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2. Leisten bis Leiten (Bd. 2, Sp. 2022 bis 2023)
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Artikelverweis  2. Leisten, verb. reg. act. welches ehedem überhaupt, thun, eine Veränderung hervor bringen, bedeutet zu haben scheinet. Noch wurd es fro leiste diu schone des ich si bete, Reinmar der Alte. Jetzt gebraucht man es nur noch für bewerkstelligen, durch die That wirklich machen. Leisten, was man versprochen hat, welche R. A. doch im Hochdeutschen wenig mehr gehöret wird, so wie die: ich habe es versprochen, aber ich kann es nicht leisten, d. i. nicht halten, erfüllen. Der Menschenfreund bestrebt sich nicht nur, andern dasjenige zu leisten, was das Gesetz buchstäblich befiehlt, und also gerecht zu seyn, u. s. f. Gell. Kann ich zweifeln, daß ich dem, für den mein Herz in mir spricht, insbesondere das leisten soll, was ich mir nach den Regeln der Billigkeit von ihm wünsche und verspreche? ebend. Besonders mit einigen Hauptwörtern, doch nur mit solchen, welche die Verbindung mit diesem Zeitworte bereits hergebracht haben, denn willkührlich lässet sich dasselbe nicht gebrauchen. Dem Landesherren die Huldigung, seinen Obern den schuldigen Gehorsam, einem Befehle Folge leisten. Einem nützliche Dienste leisten, ihm Schutz, Hülfe, hülfliche Handreichung leisten. Die Gewähr für etwas leisten, Bürgschaft, Sicherheit leisten. Einem die schuldige Pflicht leisten, 1 Cor. 7, 3. Widerstand leisten, sich widersetzen. Einem Gesellschaft leisten. Christus hat für uns die vollkommenste Genugthuung geleistet. Hingegen wird man jetzt nicht gern mehr sagen, sein Versprechen leisten, einem allerley Gefälligkeiten leisten, sein Gelübd leisten, 3 Esr. 4, 46. In engerer Bedeutung gebrauchte man es ehedem sehr häufig für, sich als Bürge oder Geißel persönlich stellen, wo denn auch die Leistung diese persönliche Stellung, das Einlager, der Einritt war. Der Bürge soll leisten mit einem Pferde, d. i. sich stellen, die Bürgschaft vollziehen.
   Daher die Leistung, in den obigen Fällen.
   Anm. Schon bey dem Ottfried und Notker leisten, im Angels. laestan, im Nieders. lösten, alle in der Bedeutung des Latein. praestare. Die Abstammung ist ungewiß. Die Endung -ten kann eine Intension bedeuten; aber es ist auch möglich, daß das t zum Stamme gehöret. Vielleicht kommt es von lösen her, sich von einer Verbindlichkeit durch die That selbst los machen, obgleich leisten einen weitern Umfang der Bedeutung hat; vielleicht von Leise, Leiste, die Spur, das Geleise, bey dem Ulphilas ist laistgan gehen, auf dem Fuße nachgehen; vielleicht auch von Los, so fern es ehedem die Vergeltung, den Lohn überhaupt bedeutete.
 
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Der Leīstenbrúch, des -es, plur. die -brche, in einigen Gegenden, ein Bruch (Hernia) in demjenigen Theile des menschlichen Unterleibes, welcher die Leiste genannt wird; der Weichenbruch, Bubonocele, Hernia inguinalis. S. Adelung Leiste 2. 2).
 
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Der Leistenhobel, des -s, plur. ut nom. sing. bey den Holzarbeitern, ein Hobel, allerley Leisten damit zu verfertigen.
 
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Die Leistenhode, plur. die -n, eine dritte überzählige Hode, welche sich zuweilen in der Leiste oder Weiche eines Menschen befindet.
 
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Das Leistenholz, des -es, plur. die -hölzer, S. Adelung Leiste 1. 1).
 
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Der Leistenschneider, des -s, plur. ut nom. sing. ein unzünftiger Handwerker, welcher die Leisten für die Schuhmacher verfertiget. S. der Leisten.
 
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Der Leitarm, des -es, plur. die -e, in dem Bergbaue, diejenige Kunststange, welche in den Schacht nicht senkrecht nieder, sondern quer hinein gehet. Vielleicht weil sie die übrigen

[Bd. 2, Sp. 2023]


Kunststangen nach den andern Ort hin leitet oder weiset. Siehe Leitstämpel.
 
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Das Leitband, des -es, plur. die -bänder, ein breites Band, Kinder, welche noch nicht gehen können, daran zu leiten; das Führband, Gängelband, der Laufzaum, Nieders. mit Ausstoßung des t, Leeband.
 
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1. Die Leite, plur. die -n, ein nur in einigen Gegenden übliches Wort, ein langes nicht gar weites Faß zu bezeichnen, welches anstatt des Spundes eine große Öffnung hat, Fische damit auf einem Wagen zu verführen, die Weinbeeren aus dem Weinberge darin nach Hause zu fahren, u. s. f. Im Oberdeutschen die Laite, in Franken die Legte. Der Begriff des hohlen Raumes scheinet der herrschende zu seyn, da es denn zu Lade und den damit verwandten Wörtern gehören würde, S. dasselbe. Im Schwed. ist Lada eine Scheuer.
 
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2. Die Leite, plur. die -n, ein in den gemeinen Mundarten, besonders Oberdeutschlandes, sehr bekanntes Wort, die sanft abhängige Seite eines Berges oder Hügels zu bezeichnen, wo es auch wohl die Leiten lautet. Unden für an des pergs leyten, Theuerd. Kap. 36. Die Buschleite, eine mit Buschholz bewachsene Bergseite. Die Hageleite, Holzleite, Waldleite, wenn sie mit hochstämmigem Holze bewachsen ist. Die Sommerleite, die mittägige Bergseite, im Gegensatze der Winterleite, der mitternächtigen. In weiterer Bedeutung wird auch wohl ein sanfter abhängiger Berg oder Hügel selbst eine Leite genannt.
   Anm. Im Schwed. Lid. Wohl nicht unmittelbar aus dem Lat. Latus. Der sanfte Abhang oder die Richtung nach der Tiefe hin, ist so wohl in diesem Worte, als auch in dem an andern Orten dafür üblichen Lehne, der Stammbegriff. S. das folgende Zeitwort Leiten und das Beywort Lege. Lege, niedrig, Lehne und Leite sind nur in den Ableitungslauten unterschieden.
 
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Leiten, verb. reg. welches seinem ganzen Umfange nach in einer doppelten Bedeutung vorkommt.
   1. * Als ein Neutrum, für gehen; eine im Hochdeutschen längst veraltete Bedeutung, von welcher sich aber noch sehr häufige Spuren finden. Im Isidor ist arliudan hinaus gehen, und bey dem Kero kalidan weggehen.
   Sid er 'nan thar uberuuant,
   Ioh leitta in ander art land, nachdem er ihn überwunden hatte, und in ein anderes Land gezogen war, Ottfried B. 5, Kap. 4, V. 103; wo es in Schilters Ausgabe, wie auch Ihre bemerket, irrig durch ducebat übersetzt ist. Liess der Heidine man obar si lidan, ließ die heidnischen Soldaten über sie hingehen, in dem alten Gedichte auf den König Ludwig. Das alte Gothische leithan, Angels. lithan, Schwed. lida, Isländ. leita, Holländ. lyden, bedeuten gleichfalls gehen, wohin auch das Griech. λιαζομαι, ich gehe, komme, und ελευθω, ich komme, gehören. Im Nieders. ist verleden noch für verwichen, vergangen, von der Zeit üblich; anderer zu geschweigen.
   II. Als ein Activum oder vielmehr Factitivum, gehen machen, d. i. die Richtung der Bewegung eines Gehenden, und in weiterer Bedeutung die Richtung einer Bewegung, und zwar die ganze Bewegung hindurch, bestimmen.
   1. In mehr eigentlichem Verstande. Ein Kind am Führ- oder Leitbande leiten. Einen Blinden bei der Hand leiten. Jemanden auf den rechten Weg leiten, mit der vierten Endung, Ursache seyn, daß er auf den rechten Weg komme; dagegen leite mich auf rechter Bahn, Ps. 27, 11, ich bin dein Gott der dich leitet auf dem Wege, den du gehest, Es. 48, 17, mit der dritten, schon die Anwesenheit auf diesem Wege voraus

[Bd. 2, Sp. 2024]


setzen. Der Stern leitete die Weisen aus Morgenlande, S. Adelung Leitstern. Einen Hund, einen Ochsen am Stricke leiten, S. Leithund. Das Wasser in das Thal, in einen Garten leiten. Einen Fluß um die Stadt leiten. Den Faden auf die Spule leiten. Bey den Jägern leitet der Habicht ein Feldhuhn, wenn er es wegführet. Leiten setzt, wie Herr Stosch bemerket, freylich voraus, daß derjenige, welcher geleitet wird, dieser Leitung bedürfe, weil er ohne dieselbe nicht im Stande ist zu gehen, oder den Weg zu finden. Allein es läßt sich doch nicht in allen den Fällen gebrauchen, wo dieser Begriff Statt findet, und ich glaube, daß sich die Fälle, wo man führen gebrauchen müsse, bloß durch die Übung zu erlernen sind, weil sie bloß von dem Eigensinne des Gebrauches abhangen. So sagt man: eine Armee führen, eine Herde führen, einen Dieb zum Galgen führen, den Ochsen zur Schlachtbank führen, die Transcheen bis an den Hauptwall führen, einem Kinde die Hand führen u. s. f. In welcher und hundert andern Fällen das Zeitwort leiten nicht hergebracht ist, obgleich in einigen sogar der Begriff des Festhaltens zugegen ist, der doch dem Worte leiten nicht wesentlich anklebet. Ehedem wurde es auch häufig für geleiten und begleiten gebraucht; einen Reisenden leiten, ihn zur Sicherheit begleiten, ihn geleiten. Woraus zugleich der ehemahlige weite Umfang dieses Zeitwortes erhellet, wovon der heutige Gebrauch nur noch ein schwacher Überrest ist.
   2. In mehr figürlichem Verstande, die Richtung der Veränderungen eines Dinges bestimmen. Eines Gewissen leiten, oder führen. Eine Intrigue leiten. Jemanden zum Guten leiten, wofür anleiten beynahe üblicher ist. Sich von jemanden in allen Stücken leiten lassen. Gehorsam gegen die Leitungen Gottes, gegen die von ihm herrührende Bestimmung unserer Veränderungen, welche auch die Führung genannt wird. Ein Wort von einem andern herleiten, zeigen, glauben, daß es von demselben herstamme, S. Adelung Ableiten. Alle seine Empfindungen werden von Liebe geleitet. Ein dunkles Gefühl der Glückseligkeit leitete ihn. Der Trieb der Schamhaftigkeit wird nur auf das äußerliche der Handlung- geleitet, Gell. So auch die Leitung.
   Anm. In der thätigen Bedeutung schon von des Kero Zeiten an leitan, im Nieders. leiden, im Angels. lädden, läden, im Dän. lede, im Isländ. leida, im Schwed. leda, im Engl. to lead, bey den Krainerischen Wenden ladam, ich leite. Zu den Ahnherren dieses alten Wortes gehöret vornehmlich das im Hochdeutschen gleichfalls veraltete Leit, Leige, der Weg, die Reise, Holländ. Ley, Schwed. Led, Angels. Late, Isländ. Leid, wovon Geleit noch häufig im Theuerdanke vorkommt. Auf ein pös geleyt hat der Knecht euch geführt, Kap. 20. Das Geleyt was scharpf, stickel an all hab, Kap. 40. Es kann dieses Wort mit lege, niedrig, tief, und Lehne und Leite, der Abhang, Eines Geschlechtes seyn; es kann aber auch seinen Ursprung der unmittelbaren Nachahmung des Schalles eines Gehenden zu danken haben. S. Adelung Leicht, Geleise, 2. Leite, Gleiten u. s. f.

 

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