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Grammatisch-Kritisches Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart Bibliographische AngabenLogo textgrid zeno bmbf · Logo textgrid zeno bmbf · Logo textgrid zeno bmbf
 
Lêffeln bis Lêgen (Bd. 2, Sp. 1968 bis 1970)
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Artikelverweis  Lêffeln, S. Adelung Läffeln.
 
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Die Lêfze, plur. die -n, ein im Oberdeutschen für Lippe übliches Wort, welches im Hochdeutschen nur noch zuweilen in der höhern Schreibart vorkommt, außer daß man es zuweilen von großen ungestalten Lippen, ingleichen von den herab hangenden Lippen der Thiere gebraucht, welche Bedeutung in der Endung ze gegründet zu seyn scheinet. Ein Hund mit großen herab hangenden Lefzen. Indessen ist diese Nebenbedeutung dem Worte nicht wesentlich, indem es im Oberdeutschen, da wo es gangbar ist, in allen, selbst in den von Herrn Stosch verworfenen Fällen für unser Lippe üblich ist, auch bey dem Kero, Notker, Willeram und andern häufig dafür gebraucht wird. Wenn es 1 Mos. 11, 1 heißt, die Welt habe einerley Zunge und Sprache gehabt, so stehet dafür in den ältern Bibeln des 15ten Jahrhundertes, sie sey eines Lefzens oder Lepsens gewesen, und in dem zu Basel 1523 gedruckten neuen Testamente Luthers wird Lippe als ein dort unverständliches Wort durch Lefftze erkläret;

[Bd. 2, Sp. 1969]


hundert anderer Beyspiele zu geschweigen. In einigen obgleich wenigen Fällen wird es im Hochdeutschen auch figürlich gebraucht, wo das Wort Lippe nicht so gangbar ist. So wird das nieder gedrückte schräge Feld über dem Aufschnitte einer Flöte die Oberlefze, das kleinere Feld aber die Unterlefze genannt. Ja im Oberd. kommt es zuweilen von einem jeden Rande vor.
   Anm. Bey dem Kero und Notker Lefsa, bey dem Willeram nur Leffa, bey den Schwäbischen Dichtern und spätern Oberdeutschen Schriftstellern mit versetztem Zischlaute Lespe und Lesfe. S. Adelung Lippe.
 
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Die Lêfzenschnêcke, S. Adelung Schwimmschnecke.
 
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Das Lêg, des -es, plur. inus. im Hüttenbaue, ein metallisches Gemenge aus Kupfer, Eisen und Arsenik, welches sich bey dem Machen des Schwarzkupfers zwischen der Schlacke und dem Schwarzkupfer leget, und eben das ist, was bey der Bleyarbeit die Speise genannt wird; das Kupferleg. Es wird von vielen Leech oder Lech geschrieben und gesprochen, scheinet aber von dem Zeitworte legen abzustammen, welches in vielen gemeinen Mundarten statt des hellen e gleichfalls ein dunkeles hat.
 
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* Lêg, -er, -este, oder Lêge, -r, -ste, adj. et adv. welches nur in einigen gemeinen Mundarten üblich ist, wo es eigentlich niedrig bedeutet, in welchem Verstande es vorzüglich im Niederdeutschen vorkommt. Das Wasser ist leg, niedrig. Leges Wasser ist daselbst besonders der niedrigste Wasserstand bey der Ebbe. Leges Land, niedrig, tief gelegenes Land, im Gegensatze des hohen. Das Legmohr, ein niedriges Mohrland, im Gegensatze des Hochmohres. Figürlich wird es daselbst auch theils für kraftlos, unschmackhaft gebraucht, leges Bier, ein leger Mensch, der keine Kräfte hat; theils für kränklich, leg aussehen; theils für schlimm, böse, wo auch Leger als ein Hauptwort für Noth, schlechte Umstände, üblich ist; theils aber auch für verächtlich, niedrig, jemanden sehr leg halten.
   Anm. Im Dänischen für niedrig lav, im Schwed. låg, im Holländ. laeg, im Engl. low, im Isländ. lagr. Im Schwed. ist Lagd ein niedriger Ort, im Holländ. Leeghde. Die Niedersachsen sprechen es gemeiniglich mit einem dunkeln, die gemeinen Oberdeutschen Mundarten aber mit einem hellen e aus. Es ist das Stammwort von dem Zeitworte legen. In dem zusammen gesetzten donlege, abhängig, scheinet lege mehr die Bedeutung des Zeitwortes zu haben, weil don gleichfalls tief bedeutet, gleichsam sich niederwärts legend, d. i. neigend; so wie im Theuerdanke in eben diesem Verstande, aber in anderer Betrachtung, anleg vorkommt, d. i. sich aufwärts legend oder erstreckend:
   Das dahin ist ein böser weg
   Stickel und gar wenig anleg,
   Theuerd. Kap. 47. Im Hochdeutschen muß man beyde Richtungen durch abhängig ausdrucken, welches man in den Mundarten nicht nöthig hat.
 
Artikelverweis Die
Lêgangel, plur. die -n, bey den Fischern, eine Art Angeln, welche aus bloßen Angelhaken und Schnüren bestehen, und in das Wasser gelegt werden, damit die durchgehenden Fische daran anbeißen mögen, Nachtschnüre, weil sie gegen die Nachtzeit gelegt werden; zum Unterschiede von der Angelruthe.
 
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Die Lêgebüchse, plur. die -n, S. Adelung Selbstschuß.
 
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Das Lêgeisen, des -s, plur. ut nom. sing. im Bergbaue, Stücke Eisen, welche auf der einen Seite scharf wie ein Keil sind, und in den gemachten Ritz geleget werden, um eiserne Keile dazwischen zu setzen, und das Gestein damit los zu gewinnen. Auch das Eisen über der Walze wird eben daselbst ein Legeisen genannt.
 
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Die Lêgegranate, plur. die -n, S. Adelung Fallgranate.
 
Artikelverweis 
Das Lêgel, S. Adelung Lägel.

[Bd. 2, Sp. 1970]



 
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Lêgen, verb. reg. act. welches von dem Bey- und Nebenworte leg, niedrig, abstammet, und eigentlich niedrig machen bedeutet, da es denn das Activum von dem Neutro liegen ist. Da nun ein Körper unter andern auch niedriger gemacht wird, wenn man seine größte Seite zur Grundfläche macht, so bedeutet dieses Zeitwort heut zu Tage,
   1. Im eigentlichsten Verstande, einen Körper liegen machen, d. i. ihn in eine solche Stellung bringen, daß er auf seiner größten Seite ruhe, welches zugleich den Begriff des Vorsatzes und der Bedachtsamkeit mit einschließet. Das Buch wird auf den Tisch geleget, wenn man es auf seine größte Fläche in Ruhe bringet; zum Unterschiede von dem setzen und stellen. Man legt sich in das Bett, wenn man seine ganze Länge zur Grundfläche macht; zum Unterschiede von dem stellen und setzen. Man legt sich zu Bette, wenn man sich in das Bett legt, um zu ruhen oder zu schlafen. Alles ordentlich legen. Etwas hinter den Ofen, unter den Tisch, in den Schrank, an die Luft an die Sonne legen. Etwas beyseit legen. Holz an das Feuer legen. Sich auf die Erde legen. Sich schlafen legen, welches zugleich der einzige Fall ist, da dieses Zeitwort den Infinitiv eines andern zu sich nimmt. Sich zu jemanden legen, nehmlich in das Bett. Sich legen, bedeutet im gemeinen Leben oft, theils, sich zu Bette legen, theils aber so krank werden, daß man sich in das Bett legen muß, bettlägerig werden. Ein Pferd legen, es wallachen, reißen, weil es dabey auf die Erde gelegt wird.
   In vielen Fällen verschwindet der Begriff der größten Fläche mehr oder weniger, und da bedeutet legen oft weiter nichts, als ein Ding an einen gewissen Ort, in eine gewisse Richtung bringen. Fallstricke, Fallen, Schlingen legen.
   Reineke verwirrte sich
   In die ihm gelegten Stricke,
   Haged. Schuhe an die Füße legen. Das Kleid an- den Mantel um- die Kleider ablegen. Geschmeide an den Arm legen. Ein Schloß vor die Thür legen. Wein in den Keller legen. Feuer legen, d. i. anlegen. Eyer legen, oder nur legen schlechthin, von dem Federviehe und Vögeln, welches im Österreichischen dienen genannt wird, von dien, don, niedrig, wie legen von leg, niedrig. Besatzung in eine Stadt legen. Soldaten in das Quartier legen. Sich vor eine Stadt legen, sich vor dieselbe lagern.
   Wohin auch viele figürliche Arten des Ausdruckes gehören, worin das Zeitwort bald in der engern, bald aber auch in der letztern weitern Bedeutung stehet. Einem etwas in den Weg legen, ihm eine Hinderniß, einen Anstoß verursachen, ihn beleidigen. Hand an das Werk legen, das Werk anfangen. Hand an jemanden legen, ihn thätlich, mit gewaltsamer Hand beleidigen, sich an ihm vergreifen. Hand an sich selbst legen, sich selbst umbringen. Einem etwas sehr nahe legen, theils es ihn deutlich merken lassen, theils auch ihn sehr reitzen, besonders zum Zorne. Ein Feld in den Grund legen, eine Zeichnung im Kleinen machen, welche dem Felde ähnlich ist, es aufnehmen. Mit jemanden heben und legen, siehe Heben. Sich darein legen, sich ins Mittel legen, eine Sache zu vermitteln, zwey Personen zu vergleichen suchen. Seinen Feind zu Boden legen, so wohl ihn überwinden, als auch, ihn tödten; ihn erlegen. In beyden Fällen gebraucht man auch das in vielen Bedeutungen aus diesem Zeitworte gebildete schlagen; so wie lägga im Schwed. und das Lat. legere, bey dem Plautus, gleichfalls schlagen, ferire, bedeutet. Sich auf die faule Seite legen, faul, träge zur Arbeit werden. Etwas an den Tag (im Oberd. zu Tage) legen, es merklich machen, andere

[Bd. 2, Sp. 1971]


merken lassen. Seine Gesinnung, sein Vergnügen, sein Mißvergnügen an den Tag legen. Einem die Worte in den Mund legen, die Worte, welche er sprechen soll, deutlich merken lassen. Einem etwas zur Last legen, es ihm als einen Fehler, als ein Versehen auslegen, S. Adelung Last. Sich zum Ziele legen, sich nach des andern Absichten bequemen. Die Hand auf den Mund legen, aus Ehrerbiethung, aus Achtung schweigen. Die Schuld auf jemanden legen, wofür doch schieben üblicher ist, ihm die Schuld von etwas zuschreiben. Ein Haus, eine Stadt in die Asche legen, sie anzünden und abbrennen. Sich wider jemanden legen, Hiob 9, 4, sich ihm widersetzen. 2. Im figürlichen Verstande.
   1) Bey den Schiffern bedeutet es, den Lauf nach einem Orte richten, dahin steuern. Worauf zu legen. Mit dem Schiffe von dem Ufer legen. Schwed. lägga. Von Landreisen gebraucht man dafür im gemeinen Leben oft schlagen; sich rechter, linker Hand schlagen.
   2) Mit dem vorzüglich vorstechenden Nebenbegriffe der Dauer, so wohl in Ansehung der Zeit, als auch der Festigkeit. Die dauerhafteste Lage eines Körpers ist, wenn er auf seiner größten Seite ruhet. Den Grund zu etwas legen. Einen Fußboden legen, ihn verfertigen. Ein Steinpflaster legen. In welchen Fällen zugleich der Begriff der Tiefe mit vorscheinet. Sich zu jemanden in das Haus legen, auf lange Zeit bey ihm einkehren. Einen Missethäter in Ketten und Banden legen. Jemanden in das Gefängniß legen. Einen Hund, einen Rasenden an die Kette legen, S. Adelung Kette. Ein Schiff vor Anker legen, sich vor Anker legen, oder auch nur, vor Anker legen, das Schiff vermittelst der Anker befestigen. Die Funken des Muthes, welche die verwandte Natur in mein junges Herz gelegt hatte, Dusch.
   In engerer Bedeutung. (a) Auf eine bleibende Art, wenigstens auf eine gewisse Zeit zu etwas anwenden, die Kosten zu Erreichung einer Absicht hergeben. Geld in die Lotterie legen, oder nur schlechthin, in die Lotterie legen. Sein Geld auf Zinsen, auf Leibrenten legen. Wer Landgüter kauft, hat sein Geld wohl angelegt. Sein Geld an Waaren legen. Ein Capital in die Handlung legen. (b) Sich auf etwas legen, sich einer Sache mit Ernst befleißigen. Sich auf das Studiren, auf die Dichtkunst, auf die Handlung, auf das Zeichnen legen. Sich auf das Trinken, auf den Müßiggang, auf das Fluchen legen. Er legt sich nun aufs Bitten, er fängt nun an zu bitten. In der vertraulichen Sprechart auch zuweilen ohne Reciprocation.
   Der Hase legt es nun aufs Flehen,
   Haged. (c) * Bestimmen, erklären; doch nur im Niedersächsischen. Einen Verbrecher friedelos legen, ihn in die Acht erklären. Einen Tag legen, ansetzen, bestimmen. Schwed. lägga.
   3) Mit dem merklichern Nebenbegriffe der Ruhe, des Aufhörens von der Bewegung. Ein Körper, welcher auf seiner größten Seite ruhet, ist der Bewegung am wenigsten fähig. Einem das Handwerk legen, ihm verbiethen, verhindern, sein Handwerk zu treiben, und in weiterer Bedeutung und im verächtlichen Verstande, ihn an Erreichung einer Absicht, an Vollziehung einer gewohnten Handlung hindern. Am häufigsten als ein Reciprocum. Die Wellen legen sich, hören auf zu toben. Der Wind hat sich gelegt. Wenn sich der Sturm legen wird. Die Kälte wird sich bald legen. Wenn sich sein Zorn legen wird. Die Schmerzen fangen an sich zu legen. Das Griechische λγειν bedeutet gleichfalls aufhören, sich legen.

[Bd. 2, Sp. 1972]



   Daher die Legung, statt dessen aber doch außer den zusammen gesetzten Zeitwörtern am häufigsten das Legen, und im Abstracto die Lage gebraucht wird.
   Anm. Bey dem Kero leccen, bey dem Ottfried leggen, bey dem Ulphilas lagjan, im Nieders. liggen, in den gemeinen Oberdeutschen Mundarten mit Ausstoßung des Gaumenlautes leien, im Dän. und Schwed. lägga, im Angels. lecgan, im Engl. to lay, im Isländ. leggia, im Wallis. llehau, im Griech. λεγομαι; wohin auch das Lat. locare, von Locus, gehöret. S. Adelung Leg, niedrig, Loch, Lache u. s. f.

 

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