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Lêbếndig bis Lêbensgeister (Bd. 2, Sp. 1954 bis 1957)
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Artikelverweis  Lêbếndig, -er, -ste, adj. et adv. welche beyden Stufen doch nur in der dritten figürlichen Bedeutung üblich sind, Leben habend. 1. Eigentlich, den Grund seiner eigenen Veränderungen enthaltend und beweisend. Lebendige Geschöpfe, welche Leben haben, im Gegensatze der leblosen. Ein lebendiges Thier, im Gegensatze eines todten. Das Kind kam nicht mehr lebendig auf die Welt. Das darf kein lebendiger Mensch wissen, Schleg. ein im gemeinen Leben üblicher Pleonasmus, welcher das kein verstärket. Wieder lebendig werden. Einen Todten wieder lebendig machen. Er ist lebendig todt. 2. Figürlich. 1) Aus einem lebendigen Dinge bestehend, in einem solchen Dinge gegründet. Ich habe davon ein lebendiges Beyspiel an meiner Schwester, Gell. Cajus ist ein lebendiger Beweis, daß die Tugend in dieser Welt nicht

[Bd. 2, Sp. 1956]


alle Mahl glücklich macht. Der lebendige Zehnte, welcher von Thieren gegeben wird; der Blutzehnte. Eine lebendige Wehre, bey den Jägern, wenn anstatt des Zeuges Menschen angestellet werden. Eine lebendige Sprache, welche noch zu unserer Zeit von einer Völkerschaft gesprochen wird, im Gegensatze einer todten oder abgestorbenen. 2) Ein lebendiger Zaun, welcher aus grünem, noch vegetabilisches Leben habenden Holze bestehet, eine Hecke; im Gegensatze eines todten Zaunes. Lebendiges Holz, welches, wenn es abgetrieben worden, wieder von der Wurzel ausschlägt, Laubholz; im Gegensatze des todten Holzes oder Schwarzholzes. Lebendiges Wasser, eine lebendige Quelle, welche beständig fortquillet. Lebendiger Kalk, ungelöschter, im Gegensatze des gelöschten. 3) Einfluß auf den Willen habend; in welcher Bedeutung auch die zweyte und dritte Staffel gebraucht werden. Die lebendige Erkenntniß, im Gegensatze der todten. Ein lebendiges Gefühl alles dessen, was gut, löblich und rechtschaffen ist. 4) Die lebendige Kraft, in der Mechanik, diejenige Kraft, welche wirklich eine Bewegung hervor bringet; im Gegensatze der todten Kräfte, d. i. solcher Kräfte, welche einander im Gleichgewichte erhalten, folglich keine Bewegung hervor bringen.
   Anm. Bey dem Willeram lebenteg, bey dem Stryker lebentik und lentig, bey dem Hornegk lemtig, wo zugleich der Ton auf der ersten Sylbe liegt, auf welche Art auch Opitz unser heutiges lébendig gebraucht. Auch das Nieders. lēvendig hat den Ton auf der ersten Sylbe. Woher es gekommen, daß die Hochdeutschen und fast alle heutige Oberdeutschen den Ton, wider die ganze Analogie der Sprache, von der Stammsylbe weg, auf die zweyte Sylbe gelegt haben, ist schwer anzugeben. Viele gemeine Mundarten sprechen lēbenig, ohne d, dagegen in unserm lebendig das noch im Nieders. übliche Lebend für Leben zum Grunde zu liegen scheinet.
 
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Die Lebếndigkeit, plur. inus. die Eigenschaft eines Dinges, da es lebendig ist, d. i. seine Veränderungen selbst bestimmet; ein Wort, welches wenig gebraucht wird, indem Leben dafür üblicher ist. Am häufigsten kommt es noch in der dritten figürlichen Bedeutung des vorigen Beywortes vor. Die Lebendigkeit der Erkenntniß, die Eigenschaft derselben, vermöge welcher sie auf den Willen wirket.
 
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Das Lêbenlang, besser getheilt, Leben lang, wie Zeit lang, Tage lang, ein nur in der vierten einfachen Endung üblicher Ausdruck, welcher aber jetzt nur noch im gemeinen Leben gebraucht wird, das ganze Leben hindurch. Mit Kummer sollt du dich nähren dein Lebenlang, 1 Mos. 3, 17. All dein Lebenlang, 5 Mos. 4, 9. Gott dienen ohne Furcht unser Lebenlang, Luc. 1, 74. Mein ganzes Lebenlang, Opitz. Die sich ihr Lebenlang um keine Sprachkunst bekümmern, Gottsched. S. Adelung Lebtage.
 
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Die Lbensārt, plur. die -en, die Art und Weise zu leben. 1) In Ansehung des Gebrauches der Nahrung und der Bequemlichkeit; ohne Plural. Eine armselige Lebensart. Seine Lebensart ändern. Eine seltsame, wunderliche Lebensart führen. 2) In Ansehung der sittlichen Handlungen; auch ohne Plural. Eine ausschweifende Lebensart. Seine Lebensart ist nicht die beste. 3) In Ansehung des Erwerbes seines Unterhaltes, die bestimmte Art und Weise, wie man Unterhalt und Bequemlichkeit erwirbt. Eine Lebensart ergreifen. Seine Lebensart ändern. Es gibt mancherley Lebensarten. 4) In Ansehung des Betragens gegen andere im gesellschaftlichen Leben; ohne Plural. Eine gute Lebensart haben. Er versteht Lebensart, er hat Lebensart, sagt man von einem Menschen, welcher zu leben weiß. Sein Geschmack der durch die Künste

[Bd. 2, Sp. 1957]


feiner und sichrer geworden, wird es auch in der Lebensart, Gell. Jetzt sehe ich wohl, daß es ihm an Lebensart fehlt. Ein Fehler gegen die gute Lebensart.
 
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Der Lêbensbalsam, des -es, plur. doch nur von mehrern Arten, die -e, ein künstlicher Balsam, welcher eine schnelle und sehr merkliche Wirkung auf die Nerven oder Lebensgeister hat, und aus wohl riechenden und stärkenden Öhlen verfertiget wird.
 
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Der Lêbensbaum, des -es, plur. die -bäume, ein immer grüner harziger Baum, wovon die eine Art in China die andere aber in Canada und Sibirien einheimisch ist; Thuja L. Das Holz dieses Baumes soll unter allen Holzarten der Fäulniß unter freyem Himmel am längsten widerstehen, daher auch der Baum seinen Deutschen Nahmen erhalten hat. Von andern wird er wilder Öhlbaum und Amerikanischer Cedernbaum genannt.
 
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Die Lêbensbeschreibung, plur. die -en, die Beschreibung des Lebens einer einzelnen Person; die Lebensgeschichte, das Leben.
 
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Der Lêbensfaden, des -s, plur. die -fäden, eine figürliche, nur in der höhern Schreibart übliche Benennung des Lebens in Ansehung seiner Dauer. Die Gewohnheit sich das menschliche Leben als ein Gewebe vorzustellen, dessen Faden der Werkmeister abschneidet, wenn wir sterben, ist sehr alt, und findet sich lange vor der Griechischen und Römischen Mythologie bey den Morgenländern.
 
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Die Lêbensflamme, plur. inus. bey einigen ältern Ärzten, ein Feuer höherer Art, welches sich in dem Herzen des Menschen befinden, und die wirkende Ursache der Verfertigung des Blutes und folglich auch der Lebenskraft seyn soll. Figürlich in der höhern Schreibart auch wohl das Leben, so fern es den Grund der eigenen Veränderungen bezeichnet.
 
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Die Lêbensgefahr, plur. die -en, die Gefahr, nahe Möglichkeit, das Leben zu verlieren. In Lebensgefahr gerathen.
 
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Die Lêbensgeister, sing. inus. eine höchst feine flüssige Materie, welche in dem Gehirn erzeugt wird, und sich vermittelst der Nerven durch den ganzen Leib vertheilet, um ihm Empfindung und Bewegung zu ertheilen; der Nervensaft, so fern derselbe von einigen mit diesen Lebensgeistern für einerley gehalten wird.

 

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