Wörterbuchnetz
Grammatisch-Kritisches Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart Bibliographische AngabenLogo textgrid zeno bmbf · Logo textgrid zeno bmbf · Logo textgrid zeno bmbf
 
Leutescheu bis Leyermann (Bd. 2, Sp. 2041 bis 2044)
Abschnitt zurück Abschnitt vor
Artikelverweis  Leutescheu, -er, -este, adj. et adv. die Leute, den Anblick, die Gesellschaft der Menschen auf eine fehlerhafte Art scheuend, und in dieser Scheu gegründet; menschenscheu, Niedersächs. minskenschou, mit einem Griechischen Ausdrucke misanthropisch. Sie müssen mich für sehr leutescheu ansehen, Gell. Schwed. folkskygg, Dän. folkesky.
 
Artikelverweis 
* Der Leutgêb, des -en, plur. die -en, ein nur im Oberdeutschen üblicher Ausdruck, einen Schenkwirth zu bezeichnen, der den Leuten das nöthige Getränk für das Geld gibt.
 
Artikelverweis 
Leutsêlig, -er, -ste, adj. et adv. 1) * Volkreich, von Leuten und Menschen lebhaft; ein nur im Oberdeutschen üblicher Gebrauch. Ein leutseliger Ort. Es ist in dieser Gasse, in dieser Stadt sehr leutselig. 2) Ein wohlwollendes Vergnügen in dem Anblicke und Umgange der Menschen überhaupt äußernd, darin gegründet. Ein leutseliger Mensch. Ein leutseliges Betragen. In engerer und gewöhnlicherer Bedeutung gebraucht man es nur von dieser Gemüthsstellung höherer Personen gegen geringere, welche gewisser Maßen als ihre Leute, d. i. Untergebene, angesehen werden können. Im Pohln. ludsky, in der Schweiz. ländlich. S. -Selig.
 
Artikelverweis 
Die Leutsêligkeit, plur. inus. 1) * Der Zustand eines Ortes, da er leutselig, d. i. lebhaft ist; doch nur im Oberdeutschen.

[Bd. 2, Sp. 2042]



   2. Die Gemüthsstellung, die Neigung, die Fertigkeit eines Menschen, leutselig zu seyn.
 
Artikelverweis 
Die Levánte, (sprich Lewánte,) plur. car. ein in der Erdbeschreibung und Seefahrt aus dem Ital. Levante entlehntes Wort, die Morgenländische Weltgegend in Ansehung des Mittelländischen Meeres, die Morgenländer zu bezeichnen, unter welchem Ausdrucke man gemeiniglich Griechenland, Romanien, Natolien, Syrien, einen Theil von Arabien, und Ägypten begreift; dagegen die Franzosen noch die Barbarey und zuweilen auch Italien, die Engländer aber alles, was von der Straße bey Gibraltar östlich bis an den Euphrat lieget, die Levante oder Morgenländer zu nennen pflegen. Daher die levantische Compagnie, eine Gesellschaft Kaufleute, welche nach der Levante handelt.
 
Artikelverweis 
Der Levīt, des -en, plur. die -en, bey den ehemahligen Juden, ein Glied des Stammes Levi, besonders so fern die Glieder dieses Stammes zu dem Dienste des Tempels verbunden und berechtiget waren. Der levitische Gottesdienst, der Gottesdienst des alten Testamentes, weil er von den Leviten besorgt wurde. In engerer Bedeutung waren die Leviten noch von den eigentlichen Priestern unterschieden, denen sie an Würde nachgingen, und gleichsam Gehülfen derselben waren, daher auch in der Lateinischen Kirche die Diaconi ehedem Leviten genannt wurden, so wie in den Rheinischen Stiftern ein Dom-Vicarius noch jetzt diesen Nahmen führet. Einem den Leviten lesen, ihm einen derben Verweis geben, wofür man auch sagt, ihm den Text, das Kapitel oder die Epistel lesen; eine R. A. worin die Anspielung dunkel ist. Kaisersberg sagt in einer Stelle bey dem Frisch; Da er ihnen nun also den Text gelesen hatte, da wollt er ihnen die Leviten baß lesen.
 
Artikelverweis 
Die Levkōje, plur. die -n, eine Pflanze, welche wohl riechende Blumen trägt und so wohl in Spanien als in der Barbarey einheimisch ist; Cheiranthus incanus L. Eigentlich kommt dieser Nahme nur derjenigen Art zu, welche weiße Blumen trägt, von dem Griech. λευκος, weiß, daher man diese auch weißen Veil zu nennen Pflegt. Hernach hat man ihn auch den rothen und violetten Arten gegeben. Diejenige Pflanze, welcher Linnee, wider den Sprachgebrauch, den Nahmen Leucojum gegeben hat, gehört zu einer ganz andern Classe, und wird im Deutschen Hornungsblume, Märzblume und Schneeglöckchen genannt.
 
Artikelverweis 
Das Lêxicon, des -s, plur. ut nom. sing. oder des -ci, plur. die -ca, eine aus dem Griechischen entlehnte Benennung eines Wörterbuches, wofür andere, aber mit schlechtem Erfolge, die Ausdrücke Nahmenbuch und Aufschlagebuch einzuführen gesucht haben.
 
Artikelverweis 
-Ley, ein für sich allein veraltetes Wort, welches ehedem ein Hauptwort weiblichen Geschlechtes war, und eigentlich den Weg, figürlich aber auch die Art, Gattung, das Geschlecht, bedeutete, und im Oberdeutschen ehedem auch Lige, Leige lautete, und zum Theil noch lautet. Aller Leige, von aller Art, bey einem der Schwäbischen Dichter. Jetzt ist es nur noch in der Zusammensetzung mit verschiedenen Bey- und Fürwörtern üblich, neue Beywörter daraus zu bilden, welche aber indeclinabel sind, und auf keine Art verändert werden können. Die Wörter, welche diese Zusammensetzung leiden, sind alle Zahlwörter und einige Fürwörter, oder den Fürwörtern ähnliche Beywörter. Alle diese müssen, wenn sie das ley annehmen sollen, in der zweyten weiblichen Endung stehen; nicht, als wenn, wie Frisch glaubt, ein weibliches Hauptwort, Art, Gattung u. s. f. darunter verstanden würde, sondern, weil Ley selbst ein eigentliches Hauptwort weiblichen Geschlechtes ist. Wie man nun sagt, das sind Dinge aller Art, d. i. von aller Art, ohne ein anderes Hauptwort

[Bd. 2, Sp. 2043]


darunter zu verstehen, so sagte man ehedem auch, das sind aller Ley Dinge, oder jetzt zusammen gezogen allerley Dinge; woraus zugleich erhellet, warum die aus dieser Zusammensetzung entstehenden Wörter ihrer Natur nach indeclinabel sind. Die Wörter, welche diese Zusammensetzung leiden, sind 1) Zahlwörter. Einerley, von Einer Art, zweyerley, beyderley, dreyerley. Ja es lassen sich nicht nur die declinabeln Zahlwörter auf diese Art verändern, sondern auch die indeclinabeln; doch müssen sie vorher die Sylbe er annehmen, und dadurch gleichsam zu weiblichen Beywörtern der zweyten Endung gemacht werden. Sechserley Geld, sechs verschiedene Arten Geldes, Achterley Leute. Zwanzigerley Sachen. Hunderterley unter einander. Tausenderley Dinge. Im Oberdeutschen sagt man auch anderley, für von andrer Art, welches aber im Hochdeutschen nicht üblich ist. 2) Fürwörter, oder Fürwörtern ähnliche Beywörter, doch nur einige. Diese sind im Hochdeutschen all, kein, viel und manch; allerley, keinerley, vielerley, mancherley. Im Oberdeutschen hat man deren weit mehrere; derley, für dergleichen, welcherley, solcherley, jederley von dieser Waare, Logau, wasserley, dieserley, der selberley Dunst, Buch der Natur 1483, einicherley im Theuerdank, für von irgend einer Art, meinerley, deinerley, seinerley u. s. f. Kaisersberg. Würme, die du in dir hast, sind nicht deinerley, ebend. sind nicht von deiner Art.
   Anm. Dieses veraltete Hauptwort Leige und zusammen gezogen Ley, Holländ. gleichfalls Ley, (wo das y das Andenken des stärkern Hauches erhält,) ist noch im Schwed. gangbar, wo es Led lautet, und nicht nur eigentlich den Weg, (S. Lege Legen und Leiten,) sondern auch figürlich die Art, Gattung, das Geschlecht, bedeutet. Annorledes ist daselbst anderley, auf andere Art, alleleds allerley, mångaleds mancherley. S. Geschlecht und Schlachten, arten, welche gleichfalls damit verwandt sind. Ehedem gebrauchte man statt dieser Sylbe auch Hand, welches sich noch in allerhand für allerley erhalten hat, ehedem aber in allen den Fällen üblich war, wo man jetzt ley anhänget, welches in dieser Art des Gebrauches neuer ist als jenes.
 
Artikelverweis 
Die Leyer, plur. die -n, Diminut. das Leyerchen, Oberd. Leyerlein, ein Nahme eines zwiefachen musikalischen Werkzeuges. 1) Die Leyer der Alten, Lat. Lyra, war eine Art Harfe, welche anfänglich drey Saiten hatte, deren Zahl mit der Zeit bis auf sechzehen vermehret wurde. Sie wurde, wie die Harfe, mit den Fingern gespielet, und soll von dem Apoll seyn zur Vollkommenheit gebracht worden, daher sie auch seit dessen Zeit ein Sinnbild der Dichtkunst geworden ist. Figürlich, wegen einiger Ähnlichkeit in der Gestalt, ist die Leyer am Himmel ein nördliches Sternbild, welches aus dreyzehn Sternen bestehet. 2) Unsere heutige Leyer ist ein sehr unvolkommenes eintöniges Saiten-Instrument, welches vermittelst eines mit einer Kurbel versehenen Rades gespielet wird, und nur noch unter dem großen Haufen einigen Beyfall findet. Es ist die alte Leyer figürlich, die alte, bekannte Sache. Immer bey Einer Leyer bleiben, bey Einer Sache, bey Einer Neigung, bey Einem Vorgeben im verächtlichen Verstande.
   Figürlich bekommen verschiedene Dinge, welche so wie das Rad an einer Leyer umgedrehet werden, den Nahmen der Leyern. So wurde die Winde an einer Armbrust ehedem auch die Leyer genannt. In der Schweiz ist die Leyer eine Art Butterfaß, welches mit einer Handhabe zwischen zwey Hölzern umgedrehet wird. Die Leyer der Bortenwirker ist ein Stock mit einem beweglichen Querholze, die Kette zu Borten und Bändern von dem Schweiframen auf die Schweifspule abzuwickeln. Die Vogelsteller nennen eine auf Pfählen bewegliche Walze, welche mit

[Bd. 2, Sp. 2044]


Leimruthen besteckt wird, eine Leyer und nach einer verderbten Aussprache eine Leuer, Leure. In großen Küchen hat man Bratenleyern, oder Maschinen, mehrere Spieße zugleich vermittelst einer einzigen Kurbel umzudrehen. An dem Pfluge ist die Leyer ein zwieseliges Holz, welches durch das Pfluggestell gehet, und die Pflugwage trägt, woran die Pferde gespannet werden; vielleicht, weil es in einer beständigen Bewegung ist, daher es auch das Pflugwetter genannt wird.
   Anm. Bey dem Ottfried Lira, im Nieders. Lier, Lire, im Engl. Lyre, im Dän. Lire. Wenn es auch von dem Griech. und Lat. λυρ, Lyra, herstammen sollte, so gehören doch diese zu dem Geschlechte der Wörter Lärche, lehren, Lärm u. s. f. In einigen Niedersächsischen Gegenden, z. B. im Meklenburgischen, heißt eine Leyer, aus einer ähnlichen Nachahmung ihres eintönigen Klanges, eine Ninnel.
 
Artikelverweis 
Der Leyermann, des -es, plur. die -männer, derjenige, welcher ein Geschäft daraus macht, andern auf der Leyer vor- oder aufzuspielen; Nieders. Lirendreyer. Eine solche Person weiblichen Geschlechtes, eine Leyerfrau.

 

Eingabe
Wörterbuchtext:
Stichwort: