird er auch wohl die Liebeswuth genannt; Furor uterinus.
 
Artikelverweis 
Die Liebesflamme, plur. die -n, die Liebe unter dem Bilde einer Flamme betrachtet, ein hoher Grad der Liebe, in der zweyten und dritten Bedeutung; ein Ausdruck, welcher den Dichtern der vorigen Zeiten sehr gewöhnlich war.

 

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