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Leiden bis Leidkleid (Bd. 2, Sp. 2008 bis 2011)
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Artikelverweis  Leiden, verb. irreg. act. Imperf. ich litte, litt, Mittelw. gelitten, Imperat. leide.
   1. Eigentlich, ein Übel, welches man nicht verhindern kann, mit Unlust empfinden. So wohl mit ausdrücklicher Benennung des Übels. Große Schmerzen leiden. Hunger und Durst, Frost und Hitze leiden. Noth, Mangel leiden. Gewalt, Verfolgung, Verspottung, Verachtung leiden. Unrecht leiden. Seine verdiente Strafe leiden. Als auch absolute, mit Verschweigung des Übels. Der Kranke leidet sehr, empfindet viele Schmerzen. Wenn ein Glied leidet, so leidet der ganze Körper. Wer leidet, muß verzeihen. Der leidende Theil. Von andern viel leiden müssen, Verfolgung, Verachtung, Ungemach. Mein Herz leidet bey dieser verstellten Zärtlichkeit mehr als du glaubst. Leiden und dafür danken ist die beste Hofkunst.
   2. In weiterer Bedeutung, doch nur in einigen Fällen, mit Verschwindung des Nebenbegriffes der Unlust, so daß bloß der Begriff der Verursachung des Übels von außen übrig bleibet. Schiffbruch leiden. Schaden, Verlust, Nachtheil leiden. Ingleichen absolute. Dein Bruder würde bey diesem Handel leiden, d. i. zu kurz kommen, Nachtheil leiden. Ehre und Tugend leiden allerdings darunter. Bey einem solchen Betragen leidet die ganze Ordnung des Staates.
   3. Etwas ohne Unlust, ohne Widerwillen empfinden. 1) Eigentlich. Das kann ich leiden. So warm du es leiden kannst. Ich kanns leiden, meinetwegen mag es geschehen. Das Schreyen kann ich unmöglich leiden. Er kann diesen Menschen nicht vor Augen leiden. Jemanden um sich leiden können, auch, ihn nicht ungern um sich haben. Im Grunde mag sie ihn wohl leiden können, nicht ungern sehen. In welcher Bedeutung auch das Mittelwort gelitten mit dem Zeitworte seyn gebraucht wird. Er ist in diesem Hause wohl gelitten, man siehet ihn daselbst gerne. Dieß macht bey aller Welt gelitten. 2) Figürlich, verstatten, der Sache selbst, den Umständen, den Absichten gemäß seyn. Dieser Wein leidet kein Wasser. So viel die Umstände leiden. Die Sache leidet keinen Verzug. Wenn Zeit und Ort es so gelitten hätten.

[Bd. 2, Sp. 2009]



   4. Im weitesten Verstande leidet dasjenige Ding, oder ist dasjenige Ding der leidende Theil, in welchem eine Veränderung von einem andern hervor gebracht wird; da denn leiden dem thun entgegen gesetzt ist. So ist das Eisen auf dem Amboße, oder auch der Amboß selbst, der leidende Theil, im Gegensatze des Hammers. Und in dieser Bedeutung ist in der Sprachkunst das Passivum oder die leidende Gattung der Zeitwörter, diejenige Gattung, da sie das Verhältniß bey einer von andern hervor gebrachten Veränderung bezeichnen, im Gegensatze der thätigen oder des Activi. Der leidende Gehorsam, in der Theologie, welcher gegen den beschließenden Willen Gottes, so wie der thätige gegen den befehlenden geübt wird.
   5. Geschehen lassen, daß etwas sey oder geschehe, es nicht hindern; eine Fortsetzung der vorigen ersten und dritten Bedeutung. In diesem Lande wird kein Wucher gelitten. Dieses kann nicht gelitten werden. In den Preußischen Landen werden alle Religionen gelitten. Sollte ich das von ihm leiden?
   6. * Sich leiden, geduldig seyn; eine im Hochdeutschen veraltete Bedeutung.
   Ein Siech sich billig leiden soll,
   Auf Hofnung daß ihm bald werd wohl, Narrenschiff bey dem Frisch. Halt fest und leide dich, Sir. 2, 2. Leide dich als ein guter Streiter Jesu Christi, 2 Tim. 2, 3.
   Anm. Bey dem Willeram lidan, in dem alten Gedichte auf den heil. Anno lidin, im Nieders. liden, im Schwed. lida, im Dän. lide. Ihre bemerket, daß daß Lat. latum des Zeitwortes fero hierher gehöret, so wie das Perf. tuli von dulden, ehedem dolen, ist, und fero, ferre, zu unserm bären, tragen, gehöret. Es war ehedem auch im gemeinen Sprachgebrauche von weiterm Umfange, und wurde, so wie das Griech. πασχειν, von einer jeden auch angenehmen Veränderung gebraucht. Ehedem hatte man auch ein Activum leiden, welches unmittelbar von Leid abstammete, und Leid, d. i. Unlust, verursachen bedeutete, und schon bey dem Notker leidon lautet.
 
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Das Leiden, des -s, plur. ut nom. sing. welches statt des Hauptwortes Leid in der ersten Bedeutung des vorigen Verbi gebraucht wird, der merkliche Grad der Unlust über ein Übel, welches man nicht hindern kann. Das war ein Leiden! im gemeinen Leben, das war ein Wehklagen, ein Krummer. Seine Leiden ließen mich zuerst eine zärtliche Freundschaft gegen ihn fassen. Krankheiten und Schmerzen, Mangel und Armuth; Verachtung und Schmach u. s. f. werden, wenn sie mit Unlust empfunden werden, häufig Leiden genannt. Das äußere Leiden, in der Theologie, welches in der Empfindung der Verschlimmerung seines Zustandes in der sichtbaren Welt bestehet; im Gegensatze des innern Leidens. Geduldig im Leiden seyn. Im engsten Verstande wird zuweilen nur die Empfindung eines unverschuldeten Übels ein Leiden genannt, da es denn einer Strafe und Plage entgegen gesetzet ist.
 
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Leidendlich, adj. et adv. 1) Was man leiden, d. i. nach dem Maße seiner Kräfte ohne Unlust empfunden kann; im gemeinen Leben, wofür doch leidlich üblicher ist, S. dasselbe. Die Hitze ist noch leidendlich. Ein leidendlicher Preis. 2) Am häufigsten in der vierten weitesten Bedeutung des Verbi leiden, wirklich leidend. Sich leidendlich verhalten, geschehen lassen, daß eine Veränderung von außen an und in uns hervor gebracht werde. Die leblosen Körper verhalten sich bloß leidendlich. Im leidendlichen Verstande, significatione passiva, im Gegensatze des thätigen.

[Bd. 2, Sp. 2010]



   Anm. Es scheinet aus dem Mittelworte leidend gebildet zu seyn, und wird alsdann richtiger mit einem d als leidentlich geschrieben. Im Nieders. ist lidend sehr. S. indessen T.
 
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Die Leidenschaft, plur. die -en. 1) In der weitesten Bedeutung, eine Veränderung, welche von außen in einem Dinge hervor gebracht wird, und wobey sich dasselbe leidendlich verhält, im Gegensatze der Handlung; eine Bedeutung, in welcher dieses Wort nur zuweilen in der neuern Philosophie vorkommt. In diesem Verstande ist die Veränderung, welche in einem Schwamme vorgehet, wenn ich ihn zusammen drücke, eine Leidenschaft. 2) In engerer und gewöhnlicherer Bedeutung, eine jede Begierde, und in noch weiterm Verstande, eine jede Gemüthsbewegung, wenn sie zu einer Fertigkeit geworden ist, weil sich die Seele dabey leidendlicher verhält, als sie sollte. In diesem Verstande sind Liebe, Haß, Verlangen, Abscheu, Traurigkeit, Furcht, Verzweifelung u. s. f. so bald sie zur Fertigkeit werden, Leidenschaften. In solcher Übermaß wird die Liebe zum Leben Leidenschaft, Gell. Aus ihrer stillen Leidenschaft, aus ihren öftern Entfernungen von der Gesellschaft um dem Grame nachzuhängen, ists erweislich, daß sie noch verliebt ist. Das Feuer der Leidenschaft, welches in seinem Busen wüthet. 3) Häufig werden auch die einzelnen Ausbrüche heftiger Begierden, die Gemüthsbewegungen und Affecten, Leidenschaften genannt. Es ist nach dem Lat. Passio gebildet.
 
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Leidenschaftlich, -er, -ste, adj. et adv. in einer Leidenschaft gegründet, daraus herfließend. Ein leidenschaftlicher Eifer.
 
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Leider, ein Zwischenwort, welches solchen Sätzen beygefüget wird, welche man mit einer Art von Klage, Reue, Betrübniß begleiten will. Unser sind, leider! wenig geblieben, Jer. 42, 2. Wir sind, leider! gottlos gewesen, Dan. 9, 15. Leider ist das Geld schwer verdient und leicht verthan! Gell. Leider ist er nicht mehr am Leben, oder, er ist, leider! nicht mehr am Leben. In den gemeinen Sprecharten pflegt man auch wohl den unnützen Genitiv Gottes daran zu hängen. Es ist, leider Gottes! aus mit mir; d. i. es sey Gott geklagt.
   Anm. Als eine Interjection schon bey dem Ottfried leidor, und in dem alten Fragmente auf Carln den Großen bey dem Schilter leither. Das Hauptwort der Leider von dem Zeitworte leiden ist nur in den im gemeinen Leben üblichen Zusammensetzungen Hungerleider und Mitleider gangbar.
 
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Das Leidêssen, des -s, plur. ut nom. sing. im gemeinen Leben einiger Gegenden, eine Begräbnißmahlzeit, ein Trauermahl, S. das Leid 2. 2).
 
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Die Leidfrau, plur. die -en, S. das Leid und Klagefrau.
 
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Das Leidhaus, des -es, plur. die -häuser, im gemeinen Leben, ein Haus, in welchem ein Leid, d. i. eine Leiche, ist; das Trauerhaus.
 
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Leidig, adj. et adv. welches in einem doppelten Verstande gefunden wird. 1. Im thätigen Verstande, Unlust erweckend. 1) Für beschwerlich, lästig. Ihr seyd allzumahl leidige Tröster, Hiob 16, 2; beschwerliche Tröster, Michael. O, Laura, du bist eine leidige Trösterinn! Weiße. 2) * Leid, d. i. Kummer, Unglück, Sorgen, Schaden bringend; eine veraltete Bedeutung. Der leide tag, Heinrich von Franenberg. Wie lange wollen bey dir bleiben die leidigen Lehren? Jer. 4, 16; die schädlichen. Im gemeinen Leben sagt man noch zuweilen, das leidige Geld.
   2. Im leidendlichen Verstande. 1) Häßlich, abscheulich, nur noch im gemeinen Leben einiger Gegenden. Ein leidiges Gesicht. Franz. laid, S. das Nebenwort Leid. Im Hochdeutschen sagt man nur noch der leidige Teufel, der leidige Geitz u. s. f. wenn es anders hier nicht zu der vorigen Bedeutung gehöret.

[Bd. 2, Sp. 2011]


2) * Arglistig, boßhaft; im Niederdeutschen und einigen Oberdeutschen Gegenden, wo es aber auch zu einem andern Stamme gehören kann. 3) * Traurig, betrübt, Leid tragend; eine im Hochdeutschen gleichfalls veraltete Bedeutung, in welcher man so wohl im Ober- als Niederdeutschen sagt, leidig seyn, betrübt, die Leidigen, die Leidtragenden. Bey dem Notker ist leideg gleichfalls traurig, und im Nieders. bedeutet leidigen über etwas traurig seyn. Er sprach, ich bring euch leidig mer (Mähr,) Theuerd. Gedenkt, wie leidig er darumb war, ebend.
 
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Das Leidkleid, des -es, plur. die -er, im gemeinen Leben einiger Gegenden, ein Trauerkleid, in welchem Verstande es auch 2 Sam. 14, 2 vorkommt.

 

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