Wörterbuchnetz
Grammatisch-Kritisches Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart Bibliographische AngabenLogo textgrid zeno bmbf · Logo textgrid zeno bmbf · Logo textgrid zeno bmbf
 
Leisten bis 1. Die Leite (Bd. 2, Sp. 2021 bis 2023)
Abschnitt zurück Abschnitt vor
Artikelverweis Der Leisten, des -s, plur. ut nom. sing. ein Wort, welches ehedem, 1) * die Gestalt eines Dinges überhaupt, und die verhältnißmäßige Gestalt, die Taille besonders, bedeutete; von welcher im Hochdeutschen veralteten Bedeutung Frisch folgende Beyspiele anführet. Matthesius sagt von einem geformten Glase, daß es seinen geformten Leist oder Proportion habe. Ein Spanisches Roß, ob es gleich klein von Leist, ist es doch adelich von Gestalt, Kraus im Gestüttgarten. 2) In engerer Bedeutung, eine Form, ein Muster, ein Vorbild. Ein Pfarrer soll ein Bildner und Leist sin zu Leben sinen Unterthanen, Leo Jud bey dem Frisch. Auch in dieser Bedeutung ist es bis auf einige wenige Fälle veraltet. Bey den hohen Öfen wird die vertiefte Form, worin bey dem Abstechen die Gans geformt wird, noch der Leisten genannt. Am bekanntesten ist es von der hölzernen Form des untern Fußes, über und nach welcher die Schuhmacher die Schuhe verfertigen; der Leisten oder Schuhleisten. Den Schuh über den Leisten schlagen. Alle diese Leute sind über Einen Leisten geschlagen, figürlich, sie sind alle von Einer Denkungsart. Alle Leute über Einen Leisten schlagen, sie auf einerley Art behandeln, oder nach einer andern eben so niedrigen Figur, sie über Einen Kamm scheren.
   Anm. In dieser letzten Bedeutung im Engl. Last, im Holländ. und Nieders. Leest, im Angels. Dän. und Schwed. Läst, im Böhm. Lista. Die Abstammung ist noch ungewiß. So fern es die Form eines Fußes bedeutet, leiten einige es von dem Angels. Läst, die Fußsohle, und dem Ulphilanischen laistjan, gehen, her. Allein, da es ehedem unstreitig eine jede Form, ein jedes Muster bezeichnet hat, so lässet Wachter es von dem veralteten leisen, nachahmen, abstammen; eine Ableitung, welche allen Beyfall verdienete, wenn nur dieses Zeitwort selbst erwiesen wäre. S. indessen Ließpfund und List.
 
Artikelverweis 
1. Leisten, verb. reg. act. 1) Bey den Webern, die Leiste oder Sahlleiste an ein Tuch weben, S. Adelung Leiste 1. 2). 2) Bey

[Bd. 2, Sp. 2022]


den Fuhrleuten, die Leitern eines Rüstwagens leisten, sie an die Leiste hängen, S. Leiste 1. 1)
 
Artikelverweis 
2. Leisten, verb. reg. act. welches ehedem überhaupt, thun, eine Veränderung hervor bringen, bedeutet zu haben scheinet. Noch wurd es fro leiste diu schone des ich si bete, Reinmar der Alte. Jetzt gebraucht man es nur noch für bewerkstelligen, durch die That wirklich machen. Leisten, was man versprochen hat, welche R. A. doch im Hochdeutschen wenig mehr gehöret wird, so wie die: ich habe es versprochen, aber ich kann es nicht leisten, d. i. nicht halten, erfüllen. Der Menschenfreund bestrebt sich nicht nur, andern dasjenige zu leisten, was das Gesetz buchstäblich befiehlt, und also gerecht zu seyn, u. s. f. Gell. Kann ich zweifeln, daß ich dem, für den mein Herz in mir spricht, insbesondere das leisten soll, was ich mir nach den Regeln der Billigkeit von ihm wünsche und verspreche? ebend. Besonders mit einigen Hauptwörtern, doch nur mit solchen, welche die Verbindung mit diesem Zeitworte bereits hergebracht haben, denn willkührlich lässet sich dasselbe nicht gebrauchen. Dem Landesherren die Huldigung, seinen Obern den schuldigen Gehorsam, einem Befehle Folge leisten. Einem nützliche Dienste leisten, ihm Schutz, Hülfe, hülfliche Handreichung leisten. Die Gewähr für etwas leisten, Bürgschaft, Sicherheit leisten. Einem die schuldige Pflicht leisten, 1 Cor. 7, 3. Widerstand leisten, sich widersetzen. Einem Gesellschaft leisten. Christus hat für uns die vollkommenste Genugthuung geleistet. Hingegen wird man jetzt nicht gern mehr sagen, sein Versprechen leisten, einem allerley Gefälligkeiten leisten, sein Gelübd leisten, 3 Esr. 4, 46. In engerer Bedeutung gebrauchte man es ehedem sehr häufig für, sich als Bürge oder Geißel persönlich stellen, wo denn auch die Leistung diese persönliche Stellung, das Einlager, der Einritt war. Der Bürge soll leisten mit einem Pferde, d. i. sich stellen, die Bürgschaft vollziehen.
   Daher die Leistung, in den obigen Fällen.
   Anm. Schon bey dem Ottfried und Notker leisten, im Angels. laestan, im Nieders. lösten, alle in der Bedeutung des Latein. praestare. Die Abstammung ist ungewiß. Die Endung -ten kann eine Intension bedeuten; aber es ist auch möglich, daß das t zum Stamme gehöret. Vielleicht kommt es von lösen her, sich von einer Verbindlichkeit durch die That selbst los machen, obgleich leisten einen weitern Umfang der Bedeutung hat; vielleicht von Leise, Leiste, die Spur, das Geleise, bey dem Ulphilas ist laistgan gehen, auf dem Fuße nachgehen; vielleicht auch von Los, so fern es ehedem die Vergeltung, den Lohn überhaupt bedeutete.
 
Artikelverweis 
Der Leīstenbrúch, des -es, plur. die -brche, in einigen Gegenden, ein Bruch (Hernia) in demjenigen Theile des menschlichen Unterleibes, welcher die Leiste genannt wird; der Weichenbruch, Bubonocele, Hernia inguinalis. S. Adelung Leiste 2. 2).
 
Artikelverweis 
Der Leistenhobel, des -s, plur. ut nom. sing. bey den Holzarbeitern, ein Hobel, allerley Leisten damit zu verfertigen.
 
Artikelverweis 
Die Leistenhode, plur. die -n, eine dritte überzählige Hode, welche sich zuweilen in der Leiste oder Weiche eines Menschen befindet.
 
Artikelverweis 
Das Leistenholz, des -es, plur. die -hölzer, S. Adelung Leiste 1. 1).
 
Artikelverweis 
Der Leistenschneider, des -s, plur. ut nom. sing. ein unzünftiger Handwerker, welcher die Leisten für die Schuhmacher verfertiget. S. der Leisten.
 
Artikelverweis 
Der Leitarm, des -es, plur. die -e, in dem Bergbaue, diejenige Kunststange, welche in den Schacht nicht senkrecht nieder, sondern quer hinein gehet. Vielleicht weil sie die übrigen

[Bd. 2, Sp. 2023]


Kunststangen nach den andern Ort hin leitet oder weiset. Siehe Leitstämpel.
 
Artikelverweis 
Das Leitband, des -es, plur. die -bänder, ein breites Band, Kinder, welche noch nicht gehen können, daran zu leiten; das Führband, Gängelband, der Laufzaum, Nieders. mit Ausstoßung des t, Leeband.
 
Artikelverweis 
1. Die Leite, plur. die -n, ein nur in einigen Gegenden übliches Wort, ein langes nicht gar weites Faß zu bezeichnen, welches anstatt des Spundes eine große Öffnung hat, Fische damit auf einem Wagen zu verführen, die Weinbeeren aus dem Weinberge darin nach Hause zu fahren, u. s. f. Im Oberdeutschen die Laite, in Franken die Legte. Der Begriff des hohlen Raumes scheinet der herrschende zu seyn, da es denn zu Lade und den damit verwandten Wörtern gehören würde, S. dasselbe. Im Schwed. ist Lada eine Scheuer.

 

Eingabe
Wörterbuchtext:
Stichwort: