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Lêsebrêt bis Lêseschule (Bd. 2, Sp. 2032 bis 2034)
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Artikelverweis Das Lêsebrêt, des -es, plur. die -er, bey den Leinwebern und Zeugmachern, ein Bret mit vielen Löchern, vermittelst dessen die Fäden auf den Scherrahmen gelesen werden. S. 1. Lesen.
 
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Das Lêseholz, des -es, plur. inus. Holz, welches an dürren Zweigen, Spänen u. s. f. im Walde aufgelesen wird; Raffholz.
 
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Der Lêsemeister, des -s, plur. ut nom. sing. 1) In den Klöstern einiger Gegenden, der Vorleser, Lector; von lesen, legere. 2) In einigen Oberdeutschen Weinländern, z. B. in Österreich, eine beeidigte Person, welche die Aufsicht über die Weinlese, und die Einnahme des davon schuldigen Zehnten hat.
 
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1. Lêsen, verb. irreg. act. ich lese, (Oberd. ich lies,) du liesest, er lieset, wir lesen u. s. f. Imperf. ich las; Mittelw. gelesen; Imperat. lies, (Oberd. lese). Es bedeutet überhaupt, von mehrern Dingen Einer Art eines nach dem andern wegnehmen, oder aufheben; wo es doch nur noch in einigen Fällen üblich ist. Auf dem Acker Ähren lesen, zusammen lesen, auflesen. Holz lesen, auflesen. Wein lesen, die reifen Weintrauben nach einander abbrechen, S. Adelung Weinlese. Kann man auch Trauben lesen von den Dornen, oder Feigen von den Disteln? Matth. 7, 16. Die Steine von dem Acker lesen. Das Unreine aus den Erbsen, Linsen u. s. f. lesen. In vielen Fällen ist es im Hochdeutschen ungewöhnlich geworden. Da ging einer aufs Feld, daß er Kraut läse, 2 Kön. 4, 39, suchte, hohlte. Erdbeeren, Heidelbeeren lesen, im Oberd. wofür man im Hochdeutschen lieber pflücken sagt. So auch,
   So lise ich bluomen do rife nu lier,
   Walth. von der Vogelweide, für pflücken. Ingleichen figürlich, auf solche Art reinigen, leer machen. Den Weinberg lesen, die Trauben in demselben. Wenn du deinen Weinberg gelesen hast, 5 Mos. 24, 21.

[Bd. 2, Sp. 2033]


Den Acker lesen, die Steine von demselben ablesen. Den Salat lesen, die verdorbenen Blätter aufsuchen und wegnehmen. Erbsen, Linsen, Reiß, Hirse u. s. f. lesen, das Unreine einzeln hinweg nehmen. Wolle lesen. Im Nieders. verlesen. Bey den Webern werden die Fäden gelesen, wenn die Fäden des Aufzuges aus einander gelesen und in Ordnung gebracht werden.
   Das Hauptwort die Lesung wird nur in einigen Zusammensetzungen gebraucht, in welchen lesen zugleich von einem weitern Umfange der Bedeutung ist, als jetzt das einfache Zeitwort hat. Anm. Schon bey dem Kero lesan, im Nieders. lesen, im Engl. to lease, im Schwed. läsa, im Angels. lesan, im Lat. legere, colligere, im Griech. λεγειν. Merkwürdig ist es allerdings, daß dieses Zeitwort mit dem folgenden nicht nur in der Conjugation überein kommt, sondern auch in allen Europäischen Sprachen mit demselben gleichlautend ist. Indessen ist doch bey dem sehr einfachen Gange der menschlichen Begriffe, besonders in denjenigen Zeiten, in welche der Ursprung der Wörter fällt, kein scheinbarer Grund vorhanden, sie beyde von Einem Stamme herzuleiten. Denn daß einige das folgende lesen so erklären, als wenn es eigentlich die Buchstaben, Sylben und Wörter zusammen lesen oder sammeln bedeute, ist mehr ein witziger Einfall, als eine der Analogie der Sprache gemäße Ableitung. Vielleicht stammet das gegenwärtige Zeitwort von los, lösen ab, (in einigen Oberdeutschen Gegenden wird es wirklich lösen gesprochen;) alsdann wäre dessen Verwandtschaft mit verlieren, welches im Nieders. ehedem nur lesen lautete, Engl. to leese, lose, loose, Angels. losgan, leosan, bey dem Ulphilas liusan, sehr leicht begreiflich. S. Adelung Verlieren.
 
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2. Lêsen, verb. irreg. act. et neutr. welches im letztern Falle das Hülfswort haben erfordert, in der Conjugation aber mit dem vorigen völlig überein kommt. Es bedeutet, 1. eigentlich, laut hersagen, oder hersingen; eine größten Theils veraltete Bedeutung, welche sich nur noch in dem Ausdrucke Messe lesen in der Römischen Kirche erhalten hat. Ehedem war sie häufiger, denn da war lehren und lesen einerley; indem beyde eigentlich den lauten Schall ausdrucken, r und s aber in allen Sprachen sehr leicht in einander übergehen. Kero gebraucht für lesen noch leran, dagegen bey dem Ulphilas laisjan lehren bedeutet. Das Franz. lire, lesen, nous lisons, wir lesen u. s. f. hat beyde Formen beybehalten. Das Schwed. läsa bedeutet gleichfalls hersagen, und sein Gebeth lesen ist daselbst so viel als es bethen. Auf den hohen Schulen Deutschlandes ist es noch im engern Verstande für lehren, eine Lehrstunde halten, üblich. Ein Collegium lesen. Die Theologie, die Weltweisheit lesen, d. i. lehren. Mit vielem Beyfalle lesen. Heute wird nicht gelesen. Das Lat. legere wurde in den mittlern Zeiten auf eben diese Art gebraucht. Indessen kann es seyn, daß beyde in dieser Bedeutung eine Figur sind, welche von dem ehemahligen Vorlesen der Lehrer im eigentlichsten Verstande entlehnet ist. 2. In engerer und gewöhnlicherer Bedeutung, die willkührlichen Zeichen der Worte und Gedanken kennen, durch vernehmliche Töne aussprechen, und in weiterer Bedeutung, sie sich deutlich vorstellen, sie gleichsam stille für sich aussprechen. 1) Eigentlich. Deutsch, Lateinisch, Griechisch, Hebräisch lesen können. Das Kind lernt erst lesen. Verstehest du auch, was du liesest. In einem Buche, in der Bibel lesen. Ein Buch lesen. Ich muß das Buch erst zu Ende lesen. Einen Brief lesen. Ich will ihnen den Brief lesen, d. i. vorlesen. Einem den Text, den Leviten, das Kapitel lesen, ihm einen derben Verweis geben. S. Adelung Kapitel und Levit. Etwas mit lauter Stimme lesen. 2) Figürlich. (a) Den Planeten lesen, aus dessen

[Bd. 2, Sp. 2034]


Stellung unbekannte Dinge muthmaßen und schließen. (b) Dieser Gram, den ich in ihrem Gesichte lese, aus ihren Gesichtszügen erkenne. Ich las in seinen Mienen alles, was er dabey dachte. Ich werde zwar Mitleiden in seinen Augen lesen, aber ein verachtendes Mitleiden.
   Daher die Lesung, welches doch in den Zusammensetzungen häufiger ist, als in dem einfachen Zeitworte.
   Anm. In der ersten engern Bedeutung bey dem Kero kalesan, bey dem Ottfried lezan, im Dän. läse, im Schwed. läsa, im Epirotischen liexune, im Griech. λεγειν, welches auch sagen bedeutet, und im Lat. legere. S. das vorige.
 
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Der Lêsepult, des -es, plur. die -e, ein Pult, vor welchem man lieset, oder andern etwas vorlieset.
 
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1. Der Lêser, des -s, plur. ut nom. sing. Fämin. die Leserinn, eine Person, welche lieset, colligit, besonders in den Zusammensetzungen Weinleser, Federleser u. s. f. S. 1. Lesen.
 
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2. Der Lêser, des -s, plur. ut nom. sing. Fämin. die Leserinn, eine Person, welche lieset, so wohl in Absicht auf die Fertigkeit im Lesen, ein schlechter Leser; als auch in Absicht der Beschäftigung, wo die Leser dem Schriftsteller entgegen gesetzet sind. Bey dem Notker Leso. Ehedem bedeutete es auch theils einen Lehrer auf hohen Schulen, einen Professor, theils aber auch einen Vorleser, Lector.
 
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Lêserlich, -er, -ste, adj. et adv. so daß man es lesen kann, doch nur von den Zügen einer bekannten Schrift. Eine leserliche Hand schreiben. Eine leserliche Schrift. Die Urkunde ist nicht mehr leserlich. Die in der Mitte, wie es scheinet, um des Wohlklanges willen, eingeschobene Sylbe er, damit das s nicht, wenn es ohne Vocal stände, zu hart lauten möchte, findet sich auch in lächerlich, fürchterlich, dem gemeinen mörderlich u. s. f. S. -Lich.
 
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Der Lêserlohn, des -es, plur. inus. der Lohn, welchen man für das Lesen, colligere, bezahlet, besonders der Lohn, welchen die Weinleser in den Weinbergen bekommen.
 
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Die Lêseschule, plur. die -n, eine Schule, in welcher die Kinder lesen lernen.

 

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