Wörterbuchnetz
Grammatisch-Kritisches Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart Bibliographische AngabenLogo textgrid zeno bmbf · Logo textgrid zeno bmbf · Logo textgrid zeno bmbf
 
-Licht bis 1. Lichten (Bd. 2, Sp. 2048 bis 2052)
Abschnitt zurück Abschnitt vor
Artikelverweis  -Licht, eine Ableitungssylbe, S. das vorige III. 1.
 
Artikelverweis 
Licht, -er, -este, adj. et adv. welches fast in allen seinen Bedeutungen nur im gemeinen Leben und der vertraulichen Sprechart üblich ist, dagegen die edlere dafür hell gebraucht.
   1. Eigentlich, so wohl, 1) viel eigenes Licht habend; hell. Die lichte Sonne, die helle Sonne, im Theuerd. Das Feuer

[Bd. 2, Sp. 2049]


brennt nicht licht. In lichten Brand stecken, Opitz. 2) Von einem fremden Lichte erleuchtet; hell. Der Mond macht die Nacht licht. Eine lichte Wolke. Des Morgens, wenn es licht wird. Ein lichtes Haus. Die Treppe ist sehr licht. Besonders von dem Tage. Bey lichtem Tage. Die vil lichten langen tage, König Conrad der Junge. Als er nun sach den lichten Tag, Theurd. Wo man im gemeinen Leben um des Nachdrucks willen auch wohl noch das hell hinzu zu setzen pflegt. Es ist schon heller lichter Tag.
   2. Figürlich. 1) Von Farben; gleichfalls für hell. Lichte Farben, im Gegensatze der dunkeln. Lichtbraun, lichtroth, lichtblau u. s. f. für hellbraun, hellroth, hellblau. 2) Ein lichter Kopf, in der anständigern Sprechart, ein heller Kopf, welcher viele deutliche und klare Begriffe hat, oder fähig ist, bald deutliche und klare Begriffe von einer Sache zu bekommen. Es wird licht im Verstande, wenn man anstatt der dunkeln deutliche Begriffe bekommt. S. auch das folgende Hauptwort. 3) Weit, weitläufig; doch nur in einigen Fällen des gemeinen Lebens. Lichte Maschen, bey den Fischern und Jägern, weitläufige, welche große leere Zwischenräume haben. Daher ist bey den Jägern der lichte Zeug eine allgemeine Benennung so wohl der Garne und Netze, als auch der Tuch- und Federlappen; zum Unterschiede von dem finstern Zeuge, wozu die Tücher und Blahen oder Planen gerechnet werden. Ein lichtes Holz, ein lichter Wald, im Forstwesen, worin die Bäume sehr weitläufig stehen. Einen Wald licht machen, die Bäume heraus schlagen. Daher werden auch die Laubhölzer im Forstwesen lichte Hölzer genannt, weil die Bäume in solchen weitläufiger stehen, und folglich auch mehr Licht durchlassen, als in den Nadelhölzern, welche daher auch Schwarzhölzer, oder finstre Hölzer heißen. Auch das Lichte wird daselbst so wohl von einem angetriebenen Schlage, als auch überhaupt von dem Freyen, einem nicht mit Waldung bewachsenen Platze gebraucht. 4) Im Lichten, ein im gemeinen Leben sehr häufiger Ausdruck, die Breite oder Weite einer Öffnung, ja den innern Raum überhaupt zu bezeichnen; eine Fortsetzung der vorigen Figur. Ein Schiff hat 12 Ellen im Lichten, wenn es so viel Ellen breit oder weit ist. Ein Fenster ist im Lichten vier Fuß weit, im Gegensatze der Höhe. Ein Zimmer ist im Lichten 18 Fuß lang und 16 breit, im innern Raume, die Wände nicht mit gerechnet. 5) Jemanden an den lichten Galgen henken, in den niedrigen Sprecharten, an den öffentlichen Galgen, der von jedermann gesehen wird.
   Anm. Im Nieders. lecht. S. das folgende.
 
Artikelverweis 
Das Licht, des -es, plur. die -er, Diminut. das Lichtchen, im Plural auch wohl Lichterchen, Oberd. Lichtlein; ein Wort, welches so wohl die leuchtende Materie, als einen mit derselben begabten Körper von bestimmter Gestalt bedeutet.
   1. Die leuchtende Materie, die dadurch verursachte Helle und die Eigenschaft mancher Körper, vermittelst der in ihnen befindlichen Lichtmaterie zu leuchten, d. i. die umstehenden Körper sichtbar zu machen; in allen diesen Fällen ohne Plural.
   1) Eigentlich. (a) Überhaupt. Das zuerst von Gott erschaffene Licht, lux primigenia. Die Sonne streuet das Licht auf ihr ganzes Planeten-System aus. Die Geschwindigkeit des Lichtes berechnen. Die Lampe gibt ein stilleres Licht als die Talglichter. Der Mond hat ein entlehntes Licht. Die Weber gebrauchen bey ihrer Arbeit ein helles Licht. Das Licht und Recht in dem Brustschmucke des hohen Priesters, 2 Mos. 28, 30, welches einige durch glänzende und echte Steine erklären. Der Ofen geht zu Lichte, im Hüttenbaue, wenn er helle brennt. (b) In engerer Bedeutung.

[Bd. 2, Sp. 2050]


α) Das durch die Sonnenstrahlen bey Tage verursachte Licht. Ein Haus hat viel, hat wenig Licht, wenn es gehörig hell in demselben ist oder nicht. Die Treppe hat zu wenig Licht. Das Licht fällt durch das Fenster herein. Einem das Licht verbauen. Etwas gegen das Licht halten. Wenn ich es bey dem Lichte besehe, auch figürlich, wenn ich es genau untersuche. Auf eine ungewöhnliche Art heißt es bey dem Opitz:
   Wann daß man ihr Red und Thun zum Lichtern halt. Jemanden im Lichte stehen, durch seinen Körper die Lichtstrahlen aufhalten, im gemeinen Leben auch, ihm im Lichten stehen, da es denn das vorige Beywort seyn würde. Sich selbst im Lichte stehen, figürlich, seinen Vortheil selbst verhindern. Gehe mir aus dem Lichte, entferne dich, damit die Lichtstrahlen ungehindert auf mich fallen können. Jemanden hinter das Licht führen, figürlich, ihn hintergehen, betriegen. Zwischen zwey Lichten, oder unter Lichts, im gemeinen Leben, in der Dämmerung. Mit anbrechendem Lichte, Tage. Das Licht der Welt erblicken, geboren werden. Bey den Mahlern stehet ein Gemählde in einem falschen Lichte, wenn das Licht, welches durch das Fenster fällt, es nicht so beleuchtet, daß alle Theile desselben hinlänglich gesehen werden. Daher sagt man auch figürlich, etwas in einem falschen Lichte sehen, oder betrachten, nicht aus dem gehörigen Gesichtspuncte.
   Und alles wird nunmehr im andern Licht gesehn, Wiel. β) In einigen Fällen wird hingegen das künstliche Licht einer Lampe, eines Talglichtes u. s. f. nur schlechthin das Licht genannt. Bey Lichte arbeiten, studiren. γ) Im gemeinen Leben wird der Schein des Mondes, und der Mond selbst in Ansehung seines Scheines, sehr häufig das Licht genannt. Das volle Licht, der Vollmond. Das neue Licht, das erste Viertel. Im zunehmenden Lichte. Bey gutem Lichte Holz fällen, in einem guten Mondsviertel.
   2) Figürlich. (a) Im Gegensatze der Dunkelheit oder Verborgenheit. Etwas ans Licht bringen, es bekannt machen, da es vorher verborgen war. Das Licht scheuen, sich scheuen bekannt zu werden. Eine des Lichtes unwürdige Schmähschrift, der Bekanntmachung. Wer arges thut, der hasset das Licht, Joh. 3, 20. (b) Deutliche, klare Erkenntniß. Ich muß mehr Licht in der Sache haben. Einem in einer Sache Licht geben. Licht bekommen. Jetzt gehet mir ein Licht in der Sache auf, jetzt bekomme ich einen deutlichen oder klaren Begriff von derselben. Daher in der Bibel die heilsame Erkenntniß göttlicher Wahrheiten so oft ein Licht genannt wird. Das Licht des Verstandes, dessen Eigenschaft oder Fähigkeit, uns deutliche Begriffe zu gewähren. Der Verstand führt uns fehl und verläßt uns zu eben der Zeit, wo wir seines Lichtes am meisten bedürfen, Gell. (c) Das Licht des Lebens, das Lebenslicht, das Leben, die Lebenskraft; eine den Dichtern der vorigen Zeiten sehr gewöhnliche Figur. Einem das Lebenslicht ausblasen, ihn umbringen. (d) Das Licht ist schon von den ältesten Zeiten her das Bild der Gottheit, besonders in den Morgenländern; daher Gott auch in der Bibel so oft ein Licht genannt wird, besonders wegen seiner vollkommnen Einsicht aller Dinge.
   2. Ein mit Licht, d. i. leuchtender Materie, Lichtmaterie, begabter Körper. 1) Eigentlich (a) Überhaupt, wo ein jeder Körper, welcher die umstehenden Dinge sichtbar macht, und so fern er dazu geschickt ist, ein Licht genannt wird. Gott machte zwey große Lichter, ein groß Licht, das den Tag regiere, und ein klein Licht, das die Macht regiere, dazu auch die Sterne, I. Mos. I, 16. Die Lichter des Himmels, die leuchtenden Weltkörper. Ein Windlicht, eine Windfackel. Das

[Bd. 2, Sp. 2051]


Irrlicht. (b) In engerer Bedeutung, eine kleine aus Unschlitt, Wachs oder einem ähnlichen festen fetten Körper bereitete und mit einem Dochte versehene gerade Fackel. Ein Talglicht, oder Unschlittlicht, zum Unterschiede von einem Wachslichte. In noch engerer und gewöhnlicherer Bedeutung führen die Talglichter nur schlechthin den Nahmen der Lichter, zum Unterschiede von den Wachslichtern, welche in vielen Gegenden nur allein Kerzen genannt werden. S. dieses Wort. Lichter ziehen, gießen. Gegossene Lichter, zum Unterschiede von den gezogenen. Das Licht anzünden, putzen, auslöschen. Das Licht auf den Tisch setzen. Einem das Licht zu etwas halten, auch figürlich, ihm in einer bösen Sache hülfliche Hand leisten. Dem Teufel muß man zwey Lichter anbrennen, ein unter dem großen Haufen üblicher Grundsatz, welcher ein Überrest eines alten Aberglaubens bey den Leichen der Verstorbenen ist. Ein Pfund Lichter. Die Violine schweigt, es stirbt der Lichter Glanz, Zachar. 2) Figürlich. (a) Bey den Jägern werden die Augen des Hirsches so wohl die Lichter als die Seher genannt. Bey den Dichtern der vorigen Zeiten war es sehr gewöhnlich, die Augen, besonders ihrer Schönen, Lichter zu nennen. (b) Die weiße Ader, woran das Herz und Geräusch hängt, wird so wohl im gemeinen Leben als bey den Jägern die Lichtader, und das Licht schlechthin genannt; vermuthlich wegen ihrer weißen Farbe. (c) Bey den Mahlern heißen die heller gemahlten Theile eines Gemähldes die Lichter, zum Unterschiede von den Schatten. (d) Bey vielen, besonders bey den Dichtern, ist es ein Liebkosungswort, eine geliebte Person damit anzureden; wo es doch nur allein im Singular üblich ist. (e) Alles wodurch wir eine deutliche oder klare Vorstellung bekommen, wird oft ein Licht genannt; gleichfalls nur im Singular allein. Daher man, (f) auch Personen, welchen eine Art von Wahrheiten viele deutliche oder klare Begriffe zu danken hat, Lichter zu nennen pflegt. Ein Licht der Kirche. Ihr Lichter dieser Welt, Gryph. Newton und Leibnitz, diese Lichter des menschlichen Geschlechtes.
   Anm. 1. So fern dieses Wort die Lichtmaterie, oder leuchtende Eigenschaft eines Dinges bedeutet, hat es keinen Plural. Wenn es aber einen bestimmten mit Lichtmaterie begabten Körper bedeutet, lautet es im Hochdeutschen überhaupt ohne Ausnahme die Lichter. Nur in der zweyten eigentlichen Bedeutung eines solchen leuchtenden Körpers haben einige neuere Sprachlehrer Zweifel zu erregen gesucht, und behauptet, das Wort Licht habe im Plural Lichter, so oft es ein brennendes Licht von Talg oder Wachs bedeutet, Lichte aber, wenn es nicht als brennend vorgestellet werde. Daher sage man richtig, die Lichter putzen, und Lichte ziehen oder gießen, ein Pfund Lichte u. s. f. Allein ein solcher Unterschied zwischen einem zu einem gewissen Gebrauche bestimmten, und wirklich gebrauchten Körper ist wohl bey keinem Worte in der ganzen Sprache anzutreffen, und über dieß ohne allen begreiflichen Nutzen. Dieß allein hätte diese Herren schon von der Unrichtigkeit ihrer Regel überführen können. Vermuthlich sind sie dadurch irre geworden, daß in manchen Gegenden, wo sich die Sprache der Oberdeutschen Mundart nähert, der Plural nach Oberdeutscher Mundart, welche die meisten Hochdeutschen Plurale in er auf e macht, (S. 4. -Er,) wirklich Lichte lautet. Aber alsdann lautet es so, die Lichter mögen brennen oder nicht, und in manchen Gegenden, selbst in Meißen, höret man beyde Arten des Plurals ohne Unterschied gebrauchen; woraus aber weiter nichts folgt, als daß in solchen Gegenden beyde Mundarten vermischt sind. Wenn wollte man fertig werden, wenn man aus allen solchen Vermischungen Regeln machen wollte?

[Bd. 2, Sp. 2052]



   Anm. 2. Dieses Wort lautet im Isidor und Kero Lecht, bey dem Ottfried und im Tatian Licht, im Nieders. Lucht, und wenn es ein Talg- oder Wachslicht bedeutet, Lecht, im Angels. Lecht, im Engl. Light, bey dem Ulphilas Ljuhath, im Wallis. Llug. Andere Sprachen stoßen den Hauchlaut ganz aus, wie das Lettische Luti, und noch andere lassen dieses t in den verwandten Zischer übergehen, wie das Dän. Lius, Lys, Schwed. Ljus und Isländ. Lios. Das Lat Lux hat so wohl den Hauch- als Zischlaut. Es ist ein sehr altes Wort, welches mit dem Zeitworte leuchten zu dem großen Geschlechte der Wörter Blitz, Glanz, gleißen, bleich, blaß, blinken, bloß, Lohe, Blick, lugen, sehen, und hundert anderer gehöret, wohin auch die Lat. lucere, diluculum der zweyten Sylbe nach, das Griech. λευκος, bleich, λοχνος, lucerna, λυκ, die Morgendämmerung, u. a. m. zu rechnen sind.
 
Artikelverweis 
Die Lichtader, plur. die -n. 1) Die weiße Ader bey dem Wildbret und geschlachteten Thieren, woran das Herz und Geräusch hänget, S. Adelung Licht 2. 2) (b). 2) Bey den Pferden, eine Ader am Kopfe in der Gegend der Schläfe, welche ein Ast der Lungenader ist, und von den Pferdeärzten bey Beschädigungen der Lichter, d. i. der Augen, geöffnet wird; die Kollerader, weil man sie auch im Koller zu schlagen pflegt.
 
Artikelverweis 
Die Lichtarbeit, plur. die -en, diejenige Arbeit, welche bey einem künstlichen Lichte verrichtet wird, zum Unterschiede von der Tagearbeit. S. Adelung Licht. 1. 1) (b) β).
 
Artikelverweis 
Der Lichtbaum, des -es, plur. die -bäume, ein Ostindischer und Amerikanischer Baum, dessen schotenartige Früchte die Gestalt eines gezogenen Lichtes haben; Rhizophora Mangle L.
 
Artikelverweis 
Lichtblau, adj. et adv. für hellblau, im gemeinen Leben, S. das Beywort Licht.
 
Artikelverweis 
Der Lichtbraten, des -s, plur. ut nom. sing. bey einigen Handwerkern, ein feyerlicher Braten, welcher den Gesellen gegeben wird, wenn sie bey abnehmenden Tagen anfangen, bey Lichte zu arbeiten; die Lichtgans, wenn es eine gebratene Gans ist.
 
Artikelverweis 
Lichtbraun, adj. et adv. welches für hellbraun im gemeinen Leben üblich ist, S. das Beywort Licht.
 
Artikelverweis 
Das Lichtbrêt, des -es, plur. die -er, bey den Lichtziehern, durchlöcherte dünne Breter, vermittelst derselben viele Lichter auf Ein Mahl zu ziehen.
 
Artikelverweis 
1. Lichten, verb. reg. act. welches im Niedersächsischen, besonders in der Seefahrt üblich ist, und von dem Bey- und Nebenworte leicht, Nieders. licht, abstammet. 1) Leichter machen, entlasten. Eine Tonne lichten, sie austrinken, ausleeren. Die Casse lichten, alles Geld heraus nehmen. S. das folgende der Lichter, welches von dieser Bedeutung abstammet. 2) In die Höhe heben, aufheben, von schweren Körpern. Die Anker lichten, sie in die Höhe winden. Lichte! der gewöhnliche Zuruf der Niedersächsischen Fuhrleute an ihre Pferde, wenn sie den Fuß aufheben sollen. Den Protest lichten, in Nieders. Handelsstädten, ihn aufheben. Da es in dieser Bedeutung in vielen Gegenden auch lüften lautet, f und ch aber mehrmahls mit einander verwechselt werden, indem das Nieders. Lucht auch Luft bedeutet, so kann es auch unmittelbar von diesem letztern Worte abstammen, S. Lüften.
   So auch die Lichtung.

 

Eingabe
Wörterbuchtext:
Stichwort: