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Leidenschaft bis Leidsam (Bd. 2, Sp. 2010 bis 2011)
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Artikelverweis Die Leidenschaft, plur. die -en. 1) In der weitesten Bedeutung, eine Veränderung, welche von außen in einem Dinge hervor gebracht wird, und wobey sich dasselbe leidendlich verhält, im Gegensatze der Handlung; eine Bedeutung, in welcher dieses Wort nur zuweilen in der neuern Philosophie vorkommt. In diesem Verstande ist die Veränderung, welche in einem Schwamme vorgehet, wenn ich ihn zusammen drücke, eine Leidenschaft. 2) In engerer und gewöhnlicherer Bedeutung, eine jede Begierde, und in noch weiterm Verstande, eine jede Gemüthsbewegung, wenn sie zu einer Fertigkeit geworden ist, weil sich die Seele dabey leidendlicher verhält, als sie sollte. In diesem Verstande sind Liebe, Haß, Verlangen, Abscheu, Traurigkeit, Furcht, Verzweifelung u. s. f. so bald sie zur Fertigkeit werden, Leidenschaften. In solcher Übermaß wird die Liebe zum Leben Leidenschaft, Gell. Aus ihrer stillen Leidenschaft, aus ihren öftern Entfernungen von der Gesellschaft um dem Grame nachzuhängen, ists erweislich, daß sie noch verliebt ist. Das Feuer der Leidenschaft, welches in seinem Busen wüthet. 3) Häufig werden auch die einzelnen Ausbrüche heftiger Begierden, die Gemüthsbewegungen und Affecten, Leidenschaften genannt. Es ist nach dem Lat. Passio gebildet.
 
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Leidenschaftlich, -er, -ste, adj. et adv. in einer Leidenschaft gegründet, daraus herfließend. Ein leidenschaftlicher Eifer.
 
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Leider, ein Zwischenwort, welches solchen Sätzen beygefüget wird, welche man mit einer Art von Klage, Reue, Betrübniß begleiten will. Unser sind, leider! wenig geblieben, Jer. 42, 2. Wir sind, leider! gottlos gewesen, Dan. 9, 15. Leider ist das Geld schwer verdient und leicht verthan! Gell. Leider ist er nicht mehr am Leben, oder, er ist, leider! nicht mehr am Leben. In den gemeinen Sprecharten pflegt man auch wohl den unnützen Genitiv Gottes daran zu hängen. Es ist, leider Gottes! aus mit mir; d. i. es sey Gott geklagt.
   Anm. Als eine Interjection schon bey dem Ottfried leidor, und in dem alten Fragmente auf Carln den Großen bey dem Schilter leither. Das Hauptwort der Leider von dem Zeitworte leiden ist nur in den im gemeinen Leben üblichen Zusammensetzungen Hungerleider und Mitleider gangbar.
 
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Das Leidêssen, des -s, plur. ut nom. sing. im gemeinen Leben einiger Gegenden, eine Begräbnißmahlzeit, ein Trauermahl, S. das Leid 2. 2).
 
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Die Leidfrau, plur. die -en, S. das Leid und Klagefrau.
 
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Das Leidhaus, des -es, plur. die -häuser, im gemeinen Leben, ein Haus, in welchem ein Leid, d. i. eine Leiche, ist; das Trauerhaus.
 
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Leidig, adj. et adv. welches in einem doppelten Verstande gefunden wird. 1. Im thätigen Verstande, Unlust erweckend. 1) Für beschwerlich, lästig. Ihr seyd allzumahl leidige Tröster, Hiob 16, 2; beschwerliche Tröster, Michael. O, Laura, du bist eine leidige Trösterinn! Weiße. 2) * Leid, d. i. Kummer, Unglück, Sorgen, Schaden bringend; eine veraltete Bedeutung. Der leide tag, Heinrich von Franenberg. Wie lange wollen bey dir bleiben die leidigen Lehren? Jer. 4, 16; die schädlichen. Im gemeinen Leben sagt man noch zuweilen, das leidige Geld.
   2. Im leidendlichen Verstande. 1) Häßlich, abscheulich, nur noch im gemeinen Leben einiger Gegenden. Ein leidiges Gesicht. Franz. laid, S. das Nebenwort Leid. Im Hochdeutschen sagt man nur noch der leidige Teufel, der leidige Geitz u. s. f. wenn es anders hier nicht zu der vorigen Bedeutung gehöret.

[Bd. 2, Sp. 2011]


2) * Arglistig, boßhaft; im Niederdeutschen und einigen Oberdeutschen Gegenden, wo es aber auch zu einem andern Stamme gehören kann. 3) * Traurig, betrübt, Leid tragend; eine im Hochdeutschen gleichfalls veraltete Bedeutung, in welcher man so wohl im Ober- als Niederdeutschen sagt, leidig seyn, betrübt, die Leidigen, die Leidtragenden. Bey dem Notker ist leideg gleichfalls traurig, und im Nieders. bedeutet leidigen über etwas traurig seyn. Er sprach, ich bring euch leidig mer (Mähr,) Theuerd. Gedenkt, wie leidig er darumb war, ebend.
 
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Das Leidkleid, des -es, plur. die -er, im gemeinen Leben einiger Gegenden, ein Trauerkleid, in welchem Verstande es auch 2 Sam. 14, 2 vorkommt.
 
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Leidlich, -er, -ste, adj. et adv. was sich leiden, d. i. ohne merkliche Unlust empfinden lässet; erträglich. 1) Eigentlich. Es ist leidlich warm. Eine leidliche Gestalt. Der Schmerz ist noch leidlich, lässet sich noch ertragen. Entschlossen, unser Leben durch die fröhlichste aller Erwartungen uns leidlicher zu machen, Sonnenf. 2) Figürlich, mittelmäßig. Er befindet sich ganz leidlich. Er hat einen leidlichen Antheil natürlichen Verstandes. Ein leidlicher Preis. Er ist so leidlich geschickt.
   Anm. Im Oberd. leidentlich, erleidentlich. Leidlich hingegen kommt daselbst noch in der im Hochdeutschen veralteten Bedeutung für häßlich, abscheulich vor, Widerwillen, Ekel erweckend, Franz. laid, in welchem Verstande es schon in Boxhorns Glossen leidlih lautet. S. das Nebenwort Leid 1. und Leidig 2. Bey dem Ottfried ist leidlich elend.
   Leitliche blike und groesliche ruiwe
   Hat mir das herze und den lip nach verlorn,
   Heinrich von Morunge; wo es traurig, leidig bedeutet.
 
Artikelverweis Die
Leidlichkeit, plur. inus. die Eigenschaft, der Zustand eines Dinges, da es leidlich ist, in beyden Bedeutungen.
 
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* Leidsam, -er, -ste, adj. et adv. Fertigkeit besitzend, sich leidendlich zu verhalten, und besonders ein Übel mit Geduld zu ertragen; welches aber im Hochdeutschen eben so fremd ist, als das Hauptwort, die Leidsamkeit. Die Gegensätze unleidsam und Unleidsamkeit kommen noch zuweilen vor.

 

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