Wörterbuchnetz
Grammatisch-Kritisches Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart Bibliographische AngabenLogo textgrid zeno bmbf · Logo textgrid zeno bmbf · Logo textgrid zeno bmbf
 
Lêderwurm bis Leer (Bd. 2, Sp. 1965 bis 1967)
Abschnitt zurück Abschnitt vor
Artikelverweis Der Lêderwurm, des -es, plur. inus. eine Krankheit des Rindviehes, wo es den Wurm, d. i. gewisse Arten von Beulen, unter der Haut oder in den weichen Theilen bekommt; zum Unterschiede von dem Knochenwurm, wenn sich diese Beulen an die Knochen setzen.
 
Artikelverweis 
Lédig, adj. et adv. welches seiner Natur nach, die erste Bedeutung ausgenommen, nicht leicht eine Comparation verstattet.
   1. Bey den Jägern bedeutet es so viel als schlaff. Das Hängeseil wird daselbst ledig, wenn es schlaff wird, zu lang

[Bd. 2, Sp. 1966]


herunter hänget. In dieser Bedeutung scheinet es zu los zu gehören, indem das s und d oder t in den Mundarten häufig in einander übergehen. S. auch Liederlich und Schlottern, welches letztere vorn nur den groben Zischlaut und hinten das ern, das Zeichen der Frequentativen, angenommen hat.
   2. Leeren, unausgefüllten Raum habend. 1) Eigentlich. (a) Von Gefäßen oder hohlen Räumen; wo es doch nur noch in einigen Fällen, besonders des gemeinen Lebens üblich ist, dagegen man in der anständigern Sprechart lieber leer gebraucht. Das Haus steht schon lange ledig, besser leer. Es ist nur noch ein Zimmer im Hause ledig. Ledige Krüge, Richt. 7, 16. Das Glas ist ledig, besser leer. (b) Noch häufiger, unbesetzt, mit keinen andern Körpern besetzt, belegt oder beladen; obgleich auch in diesem Verstande in der edlen Schreibart leer fast üblicher ist. Der Wagen gehet ledig (unbeladen) wieder zurück. Ein lediger Wagen. Ein lediges Schiff. Einen Wagen ledig machen. Das Pferd geht ledig, wenn es nicht beladen ist, oder keinen Reiter auf sich hat. Ein lediger Tisch, der mit nichts besetzt ist. Der Stuhl steht ledig, wenn niemand darauf sitzt. Daher im figürlichen Verstande, der päpstliche Stuhl, der Thron steht ledig, siehe Erledigen. Im Feldbaue Meißens ist die Ledige ein unbebauetes Stück Ackers. Viele Ledigen geben bey Bauergütern eine schlechte Aussicht. In andern Gegenden werden sie die Lehden genannt, S. dieses Wort. 2) Figürlich. (a) Unvermischt; doch nur im Bergbaue, wo ein lediger Stein, ein fast reiner Erzstein ist, so wie er in den Seifen gefunden wird. (b) Des Besitzers, des Eigenthümers, des Oberherren beraubt. Ein Amt, eine Bedienung steht ledig, wenn sie mit niemanden besetzt sind. Das Lehen wird ledig, wenn der Besitzer stirbt, oder dessen auf andere Art verlustig wird, welches man auch mit offen werden ausdruckt. (c) Unverheirathet; eine mit der vorigen genau verwandte Bedeutung. Eine ledige Manns- oder Weibesperson. Der ledige Stand. Er, sie ist noch ledig. Im Schwabenspiegel kommt in dieser Bedeutung ledeclich als ein Nebenwort vor. (d) Müßig; eine doch nur im Niedersächsischen übliche Bedeutung, wo ledig gehen müßig gehen, der Lediggang der Müßiggang, und der Lediggänger der Müßiggänger ist. (e) Von Banden, von der Gefangenschaft frey; eine noch in den Rechten übliche Bedeutung, welche mehrmahls auch in der Deutschen Bibel vorkommt. Einen Verhafteten ledig lassen, ihn los lassen. S. Erledigen. (f) Frey von Schuld und Strafe; auch nur in den Rechten und in der Deutschen Bibel. Jemanden ledig sprechen, ihn frey sprechen. Sich von der Missethat ledig sprechen, Dan. 4, 24. Siehe Entledigen. (g) Ledig ausgehen, nichts bekommen; wofür doch im Hochdeutschen leer ausgehen üblicher ist.
   Diese letzte ist zugleich die einzige figürliche Bedeutung, in welcher sich ledig durch leer ersetzen lässet. S. auch das letztere.
   Anm. Bey dem Notker im figürlichen Verstande für frey, leidig, der es zugleich mit der zweyten Endung verbindet, leidig iro sunndon, frey von ihren Sünden; in dem alten Gedichte auf den heil. Anno für leer, ledig, im Nieders. leddig, und mit der dieser Mundart sehr gewöhnlichen Ausstoßung des d und dd, leeg, lieg, welche auch im Holländischen üblich sind, im Schwed. ledig. Die Endsylbe ig bedeutet in den meisten und gewöhnlichsten Fällen so viel als habend; das Stammwort ist also Led, Läd oder Lad. Wer siehet nicht, daß dieses unser heutiges Lade ist, so fern solches überhaupt einen hohlen Raum bedeutet? Ledig bedeutet also einen hohlen, und in engerer Bedeutung einen unausgefüllten hohlen, und in weiterm Verstande, einen unbesetzten Raum habend; welche Ableitung weit wahrscheinlicher

[Bd. 2, Sp. 1967]


ist, als Wachters von laten, lassen, und Frischens von laden, onerare, nach welcher letztern es gerade das Gegentheil von dem bedeuten müßte, was es wirklich bedeutet. Ihre bemerket, daß die ältern Schweden statt dieses Wortes lös, los, gebraucht haben, und es kann seyn, daß dieses auch in einigen figürlichen Bedeutungen zum Grunde liegt, welche alsdann Figuren von ledig, so fern es in der ersten Bedeutung schlaff bedeutet, seyn würden.
 
Artikelverweis 
Lêdigen, verb. reg. act. ledig, und in figürlichem Verstande, frey, los machen; wo es doch nur noch in den Zusammensetzungen erledigen und entledigen üblich ist. Im Schwabensp. bedeutet ledigen lösen, los kaufen.
 
Artikelverweis 
Die Lêdigkeit, plur. inus. der Zustand, da ein Ding ledig ist. Am häufigsten im figürlichen Verstande, die Ledigkeit des Standes, der unverehlichte Zustand.
 
Artikelverweis 
Lêdiglich, adv. welches nur noch im gemeinen Leben, für gänzlich, völlig, gebraucht wird. Ich verlasse mich lediglich auf dich, ganz und allein. Bey den ältern Oberdeutschen Schriftstellern kommt es auch als ein Beywort für frey, ungebunden, vor.
   Ich han vil ledekliche braht
   In ir genade minen lib,
   Reinmar der Alte.
 
Artikelverweis 
Das Lēebōrt, des -es, plur. die -e, in der Seefahrt, das linke Bort des Schiffes, die Schiffsseite unter dem Winde, welche auch das Bakbort genannt wird; zum Unterschiede von dem Steuerborte oder Stryborte. Im Engl. Larboard, von dem veralteten lee, bey den Schwäbischen Dichtern lere, lare, link, welches mit dem Lat. laevus überein kommt. Andere leiten es von dem noch im Nieders. üblichen lee, (zweysylbig,) vor dem Winde und Wellen sicher, Schwed. lä, und das Lee, ein vor dem Winde und Wellen sicherer Ort, Angelsächsisch Hleow, Hleowth her. Im Engl. ist, wie in dem Bremisch-Nieders. Wörterbuche bemerket wird, Lea, Lega, ein umzäuntes Land, ein Ort, Franz. Lieu. S. auch Lege, niedrig, und Legen.
 
Artikelverweis 
Das Leech, im Hüttenbaue, S. Adelung Leg.
 
Artikelverweis 
Die Leéde, S. Adelung Lehde.
 
Artikelverweis 
Leeg, niedrig, S. Lege.
 
Artikelverweis 
Die Leene, ein wildes Schwein weiblichen Geschlechtes, siehe 2. Lehne.
 
Artikelverweis 
Leer, -er, -ste, adj. et adv. unausgefüllt, unbesetzt. 1. Eigentlich. 1) Im eigentlichsten Verstande vielleicht, von hohlen Räumen und allen Gefäßen. Ein leerer Krug, ein leeres Faß, ein leerer Beutel. Das Glas ist leer. Eine leere Nuß, welche keinen Kern hat. Die Stadt wird von Menschen leer. Das ganze Haus stehet leer, unbewohnt. Eine Stube leer machen, die Dinge, welche sie anfüllen, ausräumen. Leeres Stroh dreschen, welches keine Körner enthält; ingleichen figürlich, eine vergebliche Arbeit thun. Ein leerer Raum, das Leere, im schärfsten Verstande, in welchem sich gar keine Körper, folglich auch keine Luft oder Lichttheilchen befinden. Leere Taschen haben. Mit leeren Händen kommen, ohne Geld, ohne Geschenke. Auch nur allein leer kommen, leer weggehen, d. i. mit leeren Händen. Leer bey etwas ausgehen, nichts bekommen. Ein leerer Magen, ein hungeriger. Bey einem leeren Magen kann sichs unmöglich lieben, Rab. 2) Von ebnen Flächen, mit keinen andern Dingen besetzt, ledig. Ein leerer Wagen. Der Wagen fähret leer wieder zurück. Die Erde war wüste und leer, 1 Mos. 1, 2. Ein leeres, unbeschriebenes, Papier. Einen leeren Platz lassen. Den Tisch leer machen. Es ist kein Platz mehr leer. Der Stuhl steht leer.

[Bd. 2, Sp. 1968]



   2. Figürlich in einigen besondern Fällen. 1) Von Wissenschaften oder nützlichen Kenntnissen leer. Ein leerer Kopf, auch ein solcher Mensch. Der leerste Kopf in der ganzen Stadt. 2) Leer von nährender Kraft. Krebse sind eine leere Speise. Es schmeckt so leer, so kraftlos. 3) Leer von Wirkung, von Nachdruck. Ein leerer Schall, der keine Bedeutung hat; ingleichen der keine Wirkung hat. Leere Worte, ohne Empfindung, ohne Kraft, ohne Wirkung. Leere Versprechungen. Leere Drohungen. Das Wort soll nicht leer wiederkommen, Es. 55, 11. 4) Leer von Gründlichkeit. Leere Besuche. Eine leere Pracht, ein leeres Gepränge. Der Stolze würde trostlos seyn, wenn die Welt das leere Schattenspiel seines Hochmuthes sähe, Gell. 5) Leer von Empfindungen. Wer ist der, von dem er spricht, daß er meine Liebe hätte? Kann er meinem leeren Herzen so etwas zutrauen? 6) Seines Besitzers beraubt. Es ist keine Stelle in dem Collegio leer. In andern Fällen ist dafür ledig üblich. 7) Leer von Geschäften. Leere Stunden, die uns unser Stand und Beruf frey läßt, Gell. Das Leere der Zeit ausfüllen. 8) Ein leerer Monath, in der Zeitrechnung, ein Mondenmonath, welcher 29 Tage hat.
   Anm. Im Oberd. lär und in einigen Gegenden lar, bey dem Notker lare, im Angels. gelaer, im Griech. λαγαρος.

 

Eingabe
Wörterbuchtext:
Stichwort: